Gab es in der Sowjetunion unter Stalin eine Meinungsfreiheit?

Georges Soria Les RussesDer französische Journalist Georges Soria, der viele Jahre in der Sowjetunion verbracht hat, gab 1949 ein kleines, vielbeachtetes Büchlein heraus (Comment vivent les Russes?), welches 1951 auch in der DDR erschien und viele (aus unserer Sicht auch unendlich naive) Fragen über das Leben in der Sowjetunion geduldig beantwortete. Er schrieb: „Ohne die freie Ausübung von Kritik und Selbstkritik wäre die Sowjetgesellschaft nicht denkbar; statt sich weiterzuentwickeln würde sie zur Stagnation verurteilt sein. Die Sowjetunion hat aber seit ihrer Gründung auf allen Gebieten unaufhörlich den Beweis ihres beständigen Aufschwungs gebracht.“ (Georges Soria: Wie lebt man eigentlich in der Sowjetunion? Paul List Verlag Leipzig, S.248) Georges Soria wurde 1914, kurz nach Ausbruch des ersten Weltkriegs, in Tunis geboren. Nach dem Abschluß des Gymnasiums studierte er Rechtswissenschaft und Philosophie. Das koloniale Elend im französischen „Schutzstaat“ Tunesien veranlaßte ihn schon sehr früh, sich den Unterdrückten in ihrem Freiheitskampf anzuschließen. Sein kleines Büchlein (übrigens mit Zeichnungen von Jean Effel) gibt einen interessanten Einblick in das Leben der Sowjetunion und entlarvt die zu jener Zeit immer aggressiver und gehässiger werdende antisowjetische Propaganda der USA und der anderen Westmächte.

Wird in der Sowjetunion Kritik geübt?

Die Kritik ist in der Sowjetunion nicht nur ein Recht, das Millionen Menschen im sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben des Landes ausüben, sondern eine gebieterische Pflicht, eine moralische Pflicht für jeden Staatsbürger. Unterstützt durch die Selbstkritik, das heißt die Kritik jedes einzelnen an sich selbst und seiner Tätigkeit, hilft sie, die Unzulänglichkeiten, Mängel und unvermeidlichen Fehler in der täglichen Arbeit zu beseitigen. Der Kampf zwischen Altem und Neuem zwischen Überaltertem und Modernem, zwischen dem weniger Guten und dem Guten, zwischen Routine und schöpferischem Schwung besteht natürlich auch in der Sowjetgesellschaft, wo sich jenes Lebensgesetz bewahrheitet, nach dem in jedem lebendigen Organismus – handle es sich nun um Einzelwesen oder die Gesellschaft – „immer irgend etwas abstirbt und immer irgend etwas Neues entsteht“ (Stalin). Da aber die Klassengegensätze in der Sowjetgesellschaft verschwunden sind, drückt sich der Kampf der Gegensätze nicht wie in der kapitalistischen Gesellschaft im Klassenkampf, sondern in Kritik und Selbstkritik aus.

Freie Meinungsäußerung in der Sowjetunion diente dem Fortschritt

Ohne die freie Ausübung von Kritik und Selhstkritik wäre die Sowjetgesellschaft nicht denkbar; statt sich weiter zu entwickeln und sich ständig zu verwandeln, würde sie zur Stagnation verurteilt sein. Die Sowjetunion hat aber seit ihrer Gründung auf allen Gebieten unaufhörlich den Beweis ihres beständigen Aufschwungs gebracht. Stalin geht in seiner „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki)“, nachdem er in allen ihren zwölf Kapiteln auf die Wichtigkeit der freien Kritik und Selbstkritik beim Aufbau der sozialistischen Gesellschaftsordnung eindringlichst hingewiesen hat, zum Abschluß nochmals auf dieses Thema ein (S.437):

„Die Geschichte der Partei lehrt uns weiter, daß die Partei ihre Rolle als Führer der Arbeiterklasse nicht erfüllen kann, wenn sie, von Erfolgen berauscht, überheblich zu werden beginnt, wenn sie aufhört, die Mängel ihrer Arbeit zu bemerken, wenn sie sich fürchtet, ihre Fehler einzugestehen, sich fürchtet, diese rechtzeitig offen und ehrlich zu korrigieren. Die Partei ist unbesiegbar, wenn sie Kritik und Selbstkritik nicht fürchtet, wenn sie die Fehler und Mängel ihrer Arbeit nicht verkleistert, wenn sie an den Fehlern der Parteiarbeit ihre Kader erzieht und schult, wenn sie es versteht, ihre Fehler rechtzeitig zu korrigieren. Die Partei geht zugrunde, wenn sie ihre Fehler verheimlicht, wunde Punkte vertuscht, ihre Unzulänglichkeit bemäntelt, indem sie ein falsches Bild wohlgeordneter Zustände zur Schau stellt, wenn sie keine Kritik und Selbstkritik duldet, sich von dem Gefühl der Selbstzufriedenheit durchdringen läßt, sich der Selbstgefälligkeit hingibt und auf ihren Lorbeeren auszuruhen beginnt.“

Von diesen Grundsätzen, die von der Partei der Bolschewiki zur Richtschnur genommen wurden und werden, wird heute die ganze Aktivität des Landes geleitet. Kritik und Selbstkritik, die es ermöglichen, die Fehler methodisch und systematisch zu erforschen und zu korrigieren, wurden zu neuen Mitteln, mit deren Hilfe die gesamte Bevölkerung vorwärtsschreitet und sich auf ein höheres Niveau der Wirksamkeit erhebt. Kritik und Selbstluitik sind kein moralisches Problem. Gerade durch ihre öffentliche Ausübung werden sie für alle zu einer nützlichen Erfahrung.

Die dummen und verlogenen Berichte der westlichen Massenmedien

Die Gegner des Sozialismus, die öffentlich verkünden, in der Sowjetunion sei die Freiheit der Kritik nicht ge­währJeistet, machen sich kaum ein Bild von ihrem tat­sächlichen Vorhandensein im Sowjetleben. Ihre eigenen Mystifikationen verblendcn sie derart, daß sie nur schwer ihre Verwirrung verbergen können, wenn man ihnen konkrete Beispie1e für die freie Ausübung der  Kritik und Selbstkritik in der Sowjetunion gibt. Da sie nicht wissen, was sie darauf erwidern sollen, lächeln sie höhnisch und wiederholen, was sie in den großen Tageszeitungen darüber an „Informationen“ gelesen haben, nämlich, daß in der Sowjetunion Kritik im politischen Leben, wenn sie überhaupt geübt werde, stets von oben nach unten und nie umgekehrt erfolge.

Darauf kann man leicht mit konkreten Beispielen aus der Sowjetpresse antworten, die sogleich dieses Gerede widerlegen. Ich tue dies jedesmal, wenn Leute, deren Gutgläubigkeit irregeführt wurde, mir diese Frage stellen. Die Sowjetpresse, das Sprachrohr der Volkskritik, enthält darüber eine Reihe von Tatsachen die beweisen, daß die Kritik im politischen, wirtschaftlichen und sozialen Leben sowohl von unten nach oben wie umgekehrt ausgeübt wird, und zwar ohne irgend welche Rücksicht auf die Hierarchie. Es ist in der Tat nicht selten, daß Minister oder sonst Personen auf hochverantwortlichen Posten von der Öffentlichkeit wegen der Art ihrer Verwaltung oder wegen ihrer Einstellung zu dieser oder jener Frage in der Sowjetpresse lebhaft kritisiert werden.

Hier ein Beispiel von vielen anderen aus meinen Notizen über meinen letzten Aufenthalt in der Sowjetunion:

Ein Inspektor des Landwirtschaftsministeriums wird mit einem bestimmten Auftrag nach dem Nordkaukasus geschickt und stellt in diesem Gebiet schwere Organisationsmängel in den Maschinen- und Traktoren-Stationen fest. Er überreicht einen Bericht, in dem er die lokale Verwaltungsbehörde schwer beschuldigt. Diese versucht sich der Verantwortung zu entziehen und die Sache zu vertuschen. Es gelingt ihr, sich die Mithilfe gewisser Dienststellen des Landwirtschaftsministeriums zu sichern. Daraufhin wenden sich die Kolchosen, deren Arbeit gefährdet ist, ihrerseits in dieser Angelegenheit an die Presse. Die Zeitungen greifen die Sache auf und bringen sie der Öffentlichkeit zur Kenntnis. Nachdem das Publikum davon unterrichtet ist, mischt es sich in die Diskussion ein. Es werden Briefe geschrieben, um auf andere Mißstände und Beispiele von Fahrlässigkeit hinzuweisen. Zwei Monate später gibt der Landwirtschaftsminister I.Benediktow, dessen gesamtes Ministerium scharf aufs Korn genommen worden war, zu, daß die ihm übermittelte Kritik berechtigt war und gibt öffentlich die von ihm getroffenen Maßnahmen zur Abstellung der Mißstände bekannt. Es war also hier nicht nur Kritik geübt worden, sondern sie hatte sich auch als konstruktiv herausgestellt.

Der sozialistische Wettbewerb als Motor des Fortschritts

Das ist natürlich nur ein Beispiel. Es ließen sich Tausende anführen. Das Bemerkenswerte ganz allgemein an der Ausübung der Kritik und Selbstkritik in der Sowjetunion ist gerade, daß sie zu neuen Bemühungen Veranlassung gibt. Unterzieht man die Erklärungen der Stachanowarbeiter, die sie gewöhnlich abgeben, wenn sie die Arbeitsnormen eines Wirtschaftszweiges revolutionierten, einer Prüfung, so fällt auf, daß die kritische Einstellung zu ihrer Arbeit sie veranlaßte, nach Mitteln zu suchen, um bessere Arbeit zu leisten und diesen oder jenen Arbeitskameraden, der einen Leistungsrekord aufgestellt hatte, zu übertreffen. Auf diese Weise verbindet sich die Selbstkritik mit dem sozialen Wettbewerb, der auf dem Grundsatz beruht, daß die einen schlecht arbeiten, die andern gut, wieder andere noch besser, und daß jene, die schlecht arbeiten, nach der berühmten Stalinschen Formulierung „die besten wieder einholen und der sozialistische Wettbewerb auf diese Weise zum allgemeinen Fortschritt führt“.

Ein Lebensbedürfnis in der Sowjetunion

Kritik und Selbstkritik durchleuchtet so mit ihren Strahlen alle sowjetischen Lebensäußerungen: die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen. Da dieser Kritik nichts von einer krankhaften Denunziation der Unzulänglichkeiten oder Irrtümer anhaftet, fördert sie den allgemeinen Fortschritt: sie ist in hohem Maße konstruktiv.

Quelle:
Georges Soria: Wie lebt man eigentlich in der Sowjetunion? Paul List Verlag Leipzig, 1951, S.247-252. (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

Siehe auch:
Gab es in der Sowjetunion Prostitution?
Meinungsfreiheit auch für Nazis? – was steckt dahinter?
Wie entstehen Meinungen? Und brauchen wir einen Pluralismus?

Dieser Beitrag wurde unter Demokratie, Geschichte, Geschichte der UdSSR, Sozialistische Wirklichkeit, Was ist Sozialismus? veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Gab es in der Sowjetunion unter Stalin eine Meinungsfreiheit?

  1. Karl schreibt:

    Sehr guter Artikel! In Stalinband 11, steht so einiges darüber.

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