Was nützt mir Philosophie?

PhilosophieEigentlich hat Herbert Steininger diese kleine Büchlein 1984 für die Jugendlichen in der DDR geschrieben. Weil er wußte, daß sich auch im Sozialismus junge Menschen in ihrer Freizeit wohl kaum mit Philosophischen Werken befassen – etwa Hegel oder Kant studieren, oder Marx. Denn das ist eine schwierige Lektüre. Und man hat oft Wichtigeres zu tun, als sich über philosophische Fragen den Kopf zu zerbrechen. Einverstanden! Das ist heute nicht anders. Da stehen bei den meisten vielmehr existentielle Fragen im Vordergrund und bei dem, der einen Job hat, geht es um die Hobbies und um die Freizeitbeschäftigung. Eher notgedrungen beginnt der eine oder andere, sich mit Politik zu beschäftigen. Ist Philosophie tatsächlich eine Nebensache? Wir wollen dieser Frage hier einmal ein wenig auf den Grund gehen…

Was braucht man, um menschenwürdig leben zu können?

Das ist eine alte Frage. Auch heute bewegt sie viele, und in jeder jungen Generation wird sie neu gestellt. Mancher meint, das sei doch kein großes Problem: Ich bin ein praktischer Mensch und brauche nicht viel. Doch ist das wirklich so?

Der Mensch braucht ein Dach über dem Kopf, genügend zu essen, Kleidung, eine gute Arbeit, eine Familie, Freunde. Er braucht um sich herum Verhältnisse, in denen er sich körperlich und geistig entwickeln kann, in denen er sich und seine Angehörigen sicher und geborgen weiß. Und Frieden braucht er, vor allem Frieden.

Das braucht der Mensch für ein menschenwürdiges Leben, und das ist nicht wenig. Aber ist das schon alles? Möchten wir nicht auch gute Bücher lesen, Musik hören, Sport treiben, reisen, unsere Freizeit auf diese oder jene Weise verbringen? Gehören vielfältige kulturelle Ansprüche nicht zu einem ganz normalen Leben? So unterschiedlich kulturelle Ansprüche und Bedürfnisse auch entwickelt sind – stets sind sie da und beeinflussen das, was wir denken und tun.

Welche Entscheidung ist die richtige?

Es ist schon eine ganze Menge, was der Mensch für ein menschenwürdiges Leben braucht – und doch ist das noch längst nicht alles. Warten denn nicht auf jeden Entscheidungen, die er treffen muß? Da ist die Berufswahl; die Weichen fürs Leben stellt und von der, wie jeder weiß, sehr viel abhängt: wie ich meine Kräfte und Fähigkeiten ausbilden, entwickeln und einsetzen kann; was ich einmal leisten werde und welche Anerkennung ich damit finden kann; ob ich einen Beruf wähle, der interessant ist in dem ich mich bewähren kann und Befriedigung finde. Die Berufswahl ist keine leichte Entscheidung. Da will vieles gut bedacht sein. Sicher – die Eltern, die Lehrer, Freunde stehen mir mit Erfahrungen und Ratschlägen zur Seite. Aber die Entscheidung kann mir am Ende niemand abnehmen. Ich muß mich entscheiden. Es geht um meine Zukunft, um mein Leben, um meinen Platz in der Gesellschaft. Um entscheiden zu können, brauche ich einen Standpunkt zu den Fragen, die die Berufswahl aufwirft.

Auf der Suche nach dem richtigen Standpunkt…

Einen Standpunkt brauche ich auch bei anderen Entscheidungen, die das Leben fordert: wenn ich den richtigen Partner suche; wenn hohe Anforderungen an mich gestellt werden…; wenn ich mit Schwierigkeiten fertig werden muß, mit Fehlschlägen und Niederlagen im Leben;. mit Unglücksfällen, mit Krankheit und Tod vertrauter, nahestehender Menschen. Einen Standpunkt brauche ich schließlich auch, wenn ich mich in der Fülle der Informationen zurechtfinden will, die mich täglich erreichen.

Wer hat eigentlich recht und wer nicht?

Wir (im Sozialismus) treten für den Frieden ein, wenden uns gegen die wachsende Kriegsgefahr, die vom Imperialismus ausgeht – aber vom Frieden reden auch die Feinde des Sozialismus. Wir bauen eine Gesellschaft auf, in der die Menschenrechte für alle verwirklicht werden und Menschenwürde kein leeres Wort mehr ist – aber von Menschenrechten und Menschenwürde reden auch die Feinde des Sozialismus. Was ist richtig) Wer hat recht? Auf welche Seite stelle ich mich?

Ohne klaren Standpunkt keine richtige Entscheidung!

Das gilt für die kleinen Entscheidungen des täglichen Lebens wie für die großen, mit denen wir in den Kampf um den Frieden und den gesellschaftlichen Fortschritt eingreifen. Ja, der Mensch braucht neben vielem anderen vor allem den richtigen Standpunkt, die richtige Orientierung für seine Entscheidungen, sein Verhalten. Wie kommt man zu einem richtigen Standpunkt im Leben? Helfen da die Wissenschaften?


Geht es nicht auch ohne Philosophie?

Die Wissenschaften gehören zu unserem Leben. Jeder hat mit ihnen oder mit den Resultaten und Auswirkungen. ihrer Erkenntnisse zu tun. Wären ohne die medizinischen oder die technischen Wissenschaften unsere heutigen Lebensbedingungen zu gewährleisten und weiter zu sichern? Gewiß nicht. Den Nutzen der medizinischen Wissenschaften hat wohl jeder schon an sich selbst kennengelernt und weiß ihn zu schätzen. Auch wer die Mathematik nicht gar so sehr liebt, weiß doch, daß wir sie unbedingt benötigen.

Weil sich in unserer Zeit die Resultate wissenschaftlicher Forschung und ihrer praktischen Anwendung im Leben der Gesellschaft und jedes einzelnen vielfältig auswirken, weiß jeder schon von Kindheit an, daß es notwendig ist sich bestimmte Kenntnisse der Geographie, der Physik, der Chemie, der. Biologie, der Geschichtswissenschaft und anderer Wissenschaften anzueignen und sie zu nutzen.

Gewiß, man kann auch leben, wenn man sich solche Kenntnisse nicht ausreichend aneignet Aber die Nachteile für sich selbst und auch für die Gesellschaft machen sich dann schnell bemerkbar. Das kann sich in der beruflichen Qualifikation auswirken, in den Fertigkeiten des täglichen Lebens, in der Familie und damit im ganzen künftigen Leben. Der Nutzen wissenschaftlicher Kenntnisse auch für den einzelnen liegt auf der Hand. Wer nachdenkt und ehrlich zu sich selbst ist, wird das nicht bestreiten.

Aber wie ist das mit der Philosophie? Kann man da auch so ohne weiteres sagen, daß sie zu unserem Leben gehört? Brauchen wir philosophische Kenntnisse, auch wenn wir in unserem künftigen Beruf gar nichts mit Philosophie zu tun haben? Können wir solche Kenntnisse ebenso nutzen, wie wir mathematische oder physikalische Kenntnisse nutzen, ohne von Beruf Mathematiker oder Physiker zu sein?

Welchen Nutzen hat eigentlich die Philosophie?

Ist die Philosophie nicht im Unterschied zur Mathematik oder zur Physik ein ganz spezielles Wissenschaftsgebiet, das nur einem kleinen Kreis von Fachleuten verständlich ist und daher auch nur für sie Bedeutung hat? Und außerdem, streiten sich diese Fachleute nicht seit Menschengedenken – wie man so sagt – über Gott und die Welt ohne daß der »Nichtfachmann« zu sehen vermag, welchen Nutzen das für ihn oder für andere hat?

Nicht immer kann man gleich erkennen, ob Philosophie hier wirklich gebraucht wird. Und noch etwas kommt hinzu. Wenn über philosophische Probleme gesprochen wird, dann geht es doch zumeist um wichtige Fragen der Gesellschaftsentwicklung: Ob es in der Geschichte der Menschheit Gesetzmäßigkeiten gibt und wie diese wirken, welche Rolle der Klassenkampf spielt und wie Revolutionen entstehen usw.

Was aber haben solche Probleme mit dem ganz persönlichen Leben zu tun? Dahin führt kaum eine Diskussion. Also, wenn es um Philosophie geht betrifft das am Ende doch nur die großen Fragen des, gesellschaftlichen Lebens. Natürlich muß auch diese Seite unseres Lebens bewältigt werden, wird mancher denken, aber das sollen erfahrene Fachleute machen, ich will ja nicht »so hoch« hinaus, sondern zunächst mein eigenes Leben gestalten.


Die Klassenfrage

In der alten Sklavenhaltergesellschaft galten nur die Angehörigen der herrschenden Klasse – die Sklavenhalter, als Menschen. Die Sklaven wurden als werkzeuggebrauchende Tiere angesehen und entsprechend behandelt. Der Praxis des gesellschaftlichen Lebens dieser Ordnung entsprachen auch die philosophischen Ideen vom Menschen: Sie rechtfertigten den scharfen und unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Sklavenhaltern als Menschen und den Sklaven als Nicht-Menschen.

Ein neues Menschenbild

Als die aufstrebende Bourgeoisie gegen die überlebte feudale Gesellschaftsordnung kämpfte, um dem Neuen in der Produktion, neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und neuen gesellschaftlichen Verhältnissen gegen alte Zustände und Lehren Geltung zu verschaffen, da entwickelten die Philosophen der jungen Bourgeoisie auch ein neues Bild vom Menschen: Sie erstrebten einen Menschen, der sich von den ökonomischen und geisti gen Fesseln des Feudalismus befreit und sein Leben wie das der ganzen Gesellschaft auf Vernunft gründet Das war das Anliegen der Philosophen Kant, Hegel, Fichte, Feuerbach. Lessings Nathan der Weise ist ein Beispiel dafür. Die neue Gesellschaft sollte wahrhaft menschlich sein – sie sollte den Prinzipien der Vernunft und der Natur des Menschen entsprechen. Das waren progressive philosophische Ideen, die auf den gesellschaftlichen Fortschritt in jener Zeit großen Einfluß hatten, auch wenn sich nur wenige dieser Ideen unter kapitalistischen Verhältnissen verwirklichen ließen.

Zwei Klassen: Bourgeoisie und Proletariat

Im Menschenbild der aufstrebenden Bourgeoisie wurde jedoch eine wichtige Seite des Lebens nicht erfaßt und philosophisch verarbeitet: die Arbeiterklasse als selbständige soziale Kraft. Die Angehörigen dieser Klasse lebten ein anderes Leben als die Angehörigen der Bourgeoisie. Es entstanden andere Probleme – die des arbeitenden Menschen, des Proletariers. Und ebendiese fanden erst im Menschenbild der marxistisch-leninistischen Philosophie ihren Ausdruck.

… und zweierlei Lebensweisen

Was zeigt sich in diesen unterschiedlichen, sich verändernden philosophischen Auffassungen vom Menschen? Hinter diesen Auffassungen äußern sich die unterschiedlichen, sich verändernden praktischen und theoretischen Interessen gesellschaftlicher Klassen. Solange verschiedene Formen der antagonistischen Klassengesellschaft existieren, herrschen dort – wie wir es heute noch in den kapitalistischen Ländern erleben – philosophische Auffassungen vom Menschen vor: in denen in unterschiedlicher Weise ein und derselbe Gedanke immer neu »begründet« wird: Die Welt ist so eingerichtet. daß die einen herrschen und die anderen dienen, daß die.einen die »Arbeitgeber« sind und die anderen die »Arbeitnehmer«, daß die einen die Produktionsmittel und alle Reichtümer dieser Erde besitzen und die anderen arbeiten müssen, um zu leben.

Infolgedessen kann es nach diesen Auffassungen auch keine gleichen Bildungschancen, keine gleichen Möglichkeiten der Persönlichkeitsentwicklung für alle geben, sind die einen »Masse« und die anderen »Elite«, gibt es eine »verlorene Generation«, vom Leben Ausgestoßene usw.

Ganz anders die philosophischen Auffassungen des Marxismus-Leninismus. Wir gehen davon aus, daß es keine naturgegebene oder gottgewollte gesellschaftliche Ordnung gibt, die auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln mit allen seinen negativen Folgen auch für die Persönlichkeitsentwicklung. beruht (man braucht nur daran zu denken, daß es noch heute in den kapitalistischen und den vom Kapitalismus unterdrückten und ausgebeuteten Ländern viele Millionen Analphabeten gibt!).


Worin besteht der Klassenstandpukt der Arbeiterklasse?

Karl Marx begründete die große humanistische Idee, »daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei« und daß wahre Menschlichkeit es erfordere, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«. [1]

In dieser Idee kommt auf philosophische Weise der Klassenstandpunkt der Arbeiterklasse zum Ausdruck: Es gibt keine ewige, keine gottgewollte kapitalistische Gesellschaftsordnung mit ihrer Erniedrigung von Millionen Menschen, mit ihrem millionenfachen Leid, das sie durch Hunger, Armut Analphabetentum, Arbeitslosigkeit. Krisen und Krieg immer wieder neu gebiert.

Was kann und muß die Arbeiterklasse tun?

Die Arbeiterklasse kann und muß sich von dieser Gesellschaftsordnung befreien. Sie kann sich aber nur selbst befreien, indem sie die Bedingungen jeglicher Ausbeutung und der Existenz von sozialen Klassen überhaupt aufhebt. Das heißt: Das Interesse der Arbeiterklasse an Freiheit von Ausbeutung und kapitalistischer Unterdrückung stimmt objektiv mit dem Interesse jedes einzelnen arbeitenden Menschen überein, die günstigsten Bedingungen für seine Persönlichkeitsentwicklung zu finden. Mit der sozialistischen Revolution, mit dem Aufbau des Sozialismus und später des Kommunismus schafft die Arbeiterklasse gemeinsam mit ihren Verbündeten jene gesellschaftlichen Bedingungen, die, wie Marx einmal schrieb, »mit dem größten Aufschwung der Produktivkräfte. der gesellschaftlichen Arbeit die allseitigste Entwicklung des Menschen sicherte«.[2]

Die philosophische Anschauungen widerspiegeln die Interessen der jeweiligen Klasse

Auch andere philosophische Fragen, die wir untersuchen könnten, würden uns zu dem gleichen Ergebnis führen: In diesen Fragen äußern sich in philosophischer Form letzten Endes immer die praktischen und theoretischen Interessen gesellschaftlicher Klassen, die große Bedeutung für das Leben des einzelnen haben. In der Art und Weise, wie grundlegende philosophische Fragen dieser Art beantwortet werden, kommt immer die Klassenposition. der Klassenstandpunkt eines Philosophen oder einer philosophischen Denkrichtung zur Geltung.

Es gibt keine Philosophie. die über den Klassen steht unparteiisch ist auch, wenn viele bürgerliche Philosophen das behaupten. Mit ihren spezifischen Mitteln bringt die Philosophie.für den einzelnen und für ganze Klassen zum Bewußtsein, von welchen Ideen man sich im Leben leiten lassen, wonach‘ man streben soll. Damit hilft die Philosophie auf ihre Weise, Klasseninteressen zunächst im Denken bewußt zu machen und über das Denken dann auch praktisch durchzusetzen.

Wofür entscheiden? so lautete die Frage.

Überschauen wir Geschichte und Gegenwart der Menschheit dann stellen wir nicht nur schlechthin fest daß es soziale Klassen gab und gibt. Klassen verfolgen immer bestimmte gesellschaftliche Ziele: Sie sind als Ausbeuterklassen daran interessiert, bestehende gesellschaftliche Verhältnisse zu erhalten, auch dann, wenn sich diese Verhältnisse längst überlebt haben; oder sie sind als fortschrittliche Klassen daran interessiert, bestehende gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern, Heute sind wir Zeugen der Kämpfe, die daraus resultieren, daß die alte kapitalistische Klasse die überlebten kapitalistischen Verhältnisse am Leben erhalten will, während die Arbeiterklasse gemeinsam mit anderen progressiven Kräften den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen zum Leben verhilft. Die Philosophie jeder dieser Klassen widerspiegelt diese Kämpfe weltanschaulich und dient ihnen.

Quelle:
Herbert Steiniger, Was nützt mir Philosophie? Dietz Verlag Berlin, 1984, S.8-37. (gekürzt und leicht bearbeitet, N.G.)

Zitate:
[1] Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. In: Marx/Engels: Werke (im folgenden MEW). Bd. 1. S.385.
[2] Karl Marx: [Brief an die Redaktion der. »Otetschestwennvje Sapiski«). In: MEW. Bd. 19, S.111.

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