Erhardt Gißke: BAUEN, mein Leben – sozialistisches Bauwesen in der DDR

GißkeWie muß einem Baumeister wohl zumute sein, wenn vor seinen Augen die bedeutendsten, unter seiner Leitung errichteten Bauwerke bewußt und vorsätzlich zertrümmert werden? Und hier ging es nicht einmal um einen Krieg oder um eine Naturkatastrophe. Dennoch – eine Katastrophe war es auch so. Hier ging es um banales westdeutsches Vandalentum, um die möglichst restlose Beseitigung des Sozialismus.  Die Konterrevolution 1989/90 war für viele DDR-Bürger die größte Katastrophe ihres Lebens. Professor Ehrhardt Gißke war Bauingenieur – ein Leben lang. Und erschuf einige der bedeutendsten Bauwerke der DDR. Ihm und den Bauleuten unseres zerstörten Landes müßte man ein Denkmal setzen…

Direkt und unverblümt sagte er seine Meinung, stritt, lenkte ein, überzeugte, prüfte, dachte nach – doch stets war er sich dessen bewußt, daß seine Arbeit dem Sozialismus dient, den er selbst mit aufzubauen begonnen hatte nach 1945, und den er verteidigte. Gegen die Nörgler, die Unzufriedenen, die Besserwisser. Professor Gißke war Kommunist.  Ein Mensch mit klaren Zielen und einem klaren Verstand, und – wie jeder andere auch – mit Fehlern und Schwächen. Doch immer aber mit Begeisterung und Engagement schuf er in all den Jahren das sichtbare Antlitz einer besseren Welt.  In seiner Autobiografie schrieb Professor Gißke:

Es fällt mir schwer, die inhaltlichen Aspekte meines Leitungsstils in allgemeingültigen Thesen zu formulieren. Ich kann nur eigene Erfahrungen mitteilen, darüber schreiben, wo ich erfolgreich war, Stagnationen durchmachen oder Niederlagen erleiden mußte.
Oft sprechen wir den Satz aus, daß im Mittelpunkt unserer Tätigkeit der Mensch steht. Dieser Satz ist Programm und Verpflichtung zugleich, und wer ihn nicht in seiner täglichen Arbeit beherzigt, produziert Konflikte, die zu Unverträglichkeiten zwischen dem Kollektiv und dem Leiter führen. Es geht mitunter nicht ohne Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten, aber sie müssen ausgetragen und dürfen nicht unterdrückt werden.

Eine ehrliche und offene Arbeitsweise

Ich war in meiner Tätigkeit manchmal unbeherrscht, bin laut geworden, habe Diskussionen abgebrochen und ließ andere Meinungen nicht gelten. Aber Zeit habe ich damit nicht gewonnen und das Herz und den Verstand des Betreffenden auch nicht. Recht rasch fand ich eine Gelegenheit, mich zu entschuldigen, und ich habe auch keine Bedrückung empfunden, das öffentlich zu tun. Ein Generaldirektor muß das Gespräch pflegen, die Probleme austragen, die Meinungsverschiedenheit nicht unter den Teppich kehren.

Keine Zeit für Intrigen

Wo gearbeitet wird, muß Zeit für einen Gedankenaustausch bleiben. Intrigen, Schadenfreude, Cliquenbildung und Mißgunst führen zu Stagnation und Mißerfolg. Dem kann ich begegnen, indem ich mich täglich in meinem Betrieb so bewege, daß jeder Mitarbeiter spürt, wie ernst es mir mit diesem Satz ist, daß der Mensch im Mittelpunkt steht. Intrigen zu spinnen, doppelbödig zu argumentieren, bei Müller so und bei Meyer so zu reden ist anstrengend. Man benötigt zusätzlich Gedächtniskapazität, um in seiner Argumentation widerspruchsfrei zu bleiben. Da ich außer zur Erledigung meiner Arbeit keine zusätzliche Gedächtniskapazität verfügbar habe, ist dieses Thema für mich erledigt.

Foyer PdR

Im Foyer des Palastes der Republik (Berlin, Hauptstadt der DDR)

Ich benötige die Offenheit, weil ich für eine andere Verhaltensweise weder Kraft noch Zeit habe. Ich benötige Offenheit, um mich davor zu bewahren, in eine autoritäre Führungsrolle zu gleiten, der das Buckeln angenehmer ist als die produktive Arbeit und das Miteinandersprechen. Leute, die zur Bewunderung lauthals bereit sind, sind mir ohnehin unheimlich. Ich glaube, daß sie damit ihre Denkfaulheit, Talentlosigkeit und die ungenügenden Resultate ihrer Arbeit übertünchen wollen.

Wie erreicht man eine hohe Produktivität?

Ein Leiter bedarf einer Autorität, die den Mitarbeitern ein Gefühl der Sicherheit vermittelt und, wenn diese Sicherheit über längere Zeit an­ hält, dann auch in ein Gefühl des Stolzes übergeht. Stolz ist Produktivität! Und es ist eine politische und moralische Leistung von großer Trag­weite, durch eigene Führungskunst solch ein Gefühl des Stolzes bei seinen Mitarbeitern zu erzeugen und mit seiner Person auf angenehme, produktivitätsförderliche, dem Menschen guttuende und sie anregende Arbeitsbedingungen Einfluß zu nehmen.

Welche Eigenschaften braucht ein sozialistischer Leiter?

Aus meiner Sicht sind es vier Eigenschaften, die diesen Einfluß sichern: Das ist

  1. die Übereinstimmung von Gesagtem und Geleistetem, das umfassende Wahrnehmen der Pflichten und Rechte, wie sie im Statut meiner Partei festgelegt sind. Parteilich muß ich sein, ein aufrech­ter Streiter für unsere gemeinsame sozialistische Sache, unduldsam gegen Schönfärberei, Halbheiten und Nachlässigkeiten. Bescheiden­ heit ist gefragt, eine einfache Lebensweise und die Homogenität von politischer und fachlicher Entscheidung;
  2. das konkrete Wissen um die Details. Ich habe zu wissen, wie ich was organisiere. Meine Aktionen müssen auf gesun­dem Menschenverstand basieren und von der Mehrzahl meiner Mitar­beiter begriffen werden. Führung ohne konkretes Wissen gibt es nicht. Die Führungsspitze muß fachlich kompetent, organisatorisch begabt und ökonomisch zuverlässig sein, um den ihr übertragenen Auftrag zu erfüllen. Wenn das so ist, dann darf ich mir allgemeines Gerede über Schaumbeton, Negativfertigung, Galvaniktechnologien, verbindliche Preisangebote und Bauleitplanung nicht leisten. Ich muß so Bescheid wissen, daß ich alle Vorschläge, Überlegungen und Ideen auf dem Weg zum fertigen Produkt fachlich erfasse und den Einsatz von Material und die Anstrengungen in einer Weise in Einklang bringe, daß keiner über­arbeitet oder beschäftigungslos ist;
  3. die Fähigkeit, die Probleme in überschaubare Aufgaben zu zerlegen und komplizierte Prozesse in einfache Arbeitsfolgen aufzulösen. Ich brauche Vorstellungsvermögen, wie das Resultat einer Aktion auszusehen hat, und Ideen, wie das Endergebnis erreicht wird. Beides, Vorstellungsvermögen und Ideen, muß ich einsetzen, um auf den Baustellen und in den Planungsbereichen ein Gefühl für Stetigkeit und Kontinuität zu erzeugen und den sparsamen Umgang mit Zeit, Material und Anstrengungen sichtbar zu machen;
  4. die Disziplin. Ohne diszipliniertes Arbeiten gibt es keine Resultate, verdorren Ideen, werden keine Termine gehalten. Disziplin bedeutet, nicht nur die Dinge zu tun, die Spaß machen, die einem liegen, für die man sich interessiert, sondern auch die unangenehmen Dinge zu tun, zu denen »man sich disziplinieren« muß. Parteilichkeit, Wissen, Fähigkeit und Disziplin sind die Voraussetzungen, um erfolgreich tätig zu sein.

Arbeitsweisen in einem sozialistischen Kollektiv

Der wichtigste Inhalt meines Leitungsstils ist die Arbeit mit den Menschen. Dazu zähle ich die Baustellenbegehungen und Rapporte. Ich gebe zu, daß ich an den Geschichten, die man sich über meine Baustellenbegehungen und Rapporte erzählt, meine Freude habe. Ich habe aus der Art, wie ich sie organisierte, nie formuliert, etwa wie lange das alles dauern darf, wer und wieviel Kollegen daran teilnehmen müssen. Aber eine Erfahrung habe ich gewonnen: daß nichts rationeller, effektiver und informierender ist als eine Baustellenbegehung, daß der Kontakt nie so intensiv und direkt ist wie am Arbeitsplatz, wo Offenheit und vertrauliche Atmosphäre ideal sind, um Probleme zu lösen.

Grand-Hotel

Grand-Hotel Berlin (Hauptstadt der DDR)

Manche finden es übertrieben, daß ich jeden auf der Baustelle mit Handschlag begrüße. Es bleibt ja nicht beim Handschlag, sondern es kommt zu einem Gespräch. Und dann passiert es eben, daß ich im Verlauf eines Baustellenrundganges höre, die Arbeitsschutzbekleidung reiche nicht aus oder das Anstehen beim Mittagessen dauere zu lange, die Heizung in den Unterkünften funktioniere nicht oder Ersatzteile seien nicht verfügbar oder die Materialzufuhr klappe nicht oder Überstunden wären nicht richtig abgesprochen oder … !

Nichts darf ich vergessen, und alles muß bis zum nächsten Rapport erledigt sein, durch mich oder durch den verantwortlichen Leiter. Darauf kommt es an: Erledigt muß es sein, sonst kommt der Handschlag der Effekthascherei näher als einer vertrauensvollen Bekundung meiner Sympathie für die schwere Arbeit dieser Männer. …

Sorge um den Menschen – wesentliches Merkmal des Sozialismus

Beim Bauen im Zentrum unserer Hauptstadt ist die Unterbringung und Versorgung unserer Bauarbeiter ein besonderes Problem. Wo heute noch Raumzellen und Baracken stehen, heben morgen die Bagger die Baugruben aus. Bildlich gesprochen: Wir graben uns also das Wasser selbst ab. Das Flächenangebot für Baustelleneinrichtungen nimmt von Quartal zu Quartal, von Monat zu Monat ab. Die bisherigen Überlegungen, die Tagesunterkünfte in einer Ebene zu lagern, waren so nicht mehr durchführbar. Wir mußten Wege gehen, die nicht neu waren: die Nutzung freigewordener Altbauten als Baustellenunterkünfte und die vorgezogene Errichtung von mehrgeschossigen Gebäuden sowie deren spätere Nutzung als Funktionsgebäude, als Touristenhotels oder Internate. In diesen »gestapelten« Tagesunterkünften an der Friedrichstraße sind dreitausenddreihundert Arbeiter untergebracht, vollziehen sich auf engstem Raum Bewegungsabläufe, ist ständiger Betrieb.

Ordnung und Sauberkeit auf der Baustelle

Dabei zeigt sich ein Problem: Es ist unvorstellbar, wie diese Tagesunterkünfte teilweise runtergewirtschaftet sind und in welchem Zustand sie sich befinden. Ich drücke mich nicht vor Auseinandersetzungen, um Einfluß auf Sauberkeit und Ordnung in den Tagesunterkünften zu nehmen. Ich sage bei meinen Gesprächen, daß Sauberkeit eine politische Grundhaltung zum Ausdruck bringt und ich es nicht einsehe, warum die Unterkünfte japanischer oder schwedischer Bauarbeiter sich in einem anständigeren Zustand befinden sollten als die unserer Bauleute.

Als Lehrling mußte ich die Baubude aufräumen, sauberhalten und Frühstück holen. Das gibt es heute nicht mehr. Also muß ein Regime gefunden werden, das die Sauberkeit als Bestandteil einer hohen Produktionskultur genauso ernst nimmt, wie unfallfreies Arbeiten. Es kommt eben nicht von ungefähr, daß bei Genossen Max Oeser – Zimmererbrigadier der Stalinallee und des Alexanderplatzes – nicht nur genau, pünktlich und zuverlässig gearbeitet wurde, sondern seine Zimmererwerkstatt und die Aufenthaltsräume seiner Brigade durch ihre Sauberkeit bestachen. Max Oeser hält’s da mit dem Sprichwort: »Wie der Herr, so’s Gescherr.« Angesichts einer verdreckten, unansehnlichen und unaufgeräumten Bauarbeiterunterkunft habe ich Zweifel an der Führungsqualität eines Brigadiers. …

Quelle: Erhardt Gißke – Bauen, mein Leben. Dietz Verlag Berlin, 1987, S.70-75.


Berlin Zentrum

Erhardt GißkeAus seiner Biografie: Professor Dr.-Ing. Ehrhardt Gißke wurde am 2. März 1924 in Schönstedt, Kreis Langensalza, geboren. Er besuchte die Volksschule und studierte nach Erlernen des Maurerhandwerks an der Staatsbauschule Gotha von 1941 bis 1943 Architektur. Von 1947 bis 1949 war er Leiter des volkseigenen Architekturbüros in Bad Langensalza. 1950 übernahm er die projektierung für den Wiederaufbau des durch eine Naturkatastrophe zerstörten Bruchstedt. Der Ort wurde in 50 Tagen wieder aufgebaut. Danach war er für die Projektierung und Bauleitung von Sportstätten in Oberhof verantwortlich. 1952 kam Ehrhardt Gißke nach Berlin zum Nationalen Aufbauwerk, leitete die Organisation der Trümmerbahn, anschließend übernahm er die Leitung des Baustabes für den Aufbau der Stalinallee. Von 1955 bis 1958 war er Stellvertreter des Chefarchitekten von Berlin, Professor Henselmann. 1958 wurde Ehrhardt Gißke zum Stadtbaudirektor von Berlin berufen, diese Tätigkeit führte er bis 1963 aus. Von 1964 bis 1973 leitete er, zunächst als Stellvertreter und später als Direktor, das Institut für Industriebau der Bauakademie der DDR, wo er 1969 promovierte. 1973 erfolgte die Berufung zum Professor. Von 1973 an war Ehrhardt Gißke Generaldirektor der Baudirektion der DDR-Hauptstadt Berlin. In dieser Zeit entstanden unter seiner Regie wichtige Bauten – so der Palast der Republik, der Friedrichstadtpalast, das Nikolaiviertel, das Grand-Hotel und nicht zuletzt zahlreiche Wohngebäude –, die das Ansehen unserer Hauptstadt prägten. Er wurde für seine Leistungen mit dem »Karl-Marx-Orden«, dreimal mit dem »Nationalpreis« und mit dem Ehrentitel »Verdienter Bauarbeiter der DDR« ausgezeichnet. Er starb am 19. Juli 1993 in Berlin.

 

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