Gemeinschaft und Kollektiv im Sozialismus

KollektivIn der bürgerlichen Welt gibt es immer wieder völliges Unverständnis darüber, wieso sich die Menschen in der DDR in einem Kollektiv so wohlfühlen konnten, wieso es Hausgemeinschaften gab, in denen die Nachbarn sich gegenseitig uneigennützig halfen und wieso sich die Arbeiter oft ein Leben lang mit ihrem Betrieb, ihrem Wohnort, ihrem Kollektiv eng verbunden fühlen konnten. Die sozialistischen Produktionsverhältnisse, unter denen es kein Privateigentum an Produktionsmitteln und keine Ausbeutung mehr gab, ermöglichten völlig neuartige Gemeinschaftsbeziehungen der kameradschaftlichen Hilfe und gegenseitigen Unterstützung…

 Der DDR-Jurist Prof. Dr. jur. John Luksches berichtet von einer Begebenheit, die sehr eindrucksvoll diese neuen zwischenmenschlichen Beziehungen charakterisiert:

 Im Sommer des Jahres 1968 hatte ich Gelegenheit, an der Jubiläumsfeier einer schwedischen Universität teilzunehmen. Es versammelten sich dort Repräsentanten von Universitäten und Hochschulen aus aller Welt. In Gesprächen wurde an die Vertreter der DDR von Universitätsrepräsentanten kapitalistischer Staaten die Frage gerichtet: »Was machen Ihre Studenten? Demonstrieren sie auch gegen die Universitätsordnung? Randalieren sie nicht?« Auf die verneinende Antwort gab es mehr oder minder unverhohlenes Erstaunen oder Unglauben. Man mußte schon viel Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht mit Grobheiten auf die fast stereotype Frage zu antworten, ob dies nicht vielleicht daran liegen könne, daß an den Universitäten der DDR ein »autoritäres« Regime herrsche und die Studenten daher notgedrungen »brav« sein müßten.

Gewisse Kreise Westdeutschlands sind seit einiger Zeit dazu übergegangen, allen studentischen Unwillen über die Zustände an den Universitäten und Hochschulen auf die angeblich herrschende »Demokratie« zu schieben. Das Fehlen einer derartigen Rebellion gegen die herrschenden Universitätsverhältnisse können sich gewisse bürgerliche Hochschullehrer, die nicht gewohnt sind, das Leben und die Gesetze des Lebens der Gesellschaft zu analysieren, nicht etwa damit erklären, daß es ein Gesellschaftssystem geben könnte, mit denen sich jeder einigermaßen normale Mensch identifiziert, sondern nur damit, daß eben jener Terror vorherrsche, den sie selbst als »deus ex machina« heraufbeschwören möchten, um aller sozialen und geistigen Probleme ledig zu sein.

(Quelle: John Lekschas, »Mut nach vorn«. Wir werden es erleben. An der Schwelle zum dritten Jahrtausend. Urania Verlag Leipzig/Jena/Berlin, 1971, S.183f.)

Ja, so war es. Das kann jeder, der in der DDR gelebt und studiert hat, aus eigener Erfahrung bezeugen. Sehen wir nun, wie der Begriff der Gemeinschaft in der marxistisch-leninistischen Soziologie erklärt wird:

Gemeinschaft: Qualität der Vereinigung von Menschen, die gemeinsam tätig sind oder zusammenleben, die gemeinsame Anschauungen, Interessen, Ziele, Normen besitzen und bei denen sich die Erkenntnis und das Erlebnis der Zusammengehörigkeit herausgebildet haben. Jede Gemeinschaft wurzelt in materiellen Verhältnissen und Interessen, Bestimmend sind die Produktionsverhältnisse der Gesellschaft. Von ihnen hängen u.a. wesentlich der Grad der Gemeinschaft und die Motive der in ihr vereinigten Individuen ab.

Was gibt es für Gemeinschaften?

Die einzelnen Gemeinschaften unterscheiden sich hinsichtlich ihres konkreten Inhalts, so gibt es z.B. Arbeits-, Kooperations-, Forschungs-, Haus-, Sport-, Familiengemeinschaften, politische und militärische Kampfgemeinschaften usw. und hinsichtlich ihrer Form und ihres Umfanges; es gibt die Gemeinschaft zweier Freunde, die Gemeinschaft einer Gruppe, die sozialistische Menschengemeinschaft, die Gemeinschaft aller sozialistischen Völker usw.

Welche Bedeutung hat die Arbeit für eine Gemeinschaft?

Die einzelnen Gemeinschaften durchlaufen in ihrer Entwicklung qualitativ unterschiedliche Stadien, die zu einem immer festeren, bewußten Zusammenschluß führen. Die marxistisch-leninistische Soziologie untersucht solche Gemeinschaften, die für die Gesellschaft von großer Bedeutung sind. Für die Herausbildung von Gemeinschaften ist der Prozeß der Arbeit, die sich immer unter konkreten Produktionsverhältnissen vollzieht, ihre Teilung und Kooperation, von ausschlaggebender Bedeutung. Die Arbeit und die untrennbar mit ihr verbunden gesellschaftlichen Verhältnisse prägen entscheidend das gesellschaftliche Wesen des Menschen denn „das menschliche Wesen kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ (Marx/Engels, Bd.3, S.534)

Was ist gesellschaftlich, was ist gemeinschaftlich?

Dieser soziale Zusammenhang der Menschen im gesellschaftlichen Arbeitsprozeß, der das Wesen des Menschen und sein Bedürfnis nach sozialen Kontakt bestimmt, ist wesentliche Grundlage für die Herausbildung von Gemeinschaften. Nicht jeder gesellschaftliche Zusammenhang ist aber bereits ein gemeinschaftlicher. In der Klassengesellschaft gibt es zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten einen gesellschaftlichen, aber keinen gemeinschaftlichen Zusammenhang, weil die einen über die Hauptproduktionsmittel verfügen, die anderen nicht, und weil sich deshalb die Interessen bei der Klassen antagonistisch gegenüberstehen.

Gibt es auch im Kapitalismus Gemeinschaften?

In den antagonistischen Klassengesellschaften gibt es keine Identität von Gemeinschaft und Gesellschaft. Gemeinschaften entstehen dort primär auf der Grundlage der Klassenzugehörigkeit der Individuen, soweit diese die Konkurrenz untereinander überwinden, und sie tragen Klassencharakter. Über die Klassen hinausgehende Gemeinsamkeiten können sich höchstens zeitweilig in bestimmten Situationen (z.B. Beseitigung des Feudalismus, Verteidigung gegen einen Aggressor usw.), wenn diese die Interessen vieler berühren, herausbilden. Unter sozialistischen Eigentumsverhältnissen entwickelt sich die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit und in vielen einzelnen Bereichen zur Gemeinschaft hin. (siehe: Kollektiv)

Warum gibt es im Sozialismus völlig neue, bessere Gemeinschaften?

Die sozialistische Gesellschaft basiert auf dem gesellschaftlichen Eigentum an den Produktionsmitteln, auf der dadurch objektiv bedingten und im Bewußtsein widergespiegelten Übereinstimmung der wesentlichen gesellschaftlichen, kollektiven und persönlichen Interessen. Damit ist die reale Möglichkeit gegeben, daß sich die sozialistische Gesellschaft und alle auf ihr beruhenden und ihr entsprechenden sozialen Existenzformen zu Gemeinschaften entwickeln können. Es ist ein Vorzug der sozialistischen Gesellschaftsordnung, daß sie keinerlei Schranken für diese Entwicklung hat. Das setzt voraus, daß die objektive Interessenübereinstimmung breiten Kreisen und Schichten bewußt wird. Dieser Prozeß vollzieht sich nicht spontan.

Wie entsteht das proletarische Klassenbewußtsein?

Von entscheidender Bedeutung für die Entfaltung und Leitung des Bewußtseins ist die Tätigkeit der Arbeiterklasse und ihres organisierten Vortrupps, der Partei. Erst in der kapitalistischen Klassengesellschaft entstand eine Klasse, die das Bewußtsein ihrer eigenen historischen Rolle für den gesetzmäßigen gesellschaftlichen Fortschritt erlangte – das Proletariat. In der revolutionären marxistisch-leninistischen Kampfpartei erhielt dieses Bewußtsein wissenschaftliche Gestalt.

Was ist das Ziel der ausgebeuteten Arbeiterklasse?

Die Gemeinschaft der Arbeiterklasse bildete sich im Kampf gegen kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung heraus. Ihr Ziel ist es, eine höhere Ordnung, die sozialistische und kommunistische Gesellschaft, zu errichten. Sie erweist sich geschichtlich als die einzige Klassengemeinschaft, die dazu fähig ist, unter Führung ihrer marxistisch-leninistischen Partei, über ihren Klassenrahmen hinaus das Bündnis und die Gemeinschaft mit allen werktätigen Klassen und Schichten zu verwirklichen.

Warum ist die Arbeiterklasse führend im Klassenkampf?

sowjetische ArbeiterklasseInfolge ihrer objektiven Stellung in der Gesellschaft ist die Arbeiterklasse die einzige konsequent revolutionäre Klasse, die keine Sonderinteressen vertritt, die gegen jede Form der Ausbeutung, für den Fortschritt der ganzen Gesellschaft kämpft. Ebendeshalb ist sie die geschichtliche Hauptkraft. die nicht nur partielle Freiheiten und Gemeinschaften schaffen will, sondern die universelle Gemeinschaft auf der Grundlage des gemeinschaftlichen Eigentums an den Produktionsmitteln hervorbringt, diese entfaltet und Träger dieser Gemeinschaft ist. Mit dem Auftreten der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei sind objektiv neue Möglichkeiten des Zusammenschlusses der Menschen zur Gemeinschaft gegeben.

Wie entsteht die sozialistische Gemeinschaft?

Die Arbeiterklasse schuf in den sozialistischen Ländern das auf sozialer Gleichberechtigung beruhende Bündnis zwischen Arbeitern, Bauern und allen Werktätigen, das sich mit der ständigen Vervollkommnung der sozialistischen Verhältnisse auf immer höherer Stufenleiter zur festen politisch-moralischen Einheit des ganzen Volkes entwickelt. Auf der Grundlage der sich in ihrer lebendigen Wirkungskraft immer reicher entfaltenden Demokratie wachsen die Menschen aus den verschiedenen Klassen und Schichten des Volkes – mitplanend, mitarbeitend und mitregierend – zu einer schöpferischen und verantwortungsbewußten Gemeinschaft freier und gebildeter Mitgestalter des sozialistischen Zeitalters zusammen.

Gemeinsame Interessen und Führung durch die Partei

Unter Führung ihrer Partei, die selbst eine hochentwickelte Form menschlicher Gemeinschaft ist, gestalten die Werktätigen bewußt ihre gesellschaftliche Entwicklung und ihre gegenseitigen Beziehungen zum Wohle aller. Sie werden nicht mehr von ihnen beherrscht, sondern erkennen sie als Resultat ihrer eigenen Tätigkeit deren Gemeinschaftscharakter von den Menschen selbst abhängt. Besonders wirkt die Tätigkeit in den Arbeitskollektiven der sozialistischen Gemeinschaftsarbeit gemeinschaftsbildend durch den Austausch von Tätigkeiten durch das kollektive Planen, Denken, Entscheiden, durch gemeinsame Interessen und Bedürfnisse, durch die Verteilungsverhältnisse, durch gemeinsame Arbeitsergebnisse und Erfolgserlebnisse sowie durch, die wechselseitige Abhängigkeit.

Aber nicht nur in der Produktion, sondern in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens entwickeln sich Gemeinschaften, die selbst miteinander verbunden und in die sozialistische Menschengemeinschaft integriert sind. Die einzelnen, kleineren Gemeinschaften vermitteln die Einheit von Individuum und Gesellschaft. In dieser Vermittlungsfunktion haben sie einen großen Einfluß auf die Persönlichkeitsbildung des Menschen.

Wodurch ist die sozialistische Gemeinschaft charakterisiert?

Wesentliche Kennzeichen der sozialistischen Gemeinschaft sind die sich aus Besitz der Produktionsmittel ergebende Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe sowie ein hohes sozialistisches Bewußtsein der in ihr vereinigten Menschen. In der sozialistischen Gesellschaft beinhaltet die politische und moralische qualitative Bestimmung der Gemeinschaft vor allem, daß zu den objektiv für alle Werktätigen gegebenen Gemeinsamkeiten – ihre Befreiung von jedweder Ausbeutung und Unterdrückung, ihre soziale Gleichberechtigung, ihre gemeinsamen Interessen und Ziele bei der Gestaltung des Sozialismus – das bewußte Verhältnis zu diesen Gemeinsamkeiten hinzukommt.

Verantwortungsbewußtsein für das Ganze

Das findet seinen Ausdruck besonders in der Bereitschaft, Verantwortung für Ganze zu übernehmen und sich aufgrund der festen Bindung an die Gesellschaft, an den Betrieb und an das Arbeitskollektiv mit der ganzen Person für die Verwirklichung der gemeinsamen Ziele einzusetzen. In der sozialistischen Menschengemeinschaft findet jedes Mitglied der Gesellschaft soziale Sicherheit und Geborgenheit. Deshalb ldentifizieren sich die Bürger mit ihrer neuen Gesellschftsordnung, mit ihrem Staat. Diese Identifikation von Bürger, Gesellschaft und Staat ist das historische Resultat des gemeinsamen Kampfes für den Sozialismus und eines der wesentlichsten Merkmale der in diesem Kampf entstandenen Gemeinschaftbeziehungen.

Was ist die Ursache für diesen Zusammenschluß der Menschen?

Die Ursache dieser Kampfgemeinschaft liegt in der Gewißheit, daß der Sozialismus den Lebensinteressen aller entspricht. Sie ist Ausdruck des freiwilligen und bewußten politischen Zusammenschlusses und der moralischen Verbundenheit der sozial gleichberechtigten Mitglieder der Gesellschaft, deren gemeinsames Ziel die Vollendung des Sozialismus ist. den Lebensinteressen aller entspricht. Sie ist Ausdruck des freiwilligen und bewußten politischen Zusammenschlusses und der moralischen Verbundenheit der sozial gleichberechtigten Mitglieder der Gesellschaft, deren gemeinsames Ziel die Vollendung des Sozialismus ist.

Was ist eine sozialistische Menschengemeinschaft?

Die sozialistische Menschengemeinschaft ist gekennzeichnet vom Streben der in ihr vereinigten Menschen, für die Gesellschaft und für sich den höchsten Nutzeffekt ihrer Arbeit zu erreichen. Sie ist geprägt von den Grundsätzen, Normen und Werten der sozialistischen Moral und der allseitigen Entwicklung sozialistischer Persönlichkeiten. Aus diesen realisierten sozialen Beziehungen erwächst das Zusammengehörigkeits-bewußtsein der Menschen.

Was versteht die bürgerliche Soziologie unter Gemeinschaft?

Innerhalb der bürgerlichen Philosophie und Soziologie wird „Gemeinschaft“ häufig als sozialpsychischer, geistiger, von den Produktionsverhältnissen der Gesellschaft unabhängiger Tatbestand gefaßt und der Gesellschaft gegenübergestellt. Im Mittelpunkt steht meistens die Emotionalität, das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Menschen; Gemeinschaft wird als besonders innige Form der sozialen Verbindung bezeichnet, das Gemeinschaftsgefühl bestimme den Charakter der Gruppenbindung, sei deren Ausgangspunkt usw.. Einige Vertreter der bürgerlichen Soziologie sehen in „nicht näher erklärbaren“ Gefühlen die Ursache für die Entstehung von Gemeinschaften. Die materielle Produktion als Grundlage alles gesellschaftlichen Lebens wird in ihrer vollen Bedeutung von ihnen nicht anerkannt. Sie bleiben letztlich bei ideellen Beweggründen stehen.


Solche unwissenschaftlichen Theorien, wie in den folgenden Beispielen skizziert, werden auch heute noch in der BRD an Universitäten gelehrt. Die herrschende Ausbeuterklasse hat natürlich kein Interesse daran, daß die Studenten die tatsächlichen gesellschaftlichen Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten erkennen…

Wie bürgerliche Soziologen sich ihr Weltbild zusammenreimen…

toennies_gemeinschaftDie Begründung der Gemeinschaft liegt nach F.Tönnies (Gemeinschaft und Gesellschaft,1922) im Zusammenhang des Lebens durch die Geburt (Mutter-Kind-Verhältnis), im Verhältnis der Gatten zueinander, in der Familie und in der Verwandtschaft. Daneben nennt Tönnies noch die Gemeinschaft des Ortes (Nachbarschaft) und des Geistes (Freundschaft). Unter Gemeinschaft versteht Tönnies eine innere, seelische Verbundenheit, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Sie ist bei ihm Wesensmerkmal kleiner Gruppen, vergangener sozialer Entwicklungsstufen und gesellschaftliches Ideal. Gesellschaft dagegen ist etwas Organisiertes, künstlich Zusammengefügtes, steht im Gegensatz zum „Organisch-Lebendigen“ der Gemeinschaft, Tönnies idyllisiert alle der kapitalistischen Stufe vorangegangenen gesellschaftlichen Formationen als Gemeinschaften, die ihre Begründung in einem emotionalen Willen („Wesenswille“) fänden. Der Kapitalismus ist nach ihm in einem. zweckrationalen Willen („Kürwille“ bzw. „Willkür“) fundiert, ist Gesellschaft und dem Untergang geweiht. Gemeinschaft sei eine enge soziale Verbundenheit, die nicht eines äußeren Zwecks oder rationalen Interesses bedürfe, sondern die eine vom Willen geleitete organische Einheit von Denken und Wollen um ihrer selbst willen darstelle. Nach Tönnies sind, die Menschen in der Gemeinschaft im wesentlichen verbunden und bleiben verbunden trotz aller Trennungen, In der Gesellschaft sind sie im wesentlichen getrennt und bleiben getrennt trotz aller Verbundenheit. Die von Tönnies vorgenommene alternative Gegenüberstellung der Begriffe Gemeinschaft und Ge5ellschaft wird von anderen bürgerlichen Ideologen in ähnlicher Weise vollzogen.

Nach A. Vierkandt ist Gemeinschaft eine enge Form menschlichen Zusammenlebens. Sie ist primär. Gesellschaft ist Auflockerung dieser Verbindungsform und stellt ein „kühleres Verhältnis“ dar (Vierkandt, Gesellschaftslehre, 1923). Auch Th. Geiger hält Gemeinschaft für den „Innenaspekt“ (Verbundenheit im Bewußtsein) und Gesellschaft für den „Außenaspekt“ (Verbundenheit durch Ordnung). Für ihn ist Gemeinschaft eine psychische Grundtatsache, die primär und kausaler Erklärung unzugänglich ist. Gesellschaft ist die Projektion dieses psychischen Tatbestandes nach außen. Gemeinschaft und Gesellschaft sind nach seiner Meinung einander ergänzende korrelative Strukturelemente, die jeder Gruppe wesensnotwendig sind (Handwörterbuch der Soziologie, 1931).

Parsons löst die Begriffe Gemeinschaft und Gesellschaft in fünf „Orientferungsalternativen des Handelns“ auf (pattern variables). Jeweils eine der fünf Alternativen entspricht dem Begriff der Gemeinschaft, die andere dem der Gesellschaft (Parsons. The Social System, 1952). Sie stellen Endpunkte eines Kontinuums dar, auf dem sich der Akzent nach der einen oder der anderen Seite verschieben kann. Die Entscheidung des Handelnden innerhalb dieser Alternativpaare ermöglicht die Analyse seiner sozialen Umgebung hinsichtlich ihrer Qualität Gesellschaft ‚oder Gemeinschaft. Letztlich leitet damit Parsons die soziale Qualität von der Psyche der Individuen ab. Die Versuche der Trennung von Gemeinschaft und Gesellschaft in der bürgerlichen Soziologie sind ideologischer Reflex objektiver antagonistischer Verhältnisse und dienen durch die Reduzierung auf psychische Momente und formale Merkmale der Verschleierung der wesentlichen Antagonismen der kapitalistischen Gesellschaft, eine Identität von Gesellschaft und Gemeinschaft nicht aufkommen lassen.


Warum sind bürgerliche Theorien unwissenschaftlich?

Erst die marxistisch-leninistische Soziologie deckt den wirklichen Gehalt und die sozialen Voraussetzungen der Gemeinschaft auf. Grundlage des menschlichen sozialen Daseins sind Gruppen im Bereich der gesellschaftlichen Produktion. Eine alternative Gegenüberstellung von „organischen“ und „organisierten“ Gruppen, wie sie die angeführten Ideologen vornehmen, ist unberechtigt, weil es keinen starren Gegensatz von Gemeinschaft und Organisation gibt. Gemeinschaft kann sich auf der Grundlage organisierter Formen entwickeln, sie kann sich aber auch selbst solche Formen suchen.

Quelle:
Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Soziologie, Dietz Verlag Berlin, 1969, S.134-138. (Zwischenüberschriften eingefügt. N.G.)

Download als pdf-Datei (4 Seiten): Geinschaft und Kollektiv im Sozialismus

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3 Antworten zu Gemeinschaft und Kollektiv im Sozialismus

  1. Jörg schreibt:

    Herzlichen Dank…super…

  2. Pingback: Franz Köhler: Warum Sozialismus? | Sascha's Welt

  3. Pingback: Ist soziale Gleichheit überhaupt möglich? | Sascha's Welt

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