Werner Eggerath: Leben im Dunkel – Als Kommunist im faschistischen Deutschland

Bild (8)Unrecht sehen, helfen wollen und von niemand gehört und anerkannt werden, ist wohl das Bitterste, was einem Menschen widerfahren kann. In dieser Lage befanden sich die deutschen Antifaschisten in der Zeit der braunen Diktatur. Oft jahrelang von ihren Familien getrennt, lebten diese Menschen ein „Leben im Dunkel“, weil – nun, weil es bei Todesstrafe verboten war, die Wahrheit zu sagen und das dahindämmernde deutsche Volk vor seinem sicheren Niedergang zu warnen.

Der faschistische Staat war ein Überwachungsstaat. Jedes Telefongespräch wurde abgehört, Spitzel verfolgten alle verdächtig aussehenden Personen. Bahnhöfe, Straßenbahnhaltestellen und Hauseingänge wurden kontrolliert. Niemandem konnte man mehr trauen. Sogar in den Familien sprach man nunmehr nur noch über Belanglosigkeiten. Die Eltern sagten manchmal leise zu ihren Kindern: „Sei still, sonst wirst du abgeholt!“ Es war das Schlimmste, was einem passieren konnte, wenn nachts an die Tür gepoltert wurde: „Aufmachen, Polizei!“ 

Sogar Bücher waren gefährlich. Am 10. Mai 1933 hatte die Nazis  in Berlin eine große Bücherverbrennung veranstaltet. Bücher fortschrittlicher Autoren wie Heinrich Heine, Thomas Mann,  Henri Barbusse und Jaroslav Hašek waren aus sämtlichen Leihbüchereien entfernt worden. Bibliotheksmitarbeiter wurden angewiesen, die Leser zu überwachen, welche Bücher sie lasen. Und wer nicht zu einer Versammlung der Reichsschrifttumkammer erschien, wurde mit einer empfindlichen Ordnungsstrafe belegt. Ein besonders schweres Schicksal hatten die Kommunisten. Viele von ihnen wurden schon kurz nach der Machtübertragung an die Nazis ermordet, wurden gefoltert, kamen ins KZ oder verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Trotzdem war es den Nazis nicht gelungen, die Kommunistische Partei, die in die Illegalität weichen mußte, zu zerschlagen…

Die folgende Geschichte erzählt nun der Kommunist Werner Eggerath aus seinen Erlebnissen während der Nazizeit.

Es war in den Oktobertagen des Jahres 1932. Die Vorbereitungen zur Hitler-Diktatur waren in vollem Gange. Über dem Drama des „Dritten Reiches“ hob sich langsam der Vorhang, und viele der Zuschauer spendeten lebhaften Beifall auf Vorschuß. Sie ahnten damals noch nicht, daß dieses Schauspiel sich mehr und mehr in eine grausige Tragödie verwandeln würde, in welcher sie schließlich nicht mehr nur Zuschauer sein dürften. Sie ahnten nicht, daß Europa und ganz besonders Deutschland einem Abgrund sondergleichen entgegenging, in welchem auch ihr eigenes Glück, ihr Wohlstand, ihre Familie, ja ihr Leben – kurz: alles, was sie liebten und schätzten, mit zerschellen mußte.

Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!

Wir aber wußten das alles. Wir wußten: Hitler bedeutet Krieg! Wir sagten es auch, Wir schrien es täglich in das Volk, in das Ohr eines jedes einzelnen, ob er hören wollte oder nicht. Darum wurden wir verfolgt und verboten. Aber wir mußten weiter rufen können! Wir mußten die Warner des Volkes bleiben. Und wir mußten dafür sorgen, daß wenigstens das Skelett des Apparates unserer Kommunistischen Partei erhalten bliebe, damit dem „gleichgeschalteten“ deutschen Volke der Warner nicht fehlte und damit der unvermeidliche Zusammenbruch später nicht zum völligen Chaos führte.

Die Verfolgungen der Kommunisten und anderer Regimegegner

Die Justiz arbeitete damals schon auf vollen Touren, der Polizeiapparat tat alles, um die Kräfte, die sich angesichts der Gefahr einsetzten, um das Schicksal zu wenden, lahmzulegen. Die Partei stand im schwersten Kampf; und um im Kampf nicht führerlos zu werden, mußten sich immer mehr der führenden Genossen auf ein illegales Leben umstellen. Auch mich traf dieses Los; im mußte verschwinden, um unter falschem Namen weiterhin tätig sein zu können.

Was liegt zwischen jenen Oktobertagen und heute! – Der Urteilsspruch der Geschichte – und die Geschichte hat immer recht, ihr Spruch ist unanfechtbar, und dieser Richterspruch sollte ein glühendes Menetekel für uns und kommende Generationen sein. –

Mut und Selbstlosigkeit in der Illegalität

  • Wo sind sie geblieben, die Freunde und Mitkämpfer dieser Zeit? Da war Heinrich. Er gehörte mit mir zur Leitung und war unser Bester. In jeder Situation kühl und abwägend, nie erschrocken, stets klar den Weg aufzeigend. Dabei menschlich selbstlos und anspruchslos bis zum letzten. Man mußte ihn immer wieder darauf hinweisen, daß es besser wäre, Wert auf eine gepflegte Kleidung zu legen, er hatte keinen Blick dafür und vergaß sogar manchmal die Mahlzeiten. Ich sehe ihn noch vor mir sitzen. Die zusammengekniffenen Lider hinter den dicken Augengläsern zeigten immer wieder die starke Konzentration des Denkens. Dabei öffneten sich unwillkürlich die Lippen, und etwas wie Schmerz zeichnete sich um den Mund ab. Er war stets besorgt: „Hast du noch Geld, ich kann dir noch etwas gehen. Hast du eine gute Wohnung? Sei nur vorsichtig, wir können jetzt keinen Verlust ertragen.“ Stets war er nur besorgt um andere. Der Volksgerichtshof verurteilte ihn zum Tode durch das Handbeil. Das Urteil wurde vollstreckt, nachdem er fünfzehn Monate verurteilt war. Erst viel später erfuhr ich, daß er den Namen Remte, Professor der Geschichte, trug.
  • Da war der kleine, bewegliche und stets optimistische Max Maddallena. Er war früher Abgeordneter, und um nicht erkannt zu werden, haue er sich einen buschigen Schnurrbart wachsen lassen. Man verurteilte ihn zu lebenslänglichem Zuchthaus, in Brandenburg ging er dann zugrunde.
  • Paul, sein Name war Krause, war ein typischer Berliner. Etwas großschnäuzig, etwas schnoddrig, aber mit einem goldigen Gemüt. Er wußte in jeder Lage einen Ausweg, und seine Stimmung war in der schwierigsten Lage nicht zu verderben. In einer besonders schwierigen Situation schickten wir ihn nach Düsselc1orf, um dort die Verbindungen wieder anzuknüpfen und die Leitung neu zusammenzusetzen. Fast hatte er seine Aufgabe gelöst, da fiel er in die Hände der Gestapo. Seine Verhaftung mußte gegen zehn Uhr in den Morgenstunden erfolgt sein. Nachmittags um fünf Uhr zählte er schon zu den Toten.

So wurde manche Lücke gerissen. Neue sprangen in die Bresche. Es war ein zäher und unerbittlicher Kampf unter der Oberfläche, ein Kampf, der die größten Anforderungen an die einzelnen stellte und vollste Selbstaufopferung voraussetzte. Jeder von uns wußte, die Chancen, herauszukommen, sind sehr gering. Mit größter Wahrscheinlichkeit war dagegen damit zu rechnen, daß man den Weg durch die Folterhöhle zu gehen hatte.

Im Auftrag der Kommunistischen Partei

Es war ein Märztag mit strömendem Regen, als ich im Morgengrauen den Weg zur Grenze einschlug, um erneut die Arbeit, und diesmal im Hitler-Deutschland, aufzunehmen. Eine neue Phase, und keine leichte in meinem Leben, sollte beginnen. Die ganze Spannung des Illegalen umfing mich in dem Augenblick, als ich mir den Weg über die grüne Grenze durch die triefenden Büsche bahnte; denn jetzt konnte ich jeden Augenblick auf die Streifen der SS und auf die Schergen der Gestapo stoßen, Ich hatte keine Papiere, keinen Ausweis, als ich wie ein harmloser Wanderer an der ersten Zollstelle vorbeimarschierte. Meine Kleidung war durchnäßt, die Krempe des Hutes triefte von Nässe, als ich in, den Omnibus stieg, der mich nach Dresden bringen sollte. Vorsichtig wählte ich den Platz neben dem Fahrer, damit niemand mein Gesicht beobachten konnte. Wie eine Peitsche traf es mich jedesmal, wenn ein Neueinsteigender diesen verhaßten Gruß des Dritten Reiches bot, und es war wie ein körperlicher Schmerz, wenn der Fahrer automatisch die Hand hob, wenn irgend jemand am Straßenrand stand. Deutsches Volk, deine Knebel und deine Fesseln empfand ich nie so stark als in meinen ersten Stunden im Dritten Reich.

Wie groß war meine Unsicherheit, als ich den Bahnhof in Dresden trat, denn Bahnhöfe sind stets eine Gefahr, weil sie scharf überwacht werden. Und deshalb war ich glücklich, als sich der Zug in Bewegung setzte und ich in einem Abteil dritter Klasse neben einigen Pastorenfrauen saß die in die Ferien fuhren und von dem großen Führer des deutschen Volkes schwärmten. Ich mußte dabeisitzen, ein gleichgültiges Gesicht machen und schweigen.

Ankunft in Berlin

Dann umfing mich der Trubel der Reichshauptstadt. Ich durfte nicht nach dem Weg fragen, denn die Anlaufstelle durfte nicht genannt werden und deshalb auch nicht der Name der Straße. Ich kaufte mir einen Führer und Plan der Stadt und orientierte mich unauffällig, stieg verschiedene Male auf die Straßenbahn auf und kontrollierte, ob ich nicht verfolgt wurde, um nur ja nicht die wichtige Anlaufstelle zu gefährden; denn sie war nur für Neueintreffende aus dem Ausland in gerichtet. Die mir gezeigte Stelle befand sich in einem Haus, .in dem nicht weniger als drei Polizeibeamte wohnten. Das war an sich sehr gut. Man erwartete nicht so leicht, daß sich in einem solchen Hause eine verdächtige Stelle befand. Nach dem verabredeten Klingelzeichen öffnete sich die Tür, eine Frau öffnete einen Spalt.

„Ich komme wegen der Uhr.“
Mißtrauen sprich aus ihrem Blick: „Der Uhr?“
„Ja, wegen der Standuhr.“
„Haben Sie denn den Brief bekommen?“
„Hier ist er.“

Ich zeige ihr den Gepäckschein als Ausweis, und dann läßt sie mich eintreten und führt mich in ein Zimmer, in dem drei Mann harmlos beim Skat sitzen. Sie stehen auf: „Guten Tag, Genosse, sei uns willkommen!“ Die Frau, die mich bei meinem Eintreffen empfing, war eine der tapferen Frauen, von denen ich viele kennenlernte. Heute ist sie nicht mehr, sie starb an den Folgen eines Bombenangriffs, und ihr Mann, dieser selbstlose kleine illegale Arbeiter, mit der großen Umsicht, mußte vieles ertragen und ist heute blind, ein menschliches Wrack.

Illegale Treffen mit Genossen

Von dem Augenblick an bin ich einer der vielen Illegalen. Als ich mit meinem Freund und Genossen in der Stunde des Wiedersehens zusammensitze, durchlebe ich noch einmal diese Tage, die ausgefüllt sind mit einer Spannung, wie man sie kaum nachfühlen kann. Man muß doch in jedem Augenblick erwarten, daß in der Nacht eine Faust an die Tür klopft: „Aufmachen, Geheime Staatspolizei.“ Muß man doch beim Verlassen eines Hauses damit rechnen, daß man in Empfang genommen wird, und bei jedem Treff muß man damit rechnen, daß er beobachtet wird und man selbst in die Beobachtung aufgenommen ist. Das Gehirn ist angestrengt bis zum äußersten. Drei-, vier-, ja fünfmal am Tage eine Zusammenkunft, und dabei darf man keine Notizen machen, die Zeit und der Ort der Zusammenkünfte dürfen nicht einmal notiert werden, weil Notizen im Falle der Verhaftung zu belastenden Dokumenten werden. Wie viele solcher Treffs haben stattgefunden! Zuerst ein Mißtrauen, bis man sich kannte, und dann eine Verbundenheit auf Leben und Tod.

Verhaftung

Als die Faust des Gestapoknechtes im Jahre 1935 zugriff, die Handschelle meine Knöchel umspannte, da wurde es Nacht um mich und, in dieser Nacht leuchtete wie ein fernes Lieht die Hoffnung. Diese Hoffnung war kümmerlich, denn jeden Augenblick konnte ein leichter Windstoß das Licht auslöschen. Es gehörte nicht viel dazu, um ein Leben zu enden, im Dritten Reich, und deshalb mußte das schwache Licht der Hoffnung immer wieder genährt werden durch den festen Willen, das Leben zu erhalten, möge es kosten, was es wolle. Immer wieder .mußte man sich sagen: Dein Leben gehört nicht dir, es gehört dem Kampf um ein besseres Leben unseres Volkes. Du mußt alles daransetzen, um wieder leben und arbeiten zu können, zu arbeiten für das große Ziel.

Quelle: Werden und Wirken, Weimar 1947. Auszug aus dem Buch „Nur ein Mensch“ von Werner Eggerath, erschienen im Thüringer Volksverlag. Illustrationen: Rolf Keller.

Siehe auch:
Werner Eggerath: Was des Volkes Hände schaffen…
Die vollständige Beseitigung des Faschismus in der DDR
Faschismus: Arbeitssklaven — Quelle des Profits
Die Auswirkungen des SIEGES der SOWJETUNION über den Faschismus
Warum ist der 8. Mai für uns ein Tag der Befreiung?
Geschichtsfälscher: Die Lüge von der angeblichen „verdienstvollen Befreiung“ Europas durch die USA

Dieser Beitrag wurde unter Arbeiterklasse, Faschismus, Geschichte, Kommunisten, Kommunistische Partei veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s