Franz Köhler: Warum Sozialismus?

ArbeiterZugegeben, die Frage ist nicht neu. Vor fast siebzig Jahren fragte schon Albert Einstein: Warum Sozialismus? Und er antwortete: „Ich bin davon überzeugt, daß es nur einen Weg gibt, dieses Übel [den Kapitalismus] loszuwerden, nämlich den, ein sozialistisches Wirtschaftssystem zu etablieren…“ Auch auf viele weitere Fragen gibt er Antworten, die man heute kaum besser formulieren könnte. Wer den Sozialismus nicht kennengelernt hat, wird sich schwerlich vorstellen können, was das Neue, das Besondere, das Grandiose an dieser Gesellschaftsordnung ist, die sich völlig von dem unterscheidet, was wir heute erleben. In einem eindrucksvollen Buch und mit vielen Bildern und Beispielen bringt uns der Autor Franz Köhler die Sowjetunion nahe. Auch heute, noch über 25 Jahre nach der Zerstörung des Sozialismus., welches die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts war, kann man nachempfinden, was nicht nur den Menschen der Sowjetunion, sondern all denen, die im Sozialismus gelebt hatten, verloren ging. Hier nun ein kleiner Ausschnitt aus dem Buch „Jenseits des Ural“, erschienen im Brockhaus Verlag Leipzig 1979…

Eine Reise durch die Sowjetunion

Ich muß gestehen. daß ich mich nach den ersten Monaten meines fünfjährigen Aufenthaltes in der Sowjetunion voll Unternehmungslust entschloß, dieses Buch in Angriff zu nehmen. Es schien mir leicht, das viele Neue. das ich überall entdeckte, zu beschreiben, zu gliedern, zu vergleichen. Am Ende der fünf Jahre, in denen ich wohl 150.000 Kilometer mit Flugzeug, Eisenbahn und Schiff, mit Rentierschlitten, Raupenschleppern, Pferdekutschen, in Hubschraubern, Motorbooten, Jeeps, auf Skiern, dem Fahrrad und zu Fuß das Riesenland in allen Richtungen durchquert, Hunderte Menschen gesprochen, einige Freunde gewonnen und ein Stück Leben dort gelassen hatte, da staunte ich über meinen Mut, der mir jetzt als Unverfrorenheit erschien, als einzelner über dieses Land Gültiges sagen zu wollen…

Man muß das Land mit anderen Augen sehen…

Denn dies ist kein Land im üblichen Sinne, es ist schon allein von der Fläche her ein ganzer Kontinent – ganz Australien hat ja in Sibirien Platz. Hier sind 50 Nationalitäten zu Hause, die kleinen Völkerschaften gar nicht mitgerechnet. Hier wächst das politische Zukunftssystem unseres Planeten, hier nennen die staatlichen Wirtschaftspläne neun- und zwölfstellige Zahlen, sie sprechen von Hunderten Millionen Tonnen, Milliarden Kubikmeter und Kilowattstunden. Für uns ist oft schwer zu verstehen, was sich dahinter verbirgt. Die uns geläufigen Dlmensionen sind eben zwangsläufig von etwas bescheidenerer Art. Das beginnt bei ganz Einfachem, sagen wir Georaphischem: In zehn bis zwölf Stunden können wir mit dem Auto, bei voller Respektierung der verkehrspolizeilich festgelegten Höchstgeschwindigkeiten, unsere Republik in ihrer längsten Ausdehnung durchfahren. Vor drei Jahren fuhr ich im Fernen Osten der Sowjetunion mit der Eisenbahn von Chabarowsk nach Nachodka.

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Holzeinschlag im Altai – Dorf in Sibirien

Ein halber Meter auf der Spezialkarte

Als ich, noch zu Hause, vor Beginn dieser Reise, im Haack Weltatlas die Entfernung zwischen beiden Städten mit dem Lineal gemessen hatte, betrug sie drei Zentimeter: Auf der großen Spezialkarte des Fernen Ostens, die ich im Parteikomitee In Chabarowsk sah, war es schon ein halber Meter, und als der Zug 24 Stunden brauchte, um vom eisschollenbedeckten Amur zur frühlingshaften Küste des Stillen Ozeans zu kommen, da begriff ich ein wenig von den Dimensionen unseres großen Bruderlandes. Wer nie in der Sowjetunion war, hat es schwer, sich die Größe dieses Landes deutlich zu machen. Auch wer als Tourist von Berlin nach Moskau fliegt, unterliegt leicht der Versuchung, über dem Bordfrühstück die 2000 Kilometer zu „vergessen“. Dabei liegt Moskau ja im Westen der Sowjetunion. Dahinter kommen die Wolga, der Ural, Sibirien, Mittelasien, Jakutien, Sachalin, Tschukotka, die Kurilen …

Dünnes Bier und unhöfliche Kellnerinnen…

Was bei uns als respektable Bahnfahrt gilt, erledigt man in Moskau mit der „S-Bahn“: Die grünen Triebwagen „Elektritschka“ fahren in kurzen Abständen 150 bis 200 Kilometer nach allen Richtungen in die Vororte der Hauptstadt nach DDR-Maßstäben also nach Dresden, Leipzig, Magdeburg und Schwerin. Eines Tages besuchte mich ein guter Freund in Moskau. Am Abend fragte er mich – nach einer enthusiastischen Schilderung all des Neuen und Schönen, das er gesehen hatte –, warum es denn dieses nicht und jenes nur in unbefriedigender Qualität zu kaufen gäbe, warum die TroIIeybusse meist so überfüllt, die Kellnerin zuweilen unhöflich und das Bier so dünn sei, da doch angesichts der Zuwachsraten der letzten Jahre und der ständigen Erfolgsmeldungen der Presse …

Ein Blick zurück in die Geschichte

Das, was in der Sowjetunion an Gewaltigem vor sich geht, kann wohl nur der ganz ermessen, der auch die Vergangenheit dieses Landes kennt. Sowohl die fernere als auch die jüngere. Vergleiche zwischen dem, was etwa 1913 war, und dem, was heute ist, sind beeindruckend, doch oft sind sie auch unsinnig, weil sie leicht zu dem Schluß führen, das, was heute ist, sei das Ergebnis von nun mehr als 60 Jahren sozialistischen Aufbaus. Aber das stimmt ja nicht. Nach der Revolution begann nicht der Aufbau, sondern der Bürgerkrieg, die Intervention. Sechs Jahre dauerte es, bis der Ferne Osten befreit war. 1929 erst, zwölf Jahre nach der Revolutlon, wurden die Ietzten Basmatschen-Banden aus Tadshikistan vertrieben. In den dreißiger Jahren, während der Kollektivierung der Landwirtschaft, fielen Hunderte Kommunisten unter den Kugeln von Kulaken.

Dann kam der faschistische Überfall. Materielle Vernichtung ohnegleichen. Und noch schwerer wiegend: Nahezu eine ganze Generation mittlerer Führungskader, das Rückgrat der Partei und des Staates – in den 20er und 30er Jahren unter unsäglichen Mühen und Opfern ausgebildet –, fiel im Krieg oder ging an den Kriegsfolgen zugrunde.

Nach dem Sieg über den deutschen Faschismus

Zwar war 1948 die Industrieproduktion der Vorkriegszeit wieder erreicht, aber erst zehn Jahre nach dem Ende des Krieges normalisierten sich die Bedingungen für den friedlichen Aufbau – jedoch der Mangel an erfahrenen Kadern wirkte weiter. Noch 1958, über 40 Jahre nach dem Großen Oktober, produzierte die Sowjetunion erst 54 Millionen Tonnen Stahl. Aber schon 20 Jahre später waren es 160 Millionen. 40 Jahre brauchte die Sowjetunion, um auf 235 Milliarden kWh Elektroenergie zu kommen. Aber die folgenden 20 Jahre genügten, um 1100 Milliarden kWh zu erreichen. Setzt man das Nationaleinkommen von 1913 gleich 1, stieg es in den 52 Jahren bis 1965 auf 32; in den letzten zehn Jahren aber von 32 auf 62…

Große Pläne für den weiteren Aufbau des Sozialismus

Und wenn wir sehen, was sich die Sowjetunion diesmal für den zehnten Fünfjahrplan vorgenommen hat, dann wird deutlich, daß der Zeitraum, den die Sowjetunion brauchte, um die ökonomischen Vorzüge der sozialistischen Gesellschaftsordnung zu beweisen, eben nicht einfach ab 1917 gemessen werden kann, sondern erst von dem Zeitpunkt, als sie unter annähernd friedlichen Bedingungen arbeiten konnte.

Kampf ums nackte Überleben

Jahrzehntelang war der Aufbau der sozialistischen Gesellschaftsordnung im ersten Arbeiter-und-Bauern-Staat der Welt angesichts der feindlich-drohenden imperialistischen Umwelt und des schweren Erbes der aus dem Zarismus übernommenen unsäglichen Rückständigkeit verbunden mit dem Kampf ums nackte Überleben. Die Konzentration aller Kräfte auf die Schwerindustrie, die Mobilisierung aller gesellschaftlichen, politischen und moralischen Ressourcen zum Schutz des Staates waren eine Existenzfrage.

Das Wichtige zuerst…

Notgedrungen mußten solche Gebiete wie die Leichtindustrie, der Einzelhandel, das Dienstleistungswesen, die Gastronomie hinter den dringenden Forderungen des Tages zurückstehen. In diesen Zweigen wurde weniger investiert, sie erhielten oft nicht die besten Kader, mußten sich häufig mit Rohstoffen zweiter Qualität zufriedengeben, hinkten in der Arbeitsproduktivität hinterher und genossen folglich auch weniger gesellschaftliche Wertschätzung.

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Mittagspause der Straßenbauer – Kolchosbauer im Altai

Die Dynamik dieses Prozesses

Erst in den letzten 10 bis 15 Jahren begannen diese Zweige aufzuholen, ohne daß freilich alle Serviererinnen schon wie Wiener Oberkellner arbeiten, das in Kwaß-Küchen gebraute Bier die herbbittere Vollmundigkeit des Pilsners erreicht und alle Werke der Leichtindustrie schon mit erster Qualität produzierten. Der Schlüssel zum Verständnis liegt im Begreifen des Tempos, der Dynamik und der Dimension dieses Prozesses, der Anfang der siebziger Jahre eine neue Qualität erreichte: Die ökonomischen Kräfte der Sowjetunion waren nun so gewachsen, daß die allgemeine Hebung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus der Bevölkerung zur Hauptaufgabe erklärt werden konnte.

Soziale Veränderungen zum Wohle der Menschen

Die Größe dieser Veränderungen der letzten Jahre aber wird erst dann deutlich, wenn wir ihre wohltuenden Auswirkungen auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen berücksichtigen. Zu den wichtigsten sozialen Wandlungen der sowjetischen Gesellschaft gehört die immer augenfälliger werdende Annäherung zwischen Arbeiterklasse, Bauernschaft und Intelligenz. Sie geht einher mit einem ständigen Erstarken der Gemeinsamkeiten der Nationen und Völkerschaften des Landes, wobei die nationalen Besonderheiten strikt beachtet und die sozialistischen Nationalkulturen allseitig gefördert werden. Dadurch entwickeln sich zwischen den Klassen und sozialen Gruppen, Nationen und Nationalitäten der Sowjetunion neue kommunistische Beziehungen der Freundschaft und Zusammenarbeit.

Abakan

Transsibirische Eisenbahn bei Abakan

Ein neuer Mensch entsteht

Schon 1928 hatte Maxim Gorki auf einer Festsitzung des Sowjets von Tbilissi das eigentliche Ziel sozialistischen und kommunistischen Strebens gezeigt:

„Begreift, daß hier ein neuer Mensch entsteht. Begreift, Ihr selbst seid diese Menschen, die jene Atmosphäre schaffen, die Lebenswillen, Lebensglück und Freude an der Arbeit täglich neu gebiert … Vom Ararat bis nach Murmansk, vom Fernen Osten bis nach Leningrad, auf diesem Boden, in diesen ungeheuren Weiten ist jetzt ein neues Volk im Werden. Dieses neue Volk, diese gewaltige Kraft seid Ihr!“

Die sowjetische Völkergemeinschaft

In vielen Dutzenden Begegnungen habe ich es selbst erlebt. Im ersten Jahr meines Moskauer Aufenthaltes lernte ich Juri Petuchow kennen. Er stellte sich wie folgt vor: „Ich bin in Sibirien geboren, in Kasachstan aufgewachsen, habe in der Tatarischen ASSR studiert, in Turkmenien gearbeitet und lebe jetzt in Moskau.“ Ich war nicht verwundert. Er ist keine Ausnahme. Er ist einer von Hunderttausenden, wenn nicht Millionen, deren Lebensweg so oder so .ähnlich verlief.

Im Erdölkombinat von Ufa, der Hauptstadt der Baschkirischen ASSR, traf ich Jewgeni Shdanow. Sein Vater, russischer Bauernsohn aus einem kleinen Dorf an der Wolga, ging vor 50 Jahren nach Baku, nach Aserbaidshan, wurde Erdölarbeiter. Jewgeni, in Baku geboren, folgte dem Ruf der Partei nach Ufa, wurde Brigadier im neuen Erdölkombinat Baschkiriens. Muß ich sagen, daß es mir wie selbstverständlich, fast gesetzmäßig erschien, daß Jewgenis Sohn als Ingenieur bei der Erschließung dar neuentdeckten Erdölfelder des Gebietes Tjumen arbeitet?

„… uns vereint gleicher Sinn, gleicher Mut!“

Im Fernen Osten, im Jüdischen Autonomen Oblast in der Region Chabarowsk, sagte mir der Vorsitzende des Kolchos Waldheim, Wladimir Peller: „Von meinen Schwiegersöhnen ist einer Ukrainer, der zweite Jude, der dritte Koreaner. Im Kolchos arbeiten 14 Nationalitäten. Russen, Juden, Ukrainer, Tataren, Polen, Deutsche, Kasachen, Udmurten und andere.“

Im Angesicht der schneebedeckten Gipfel des Pamir sagte der 80jährige Guljam Tulajew:

„Ich bin noch zu der Zeit geboren, als das Land der Tadshiken von einem zaristischen Gouverneur und einem bucharischen Emir verwaltet wurde. Beide waren dem Volke fremd. In jenen Zeiten war unser Land durch Hunger und Ungerechtigkeit, durch Zwist und Peitsche erniedrigt. Heute ist jeder meiner Landsleute Herr seines eigenen Glücks und kann alles erreichen, wenn er fleißig lernt, wenn er weise und gerecht im Leben handelt. Wer ist Präsident unserer Republik? Ein Bauernsohn aus Garm. Und Vorsitzender des Ministerrates? Ein Bauernsohn aus Kanibadam. Es geht aber nicht darum, daß ein einfacher Tadshike heute hohe Ämter bekleiden kann. Wichtiger ist, denke ich, daß sich der Mensch heute in jedem Amt als Mensch fühlt. Ich selber war Handwerker und später Arbeiter in einem Textilkombinat. Jetzt sitze ich als Rentner zu Hause. Der Staat zahlt mir für meine frühere Arbeit eine Rente. Meine Tochter. die Tochter eines Analphabeten, ist Lehrerin. Unter meinen Enkelsöhnen gibt es hohe Beamte und einfache Arbeiter. Sie alle sind geachtete Menschen, und ich bin stolz auf sie.  Ich bin Tadshike, und meine Familie ist eine tadshikische Familie. Die Tadshiken leben heute nicht mehr isoliert von den anderen Nationen. Sie leben mit allen Völkern in Freundschaft. Ich bin Tadshike, in meiner Familie gibt es aber schon Russen, Ukrainer, Aserbaidshaner Lind Tataren. Ich freue mich, eine so große und so freundschaftlich zu­sammenlebende Familie zu haben.“

Quelle:
Franz Köhler: Jenseits des Ural. VEB F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig, 1979, S.1-5.

Siehe auch:
Gemeinschaft und Kollektiv im Sozialismus
Der Sozialismus war und ist lebensfähig
Ljubow Pribytkowa: Wie die KPdSU den Sozialismus in der Sowjetunion zerstörte
Karl Eduard von Schnitzler: Die DDR in der deutschen Geschichte

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2 Antworten zu Franz Köhler: Warum Sozialismus?

  1. Vorfinder schreibt:

    Weil wir kürzlich den Tag der NVA hatten, hier ein Gegenbeispiel. Schaut euch mal diesen Gockel von einem General an. Alleine deshalb wünscht man sich schleunigst Sozialismus, um solche Typen zur Gartenarbeit verdonnern zu können. Die russischen Militärs hätten vollauf zu lachen, würden sie dies gestolzte Geplapper verstehen – ja, das ist der Feind. Oder ist die Bundeswehr so genial, solche „Dschungelcamp-Generäle“ zur Täuschung der Welt vorzuführen? https://www.youtube.com/watch?v=Pme6CXcbows

    • sascha313 schreibt:

      Das ist so ein Paradiesvogel, geschmückt wie ein Weihnachtsbaum.. Rosen züchten – das würde gut zu ihm passen (hoffentlich bald, bevor noch ein Unheil geschieht!)

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