Jarosław Hałan: WIR KLAGEN AN

NürnbergerProzeß

Der Nürnberger Prozeß

Der 2. Weltkrieg (1939-45) war beendet. Unter großen Opfern hatte die Sowjetunion das faschistische Deutschland besiegt und einen der gefährlichsten Feinde jener Zeit vernichtend geschlagen. Nun hielten Siegermächte, zu denen auch die USA, Großbritannien und Frankreich gezählt wurden, da sie sich in gewisser Weise an der Zerschlagung des deutschen Faschismus beteiligt hatten, über die Rädelsführer dieses bisher schlimmsten aller imperialistischen Kriege, über die deutschen Massenmörder Gericht, um sie ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Zu den Hauptanklägern gehörten neben Generalleutnant Rudenko (UdSSR) auch Justice Jackson (USA), Sir Hartley Shawcross (Großbritannien) und François de Menthon (Frankreich). Die Sowjetunion hatte den sowjetisch-ukrainischen Schriftsteller und Publizisten Jarosław Hałan beauftragt, über den Nürnberger Prozeß zu berichten. In dem folgenden Artikel beschreibt dieser nun eine Begebenheit, die sehr deutlich die damalige Situation charakterisiert. Da Hałan hervorragend Russisch und Deutsch sprach, konnte er den Prozeß gegen die deutschen Nazi- und Kriegsverbrecher genauestens verfolgen…

Jarosław Hałan

WIR KLAGEN AN

Sehr lange schon waren die Bänke der Berichterstatter nicht so dicht besetzt wie heute, an dem Tage, an dem der Repräsentant der sowjetischen Anklage, General. Rudenko, die Anklagerede hielt. Nur in den ersten Prozeßtagen hatte man hier soviel Journalisten sehen können.

Die Mitglieder des Gerichtshofes nahmen ihre Plätze ein. Sir Lawrence eröffnete die laufende Gerichtssitzung. Ans Anklagepult trat General Rudenko. Zum erstenmal seit dem Bau des Nürnberger „Justizpalastes“ erklang hier die uns Slawen teure, stolze russische Sprache. Aber nicht nur dank ihrer Melodik hatte sie hier einen ganz anderen Klang als die übrigen Sprachen. Die russischen Worte waren nicht nur von dem gerechten Zorn des Sowjetvolkes, sondern auch von dem getragen, worauf alle Anwesenden gewartet hatten, – von eiserner Logik, Folgerichtigkeit und politischer Zielstrebigkeit.

Das Interesse war ungemein groß. Die Vertreter der unzähligen Zeitungen und Agenturen konnten nicht verhehlen, wie tief sie von Rudenkos und Pokrowskis ersten Reden beeindruckt waren. Das einhellige Gefühl, das sich ihrer bemächtigte, ließe sich in die Worte fassen: „Das ist die Sprache eines mächtigen Volkes,“ Ob sie alles, was sie empfanden, auch schreiben werden, ist allerdings fraglich. Zeitungen wie die „Daily Mail“ haben ihre eigenen Gesetze und ihre eigene „Moral“…

Zutiefst aufgewühlt waren die Vertreter der slawischen Völker. Tschechen, Polen und Jugoslawen drückten uns herzlich die Hand. Sie fanden im Sowjetvolk nicht nur den Vorkämpfer ihres Rechts auf Freiheit, ihres Lebensrechtes, sondern auch jene Macht, die mit erhobener Stimme über Ihr entsetzliches, ihr nicht wieder gut zu machendes Leid sprach. Warschau, Lidice und Nowy Sąd sind erschütternde Beweise ihres Märtyrertums, das sich nie mehr wiederholen darf; denn es würde den Untergang dieser Völker bedeuten. Heute sprach der sowjetische Ankläger in ihrem Namen, sprach von Ihrem Ruhm, von ihrem Leid, von ihrem heiligen Recht auf ein strenges, gerechtes Urteil über die an der großen Tragödie Schuldigen. Er gebrauchte nicht die trockenen Fachausdrücke des Berufsjuristen; er gebrauchte Worte, in denen das Leiden der erniedrigten Menschheit auferstand, der Schmerz des Sohnes der geplünderten, blutüberströmten Sowjetukraine lebendig wurde und der Zorn des ganzen Sowjetvolkes lohte, des Volkes, das mehr als jedes andere gelitten und leidend am erbittertsten gekämpft hatte. Es war nur zu gut zu verstehen, weshalb unseren slawischen Brüdern an diesem denkwürdigen Tage die Tränen in den Augen standen.

Für die angeklagten Nazisten war dieser Tag natürlich ein Trauertag. Schon die Tatsache, daß an dem ihnen verhaßten Pult der Vertreter der sowjetischen Anklage erschien, jagte den einstigen Leuchten des „Dritten Reiches“ einen Kälteschauer , über den Rücken. Das Fieber der Angeklagten erreichte den Höhepunkt, als im Sitzungssaal schließlich die flammenden Anklagereden gehalten wurden, An den ein wenig monotonen und trockenen Stil der vorherigen Ankläger gewöhnt, horchten die Angeklagten auf. Ihre Gesichter wurden bald kreidebleich oder verzogen sich zu Grimassen die ein sarkastisches Lächeln andeuten sollten. Göring und Heß setzten demonstrativ die Kopfhörer ab. Franck nahm ein Buch zur Hand und tat, als lese er; Rosenberg benutzte die Kopfhörer heute gar nicht, er verstand Russisch.

Als General Rudenko die zwanzigste Seite der Anklageschrift zu verlesen begann, wurde Heß zitronengelb und ließ den Kopf fast unter die Bank sinken. Er mußte aus dem Saal geführt werden. Bald darauf gab auch Göring seine gleichgültige Miene auf – die Kopfhörer schienen plötzlich an seine Ohren angeklebt zu sein.

Auch der nach außen hin stets kaltschnäuzige Keitel fiel aus seiner Rolle. Das widerfuhr ihm hier zum erstenmal. Schuld daran war Ribbentrop. Als dieser hitleristische Talleyrand zu hören bekam, daß ein Teil des Archivs des deutschen Außenministeriums der Roten Armee in die Hände gefallen war, wurde er im Gesicht aschfahl. Jäh fuhr er zu Keitel herum und fragte ihn bebend vor Erregung: „Wie! Das haben Sie zugelassen?“ Da hätte man sehen sollen, wie sich der einstige Feldmarschall plötzlich benahm. Das Gesicht blau angelaufen, fing er am ganzen Leibe an zu zittern und fuchtelte wie wild mit den Armen herum. „Lassen Sie mich in Ruh! Belästigen Sie mich nicht! Scheren Sie sich doch zum Teufel!“

Keitels Nervenzustand ist leicht erklärlich. Und das war erst der erste Tag der sowjetischen Anklage.

Quelle:
Jarosław Hałan: Nürnberg 1945. Pamphlete. Verlag Dnipro, Kiew, 1975, S.47-49

Download: Halan Wir klagen an

Siehe auch:
Jarosław Hałan: SPINNEN INDER BÜCHSE
Boris Polewoj: Die Prognosen des Jarosław Hałan
Die Ermordung des sowjetischen Schriftstellers Jarosław Hałan
Der Angriffskrieg ist ein Verbrechen gegen die Menschheit
Wie die USA die Verurteilung der Nazis sabotierten
Die Aktualität des Nürnberger Prozesses
Nazi-Massenmörder wurden in der BRD freigelassen
Arkadi Poltorak: Der Nürnberger Prozeß

Bilder: http://funik.ru/post/85219-nyurnbergskiy-process-v-fotografiyah-18


 GalanÜber den Autor: Jarosław Alexandrowitsch Hałan (1902-1949) war ein ukrainischer sowjetischer Schriftsteller, Dramatiker und Publizist. Jarosław Hałan war Kommunist. Er wurde am 27. Juli 1902 in Dynów (heute in Polen) in der Familie eines Angestellten geboren. Während des 1.Weltkriegs wurde er zusammen mit seiner Familie nach Rostow am Don evakuiert, nach dem Krieg kehrte er nach Hause zurück. 1923 beendete er das Gymnasium in Przemyśl, besuchte danach die Höhere Handelsschule Triest in Italien. 1923-1928 Jahren studierte er an den Universitäten von Wien und Kraków. Während seiner Studienzeit schloß er sich der linken Bewegung an und nahm an der illegalen Arbeit teil. 1924 wurde J.A.Hałan Mitglied der Kommunistischen Partei der Westukraine. In den Jahren 1929-1932 war er einer der Organisatoren und Mitglied des Redaktionskollegiums der Zeitschrift „Das Fenster“ („Вікна“). Nach dem Beitritt der Westukraine und des Westlichen Weißrußland zur UdSSR in September 1939 arbeitete J.A.Hałan in der Redaktion der Zeitung „Freie Ukraine“ („Вільна Украіна“), schrieb Skizzen und Erzählungen über die Veränderungen in den wiedervereinigten westlichen Gebieten der Ukrainischen Sowjetrepublik. In den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1945 arbeitete Hałan in den Redaktionen der Frontzeitungen, war Rundfunkkommentator und Sonderkorrespondent der Zeitung „Die Sowjetische Ukraine“. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren schrieb er über die Verbrechen der ukrainischen Nationalisten (der Anhänger von Bandera, Melnikow und Bulbowzew), die als Handlanger der faschistischen Besatzer in der Westukraine unzählige bestialische Massenmorde verübten. 1946 nahm er als Sonderkorrespondent am Nürnberger Prozeß gegen die Nazi- und Kriegsverbrecher teil. In dieser Zeit schrieb er auch einige scharfe antiklerikale Artikel gegen den Vatikan und den damaligen Papst Pius XII., der mit den Nazis kollaboriert hatte. Am 24. Oktober 1949 wurde Jarosław Hałan in seinem Arbeitszimmer im Auftrag des Vatikans von faschistischen Banditen ermordet. Er wurde auf dem Lytschakowski-Friedhof in Lwow beigesetzt. Im Jahre 1952 erhielt Jarosław Hałan postum den Stalinpreis Zweiter Klasse.

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