Der Menschenfreund

Rober Owen

Robert Owen (1771-1858)

Solange es immer noch Illusionen gibt, über die heute angeblich so großzügige Wohltätigkeit der Fabrikbesitzer, Unternehmer und Milliardäre, über deren Spendenfreudigkeit und Menschenliebe, wird es keine Änderung dieses unmenschlichen kapitalistischen Gesellschaftssystem geben. Je größer der Profit, desto brutaler die Gewalt, und je größer die Teilhabe und ihre Uneinigkeit, desto geringer der Widerstand der Ausgebeuteten. Das ist ein altes Gesetz; da braucht man nur bei Karl MARX nachzulesen (Lohn, Preis und Profit, MEW, Bd.16, S.101-152). Nicht umsonst schreibt Marx im Vorwort zu seinem „Kapital“: „Was ich in diesem Werk zu erforschen habe, ist die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse. Ihre klassische Stätte ist bis jetzt England. Sollte jedoch der deutsche Leser pharisäisch die Achseln zucken über die Zustände der englischen Industrie- und Ackerbauarbeiter oder sich optimistisch dabei beruhigen, daß in Deutschland die Sachen noch lange nicht so schlimm stehn, so muß ich ihm zurufen: De te fabula narratur!“ (lat.: Über dich wird hier berichtet) aus: K.Marx: das Kapital, Bd.1, S.12.

Von einem dieser Menschenfreunde, dem Kapitalisten Robert Owen, der auch glaubte, durch Wohltätigkeit, gutes Zureden und ein paar Reformen die Gesellschaft verändern zu können handelt der folgende Beitrag.

Ein Sprung aus dem Fenster

Einen Fabrikanten gibt es nun allerdings in England doch, der von der Norm abweicht. Er heißt Robert Owen und ist Teilhaber einer Baumwollweberei in dem schottischen Städtchen Neu Lanark. Schon in seinen Lebensgewohnheiten unterscheidet er sich von den übrigen Unternehmern. Für ihren protzigen Luxus und ihre Prassereien hat er nichts übrig. Als einmal im Kreise von Geschäftsfreunden der Hausherr zwei Dutzend Flaschen Portwein, Sherry und Claret auf den Tisch stellt und die Tür mit den Worten abschließt: Niemand verläßt das Zimmer, bis die Flaschen geleert sind!, springt er lieber zum Fenster hinaus – das sich allerdings nur wenige Fuß über dem Garten befand –, als daß er an dem Gelage teilnimmt.

Für humanere Arbeitsverhältnisse

Keinen Anteil aber will er vor allem an der schmutzigen Kinderausbeutung haben. Er selbst beschäftigt grundsätzlich keine Minderjährigen. Neu Lanark richtet er zu einem Musterdorf ein. Eine Schule ersteht. Eine Bibliothek, ein Vortrags-, ein Konzertsaal werden erbaut. In der Fabrik, die mit allen möglichen Einrichtungen ausgestattet wird, die der Gesundheit und der Bequemlichkeit der Arbeiter dienen, darf niemand länger als 10½ Stunden arbeiten (für die damaligen Verhältnisse ein gewaltiger Fortschritt). Die englischen Unternehmer verspotten Owen und sagen ihm voraus, daß er sein Werk dem Ruin entgegenführt. Im Gegenteil erzielt er aber auch jetzt noch gewaltige Gewinne und kann 12½% Zinsen an seine Partner verteilen.

Ein Revolutionär ist Owens nicht…

Die anderen englischen Fabrikanten will er wenigstens dahin bringen, daß sie keine Kinder unter 12 Jahren an den Webstuhl stellen, und auch ältere nur dann, wenn sie lesen, schreiben und rechnen gelernt haben. In Glasgow redet er den Fabrikanten einmal schwer ins Gewissen. „Ich möchte es lieber sehen“, ruft er aus, „daß die ganze Baumwollindustrie Englands zugrunde geht, als daß sie sich länger durch die Opfer aller Lebenswerte derjenigen erhält, die ihre Träger sind.“ Die Antwort ist eisige Ablehnung. Seiner Regsamkeit und seinem Einfluß ist es immerhin zu danken, daß im Laufe der Jahre einige Fabrikgesetze zustandekommen. die freillch entweder gar nicht oder nur ganz unzulänglich befolgt werden. Über gutes Zureden und wohlgemeinte Appelle an die Menschlichkeit kommt Owen allerdings nicht hinaus. Ein Revolutionär 1st er nicht und will er nicht sein.

Die Lager sind zum Bersten gefüllt…

Die Erbitterung der Arbeiter über ihre furchtbare Notlage kann dieser brave Mann wohl verstehen, er sieht in ihr jedoch nicht den erwünschten Hebel zur Umgestaltung einer verfehlten Ordnung. Die Arbeiter selbst sind sich damals ihrer wahren Lage auch noch keineswegs bewußt. Sie sehen ihren Feind nicht in einem System, das die Maschinen in falsche Hände gegeben hat, sondern in den Maschinen selbst. Gelegentlich kommt es zu Aufständen. 1817 zum Beispiel sucht eine schreckliche Krise die Insel heim. Speicher und Scheunen sind zum Platzen gefüllt. Die Wucht der aufgestapelten Ware drückt in den Lagern. Aber zwei Drittel der Arbeiter Englands haben keine ständige Beschäftigung. Darbende Massen umschleichen die in den Schaufenstern hochgeschichteten Herrlichkeiten, die unverkäuflich bleiben. Hunderte sterben Hungers, Tausende siechen dahin. Fabriken gehen in dieser Zeit in Flammen auf. Webstühle werden zerschlagen.

Verschärfte Unterdrückung der Arbeiter

Heiß geht es in Manchester her. Hier hat die Ziegelfabrik von Paulig and Henfrey die Ziegel vergrößert, ohne gleichzeitig den Lohn zu erhöhen. Alle Vorstellungen nützen nichts. Worauf die Ziegelmacher die Firma in die Acht erklären. Diese läßt das Gebäude von ausgedienten Soldaten und Polizeidienern bewachen, gegen die flintenbewaffnete Streikende vorgehen. Die Fabrik wird gestürmt, und die Öfen und Maschinen werden zerstört. Schließlich rückt Militär heran, das die Ziegelarbeiter zwingt, sich zu zerstreuen. Am Ende aller solcher Aufstandsversuche steht in der Regel die erniedrigende Unterwerfung der Arbeiter, die fortfahren, sich gegenseitig zu unterbieten, die Trost im Trunke suchen und gleichgültig zusehen, wie ihre Kinder von grausamen· Aufsehern mißhandelt und gepeitscht werden.

Bildung und Wissen? Fehlanzeige!

Man wird fragen, wann die in den Fabriken beschäftigten Kinder nun eigentlich die Schule besuchten. Schulzwang, wie dies heute selbstverständlich ist, gibt es in Alt-England nicht. Allerdings gibt es eine Abend- und eine Sonntagsschule. Aber wenn ein Kind sich 12 und mehr Stunden abgeplagt hat, dann wird es natürlich nicht fähig sein, dem Unterricht zu folgen. Meistens gehen die Fabrikkinder deshalb gar nicht erst hin in die Abendschule, und niemand ist ihnen darüber gram. Oder aber, wenn sie hingehen, dann fallen ihnen die Augen zu und sie schlafen ein.

Die Verblödung der Schulkinder

Eine eigene Sache ist es mit den Sonntagsschulen. Sie werden von den Sekten betrieben, die jedoch kein Interesse daran haben, den Kindern nützliche Dinge beizubringen: Lesen, Schreiben, Rechnen, denn sie stehen vielfach auf dem Standpunkt, daß der Sonntag zu heilig sei, als daß weltliche Dinge an ihm gelehrt werden dürften. So stopfen sie die Kinder mit Religion voll, noch dazu lediglich mit .der jeweiligen Sektenanschauung über Religion, die zum überwiegenden Teile aus unfruchtbarem Streit gegen die Meinungen der anderen Sekten besteht. Das Ergebnis ist dann, daß 16 jährige Jungen nicht wissen, wieviel zwei mal zwei ist und daß ein Mädchen, das sieben Jahre lang die Sonntagsschule besucht hat, nur stockend leichte einsilbige Worte lesen kann, doch beileibe kein Buch.

Die Erbitterung der Geknechteten nimmt zu

Nicht besser als in den Städten sieht es auf dem Lande aus. „Die Kinder der Landarbeiter kämpfen bei Tage mit den Schweinen um das Futter und liegen nachts auf nassem Stroh“, das erklärt einmal ein Sprecher des Parlamentsausschusses. Um 1820 ist zu beobachten, daß die Landherren, die wir vorhin als die feingebildeten Liebhaber alter Kunstschätze, die belesenen Hüter ihrer Bibliotheken und die besorgten Freunde ihrer Pferde kennenlemten, in vielen Fällen arme Pächter von ihrem Stück Land vertreiben, damit die für die Fuchsjagd benötigten Füchse auf ihm hausen können. Die Erbitterung, die sich aufgesammelt hat, kocht über, als einmal ein kleiner Pächter, der einen toten Hasen aufgelesen hat, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wird.

Der „Swing“ geht um – die Rache verzweifelter Landarbeiter

Jetzt brechen überall auf dem Lande Feuersbrünste aus. Kaum eine Nacht, in der nicht aus irgendeinem Korn- oder Heuschober, aus einer Scheune oder aus einem Stall die Flammen zum Himmel schlagen. Das Volk erfindet eine geheimnisvolle Gestalt, der sie alle diese Taten zuschrelbt. Sie nennt sie Swing. „Swing“ geht um in England und wirft die Brandfackel in das Brot von morgen. „Swing“, der sich gegen die englischen Grundbesitzer stellt und sie an ihrem Eigentum straft. Aber nicht auf den mysteriösen „Swing“ gehen die Brände zurück. Die Rache verzweifelter Landarbeiter verschafft sich in ihnen Geltung – und furchtbar greift die Würgehand der Besitzer des Bodens nach ihnen.

1830 werden in Winchester 500 Landarbeiter vor ein Gericht gestellt. Eine große Anzahl von ihnen, darunter ein Kind von 14 Jahren, werden zum Tode verurteilt, 20 werden auf Lebenszeit deportiert. Sogar die so konservative Zeitung „Times“ findet diese Härte nicht in der Ordnung und meint, daß die Banditen, die durch den Zwang der Verhältnisse auf dem Lande wüteten, geringere Verbrecher seien als jene, die sie durch ihre Maßnahmen erst zu Banditen gemacht hätten.

Aus: Hans Bauer „Doch du siehst nur die im Licht“, Volk und Buch Verlag Leipzig, 1950, S.172-175. (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)


Zum Schluß:

Was geschieht nun mit einem Arbeiter, der durchaus keine Arbeit erlangen kann? Anfang des 19. Jahrhunderts ist in England noch das alte Armengesetz in Geltung, das der Gemeinde die Pflicht auferlegt, die Armen zu unterstützen. Die herrschende Klasse in England kann sich aber mit diesem Gesetz nicht einverstanden erklären. Es widerspricht ihrer Grundauffassung des ‚Laisser aller‘ *, die bestimmt, daß jeder für sich selbst zu sorgen habe. Dieses Gesetz, so sagen sie, ruiniere das Land, es leiste der Faulheit Vorschub, es hemme die Industrie, es helfe dazu, die Bevölkerung ungebührlich zu vermehren.

* ‚Laisser aller‘ (frz.): Schlagwort des wirtschaftlichen Liberalismus für das Gewährenlassen, für die Nichteinmischung, nach dem sich die von staatlichen Eingriffen freie Wirtschaft angeblich am besten entwickelt.

Heute muß ein ein Arbeitsloser nicht Hungers sterben. Er kann sich bei der „Tafel“ anmelden oder in eine Suppenküche gehen, wo es kostenloses Essen gibt. Er bekommt (wie großzügig!) neben seinem Arbeitslosengeld, das gerade mal für’s Nötigste reicht, sogar noch unzählige (allerdings oft recht zweifelhafte!) „Job-Angebote“, die fast alle nur für eine „Probezeit“ oder ein „Praktikum“ zutreffen (was auch noch vom Arbeitsamt finanziert wird!) und ohnehin nur unzureichend entlohnt sind. Kein Wunder ist es, wenn arbeitsfähige junge Leute nach Dutzenden von Bewerbungsschreiben und nach ein paar Jahren vergeblicher Arbeitssuche die Lust verlieren und oft nicht mehr arbeiten wollen.

Andererseits gibt es in Görlitz einen anonymen Spender, der der Stadt jährlich Millionenbeträge zukommen läßt. Oder irgendein Millonär in Baden-Württemberg stiftet fünf Millionen für ein Museum, ein Bill Gates spendet die Hälfte seines Vermögens… was ist das schon gegen die Milliarden und Aber-Milliarden, die jährlich auf die Konten der Reichsten der Reichen fließen! Ein Witz…. Lohnraub, Geldwäsche und Betrug nehmen ungeachtet dessen weiter zu. Und die Dummen freuen sich und applaudieren.

Der Ausweg: Abschaffung dieses ungerechten Bereicherungssystems, Enteignung sämtlicher Großkapitalisten, Aktionäre und Großgrundbesitzer und Errichtung der Diktatur des Proletariats unter Führung einer marxistisch-leninistischen Partei!

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