Warum sich Wessis und Ossis nicht verstehen können…

DDR BRDHeute im Jahre 25 nach der „Wende“, oder sagen wir besser: nach der Konterrevolution und der Einverleibung der DDR in die sogenannte Bundesrepublik, ist wieder ein Großdeutschland entstanden, das überall in der Welt mitregieren will, das seine Waffen und Soldaten in Krisengebiete sendet und immer noch abhängig ist von den USA. Man müßte meinen, daß sich nach einem halben, bewußten Menschenleben nun die Unterschiede zwischen West und Ost angeglichen haben… doch weit gefehlt. Es gibt gewisse NO-GO-Themen, über die man nicht zu sprechen wagt, weil dann die ach so schöne Eintracht unwiderruflich und unvermeidlich Brüche bekommt. Der Grund ist (immer noch!) in dem Unterschied der Weltanschauungen zu suchen, die Wessis und Ossis voneinander trennt. Das will allerdings nicht heißen, daß es nicht auch auf beiden Seiten Gleichgesinnte gibt – sowohl im Westen wie auch im Osten und darüberhinaus. Die Trennlinie verläuft meist zwischen den Klassen…

Was ist die Ursache der unterschiedlichen Ansichten?

Der Mensch ist, wie schon Goethe sagte, im Grunde ein „kollektive(s) Wesen“ [1]. Karl Marx formulierte es so: Der Mensch ist das „ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ [2]. Und als solcherart Wesen ist der Mensch auch von seiner Umgebung geprägt. Das heißt, das gesellschaftliche Sein bestimmt auch sein Denken, sein Verhalten und seine Überzeugungen.  Und diese Überzeugungen sind ganz unterschiedlich, je nach Art der gesellschaftlichen Verhältnisse unter denen der Mensch aufgewachsen ist und erzogen wurde. So wenig man aber den einzelnen nach dem beurteilen kann, was er sich selbst dünkt, kann man auch eine geschichtliche Epoche, das Handeln der Menschen in der Gesellschaft nicht nur aus den Ideen und Vorstellungen der Epoche her beurteilen [3], sondern man muß ihre materiellen Grundlagen und die Entwicklungsgesetzmäßigkeiten derselben betrachten.

Nehmen wir ein Beispiel. Im Wörterbuch der Psychologie ist erklärt, was man unter einem Kollektiv versteht. In der DDR gab es  (im Unterschied zur BRD) nämlich Kollektive, und keine Teams. Der Unterschied war gravierend. Denn wo im Kapitalismus noch der Egoismus, die Ellbogengesellschaft, das Geld regiert, gab es im Sozialismus bereits Beziehungen der Kameradschaft und der gegenseitigen Hilfe.

Kollektiv: die bestentwickelte Form der Gruppe, die deshalb deren sämtliche Kriterien einschließt. Es ist eine Lern- oder Arbeitsgruppe, bestehend aus sozialistischen Persönlichkeiten, die bei optimaler Funktionsteilung, bezogen auf die Aufgabenbewältigung und auf die Leistungsvoraussetzungen der einzelnen Mitglieder, im gemeinsamen Handeln hohe und vielseitige Anforderungen an sich stellt oder gestellt bekommt, diese gewissenhaft erfüllt, und bei der sich in den Wechselbeziehungen der Mitglieder die sittlichen Werte und Normen der sozialistischen Gesellschaft widerspiegeln.

Das bedeutet, daß „Ideologie“ und gemeinsame Zielsetzungen auf die maximale Verwirklichung der gesellschaftlichen Aufgaben und Anschauungen gerichtet sind. Neben dem reinen, mehr ökonomischen Leistungsaspekt ist besonders auch ein personaler Aspekt von Bedeutung: das Kollektiv ist auf die optimale Entwicklung seiner Mitglieder orientiert. Es fördert deren Leistungspotenzen und setzt bewußt erzieherische Mittel ein, um ihnen ein den gewünschten Normen entsprechendes Verhalten anzuerziehen.

Die dabei zu sozialistischen Persönlichkeiten herangebildeten Mitglieder akzeptieren die Normen und Bräuche des Kollektivs und fühlen sich zum Kollektiv gehörig und in ihm wohl, da die Atmosphäre im Kollektiv charakterisiert ist durch kameradschaftliche Hilfe und Solidarität, durch gegenseitige Achtung und Höflichkeit, durch Optimismus und Bereitschaft zur ständigen Aktivität und nicht zuletzt deshalb, weil die kollektiven Ziele, Perspektiven und Werthaltungen zum bestimmenden Faktor individueller Motivation geworden sind. Diese Definition läßt erkennen, daß ein Kollektiv nicht gründbar ist. Es entwickelt sich über eine gut integrierte Gruppe im Rahmen der sozialistischen Gesellschaft. Das tragende Moment der Kollektiventwicklung ist sein positiver Kern.

Dieser Entwicklungsprozeß wird nie völlig abgeschlossen sein. Er stellt eine asymptotische Annäherung an ein Optimum dar. Entwicklungsstillstand käme dem Zerfall des Kollektivs gleich.

Quelle:
Günter Clauß (Hrsg.): Wörterbuch der Psychologie. VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1978, S.278.

Damit wollen wir es hier bewenden lassen. Es gäbe sicher noch vieles hinzuzufügen, zumal bei denen, die in der DDR aufgewachsen sind, auch nach all den Jahren die Erinnerung an viele schöne Gemeinsamkeiten sozialistischer Kollektive noch keineswegs verblaßt ist. Andererseits begegnet man immer wieder Menschen, die über die DDR urteilen wollen, ohne sie selbst erlebt zu haben. Und dieses Vorurteil ist gar so gewaltig, daß es man es nicht mit Altersstarrsinn erklären kann. Ilja Ehrenburg schrieb:

Am allergefährlichsten ist es, sich eine Vorstellung von einem Land oder einem Menschen zu bilden, den man ungenügend kennt, und dann alles aus dem vorskizzierten Schema erklären zu wollen. [4]

Zitate:
[1] Goethes Gespräche mit Eckermann, Aufbau Verlag Berlin (DDR), 1955, S.713.
[2] Karl Marx: [Thesen über Feuerbach]. In: Marx/Engels, Werke, Bd.5, S.5.
[3] Siehe Karl Marx: Zur Kritik der Politischen Ökonomie. Vorwort. In: Marx/Engels, Werke, Bd. 13. S.9.
[4] Ilja Ehrenburg: Menschen, Jahre, Leben. Memoiren. Bd. III, Berlin, 1978, S.268.

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4 Antworten zu Warum sich Wessis und Ossis nicht verstehen können…

  1. Doed schreibt:

    Ich glaube schon, dass eine Anpassung im Gange ist. Dennoch sind einige Überbleibsel aus vergangener Zeit hängengeblieben. Wohl sehr zum Leiden der Herrschenden. Allerdings ist der Zuzug von Westdeutschen mittlerweile sehr spürbar. Gerade in und um Leipzig merke ich das. Vielleicht bilde ich mir das ein, aber das erste Mal habe ich das Gefühl einer Überfremdung. Nicht durch dunkelhäutige Menschen oder diejenigen mit der russischen Sprache. Es ist mehr die Lebensart. Das Verhalten der Menschen scheint mir kühler und es wird mehr Wert darauf gelegt, sich von anderen abzuheben und im persönlichen Gespräch sagt man nicht mehr, was man eigentlich denkt. Man passt sich glitschig der Situation an. Die Sprache scheint mir mehr wie aus dem Fernsehen, als unsere etwas direktere, ja scheinbar ruppige Art.
    Mittlerweile sind über 50% der Neuimmatrikulierten an der Universität Leipzig aus dem Westen. Es findet eine Vermischung statt, in der der Osten vom Bevölkerungsanteil klar unterlegen ist. Die Ideen sind dennoch stärker, aber verschüttet unter einem Haufen von Lügen über die Nichtmachbarkeit einer Gesellschaft, indem der marktwirtschaftliche Wettbewerb ausgeschaltet oder zumindest eingeschränkt ist. Und diese Lügen werden ständig und überall wiederholt.
    Ein ehemaliger Kindergarten- und Schulkamerad hat doch tatsächlich gesagt, dass er seinen Mitstudenten an seiner Uni nicht helfen möchte, weil diese dann später Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt sind. Ein wunderbares Beispiel der Verwerfungen im menschlichen Zusammenleben in der kapitalistischen Gesellschaft. Jeder ist sich selbst der Nächste. Statt gemeinsam die Gesellschaft zu verbessern und Druck auf das System auszuüben, greift man seine Leidensgenossen an. Kollektive Veränderungen werden schwerer, weil auf keiner Kollegialität mehr aufgebaut werden kann.
    Die Lösung ist endlich eine starke Partei, die ein gesellschaftliches Gegenkonzept bieten kann, bei der jeder feindliche Angriff auf die Idee keine Wirkung zeigt. Dafür müssen erstens das Schema der Lügen in den Medien aufgedeckt werden. Das blinde Vertrauen muss gnadenlos zerstört werden und durch eine kritische Haltung ersetzt werden, mit dem Interesse weiter nachzuforschen und die Lügen zu widerlegen. Zweitens, muss eine Alternative der gesellschaftlichen Gestaltung her, die die Zusammenarbeit der Menschen fördert, ihre Ressourcen bündelt und dadurch insgesamt stärker ist, als das ausgebeutete Individuum, wodurch auch dem Erstarken des Faschismus vorgebeugt wird.

    • sascha313 schreibt:

      Na, klar, ist da eine Anpassung im Gange. 25 Jahre gehen ja nicht spurlos vorüber. Und diejenigen, die jetzt so nach und in führende Positionen kommen (ob in der Industrie oder in der Verwaltungsbürokratie) sind alle durch die Mühlen des Kapitalismus gelaufen. Nur ein geringer Teil hat eine sozialkritische Einstellung. Wer hat denn nach 8-12 Stunden Arbeit noch Lust, sich mit Politik zu befassen? Die Parteien, die sich links von der CDU befinden, haben es bisher nicht geschafft, über Parteigrenzen hinweg wenigstens einen antikapitalistischen Konsens zu finden, zu sehr sind da noch Unklarheiten im Weg, was die Geschichte betrifft. Die alles entscheidende Frage ist doch: Wem gehören die Produktionsmittel? Alle die eine Firma besitzen, wo sie andere für sich arbeiten lassen können, kommen doch damit zu erheblichen Reichtümern (kostenlose Arbeitskräfte, Billiglöhne usw.) – während sich ein Großteil der Menschen mit weitaus weniger durchschlagen muß…

      Und dann könnte man ja noch mal bei Karl Marx nachlesen: „Es handelt sich darum, den Deutschen keinen Augenblick der Selbsttäuschung und Resignation zu gönnen. Man muß den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewußtsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert. Man muß jede Sphäre der deutschen Gesellschaft als partie honteuse (Schandfleck) der deutschen Gesellschaft schildern, man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt! Man muß das Volk vor sich selbst erschrecken lehren, um ihm Courage zu machen. … Und selbst für die modernen Völker kann dieser Kampf gegen den bornierten Inhalt des deutschen status quo nicht ohne Interesse sein, denn der deutsche status quo ist die offenherzige Vollendung des ancien régime, und das ancien régime ist der versteckte Mangel des modernen Staates..“ usw. (Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW, Bd.1, S.378ff.) Das „ancien régime“ funktioniert wie schon zu Kaiser’s Zeiten. Mal einfach gesagt: Man muß den Leuten schon mal klarmachen, in welchem Sumpf sie stecken! Ist das etwa nicht das deutsche Problem???

  2. Gopal schreibt:

    Ich bin im Westen aufgewachsen und lebe seit vielen Jahren im Osten. Ich kann hier (noch) Erfahrungen im Zusammensein machen, die im Westen so nicht möglich sind.

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