Wie Marx und Engels mit dem Kleinbürgertum fertig wurden

BildDas Kleinbürgertum entstand mit dem aufkommenden Kapitalismus und umfaßt die Kleineigentümer an Produktionsmitteln, die in der Sphäre der kleinen Warenproduktion tätig sind, d.h. jene Bauern, Handwerker und Gewerbetreibenden, die nicht von der Ausbeutung anderer leben. Im Imperialismus geraten sie in starke Abhängigkeit vom Monopolkapital, werden von ihm ausgeplündert und vor allem in Krisenzeiten massenhaft in Proletarier verwandelt. Ihre ökonomischen Lebensverhältnisse und ihr kleinbürgerliches Bewußtsein hindern sie jedoch, sich zu vereinigen und eine selbständige revolutionäre Kraft im Kampf gegen das Monpolkapital zu werden. Kleinbürgerliches Denken ist egoistisch und reaktionär…

Die sozialen Wurzeln des Opportunismus

Zur Zeit von Marx und Engels war in Deutschland die größte soziale Basis des Opportunismus die in die Arbeiterbewegung eingedrungene Kleinbourgeoisie. Diese übte auf das mit ihr durch Übergangsstufen und Schattierungen aller Art tausendfach verbundene Proletariat einen ständigen Einfluß aus. Die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus wiesen bei der Kritik der verschiedenen opportunistischen Strömungen stets auf den kleinbürgerlichen Charakter der sozialen Basis des Opportunismus hin und deckten dessen soziale Wurzeln in einer tiefgründigen Analyse auf.

Die Lage der kommunistischen Partei ist sehr ernst!

Marx und Engels waren bereits Anfang der achtziger Jahre zu der Überzeugung gelangt, daß der wachsende Opportunismus mit seiner sozialen Basis in der Kleinbourgeoisie in der Partei Oberwasser bekommen würde, wenn man ihm nicht entschlossen eine proletarische Politik entgegenstellte. Wiederholt hatten sie Bebel darauf aufmerksam gemacht. In ihm sahen sie den würdigsten Führer der deutschen Sozialdemokratie, ihren zuverlässigsten Verbündeten in Deutschland. Mit Bebel wurden Marx und Engels erstmals im Jahre 1881 bei seinem Aufenthalt in London persönlich bekannt. Dieses Zusammentreffen trug dazu bei, daß Bebel gegenüber den opportunistischen Elementen in der Partei einen wesentlich festeren Standpunkt bezog.

Die Lage in der Partei war damals sehr ernst. Engels machte Bebel ohne viel Umschweife den Vorschlag, sich auf eine mögliche Spaltung der Partei vorzubereiten. „Darüber, daß es eines Tages zu einer Auseinandersetzung mit den bürgerlich gesinnten Elementen der Partei und zu einer Scheidung zwischen rechtem und linkem Flügel kommen wird“, schrieb er an ihn, „habe ich mir schon längst keine Illusion mehr gemacht und dies schon auch in dem handschriftlichen Aufsatz über die Jahrbuchartikel geradezu als wünschenswert ausgesprochen“. [1]

Der Verrat an der Revolution

Die opportunistischen Stimmen in der Partei wurden indessen immer aufdringlicher. Es entstand ein Flügel bürgerlich gesinnter Elemente. Bei der Reichstagsdebatte über den Ausnahmezustand im. Jahre 1881 sagten sich Blos und Hasenclever, die Opportunisten unter den Fraktionsmitgliedern, von der Revolution los und gingen offen zu Bismarck über. Das bedeutete in der Tat nichts anderes als die Abkehr von der Sozialdemokratischen Partei. Der Opportunist Breyel erklärte sich mit dem Verhalten Blos‘ und Hasenclevers solidarisch. In einem offenen Brief an den „Sozialdemokrat“ forderte er von der Partei, von gewaltsamen Handlungen abzusehen und zum „ideologischen Kampf“ überzugehen.

Die sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten legten bei Gesetzesabstimmungen unverblümtesten Opportunismus an den Tag. Die Fraktion unterstützte die Wirtschaftspolitik des bürgerlichen Junkerstaates. So war es bei der Debatte über die Subvention der Schiffahrtsgesellschaften im Jahre 1884. Über diesen opportunistischen Akt schrieb Engels, die Philisterhaftigkeit der sozialdemokratischen Abgeordneten sei geradezu ungeheuerlich. Ihr Eintreten für die Gewährung von Subventionen an die Unternehmer der Schiffahrtsgesellschaften bedeute letzten Endes die Unterstützung der Kolonialpolitik der herrschenden Klassen sowie eine Stellungnahme im Sinne der Bourgeois und Junker ..

Gefährliche Sorglosigkeit

Zahlreiche Führer der damaligen deutschen Sozialdemokratie, unter ihnen auch Wilhelm Liebknecht, wollten das absolut nicht begreifen. Liebknecht maß dem Subventionsstreit der Fraktion keine prinzipielle politische Bedeutung bei. Er vermochte nicht einzusehen, daß sich im Verhalten der Fraktion in der Subventionsfrage bereits damals mit aller Deutlichkeit der deutsche Nationalismus, ein bornierter Chauvinismus, abzeichnete.

Im Zusammenhang mit den klar hervortretenden nationali­stischen Tendenzen der Reformisten ist es angebracht, an Engels‘ Brief an Bebel vom 22. Dezember 1882 zu erinnern. Eingehend auf die Entwicklungstendenzen und den anwachsenden Opportunismus in der Partei erklärte er vorausschauend, daß die deutsche Sozialdemokratie im Falle eines europäischen Krieges sofort vom Chauvinismus erfaßt und gespalten werden würde. Gleichwohl wurden diese Worte Engels‘ von der Führung der Sozialdemokratie überhaupt nicht beachtet. Währenddessen wuchs der Nationalismus in der Partei an. Eine Betrachtung der Reden der sozialdemokratischen Führer und der sozialdemokratischen Presse läßt hinreichend erkennen, mit welcher grenzenlosen Sorglosigkeit man sich gegenüber dieser großen Gefahr verhielt.

Ist der Staat eine moralische Anstalt???

Liebedienerisches Verhalten dem damaligen preußischen Staat gegenüber wurde zum Credo der meisten Mitglieder der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion. Die Opportunisten vom Schlage Max Kaysers, Hasenclevers u.a. erklärten in ihren Reichstagsreden, daß sie den Staat als moralische Anstalt betrachten und es sich zur Pflicht rechneten, diesen im Gegensatz zu, den Anarchisten nicht zu zerstören, sondern ihn zu festigen. Daß die Reformisten damit als Apologeten des preußischen Militärstaates auftraten, war offensichtlich.

Engels war bestrebt, der Parlamentstätigkeit der Partei mit Ratschlägen und Hinweisen wieder eine gerade politische Linie zu geben, weshalb er die Opportunisten in der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion streng und heftig kritisierte. „Wenn in der Tat“, schrieb er an Bebel, „einige Abgeordnete für Bismarcksche Gesetze stimmten, also den Tritt in den Hintern mit einem Kuß auf den seinigen beantworteten, so wäre ich allerdings ebenfalls in der Lage, mich öffentlich von der Partei loszusagen, die das duldet.“ [2]

… die Medien in der Hand behalten!

Im Jahre 1885 wies Engels in Verbindung mit dem sich innerhalb der Sozialdemokratie verschärfenden Kampf gegen die kleinbürgerlichen, opportunistischen Elemente Bebel auf die Notwendigkeit hin, für eine etwaige Spaltung gerüstet zu sein. „… präparieren muß man sich darauf, und da sind es drei Posten, die wir, glaub‘ ich, unter allen Umständen halten müssen: 1.Die Züricher Druckerei und Buchhandlung, 2. die Leitung des ‚Sozial-Demokrat‘, 3. die der ‚Neue Zeit‘.“ [3]

Wichtiger als die „Einigung“ ist der revolutionäre, proletarische Charakter der kommunistischen Partei

Die Spaltung der Partei rückte näher und war nicht mehr zu umgehen. Engels vertrat die Ansicht, daß der Bruch mit den Opportunisten in der deutschen Sozialdemokratie insofern zu einer Bereinigung der politischen Atmosphäre führen werde, als sich die Partei damit der parteifremden bürgerlichen Elemente entledige.

Marx und Engels wußten nur zu gut, daß sich die Entwicklung des Proletariats überall in inneren Kämpfen vollziehen wird, daß Opportunismus unausbleiblich und die Auseinandersetzung mit opportunistischen Führern in der Arbeiterbewegung eine historische Notwendigkeit sei. „Einigung“, schrieb Engels, „ist ganz gut, solange sie geht, aber es gibt Dinge, die höher stehen als die Einigung“ [4]. Noch wichtiger war für ihn und Marx die Erhaltung des revolutionären, proletarischen Charakters der Partei, ihrer revolutionären Theorie und Taktik.

Quelle:
B.A. Tschagin: Die Entwicklung der marxistischen Philosophie nach der Pariser Kommune (1971-1895). Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin, 1951, S. 42-46.


Lenin sagte später über das Kleinbürgertum:

Das Kleinbürgertum hat seiner ganzen Natur nach zwei Gesichter: während es einerseits zum Proletariat und zum Demokratismus neigt, neigt es andererseits zu den reaktionären Klassen, sucht den Lauf der Geschichte aufzuhalten und kann den Lockungen des Absolutismus … erliegen. Es ist imstande, der Festigung seiner Stellung als Kleineigentümer wegen mit den herrschenden Klassen ein Bündnis gegen das Proletariat einzugehen.

Die Gebildeten, überhaupt die „Intelligenz“, müssen sich gegen die barbarische polizeiliche Unterdrückung durch den Absolutismus auflehnen, der Denken und Wissen verfolgt, die materiellen Interessen dieser Intelligenz binden sie jedoch an den Absolutismus, an die Bourgeoisie, zwingen sie, inkonsequent zu sein, Kompromisse zu schließen, ihren oppositionellen und revoltutionären Elan für ein Beamtengehalt oder für eine Beteiligung an Profiten und Dividenten zu verkaufen. [4]

Zitate:
[1] Marx-Engels: Briefe an A.Bebel, W.Liebknecht, K.Kautsky u.a.. Teil I, Moskau-Leningrad, 1933, S.261. 
[2] ebd. S.304.
[3] ebd. S.397.
[4] ebd. S.277.
[5] W.I. Lenin: Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten. In: W.I. Lenin, Werke, Dietz Verlag Berlin, 1961, Bd.2, S.338.


P.S. Noch ein anderer Gesichtspunkt ist von höchstem Interesse. Der russische Publizist W.N. Starikow macht auf folgendes aufmerksam:

Die Aufgabe, welche die globale Banken-Elite sich gestellt hat, ist, die Weltbevölkerung zu atomisieren … Ihr Ziel ist, daß den Menschen am Ende nur ein Wertmaßstab vor Augen bleibt: GELD. Und dadurch kann man die Menschen dann absolut kontrollieren und lenken – und zwar global.

Quelle: Nikolai Starikov. Deutschland wird zur Einwanderugn gezwungen (Video).


Spießertum: sozial-psychologischer Typ der Persönlichkeit und Wertesystem, das verbunden ist mit der Lebensweise und dem Bewußtsein des kleinen Bourgeois. Im Mittelpunkt spießbürgerlicher Werte steht der Wunsch, durch tägliche fleißige Arbeit, durch Zielstrebigkeit, Solidität und freiwillige Sparsamkeit, durch Geduld, Hartnäckigkeit und Vorsicht systematisch zu großem Reichtum zu gelangen. Akademisches Wörterbuch. (russ.)

pdfimages  Tschagin Gefährliche Sorglosigkeit

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2 Antworten zu Wie Marx und Engels mit dem Kleinbürgertum fertig wurden

  1. Günter Hering schreibt:

    Genetisch definiertes/festgelegtes Spießertum? Sehr bedenklich hinsichtlich möglicher Schlussfolgerungen – und natürlich totaler Unsinn!

    • sascha313 schreibt:

      Ja, natürlich, völlig zurecht! Wohl von „Genese“ = Entstehung, Bildung abgeleitet (nicht aber von Genetik) Ich wußte, daß ein Biologe das reklamiert. Stand aber so im Original:

      МЕЩАНСТВО — социально-психологический тип личности и система ценностей, генетически связанные с образом жизни и сознанием мелкого буржуа. В центре мещанских ценностей лежит желание обогатиться методичным, каждодневным трудом, благодаря трудолюбию, следованию намеченному плану, солидности, добровольной бережливости, терпению и упорству, осторожности.
      Словарь Академики

      „organisch“ wäre besser! Ich hab’s geändert! Danke für die Korrektur!

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