Wohin geht die Kunst?

BORIS PEROBRAZHENSKY (Russian, 1910-1995) Portrait of Meshcheryakov, Laureate of Stalin's Prize, a Merited Horsebreeder at Budenny Stables, 1950

B.W.Preobrashenski: Porträt Meschtscherjakow

Als man in der DDR noch voller Optimismus den Sozialismus aufzubauen begann, konnte man am lebendigen Beispiel der Sowjetunion bereits sehen, zu welchen gigantischen Leistungen Menschen in einem freien und sozialistischen Land imstande sind. Auch die Kunst konnte sich frei entfalten – in ihrem Mittelpunkt stand der Mensch. Natürlich wurde auch hier gestritten: um Werte und Motive, um Sinn und Nutzen der Kunst. Die Frage: Was ist eigentlich sozialistischer Realismus? spielte damals eine entscheidende Rolle. Noch immer war der Einfluß der bürgerlichen Dekadenz nicht überwunden, doch bald schon taten sich (mit der Ermordung Stalins) neue Probleme auf, mit denen auch die DDR bis zuletzt zu kämpfen hatte. Lesen wir also, was Wilhelm Girnus noch 1953 über die Kunst des sozialistischen Realismus schrieb…

Die Welt des Sozialismus

Eine edle, verantwortungsvolle Sache

J. W. Stalin hat die tiefste und prägnanteste Definition für das Wesen der Kunst gegeben, indem er erklärte: „Die Schriftsteller sind die Ingenieure der menschlichen Seele.“ Diese Definition, aus bestimmtem Anlaß nur für die Schriftsteller ausgesprochen; gilt für alle Künstler: Dichter, Musiker, Bildhauer, Maler, Filmkünstler. Dieses tiefe Wort Stalins.über die Kunst besagt: Das Seelenleben der Menschen ist bestimmten Gesetzen unterworfen. Die menschliche Psyche ist gemäß diesen Gesetzen bild- und formbar, wie der Stoff bild- und formbar ist, in dem die Meister der Ingenieurkunst denken und wirken. Sie ist entwicklungsfähig, und es ist eine große, edle, höchst verantwortungsvolle Aufgabe des Künstlers – so dürfen wir Stalins Ausspruch auffassen –, diesem kostbaren menschlichen Stoff, der Seele, Gestalt aufzuprägen. Das Eigentümliche dieses Bildungs- und Formungsprozesses besteht aber gerade darin, daß die Kunst die psychischen Kräfte der Selbstentwicklung in den Zustand der Aktivität versetzt ..

Goethes Visionen werden Wirklichkeit

Der sowjetische Mensch prägt der belebten und unbelebten Natur nach den grandiosen Plänen seiner Ingenieure und Biologen den Stempel des organisierenden menschlichen Willens auf. Er errichtet in den Großbauten des Kommunismus Wunderwerke der Technik, wie sie die Menschheit noch nie gesehen und deren Spuren nidit in Äonen untergehen können. Goethes Vision im „Faust“ wird in einer nie geahnten Weise Wirklichkeit: riesige Bewässerungsbauten, die ganz neue Landschaften schaffen, gigantische Kanäle und Staudämme, ganze Meere erstehen neu. Dort, wo sich seit Jahrtausenden die lebens- und menschenfeindliche Wüste dehnte, werden in wenigen Jahren paradiesische Gärten erblühen.

Die Mission der sowjetischen Kunst

Noch nie hat das große Wort des griechischen Dichters Sophokles in der „Antigone“ eine so tiefe Bedeutung für die ganze Menschheit bekommen wie angesichts dieser umwälzenden Schöpfungen menschlicher Tatkraft:

Vieles Gewaltiges gibt es,
doch nichts ist gewaltiger als der Mensch.

Aber so gewaltig alle diese Schöpfungen sind, das Gewaltigste sind die Menschen selbst, die alles dies ersinnen und vollbringen. Wie stark, wie groß, wie tief, wie frei muß die Seele eines Volkes sein, das alles dies vermag Ihre Tiefen zu ergründen, ihre Weiten zu umspannen, ihre Kraft zu verstärken, ihre Freiheit zu erweitern, das ist die hohe Aufgabe der Ingenieure der menschlichen Seele, das ist die Mission der sowjetischen Kunst..

Die menschliche Seele ist, wie Goethe in seinem Aufsatz über den Granit so schön sagt, „die jüngste, mannigfaltigste, veränderlichste, erschütterlichste“ Schöpfung der Natur. Die Gesetze dieser jüngsten Schöpfung der Natur zu erforschen, um sie zu meistern; sie zu erschüttern, um sie unerschütterlich zu machen, sie zu bilden, um sie empfänglich zu machen für alles Große, Schöne, Erhabene; sie in noch nicht erschlossene Räume und Zeiten eindringen zu lassen, ihre bergeversetzenden Kräfte zu entfesseln, um sie zu großen Taten von Weltbedeutung zu befähigen, ihre Kräfte zu ordnen, um ihr die Kraft zu geben, der Welt eine humane Ordnung aufzuprägen, eine Ordnung ohne Ausbeutung: das ist der Sinn der sowjetischen Kunst.


In der Welt des Imperialismus

Woran sollen die Menschen noch glauben?

In der imperialistischen Welt herrscht seelisches Chaos. Welche „Werte“, so fragen sich die Menschen mit wachsender Empörung in der imperialistischen Welt, sollen noch von Bestand sein, wenn hier überall Verbrechen, Krieg, Mord, Laster, Prostitution, Zuhälterei, Käuflichkeit, Geisteskrankheit verherrlicht werden? Woran sollen die Menschen noch glauben, wenn die, die sich auf Grund ihrer monopolistischen Besitztitel anmaßend als „Elite“ präsentieren, ihnen Taten, sich in selbstmörderische Kriege zu stürzen, weil die Erde angeblich nicht Brot genug für die Menschen habe? Gleichzeitig müssen aber dle Völker in der imperialistischen Welt erleben, daß Getreide, Milch, Kaffee ins Meer geschüttet werden.

…eine moderne „Zuchthauskunst“

An welche sittlichen Werte sollen sie sich noch halten, wenn ihnen aus allen Sprachrohren der monopolistischen Propagandamaschine und den Handlungen der Welteroberungspolitiker genau das Gegenteil dessen, was der große griechische Tragiker einst sagte, entgegentönt: nichts sei erbärmlicher als der Mensch? Für die Kunst dieser verfaulten Welt gilt, was bereits in den zwanziger Jahren der bürgerliche Kunsttheoretiker Karl Scheffler – übrigens ein Vertreter des l’art-pour-l’art-Standpunktes – schrieb: „Es blüht nichts, und darum reift auch keine Frucht; alles ist irgendwie verzweifelt, Was uns umgibt, könnte die Zuchthauskunst genannt werden.“ (Karl Scheffler, „L’art pour l’art“, Leipzig, Inselverlag 1929, Seite 24.)

Wer, wie die amerikanischen Imperialisten, die infernalische Idee verfolgt, die „unbotmäßigen“ Völker mit Pestbakterien zu verseuchen, der trachtet logischer­weise danach, die Völker auch geistig zu verseuchen durch pornographischen Schmutz, skrupellose Verherrlichung des Verbrechettums, Verächtlichmachung alles Großen, Edlen, Humanen, Gesunden.


Die Kunst des sozialistischen Realismus

Gegen diese imperialistische Welt der Fäulnis und Versumpfung ragt die Kunst des sozialistischen Realismus als ein Fels des Widerstandes und der Hoffnung auf. Im Lande des Sozialismus, das entschlossen und siegesbewußt dem Kommunismus entgegenschreitet, wo der Mensch das Höchste ist, wo die Seele der Menschen stark und gesund ist, hat die Kunst eine große gesellschaftliche Bedeutung und genießt eine hohe Wertschätzung. Nichts zeigt diese tiefe Achtung, die der Sowjetmensch der Kunst entgegenbringt, eindringlicher als die leidenschaftliche, verantwortungsbewußte Diskussion, die. in der Sowjetunion unter Führung der ruhmreichen KPdSU über diese Fragen vor sich geht und die keineswegs als abgeschlossen betrachtet werden darf. An diesem schöpferischen Kampf der Meinungen nimmt das ganze Volk teil.

Zu den Hauptprinzipien der sowjetischen Kunst gehören:

  1. Strenge Parteilichkeit im Sinne der Lehren Lenins und Stalins.  Angewandt auf die deutsche Realität bedeutet dies, daß eine große deutsche Kunst nicht entstehen kann ohne bedingungslose Parteinahme für die Sache des Friedens, für die bürgerllch-demokratischen Freiheiten und die nationale Unabhängigkeit und für den Aufbau des Sozialismus, für eine bedingungslose Kampfstellung gegen den amerikanischen und den wiedererstandenen deutschen Imperialismus…
  2. Verbundenheit der Kunst mit dem Volke und den Ideen, die seinen Kampf für Demokratie und Sozialismus leiten. Für die deutsche Situation bedeutet dies, daß die Kunst ihrem Inhalt und ihrer Form nach den Interessen des Volkes dienen muß. Ihrem Inhalt nach muß sie sich leiten lassen von den Ideen des Aufbaus des Sozialismus… Ihrer Form nach muß die Kunst allgemein verständlich sein und anknüpfen an die Traditionen der Volkskunst, der Volkspoesie, des Volksliedes und den progressiven Strom unserer Nationalkultur, der in den Werken unserer Klassiker in Kunst, Literatur und Musik – Dürer, Holbein, Lessing, Goethe, Bach, Beethoven – seinen Ausdruck findet. …
  3. Prinzipien des proletarischen Internationalismus. Für uns in Deutschland heißt das, die patriotischen Traditionen unserer klassischen Kunst, die Liebe zur Heimat und zu den fortschrittlichen Traditionen unserer eigenen Geschichte pflegen und fortführen unter den gegenwärtigen geschichtliehen Umständen. Die Pflege des Patriotismus verlangt gleichzeitig die Pflege der Freundschaft zu allen friedliebenden Völkern, die Bekämpfung des Chauvinismus, in.welcher Form immer er auch auftreten mag…
  4. Die Kunst stellt die historisch-konkrete Wahrheit … dar. Die Kunst spiegelt die Welt nicht einfach in ihrem gegenwärtigen Sein, sondern in ihrem revolutionären Werden wider. Sie deckt die Keime des Morgen in den Erscheinungen des Heute auf. Das heißt, die Ursamen für den unabwendbaren zukünftigen Sieg der nationalen Bewegung des deutschen Volkes über die Feinde des Friedens und der Einheit bereits aus den gegenwärtigen Zuständen heraus künstlerisch entwickeln. Auch hierbei kann sich die deutsche Kunst auf revolutionäre Traditionen innerhalb der eigenen Geistesgeschichte stützen. Ein solcher revolutionäre Demokrat war Heinrich Heine, der diese Funktion des realistischen Schriftstellers in die Worte faßte: In der Brust des Schriftstellers eines Volkes liegt bereits das Abbild von dessen Zukunft.

Nur wenn es gelingt, die. Resultate der fortschrittlichsten, d.h. der sowjetischen Wissenschaft und Kunst schöpferisch zu verarbeiten, wird die deutsche Kunst die Kraft gewinnen, die Seele des deutschen Volkes groß, stark und frei zu machen, um so unser Volk zu befähigen, die großen geschichtlichen Aufgaben im Kampf für Frieden, nationale Unabhängigkeit, Demokratie und Sozialismus zu lösen, die vor ihm stehen.

Quelle: Wilhelm Girnus (Vorwort). In: Beiträge zum sozialistischen Realismus. Grundsätzliches über Kunst und Literatur. Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin 1953, S.7-12 (gekurzt und mit Ziwschenüberschriften versehen.)

Siehe auch:
Der Absturz ins Irreale – Oder: Was ist Kunst?

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