Die Krise der bürgerlichen Philosophie

Sartre6Das bürgerliche Denken bewegt sich (oder sollte man besser sagen: stagniert?!) in einem engen Korsett von irrationalen und mystischen Theorien, die nicht weniger gefährlich sind als diejenigen, die der Faschismus hervorgebracht hat. Quer durch das gesamte Parteienspektrum von links nach rechts sind heute Ansichten, Meinungen und Theorien vorzufinden, die niemals geeignet sind, die gesellschaftliche Wirklichkeit zu erklären, geschweige denn sie zu verändern. Wir waren in der DDR und in den anderen sozialistischen Ländern immer vom Bildungsziel eines allseitig gebildeten Menschen ausgegangen, waren um eine exakte Terminologie bemüht, um eine dialektische Logik und eine wissenschaftliche Weltanschauung für alle Kinder unseres sozialistischen Vaterlandes. Doch davon kann heute bei weitem keine Rede mehr sein. Woran liegt das? Schon 1951 hat sich der ungarische Philosoph Georg Lukács mit dem Zustand der bürgerlichen Philosophie befaßt. Er schrieb…

Sogar die vorfaschistische Periode – wahrhaft ein erschreckender Tiefpunkt des bürgerlichen Denkens – zeigt ein weniger gesunkenes Niveau im Vergleich zu den philosophischen Manifestationen  der „amerikanischen Lebensform“. … Und so sehr alle Gegensätze sich seitdem vertieft haben, gibt es immer noch breite Schichten der Intelligenz, die krampfhaft einen „dritten Weg“ suchen. [1]


Der Irrationalismus des bürgerlichen Denkens

Die Tatsache der Krise haben nicht nur wir Marxisten festgestellt. „Die Krise“ ist schon seit langem ein gewohnter Begriff in der bürgerlichen Philosophie. Als z. B. Siegfried Marck, der bekannte Neuhegelianer, Rickerts Platz in der Entwicklung der Philosophie bestimmen wollte, bezeichnete er ihn als einen Denker „aus der Zeit vor der Krise“. Und in der Tat: wenn wir die Entwicklung der bürgerlichen Philosophie in den letzten Jahrzehnten aufmerksam verfolgen, dann sehen wir, daß geradezu alle paar Jahre die Grundlagen der Philosophie immer wieder von neuem in Frage gestellt werden. Es ist kein Zufall, daß am Anfang dieser Entwicklung das Programm Nietzsches die Umwertung aller Werte, steht. Und so geht es ohne Unterlaß in der modernen Philosophie weiter; ein Jahr, in dem nicht auf irgendeinem Gebiet der Philosophie eine Krise ausbricht, ist ein ereignisloses Jahr.

Aber das ernsteste Symptom der Krise ist die Tatsache, daß am Ende dieser Entwicklung die sogenannte „Weltanschauung“ des Faschismus steht. Und es kann festgestellt werden, daß der gegen sie entfaltete Widerstand seitens der bürgerlichen Philosophie gleich Null ist. Ja, die Beliebtheit eines beträchtlichen Teiles jener philosophischen Richtungen, die der Faschismus vollkommen, von ihm unabtrennbar, in sich aufgenommen hatte (denken wir nur an die Nietzsches), blieb nach wie vor in weiten Kreisen der bürgerlichen Nazigegner unberührt bestehen.[2]


Was verstehen wir unter Irrationalismus?

Irrationalismus [irrationalis lat., unvernünftig, vernunftswidrig]: idealistische Richtung in der Philosophie, die die Möglichkeit der verstandesmäßen logischen Erkenntnis der Erscheinungen und Gesetze der objektiven Welt negiert. Vom Irrationalismus sind in der Regel. alle bürgerlichen idealistischen philosophischen Systeme durchzogen. Die Irrationalisten versuchen an die Stelle des Wissens den Glauben, den Instinkt, die Intuition zu setzen. [3]

Philosophie im Imperialismus

Wie verhält sich nun die Philosophie der imperialistischen Epoche zu ihren Vorgängern? Scheinbar tritt ein Aufschwung ein. Die Philosophie wird wieder „interessant“, freilich nur für breitere Kreise der Intelligenz. Der bürgerlichen Klasse selbst bleibt sie auch weiter im höchsten Maße gleichgültig. Äußerlich tritt die neue Philosophie häufig als Gegner der Kathederphilosophie auf, die auch jetzt noch weiterlebt, und zwar weitgehend im alten Geiste. Zahlreiche führende Philosophen dieser Zeit stehen außerhalb der Universitäten (Nietzsche, Spengler, Keyserling, Klages). Simmel und Scheler sind auch lange Zeit Outsider. Allmählich breitet sich die neue Richtung auch auf einen Teil der Universitäten aus, und auch dort wird die „Interessantheit“ zum Prinzip der Auswahl (Croce, Bergson, Huizinga usw.). Ist hier eine radikale Veränderung eingetreten? Wir glauben: nein. [4]


Die demagogische Ideologie vom „Dritten Weg“

Im Laufe der Krise rückt auch auf gesellschaftlicher Linie die Ideologie des „Dritten Weges“ immer mehr in den Vordergrund, jene Weltanschauung, die verkündet, der richtige Entwicklungsweg der Menschheit sei weder der Kapitalismus noch der Sozialismus. (Die stillschweigende Vorbedingung diesen Konzeption ist das Zugeständnis, daß es unmöglich geworden ist, die kapitalistische Ordnung, so wie sie ist, theoretisch zu verteidigen.) Während aber der erkenntnistheoretische „dritte Weg“ die Aufgabe hatte, den philosophischen Idealismus, der unmittelbar nicht mehr verteidigt werden konnte, auf Umwegen wieder auf den Thron zu heben so hat der geschichtsphilosophische „dritte Weg“ die Funktion die in die Krise geratene Intelligenz davon zurückzuhalten, zu sozialistischen Folgerungen zu gelangen. Auf diese Weise wird dieser „dritte Weg“ ebenfalls ein Verteidigungsposten des Kapitalismus, seine Apologie, nur handelt es sich nun nicht um eine direkte, sondern um eine indirekte Apologetik.

In der Weltanschauung der imperialistischen Periode wird also der Kampf gegen den Sozialismus in steigendem Maße zur Grundfrage der Zeit; es ist der philosophische Kampf gegen den dialektischen Materialismus: und zwar sowohl gegen den Materialismus als auch .gegen die Dialektik. Das. bedeutet weltanschaulich in erster Linie die Ausschaltung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gesichtspunkte aus der Philosophie. Da die Philosophie nicht imstande ist, ernste Argumente gegen die Gesellschaftsanschauung des Sozialismus vorzubringen, stellt sie die Frage so, als wäre die marxistische Ökonomie durch die bürgerliche wirtschaftliche Fachwissenschaft „längst widerlegt“ worden, und so beschränkt sich die Aufgabe der Philosophie darauf, die weltanschauliche Bedeutung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gesichtspunkte herabzusetzen, sie zu diffamieren.

Und da sich die bürgerliche Soziologie ebenfalls „fachwissenschaftlich“ von der Ökonomie absondert, da sie zu einer ganz besonderen Fachwissenschaft wird, verändert sich die Beziehung der Philosophie zur Soziologie – verglichen mit früheren Perioden – grundlegend. Die damalige Philosophie bestritt die wissenschaftliche Berechtigung der Soziologie, die jetzige rezipiert sie. Ja, in der akuten Krise wird die Soziologie sogar (hauptsächlich als „Soziologie des Wissens“, Scheler-Mannheim) immer mehr zur Waffe des weltanschaulichen Relativismus. Später mündet die hieraus entstehende offen reaktionäre Soziologie (Freyer, C. Schmitt) bereits geradlinig in die faschistische Weltanschauung ein. [5]

(Eine solche demagogische Ideologie vertritt z.B. auch die Partei „Die Linke“ oder die pseudokommunistische russische KPRF.  Zwischen Kapitalismus und Sozialismus gibt es keinen „dritten Weg“.)


Die reaktionäre Philosophie des Pragmatismus

Der Pragmatismus ist eine besonders in den USA weit verbreitete reaktionäre subjektiv-idealistische Strömung ist. Sie ist gekennzeichnet durch offenen Verzicht auf Wissenschaft und Logik und durch Predigen des Irrationalismus. Der Logik wird eine Praxis gegen­ übergestellt, die im Geiste des subjektiven Idealismus interpretiert wird. Der einflußreichste Vertreter des Pragmatismus, William JAMES, trat zur Position des Alogismus über. Seiner Meinung nach besteht die Wahrheit nicht in der Übereinstimmung unserer Ideen mit Gegenständen der objektiven Welt, sondern in dem, „was .dem Bewußtsein Befriedigung gibt“, was vom Standpunkt der kapitalistischen Jagd nach Profit „tauglich und nützlich“ ist. Außerhalb des Bewußtseins und seiner „reinen Erfahrung“ gibt es keinerlei Realität.
Die moderne Spielart des Pragmatismus ist der Instrumentalismus, für den logische Begriffe Instrumente, Handlungspläne sind, die es ermöglichen zur Wahrheit zu gelangen, die im pragmatischen Sinne als nutzbringend und tauglich verstanden wird. Die Instrumentalisten erklären zum Ziel der Logik eine „effektive und ökonomische Rekonstruktion der Erfahrung“ und lehnen logische Prinzipien ab. [6]

Wie steht es heute um die bürgerliche Philosophie?

Die Krise der bürgerlichen Philosophie dauert weiter an. Ein deutliches Symptom dieser Krise ist die Tatsache, daß die Befreiung vom geistigen Terror des Faschismus in der bürgerlichen Philosophie keine Wendung hervorgebracht hat. Die bürgerliche Philosophie setzt ihren Weg (im Gegensatz zum fortschrittlichsten Teil der Literatur) dort fort, wo sie vor dem Faschismus stehengeblieben war. Von diesem Gesichtspunkt aus ist auch der Existentialismus ein Ausdruck dieser Krise. Auch heute sind allein im dialektischen Materialismus die Probleme der neuen Welt lebendig, nur in ihm erhalten sie deutliche, weltanschauliche Konturen. Das ist ebenfalls kein Zufall. Wie lange sich noch der Kapitalismus aufrechterhalten kann, wann ihn der Sozialismus im Weltmaßstab ablösen wird, kann heute niemand wissen. Aber nichts weist darauf hin, daß das heutige Bürgertum noch imstande wäre, eine selbständige, umfassende, fortschrittliche Weltanschauung aufzubauen.[7]


Quellen:
[1] Georg Lukács: Marxismus oder Existentialismus? Aufbau Verlag Berlin, 1951, S. 5/6, Vorwort.
[2] ebd. S.7.
[3] N.I. Kondakow: Wörterbuch der Logik. VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1978, S.236.
[4] Georg Lukács: Marxismus oder Existentialismus? a.a.O. S.14.
[5] ebd. S.20.
[6] N.I. Kondakow: Wörterbuch der Logik. a.a.O. S. 302.
[7] Georg Lukács: Marxismus oder Existentialismus? a.a.O. S.32.

Siehe auch:
Warum muß der Kapitalismus beseitigt werden?
Die Verblödung kommt aus den USA

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4 Antworten zu Die Krise der bürgerlichen Philosophie

  1. Pingback: Keine Sonntagsruhe | giskoes gedanken

  2. Rolf Preil schreibt:

    ….die Aufgaben der sog. „Linken“: „….Ein Teil der Bourgeoisie wünscht den sozialen Mißständen abzuhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern. Es gehören hierher: Ökonomisten, Philantrophen, Humanitäre, Verbesserer der Lage der arbeitenden Klassen, Wohltätigkeitsorganisierer, Abschaffer der Tierquälerei, Mäßigkeitsvereinsstifter, Winkelreformer der buntscheckigsten Art. Und auch zu ganzen Systemen ist dieser Bourgeoissozialismus ausgearbeitet worden. (…)

    Die sozialistischen Bourgeois wollen die Lebensbedingungen der modernen Gesellschaft ohne die notwendig daraus hervor gehenden Kämpfe und Gefahren. Sie wollen die bestehende Gesellschaft mit Abzug der sie revolutionierenden und sie auflösenden Elemente. Sie wollen die Bourgeoisie ohne das Proletariat. Die Bourgeoisie stellt sich die Welt, worin sie herrscht, natürlich als die beste Welt vor. Der Bourgeoissozialismus arbeitet diese tröstliche Vorstellung zu einem halben oder ganzen System aus. Wenn er das Proletariat auffordert, seine Systeme zu verwirklichen und in das neue Jerusalem einzugehen, so verlangt er im Grunde nur, daß es in der jetzigen Gesellschaft stehenbleibe, aber seine gehässigen Vorstellungen von derselben abstreife.

    Eine zweite, weniger systematische, nur mehr praktische Form dieses Sozialismus suchte der Arbeiterklasse jede revolutionäre Bewegung zu verleiden, durch den Nachweis, wie nicht diese oder jene politische Veränderung, sondern nur eine Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse, der ökonomischen Verhältnisse ihr von Nutzen sein könne. Unter Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse versteht dieser Sozialismus aber keineswegs Abschaffung der bürgerlichen Produktionsverhältnisse, die nur auf revolutionärem Wege möglich ist, sondern administrative Verbesserungen, die auf dem Boden dieser Produktionsverhältnisse vor sich gehen, also an dem Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit nichts ändern, sondern im besten Fall der Bourgeoisie die Kosten ihrer Herrschaft vermindern und ihren Staatshaushalt vereinfachen.

    Seinen entsprechenden Ausdruck erreicht der Bourgeoisiesozialismus erst da, wo er zur bloßen rednerischen Figur wird. Freier Handel! im Interesse der arbeitenden Klasse; Schutzzölle! im Interesse der arbeitenden Klasse; Zellengefängnisse! im Interesse der arbeitenden Klasse; das ist das letzte, das einzige ernstgemeinte Wort des Bourgeoisiesozialismus. Der Sozialismus der Bourgeoisie besteht eben in der Behauptung, daß die Bourgeois Bourgeois sind – im Interesse der arbeitenden Klasse.“
    (DAS MANIFEST DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI, Marx / Engels: 1848)

  3. Hanna Fleiss schreibt:

    Rolf Preil, das konnte Marx ja so genau nicht wissen: dass es heute eine Partei gibt, die gern als links gelten will, sozusagen als die „zentrale Linke“ aller Linken, und sich deshalb den Namen Die Linke gegeben hat. Obwohl sich natürlich alles irgendwie und irgendwann wiederholt, was auch schon zu Marxens Zeiten geschah. Auch im Zusammenhang mit der Linken wird von Bourgeois-Sozialismus gesprochen. Dass sie von Anfang an eine Partei des Verrats an der Arbeiterklasse war, wird nicht so gern gehört, aber das ist die Wahrheit. Nun sind wir in der schrecklichen Lage, außer dieser sogenannten Linken überhaupt keine Partei zu haben, die brisante Themen, wenn auch in sorgsam verborgener Demut gegenüber dem Staat, wenigstens anspricht. Denn es gehört sich im bürgerlichen Parlamentarismusbetrieb nicht, wenn eine im Bundestag vertretene Partei allzu aufmüpfig gegen die Obrigkeit auftritt, das wäre ja direkt Revolution! Das ist die Angst, die unsere Linken bewegt, dass sie höchstselbst die Revolution entzünden könnten, so dass eines Tages die Straßenbahn nicht mehr pünktlich fahren würde und der arme Kapitalist unter blutigen Revolutionsschrecken leiden müsste. Aber keine Bange, mit der Linken wird das bestimmt nicht passieren. Die Linke will sich mittels der von Marx angesprochenen Reformen durch die Hintertür in den Kapitalismus einschleichen und ihn von innen heraus zum Sozialismus „umtransformieren“. Das Kapital lacht und weiß, gegen diesen „Gegner“ braucht es nicht viel zum Überleben, sein Übermut (bei allen Krisen- und Profitsorgen) triumphiert.

    Das Schlimme daran ist aber, dass die wirklichen Linken führungslos sind. Das wirkt sich bis in den Kampf um den Frieden aus, die Grundlage alles dessen, was einen Kampf für den Sozialismus überhaupt erst ermöglicht. Nie stand die Welt so nahe vor einer so gefährlichen Kriegsdrohung durch USA und EU. Und trotzdem: Nichts geschieht. Muss man also die Ursachen dieses Nichtgeschehens bei der Partei Die Linke suchen, und das heißt, bei der Schwäche der gesamten linken Bewegung der BRD?

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