Stalin schreibt dem Lehrer seines Sohnes Wassilij einen Brief…

Stalin WassiliDas Jahr 1938: Höhepunkt der „Repressalien“ [1]. Stalin schreibt dem Lehrer seines Sohnes Wassilij einen Brief…

Wassilij Stalin ging in eine gewöhnliche Schule, wo natürlich bekannt war, wer sein Vater ist. Der Geschichte ist ein Antwortbrief überliefert, den das ständig beschäftigte Staatsoberhaupt an den Lehrer des Sohnes schrieb. Ist es nicht interessant, wie hier der gleichrangige Umgang zwischen dem sehr hohen Beamten und einem gewöhnlichen Lehrer prinzipiell möglich war? Oder gab es in der Sowjetunion etwa keine genügende Demokratie?

An den Lehrer Gen. Martyschin

Ihren Brief über die Künste Wassilij Stalins habe ich bekommen. Danke für den Brief. Ich antworte mit großer Verspätung wegen der Überlastung durch die Arbeit. Ich bitte um Entschuldigung. Wassilij ist ein verwöhnter junger Mann mit mittleren Fähigkeiten, ein kleiner Dikar [1] (Typ der Skythen!), nicht immer ehrlich, hat er es gern, nachgiebige „Leiter“ zu erpressen, nicht selten ist er ein Frechling mit schwachem – oder richtiger – nicht organisiertem Willen.

Alle „Schwätzer“ und „Klatschtanten“ haben ihn verwöhnt und immer wieder betont, daß er der „Sohn Stalins“ ist. Ich bin froh, daß sich in Ihrer Person doch ein Lehrer mit Selbstachtung gefunden hat, der mit Wassilij umgeht, wie mit allen anderen auch, und von dem frechen Kerl die Unterordnung unter das allgemeine Regime in der Schule verlangt.

Solche Direktoren, ähnlich wie die von Ihnen erwähnten, solche Waschlappen, die nicht in eine Schule gehören, richten Wassilij zugrunde, und wenn Frechling Wassilij noch nicht dazugekommen ist, sich zu verderben, so doch nur, weil es in unserem Land einige Lehrer gibt, die dem launischen Junker nichts durchgehen lassen. Mein Rat: strengere Forderungen an Wassili, und keine Angst vor falschen, erpresserischen Drohungen des launenhaften Jünglings von wegen eines „Selbstmords“. Sie werden dabei meine Unterstützung haben. Leider, ich habe nicht die Möglichkeit, mit Wassilij hergefahren zu kommen. Doch ich verspreche Ihnen, ihn von Zeit zu Zeit am Schlafittchen zu nehmen.

Gruß!

Joseph Stalin, 08.06.1938


[1] Repressalie [<lat., „Druckmittel“]: hier – Maßnahmen des Staates insbes. gegen seine inneren Feinde. (s.Anmerkung)
[2] Дикарёнок – ein kleiner Wilder

Quelle: http://www.chekist.ru/article/4050


Anmerkung: In seinem hochbedeutsamen zweibändigen Werk „Die Taubenfußchronik oder die Chruschtschowiade 1953-1957 und 1957-1976“ beschreibt der Historiker Dr. Kurt Gossweiler die Hintergründe der sozialen Entwicklung in der Sowjetunion. Dabei geht es vor allem um die verheerenden Folgen des berüchtigten XX.Parteitages der KPdSU, auf dem mit N.S. Chruschtschow ein Antikommunist an die Spitze der Partei gelangte.  Dort hatte Chruschtschow in übelster, geschichtsfälschender Weise den unter seiner Regie zuvor ermordeten J.W. Stalin angeblich begangener Verbrechen beschuldigt und des „Personenkults“ bezichtigt.
Die sog. „Geheimrede“ Chruschtschows war fast gleichzeitig in einer Zeitung in den USA veröffentlicht worden (welch ein Zufall!). Und bald darauf erschienen in bekannter Goebbelsscher Manier die Lügenmärchen des A. Solzhenizyn, das „Schwarzbuch des Kommunismus“, die Verleumdungen und Lügen des Roj Medwedjew, Wolkogonow, Nikita Michalkow und zahlreiche weiterer antikommunistische Machwerke, in denen die Opferzahlen des nunmehr zum Kampfbegriff ausgewachsenen „Stalinismus“ immer abenteuerlichere Größenordnungen annehmen.  Die nunmehr, nach der offenen Konterrevolution 1990, übermächtig herrschende Kapitalistenklasse verbindet damit die vage Hoffnung, dem arbeitenden Volk den Sozialismus gründlich ausgetrieben zu haben. Sie sollte sich da aber gewaltig geirrt haben!
Der allmähliche Niedergang des Sozialismus bis zu seiner völligen Niederlage in Jahre 1990 war allemal kein „Scheitern“, sondern eine bewußte und vorsätzliche Zerstörung des Sozialismus durch seine notorischen Feinde, die Lenin und Stalin bis zuletzt niemals den Sieg des Sozialismus in einem Teil der Welt verziehen hatten.
Wer heute also über die Rolle Stalins während des grandiosen und machtvollen Aufbaus des Sozialismus in der Sowjetunion und über den Sieg der Sowjetunion über den deutschen Faschismus etwas erfahren will, der sollte keinesfalls in einen der gewöhnlichen Buchläden gehen, wo derlei antikommunistischer Dreck in Massenauflagen herumliegt, sondern die noch vorhandenen Bücher der Klassiker des Marxismus-Leninismus studieren, sich deren Erfahrungen und Kenntnisse zu eigen machen, um den Ursachen der einstweiligen Niederlage des Sozialismus auf den Grund zu gehen, und um den Mut zu einem revolutionären Neuanfang zu finden.
(Anhand dieses kleinen, fast unbedeutenden Briefes des Genossen Stalin an den Lehrer seines Sohnes wird ersichtlich, wie sich doch die zwischenmenschlichen Beziehungen nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution grundlegend verändert hatten.)

Siehe:
Die Schwierigkeiten der Sowjetunion
Das Russische Wunder
Wer war Soja Kosmodemjanskaja?
Sie werden es nicht verstehen…
Der sowjetische Pädagoge W.Suchomlinski

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5 Antworten zu Stalin schreibt dem Lehrer seines Sohnes Wassilij einen Brief…

  1. Hanna Fleiss schreibt:

    Kinder berühmter Eltern haben es wirklich schwer, sich im Leben zurechtzufinden. Und da hatte Stalin völlig recht: Der einzige Weg, dass sein Wassilij ein aufrechter, kluger Mensch werden kann, ist, ihn so zu behandeln, als sei er eben kein Dshugaschwili. Manche mögen das als respektlos empfinden, Stalin schreibt von „Waschlappen“, vielleicht auch steht bei denen wirklich Angst dahinter, es war ja die Zeit der Repressionen, als jeder x-Beliebige zum Denunzianten werden konnte. Das muss man zur Entschuldigung vielleicht bedenken. Ich glaube nicht, dass sich Stalin darüber nicht klar war. Aber wie anders hätte er als Vater reagieren können? Wäre er wirklich der Tyrann gewesen, als der er bei den Feinden der Sowjetmacht verschrien war, hätte er diese Schulleiter zumindest in den Gulag gesteckt – was ja vielfach so behauptet worden ist. In dem Brief ist Stalin ganz Vater, auch wenn er wohl kaum Zeit für die Kinder hatte, was ihm ja auch abgesprochen wurde mit etlichen hämisch gemeinten Titeln.

    Vor einiger Zeit habe ich einen Film über seine Tochter gesehen, die in den Westen gegangen ist und dort „Familiengeheimnisse“ und „Geheimnisse des Politbüros“ ausbreitete, in der Hoffnung, sich damit ein paar Silberlinge bei Stalins Feinden zu ergattern. Diese Tochter erscheint mir exemplarisch für so viele Kinder von Eltern in hohen Funktionären, die über der Sorge um das Ganze einfach keine Zeit hatten für ihre Kinder. Und das gab es eben nicht nur in der Sowjetunion.

  2. Tankist schreibt:

    Danke Hanna, so sehe ich das auch. Als Stalin das Erbe Lenins übernahm und an der Spitze der Bolschewiki den Sowjetvölkern Hoffnung, Zuversicht und Frieden gab, führte er sein Land zum Sieg über die imperialistische Bestie, zur Wirtschafts-und Atommacht. Die erfolgreiche praktische Umsetzung der Lehren von Marx, Engels und Lenin im größten Land der Erde konnte nur durch die konsequente Diktatur des Proletariats gelingen. (nur durch Mord konnten die Imperialisten das Rad zurückdrehen). Teil der Diktatur des Proletariats ist meiner Meinung nach eine Bildung des ganzen Volkes in diesem Sinne, wir sagten Volksbildung dazu. Ich hatte das Glück, während meiner 12 jährigen Schulzeit (das 13. Schuljahr- Schauspielunterricht brauchten wir nicht), mit Gleichaltrigen aus Familien unserer Genossen, aus evangelischen und katholischen Familien zu lernen und zu lachen.
    Auch das Lehrerkollegium setzte sich so heterogen zusammen. Für Dummheiten und Streiche wurde ich gerügt, für überdurchschnittliche Leistungen gelobt. Werte wie gegenseitige Achtung, Liebe zur Heimat und Natur, Neugier und Schöpfertum wurden bei uns genau so entwickelt, wie ein fundiertes humanistisches und naturwissenschaftliches Wissen.
    Stalins Brief an Wassilis Lehrer zeigt mir, dass Josef Wissarionowitsch von Volksbildung sehr ähnliche Vorstellungen gehabt haben muss.
    Wie ist die Situation heute? Nur ein Beispiel: Betriebe bekommen ihre Lehrstellen nicht besetzt, weil die Schüler ihre Muttersprache und das 1×1 nicht beherrschen…… aber gut, irgend jemanden scheint ja die allgemeine Verblödung zu nutzen.

  3. Hanna Fleiss schreibt:

    Sascha, ich bin literarisch tätig und erschrecke immer wieder einerseits über eine mehr oder weniger lückenhafte Beherrschung von Sprache und auch Rechtschreibung bei meinen Mitpoeten, da hat die bundesdeutsche Schulbildung enorm versagt. Ich verstehe auch, dass Unternehmer zumindest erwarten können, dass das Einmaleins beherrscht wird. Und das gilt nicht nur für die Hauptschule, sondern betrifft auch die Gymnasien. Wie wollen die Jugendlichen, so unvorbereitet, ein Studium aufnehmen? Denen kann man doch das Blaue vom Himmel herunterlügen. Aber es sind nicht nur Fähigkeiten, es sind vor allem innere Einstellungen, über die ich wirklich erschrecke. Einerseits herrscht die allgemeine Ansicht vor, man müsse, wenn man nach eigener Einschätzung begabt ist, nichts Handwerkliches lernen. Andererseits bemerke ich eine durchgehende Entpolitisierung gerade bei denen, die aufklärerisch wirken könnten. Überhaupt, Aufklärung ist verpönt, wird sogar als unliterarisch angesehen. Statt dessen gibt es eine Fülle von Nabelbeschauern, dass man die Lust am Schreiben verlieren könnte. Einerseits eine Bildungsfrage, andererseits aber auch Ausdruck des Zustandes dieser Gesellschaft. Und da könnte einem bange werden, wenn man das in die Zukunft verlängert.

    Aber das ist alles gar nicht verwunderlich. Günter Ackermann, von dem du öfter mal Texte übernimmst, beschreibt sein „Ankommen“ in der BRD als Dreizehnjähriger, der in den fünfziger Jahren nach der DDR- die westdeutsche Schule kennenlernt. Dieser Beitrag sagt alles über die westdeutsche „Bildung“ aus. Die ich im übrigen so aus eigener, wenn auch nur kurzer Erfahrung so bestätigen kann.

  4. sascha313 schreibt:

    Du hast recht Hanna (und auch Georg), noch deutlicher wird das in dem Beitrag von M.Kalinin: „Über die Kultur…“. Stalin wußte sehr wohl, wie Kinder bedeutender Persönlichkeiten auch manchmal andere Wege gehen. Er hat seine Kinder freilich sehr geliebt, aber nie bevorzugt. Wie schmerzlich muß es für ihn gewesen sein, als sein ältester Sohn Jakow – 36jährig – in die Hände der Nazis fiel und von denen ermordet wurde…

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