Warum ist der Untergang des Kapitalismus gesetzmäßig?

entwicklungWenn man bürgerliche Politiker oder Vertreter aus der Wirtschaft so reden hört, dann kann man sich über deren „Argumente“ immer wieder nur wundern. Sie sind nicht nur unlogisch, sondern teilweise sogar von äußerster Schlichtheit, pragmatisch und prinzipienlos. Kein Wunder also, wenn von solchen Leuten die wissenschaftliche Weltanschauung von Marx, Engels, Lenin und Stalin abgelehnt und als „veraltet“ abgestempelt wird und stattdessen religiöse, verwirrende oder marktkonservative, kapitalismusfreundliche Ansichten verbreitet werden. Die Bourgeoisie ist zu nichts anderem mehr fähig. Wer hier die Zusammenhänge nicht sieht oder sehen will, der will auch keine Veränderung! Und daß nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern auch in der Gesellschaft bestimmte Gesetzmäßigkeiten gelten, ist schon lange unstreitig  Längst ist klar, daß gesellschaftliche Ereignisse und Prozesse, genau wie in der Natur, entsprechend den ihnen innewohnenden Gesetzen geschehen. Längst ist klar, daß auch die menschliche Gesellschaft einer Entwicklung unterliegt.

Wer Gesetzmäßigkeiten anerkennt, muß auch eine Entwicklung für möglich halten…

Die Auffassung von der Existenz objektiver Gesetze hat in der Auseinandersetzung von Materialismus und Idealismus stets eine hervorragende Rolle gespielt. Materialistische Positionen stützen sich dabei auf die einzelwissenschaftlichen Erkenntnisse ihrer Zeit. Das war eine der entscheidenden Bedingungen für die Entwicklung der philosophischen Gesetzeskonzeption in den verschiedenen Etappen der Geschichte des menschlichen Denkens. Bereits der bürgerliche Materialismus führte zur Herausbildung einer philosophischen Gesetzeskonzeption, die sich von der des dialektischen Materialismus darin unterschied, daß das Problem der Entwicklung noch außerhalb der Betrachtung liegt. Eine der Voraussetzungen für die Entstehung der dialektisch-materialistischen Gesetzeskonzeption war die Einführung des Entwicklungsgedankens in die Wissenschaften, war die Ausarbeitung einzelwissenschaftlicher Entwicklungstheorien.

Schon die alten Griechen hatten eine Ahnung davon, daß es eine Entwicklung geben muß…

Schon eine Betrachtung der Geschichte der Entwicklungskonzeptionen in groben Zügen enthüllt, daß sich das Verhältnis von Philosophie und Einzelwissenschaften wandelt. In der antiken Naturphilosophie (vor allem bei den ionischen Materialisten, bei Heraklit und Epikur) war der Entwicklungsgedanke nicht Produkt einzelwissenschaftlicher Forschung, sondern – wie Engels es formuliert – geniale Intuition, eine naturphilosophische Hypothese, deren Begründung eigentlich erst in den letzten Jahrhunderten möglich wurde.

a) Das Stabile und Unveränderliche

Zwar waren bis zum 17. Jahrhundert schon wichtige naturwissenschaftliche Voraussetzungen geliefert, doch die Forschung orientierte sich in diesem Zeitraum vorrangig auf die Untersuchung des Stabilen, Ruhigen, Unveränderlichen in den Dingen und Erscheinungen. Die Verabsolutierung dieses zeitweilig notwendigen Herangehens und ihre philosophische Verallgemeinerung führten zur „spezifischen Borniertheit des alten Materialismus“, zur metaphysischen Naturauffassung, die von einer absoluten Unveränderlichkeit der Natur ausging, den spekulativen, erahnten Entwicklungsgedanken der Antike liquidierte und schließlich zum Hemmnis des Erkenntnisfortschritts wurde.

b) Die geniale Kantsche Hypothese

Aber im gleichen Maße, wie die einzelwissenschaftlichen Forschungen der Untersuchung des Stabilen, Ruhigen, Unveränderlichen gewidmet waren, trugen sie das Material zusammen, das für die Überwindung der Metaphysik erforderlich war. Eine wichtige Etappe bei der Entwicklung der dialektischen Naturauffassung eröffnete Kant mit seinem Werk „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“, in dem er versuchte, die Gesetze der Newtonschen Mechanik auf die Entstehung der Himmelskörper anzuwenden. Der grundlegende Gedanke der Kantschen Entwicklungskonzeption war die Hypothese, daß der heutige Zustand der Erde und des Kosmos Resultat eines Entwicklungsprozesses sei, der auf der Grundlage mechanischer Gesetze beruhe.

Engels bezeichnete die Kantsche Entwicklungskonzeption als den größten Fortschritt der Astronomie seit Kopernikus. Er sah in ihr den entsprechenden Ansatzpunkt für die weitere Entwicklung der Naturwissenschaften und damit der einzelwissenschaftlichen Begründung des Entwicklungsgedankens. Dieser Fortschritt vollzog sich zunächst vor allem in der Geologie und in der Biologie, blieb aber nicht auf die Naturwissenschaften beschränkt.

c) Die entscheidende Erkenntnis:

Marx und Engels selbst waren es, die die Politische Ökonomie als eine historische Wissenschaft begründeten, das heißt, daß sie die kapitalistische Gesellschaftsordnung lediglich als eine historische Entwicklungsstufe der menschlichen Gesellschaft charakterisierten und nachwiesen, daß diese sich nach objektiven Gesetzmäßigkeiten entwickelt und daß ihr Untergang unvermeidlich ist. Damit war die Analyse von Entwicklungsprozessen und ihrer Gesetzmäßigkeiten allgemein zum Gegenstand einzelwissenschaftlicher Forschung geworden.

Was ist die Begründung?

Die Begründung und Weiterentwicklung der materialistischen Dialektik, deren Kern die philosophische Entwicklungstheorie ist, basiert demzufolge auf den Leistungen der Einzelwissenschaften. Dieses Verhältnis von Philosophie und Einzelwissenschaften wird aber im konkreten immer wieder neu realisiert, nur so kommt es zu produktiven philosophischen Verallgemeinerungen, die von heuristischer Bedeutung im Prozeß der einzelwissenschaftlichen Forschungen sein können.

Die Bedeutung der objektiven Gesetze

Wenn wir eingangs betonten, daß Entwicklungstheorien in den Einzelwissenschaften nur dank der Erkenntnis objektiver Gesetze zu begründen sind, kann ermessen werden, welche Bedeutung die Gesetzesproblematik für einzelwissenschaftliche Entwicklungskonzeptionen hat und damit auch für die philosophische Auffassung von der Entwicklung. Zugleich stellte sich aber auch umgekehrt die Frage nämlich welchen Einfluß der Entwicklungsgedanke auf die philosophische Gesetzeskonzeption hatte. Die Gesetzesproblematik ist unlösbar mit der Geschichte der Wissenschaften verbunden. Die Uberzeugung von der Existenz objektiver Gesetze gehört zu den philosophischen Grundlagen für die Entstehung und Entwicklung der klassischen Naturwissenschaft sowie der bürgerlichen politischen Okonomie.


Ein geschichtlicher Rückblick

Die Periode der Begründung der klassischen Naturwissenschaft begann mit einem Angriff auf das ptolemäische, geozentrische Weltbild. Dieses Weltbild schloß das Dogma einer absoluten Trennung von Erde und Kosmos ein. Die Erde galt als unvollkommen, als Bereich der Veränderungen, während der Kosmos als vollkommen und unveränderlich betrachtet wurde. Dem entsprach die aristotelische Physik, gemäß der sich die Bewegung der Himmelskörper auf Kreisbahnen mit konstanter Geschwindigkeit vollzieht. In Auseinandersetzung mit dem geozentrischen Weltbild wurde von Kopernikus und Galilei der Gedanke der naturgesetzliehen Einheit von Erde und Kosmos formuliert. Er war Voraussetzung für die Begründung der klas­sischen Mechanik als Wissenschaft. [1] Aus der naturgesetzliehen Einheit von Erde und Kosmos lassen sich zwei Schlußfolgerungen ableiten:

  1. Die im Laboratorium erforschten und mathematisch formulierten Gesetze der Physik sind auf den Kosmos anwendbar.
  2. Gesetze, die wir über Bewegungsprozesse und Strukturen von Himmelskörpern erkennen, bereichern unser physikalisches Wissen im allgemeinen. Diese Erkenntnis war die Grundlage für die Entstehung der Mechanik. Diese ging aus einer Synthese von theoretischer Astronomie (Kepler) und der experimentellen Erforschung irdischer Massen (Galilei) hervor. Auf diesen bei den Fundamentell errichtete Newton die klassische Mechanik, die zugleich Himmelsmechanik ist. Damit war für den Bereich der Mechanik erwiesen: Es gibt objektive Gesetze. Diese stellen allgemeine, notwendige Zusammenhänge dar, die unter besonderen Bedingungen wiederholbar sind.

Gesetzeserkenntnis in den Wissenschaften zielt auf das Allgemeine, unabhängig von den spezifischen Bedingungen. Diese Erkenntnis hat grundlegende Bedeutung für die Entwicklung anderer Wissenschaften gehabt.

Als Beispiel sei hier die Geologie erwähnt, deren Entwicklung als Wissenschaft im 19. Jahrhundert wesentlich an das Prinzip des Aktualismus geknüpft ist. Das Bemühen geologischer Forschung ist darauf gerichtet, aus der Kenntnis der Beschaffenheit der Erdkruste in der Gegenwart auf die erdgeschichtlichen Prozesse zu schließen. Ein solches Bemühen ist nur sinnvoll, wenn es von der Annahme ausgeht, daß es Gesetze im erdgeschichtlichen Prozeß gibt. Dem wurde im 19. Jahrhundert mit dem Prinzip des Aktualismus Rechnung getragen, wonach in Vergangenheit.und Gegenwart gleichartige Gesetze existieren.

Warum die Ökonomie eine Wissenschaft ist…

Die Anerkennung objektiver Gesetze war auch Voraussetzung für die Begründung der Okonomie als Wissenschaft. Dies hat Marx bei der Einschätzung der Physiokraten hervorgehoben. „Für sie erscheinen notwendig die bürgerlichen Formen der Produktion als die Naturformen derselben. Es war ihr großes Verdienst; daß sie diese Formen als physiologische Formen der Gesellschaft auffaßten: als aus der Naturnotwendigkeit der Produktion selbst hervorgehende Formen, die von Willen, Politik usw. unabhängig sind. Es sind materielle Gesetze …“ [2]


Zur Geschichte der Gesetzeserkenntnis

Die Frage nach der Existenz von etwas Stabilem, Gleichbleibendem, Unveränderlichem in der Veränderung, im steten Wechsel der Dinge und Erscheinungen wurde bereits in der Antike gestellt. Waren es bei den ionischen Naturphilosophen Bestrebungen, einen „Urstoff“ zu entdecken, um so die Veränderung als Einheit von Bewegung und Ruhe zu begreifen, führten weitere Untersuchungen schon zu Ansätzen einer philosophischen Gesetzeskonzeption. Erwähnt seien hier nur einige der markantesten Meilensteine in der Entwicklung der philosophischen Gesetzesauffassung.

a) Materie: Descartes, der die Materie als „res extensa“ begreift, faßt die Bewegung als einen äußeren Zustand dieser Materie und versteht sie im wesentlichen als Ortsveränderung. Demzufolge sind Naturgesetze für ihn solche Gesetze, die Ortsveränderungen beschreiben.

b) Einheit der Welt: Holbach, dessen Anliegen in der umfassenden Begründung des philosophischen Materialismus seiner Zeit bestand, entwickelte auf der Basis einer Theorie von der materiellen Einheit der Welt die für ihn typische Gesetzesauffassung: In der Natur wirkt alles nach einheitlichen und unveränderlichen Gesetzen die der Mensch nur über seine Erfahrungen erkennen kann.

c) Innerer Zusammenhang: Ein Gesetz ist für Holbach eine ewige, unwandelbare, notwendige Ordnung, eine unvermeidliche Verknüpfung von Ursache und Wirkung, der auch das menschliche Handeln voll unterworfen ist. Mit der Leugnung des objektiven Zufalls, der Verabsolutierung der Notwendigkeit, der Negierung der menschlichen Freiheit und der Entwicklung überhaupt, zeigt sich hierbei deutlich die „metaphysische Borniertheit“ der Holbachschan Gesetzeskonzeption.

d) Vielfalt: Diderot, der auch von der materiellen Einheit der Welt ausgeht, gelingt ein wichtiger Schritt auf dem Wege zu einer dialektisch-materialistischen Gesetzesauffassung. Den universellen Zusammenhang charakterisiert er nicht mehr vom Standpunkt des metaphysischen Determinismus, sondern betont die Vielfältigkeit der Gesetze. Gesetze der Mechanik allein reichen seiner Meinung nach nicht für die Erklärung der wirklichen Zusammenhänge (die er zum Teil schon als Entwicklungsprozesse sieht) aus, und so überwindet er in dieser Hinsicht die Holbachsche Leugnung der Freiheit im menschlichen Handeln.

Welche Bedeutung haben die Erkenntnisse von Marx und Engels?

Diese Leistungen des bürgerlichen Materialismus waren wichtige Voraussetzungen für die Entwicklung der Einzelwissenschaften und der Philosophie in der Folgezeit. Die Ergebnisse der Naturwissenschaften und vor allem der klassischen deutschen Philosophie sowie die Erfahrungen des praktischen Kampfes der Arbeiterklasse ermöglichten es Marx und Engels, gestützt auf die proletarische Klassenposition, eine wissenschaftliche dialektisch-materialistische Gesetzeskonzeption zu formulieren. Sie ist von fundamentaler Bedeutung für das Begreifen der Theorie von der materiellen Einheit der Welt und der Selbstbewegung der Materie; denn vom Standpunkt dieser Konzeption aus heißt wissenschaftliche Erforschung von Bewegungs- und Entwicklungsprozessen nichts anderes als die Enthüllung ihrer objektiven Gesetzmäßigkeiten.

Was verstehen wir unter Entwicklungsgesetzen?

Im „Konspekt zu Hegels Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ enthüllt Lenin den Kern der marxistischen Entwicklungskonzeption, die Auffassung von der Entwicklung als Einheit und „Kampf“ der Gegensätze, als Selbstbewegung der Materie aufgrund innerer Widersprüche. Damit wird klar, daß der Charakter von Gesetzen der Entwicklung nicht losgelöst von der Widerspruchsproblematik geklärt werden kann….

  • Wenn Marx und Engels im „Manifest der Kommunistischen Partei“ enthüllen, daß die Bourgeoisie mit der Durchsetzung ihrer Klasseninteressen gleichzeitig die Bedingungen für ihren eigenen Untergang schafft, wird die Widersprüchlichkeit dieses Entwicklungsprozesses deutlich, denn in der Wechselwirkung dieser Gegensätzlichkeiten realisiert sich eine objektive Gesetzmäßigkeit und die Beseitigung ihrer Bedingungen, was natürlich nichts anderes ist, als die Einheit von Verwirklichung und Aufhebung.
  • Noch deutlicher wird dies in der Marxschen Analyse des Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate in der kapitalistischen Produktion, denn aus einer Ursache (Steigerung der Arbeitsproduktivität) folgt einerseits die Senkung der Profitrate und andererseits die Zunahme der absoluten Profitmasse. Der ständige Konflikt zwischen Mittel (Entwicklung der Produktivkräfte) und Zweck (Profitsteigerung) ist in den Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise nicht lösbar und führt notwendig zur Überwindung ihrer Bedingungen.

So besteht also die Besonderheit der wissenschaftlichen Gesetze der Entwicklung in der Erfassung der Veränderung der Bedingungen. Nicht das Resultat, sondern der Prozeß, seine Widersprüchlichkeit stehen im Mittelpunkt. Natürlich basiert das auf bestimmten Bedingungen, und so beziehen wir die allgemeine Aussage, daß Gesetze allgemein-notwendige und wesentliche Zusammenhänge zwischen Bedingungen und Folgen sind, voll ein, konkretisieren jedoch die Spezifik der Gesetze der Entwicklung: Unter bestimmten Bedingungen in Wechselwirkung tretende Gegensätze führen mit ihrer Entfaltung zur Aufhebung der Ausgangsbedingungen. Davon ausgehend können wir schlußfolgern: Der dialektisch-materialistische Gesetzesbegriff läßt sich für Gesetze der Entwicklung präzisieren, indem der Zusammenhang als Widerspruch bestimmt wird. Anders gesagt: Gesetze der Entwicklung bringen die für eine bestimmte Entwicklungsetappe allgemeinen, notwendigen und wesentlichen Widersprüche zum Ausdruck.

Gesetze und ihre Wirkungsbedingungen

An dieser Stelle macht es sich erforderlich, einen weiteren grundlegenden Aspekt der dialektisch-materialistischen Gesetzesauffassung zu erörtern. Die Voraussetzung für die Existenz von Gesetzen, nämlich das Vorhandensein bestimmter Bedingungen, ist nicht von vornherein gegeben. Zwar kann man in bestimmten Einzelwissenschaften (wie zum Beispiel in der Geologie) bei der Formulierung von Gesetzen die Existenz entsprechender Bedingungen über extrem lange Zeiträume voraussetzen (was unter anderem die Anwendung des Prinzips des Aktualismus ermöglichte, das heißt die Annahme, Gesetze der erdgeschichtlichen Entwicklung existieren unveränderlich in Vergangenheit und Gegenwart), doch die auch noch von Holbach vertretene metaphysische Auffassung, wonach Gesetze, wie die Natur überhaupt, als ewig und unwandelbar angesehen werden, wird dadurch nicht bestätigt.

Sind Gesetze ewig und unveränderlich?

Ursache für diese Auffassung war die Verabsolutierung des, wie Lenin sagte, „Dauerhaften (Bleibenden)“ in den Erscheinungen, was entweder zur idealistischen Verselbständigung der begrifflichen Widerspiegelung objektiver Zusammenhänge oder aber, wie in den Naturwissenschaften verbreitet, zur Negierung des Entwicklungsgedankens, zur Ignorierung jedweder Veränderung in der Natur überhaupt führte.  Beides wirkte sich hemmend auf den Erkenntnisfortschritt aus und wurde übernommen, als die Erforschung von Entwicklungsprozessen in Natur und Gesellschaft in den Vordergrund rückte.  Auch wenn die Annahme einer relativen Beständigkeit, von Gesetzen, eine grundlegende Voraussetzung für die experimentelle Forschung ist (denn ohne diese Annahme, die ja nichts anderes besagt, als daß ein Gesetz ein allgemeiner, notwendiger Zusammenhang zwischen bestimmten Bedingungen und entsprechenden Folgen ist und daß immer, wenn bestimmte Bedingungen gegeben sind, bestimmte Folgen eintreten, wird jedes Experiment sinnlos), kann eine philosophische Gesetzeskonzeption sich nicht darauf beschränken.

Was ist, wenn die Bedingungen sich ändern?

Die Historizität der Gesetze, die ja eigentlich eine Historizität der Bedingungen genannt werden müßte, ist der zweite grundlegende Aspekt in diesem Zusammenhang. Die Bedingungen sind variabel, und mit ihnen ändern sich die Gesetze, sie existieren nur mit den Bedingungen und somit zeitlich begrenzt, nicht ewig. Nur aus der Veränderlichkeit der Bedingungen erklärt sich die Vereinbarkeit von Gesetz und Entwicklung, nur so konnte die dialektisch-materialistische Gesetzeskonzeption den Entwicklungsgedanken in sich aufnehmen und den Einzelwissenschaften methodologisch dienen. So wie es Marx und Engels gelang, den geschichtlichen Prozeß der gesellschaftlichen Entwicklung als gesetzmäßig zu begreifen, als naturgesetzlich, begründeten sie mit dem dialektischen Determinismus prinzipiell den historischen Charakter der Naturgesetze. [3] Gesetzmäßigkeit der Gesellschaft und Historizität der Natur werden als Einheit begriffen.

Der Entwicklungsgedanke wurde in den Naturwissenschaften zunächst noch auf der Basis der alten metaphysischen Gesetzeskonzeption begründet. Kant bezog sich in seiner Kosmologie auf ewige und unveränderliche mechanische Gesetze. Auf diesem Gebiet gewann mit der Relativitätstheorie die Auffassung von dem historischen Charakter der Naturgesetze an Einfluß. In anderen Wissenschaften fand diese Auffassung erst später ihren Eingang.
Natürlich blieb dieser Wandlungsprozeß nicht auf die Naturwissenschaften beschränkt. Ein charakteristisches Beispiel ist die Kritik Marx‘ an der bürgerlichen politischen Okonomie. Er wies nach, daß auch die bereits bekannten Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise nicht ewig und unveränderlich sind, sondern zeitweilig, nur unter bestimmten Bedingungen existieren. Damit wies er den haltlosen Anspruch der bürgerlichen politischen Ökonomie zurück begründete den historischen Charakter ökonomischer Gesetze und schuf so theoretische Voraussetzungen für die Verwirklichung der historischen Mission des Proletariats. Darüber hinaus ist dieser Gedanke von fundamentaler Bedeutung für die dialektisch-materialistische Gesetzeskonzeption, denn er hat zum Inhalt, daß der historische Charakter von Gesetzen nichts anderes als die Abhängigkeit der Gesetze von bestimmten Bedingungen ist und daß ihre zeitlich begrenzte Existenz von der Wandlung dieser Bedingungen bedingt wird.

Die Tricks der bürgerlichen Ideologen

Die Erkenntnis des historischen Charakters von Gesetzen war ein bedeutender Schritt bei der Formulierung der marxistischen Gesetzesauffassung und löste eine wichtige Frage des Verhältnisses von Gesetz und Entwicklung.  Deshalb steht auch gerade dieses Problem wiederholt im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit der modernen bürgerlichen Ideologie, die darauf abzielt, eine Entgegensetzung von Gesetz und Entwicklung zu konstruieren.

1. Der Trick mit der „Kluft“

Bereits der Neukantianismus versuchte um die Jahrhundertwende (zum 20.Jh.), mit der Gegenüberstellung von beschreibenden und Gesetzeswissenschaften die Unterschiede zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaften so zu verfälschen, daß er folgern konnte, wo Gesetze existieren, gäbe es keine Entwicklung, und, in Entwicklungsprozessen könne man keine Gesetzmäßigkeiten entdecken. Typisch für Auffassungen einiger bürgerlicher Autoren in der Gegenwart ist jedoch die ausdrückliche Zurücknahme der Gegenüberstellung von Natur- und „Geisteswissenschaften“, die durch eine „Kluft“ zwischen „Wissenschaft und Lebenspraxis“ ersetzt wird [4] … Auch wenn die Entwicklung der Einzelwissenschaften bürgerliche Ideologen zwingt, die ursprünglichen neukantianischen Begründungen für die Entgegensetzung von Gesetz und Entwicklung selbst abzulehnen (die in der wissenschaftlichen Praxis sich immer deutlicher dokumentierende Einheit der Wissenschaften veranlaßt sie sogar zu einer dementsprechenden Polemik), gelingt es ihnen naturgemäß nicht, der Klärung dieses Verhältnisses näherzukommen.

2. Der Trick mit dem „Aberglauben“

Ganz deutlich hringt Popper das zum Ausdruck; wenn er die „Lehre von der geschichtlichen Notwendigkeit“ für den „reinsten Aberglauben“ hält und meint, daß man den Lauf der Geschichte nicht rational voraussagen kann. [5]  Diese offensichtlichen Angriffe vor allem gegen den historischen Materialismus bringen unmißverständlich die gleichen bürgerlichen Klasseninteressen zum Ausdruck, die Marx bei der Enthüllung des unhistorischen Charakters der bürgerlichen Ökonomie bloßlegte. Unterschiedlich sind allerdings die Methoden. Da man nicht mehr gegen die Wissenschaft operieren kann, versucht man, ihre Ergebnisse zu verfälschen, um so die alte Entgegensetzung (entweder Gesetz oder Entwicklung) zu erhalten. Typisch dafür ist die Dreiteilung, die Frey vorschlägt, wenn er einen Bereich ewiger Naturgesetze, Entwicklungsprozesse in der Natur und die menschliche Geschichte unterscheidet. [6]

…doch alle diese Tricks funktionieren nicht!

Die erfolgreiche Verteidigung des dialektischen Materialismus hesteht vor allem in seiner Weiterentwicklung in allen Bereichen, im Aufspüren offener Probleme und im Versuch, sie schöpferisch zu lösen. Das gelingt aber nur in engster Verhindung mit den Einzelwissenschaften, die einerseits unmittelbar zu dieser Entwicklung beitragen und andererseits davon Vorteile haben. Die Frage nach Gesetzen der Entwicklung und nach der „Entwicklung der Gesetze“ ist ein Teilgebiet, wo sich im Interesse sowohl der marxistisch-leninistischen Philosophie als auch der Einzelwissenschaften diese Zusammenarbeit vertiefen kann und wird.

[1] Siehe H. J. Treder: Extragalaktische Physik – ein neues Gebiet der Grundlagenforschung. In: Einheit, 1967, Heft 9, S. 1193 ff.
[2] Karl Marx: Theorien über den Mehrwert, Erster Teil. In: Marx:l Engels: Werke, Bd. 26. 1, S.12.
[3] Siehe Friedrich Engels: Dialektik der Natur, In: Marx/Engels: Werke, Bd. 20, S.505/506,
[4] Siehe K. Schaller: Das Menschenbild des Geisteswissenschaftlers. In: Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft. Ihre Bedeutung für den Menschen von heute, (West-)Berlin 1970, S.124ff.
[5] Siehe K. R. Popper: Das Elend des Historizismus, Tübingen 1965, S. VII, XI.
[6] Siehe G. Frey: Gesetz und Entwicklung in der Natur, Hamburg 1958.

Quelle: A.Griese/H.Folgmann: Gesetz und Entwicklung in Philosophie und Einzelwissenschaften (Auszug). In: Die Gesetzmäßigkeit der sozialen Entwicklung. Ausgewählte Beiträge,  Dietz Verlag 1975, S.69-86 (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

Dieser Beitrag wurde unter Marxismus-Leninismus, marxistisch-leninistische Philosophie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Warum ist der Untergang des Kapitalismus gesetzmäßig?

  1. Pingback: Warum ist der Untergang des Kapitalismus gesetzmäßig? | rh-netz-meinungen

  2. Hanna Fleiss schreibt:

    Das wussten die alten Griechen schon: Alles verändert sich, wenn sich die Bedingungen ändern – siehe Heraklit, Demokrit. Und trotzdem gibt es immer ein Déja-vu, und die Menschheit hat das Gefühl: Es war alles schon einmal da. Dass bürgerliche Historiker die Entwicklungsgesetze der menschlichen Gesellschaft ablehnen müssen, ist vor allem von ihrem Wunsch getrieben, alles möge so bleiben, wie es ist. Und ich nehme an, sie wissen, dass diese Aussagen unwissenschaftlich sind. Aber wer außer sie versteht das, wenn er sich mit der Materie nicht beschäftigt hat? Sie schreiben für den Staat, in dem sie leben, und das ist der imperialistische Staat. Da ist ihnen das Gehalt näher als die Wissenschaft. Und das Publikum ist geneigt, einfache Erklärungen zu akzeptieren, die es auf Anhieb „versteht“, die menschliche Trägheit ist in bestimmten Epochen bestimmend. Und darauf setzt der bürgerliche Wissenschaftler.
    Die Relativitätstheorie Einsteins wird ja heute immer noch von bestimmten konservativ-bürgerlichen Wissenschaftlern als Humbug erklärt, obwohl sie im Grunde ganz einfach zu verstehen ist, wenn Logik und Phantasie zueinanderfinden.

    • sascha313 schreibt:

      Klar, Hanna. Richtig ist, daß die Menschen nur noch einfache Erklärungen akzeptieren, weil ihnen die Philosophie „zu hoch“ ist. Und sie ist ohnehin „nutzlos“ – meinen sie! Daß aber jede Weltanschauung zu einer bestimmten Haltung, zum Verhalten, zum Handeln führt, ist das fatale „Spiel“ des Lebens. Und so sind die Menschen zugleich auch Opfer ihrer Verhältnisse, wo sie doch eigentlich deren Beherrscher sein könnten…

    • “Die Relativitätstheorie befasst sich mit der Struktur von Raum und Zeit sowie mit dem Wesen der Gravitation.“ *)

      Eine solche Annahme setzt voraus, daß “Raum“ und “Zeit“ materielle Eigenschaften haben. Haben sie?

      Wenn sie diese hätten, wäre “die Relativitätstheorie ‚im Grunde‘ ganz einfach zu verstehen“. Nur, wo sind die “Beweise“?

      Licht ist materiell. Raum und Zeit aber so “immateriell“ (fiktiv, ungegenständlich, abstrakt, methapysisch), wie etwa die “Zahl 1“. Damit kann prima mit gerechnet werden, aber als solches gibt es weder Raum noch Zeit. Es sind Abstrakta.

      “Kein Objekt und keine Information kann sich schneller bewegen als das Licht im Vakuum.“ *)

      Wenn dies wahr wäre, erhebt sich die Frage, weshalb gibt es denn Objekte im Universum, die ~3,21-mal soweit entfernt sind (~45 Milliarden Lichtjahre [Radius des Universums]), wie sich das Licht bewegt haben kann (~14 Milliarden Lichtjahre)?

      Im Grunde ist nur eines ganz einfach zu verstehen:
      Da “steckt der Wurm drin“:

      Denn wenn sich kein Objekt schneller bewegen kann als das Licht, kann das Universum keinen Radius von ~45 Milliarden Lichtjahre haben, sondern hätte — vorausgesetzt, die Annahmen und Vermutungen, die uns als Tatsachen vermarktet werden, stimmen — maximal einen Radius von ~14 Milliarden Lichtjahre.

      *) https://de.wikipedia.org/wiki/Relativit%C3%A4tstheorie

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s