Was ist gut und was ist böse? Gibt es ewige Moralgesetze?

helvetiusDie Moral ist das Bewußtsein von Gut und Böse. Doch was verstehen wir darunter? Was ist gut, und was ist böse? Wer legt das fest? Offenbar gibt es auch hier, wie bei vielen anderen Begriffen sehr unterschiedliche Auffassungen – je nachdem, welchen Standpunkt derjenige vertritt und auf wessen Seite er steht. Steht er auf der Seite der Besitzenden, auf der Seite der herrschenden Klasse, der Bourgeoisie, oder steht er auf der Seite der Unterdrückten, der Arbeiterklasse. Die Werte und Normen der Moral wurzeln in den materiellen gesellschaftlichen Verhältnissen, sie spiegeln diese wider und verändern sich mit ihnen. Sie sind also offenbar keine ewig geltenden oder von irgendeinem Gott gegebenen Gebote. Diese Ansicht vertrat auch schon der französische Philosoph Claude-Adrien Helvetius (1715-1771)

Helvetius griff die Feudalordnung und ihre Verteidiger scharf an. Als geistiger Vertreter einer aufstrebenden gesellschaftlichen Bewegung verfocht er den Gedanken von der moralischen Beurteilung der bestehenden Ordnung und, als Folge davon, den von der historischen Veränderung der Moral.

»Das moralische Universum ist in den Augen des Dummen in einem stetigen Zustand der Ruhe und Unbeweglichkeit. Er glaubt, daß alles war, ist und sein wird, wie es ist. In der Vergangenheit und in der Zukunft sieht er immer nur die Gegenwart. Beim aufgeklärten Menschen ist es anders. Die moralische Welt bietet ihm das immer veränderte Schauspiel einer fortwährenden Revolution.« [1]

Der Gedanke von der historischen Veränderung des »moralischen Universums« ist hochexplosiv. Anerkennt man die Veränderung der Moral erst einmal generell, dann sind alle Vorstellungen von »gut« und »böse« gleichfalls nicht von Ewigkeit, dann waren sie  nicht immer so wie jetzt, und dann bleiben sie es auch nicht, dann sind die Zustände, die jetzt offiziell »gut« geheißen werden, nur in beschränktem Maße »gut«, dann ist es zulässig, ja sogar erforderlich, die moralische Sanktionierung der alten Ordnung kritisch zu überprüfen und sie zu überwinden. Das heißt, die feudal-religiöse Moral zu attackieren, ihre Rolle in. der Auseinandersetzung zwischen Fortschritt und Reaktion aufzudecken und an ihre Stelle die eigene Moral zu setzen.

»Das Universum, das immer in Bewegung ist, erscheint ihm (dem aufgeklärten Menschen; W. B.) unter dem Zwang, sich unaufhörlich in neuen Formen zu reproduzieren, bis zur völligen Erschöpfung aller Kombinationen bis alles was sein kann, gewesen ist und alles Vorstellbare existiert hat.« [2]


Eckpfeiler jeder revolutionären Moral

Es ist in der Tat so, daß die Volksmassen, deren historische Aufgabe die Überwindung der jeweils überholten und die Gestaltung der neuen Gesellschaftsordnung ist, in ihrem Kampf für sich selbst neue moralische Wertungen schaffen und die Moral insgesamt zu einer neuen Qualität führen. Wer gemeinsam mit anderen eine neue Gesellschaft erkämpfen und gestalten will, von denen wird zu jeder Zeit persönlich viel erwartet. Es wird ihnen mehr abverlangt als anderen. Sie müssen vor allem selbst aktiv sein, sich für Belange des eigenen Volkes und anderer, ihnen Fernstehender, interessieren, erwärmen und für sie einsetzen können. Sie müssen, ungeachtet unvorherzusehender Risiken für die eigene Person, konsequent tun, was im Augenblick für deren Schicksal unerläßlich ist, und sie müssen für ihre Entscheidungen »geradestehen«, also die persönliche Verantwortung tragen wollen.

Nicht selten wird es erforderlich sein, das bislang übliche kritisch zu sehen, es in Frage zu stellen, öffentlich und für alle sichtbar persönlich damit zu brechen, Neues aufzufinden oder selbst hervorzubringen und es an die Stelle des Alten zu setzen. Sie werden den Mut aufbringen müssen, selbst auf neue Art zu leben. Es wird für sie auch darauf ankommen, einmal Errungenes standhaft zu verteidigen und über eine bestimmte Zeit hinweg die schwierige Lage des Schrittmachers, des Vorangehenden, durchstehen zu können. Das ist nicht jedermanns Sache. Dazu bedarf es »ganzer Kerle«.

Es gibt jedoch kein Jahrhundert in der Menschheitsgeschichte und keinen Bereich des gesellschaftlichen Lebens, in denen für die Menschheit Bedeutsames entstanden wäre ohne Persönlichkeiten, die anderen vorangingen. In der Geschichte der Menschheit geschieht nichts von selbst. Alles entspringt aus der Tätigkeit von Menschen. Nur wer persönlich eine aktive Lebensposition einnimmt, ist fähig, an historisch Bedeutsamem persönlich mitzuwirken. Deshalb schälte sich in der Moral der progressiven Kräfte, als die Menschheit aus der Finsternis des Mittelalters hervortrat und der Kampf gegen das Dunkelmännertum von ihren besten Männern und Frauen aufgenommen wurde, die Forderung nach einer aktiven Lebensposition zunehmend stärker heraus.

»Überall, wo das Volk nicht die Macht hat (und in welchem Land hat es die Macht?), ist der Anwalt des öffentlichen Wohls ein Märtyrer der Wahrheiten, die er entdeckt.« [3]

Mit diesen Worten begründet Helvetius jenen Eckpfeiler jeder revolutionären Moral, über den wir eben sprachen. Diese Forderung ergibt sich aus seiner Sicht eben deshalb als Auftrag an die Moral einer aufstrebenden sozialen Gruppe, weil die Geschichte der Menschheit nichts anderes ist als das Resultat menschlicher Tätigkeiten. Was die Menschen auch immer tun, stets zielen sie auf die Verwirklichung von Interessen ab.

»Der Mensch gehorcht immer seinem wohl- oder schlechtverstandenen Interesse. Das ist eine Wahrheit, die auf Tatsachen beruht; man verschweige sie oder spreche sie aus, das Verhalten der Menschen wird immer dasselbe sein.« [4]

[1] Claude-Adrien Helvétius: Vom Menschen, von seinen geistigen Fähigkeiten und von seiner Erziehung. Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1976, S. 505.
2] ebd., S.505.
[3] ebd, S. 424.
[4] ebd. S. 424.

Quelle:
Wolfgang Bradter: …nur zur Hälfte lebt der Mensch moralisch. Urania Verlag Leipzig-Jena-Berlin, 1979, S. 35ff.


Friedrich Engels schreibt: „Und wie die Gesellschaft sich bisher in Klassengegensätzen bewegte, so war die Moral stets eine Klassenmoral; entweder rechtfertigte sie die Herrschaft und die Interessen der herrschenden Klasse, oder aber sie vertrat, sobald die unterdrückte Klasse mächtig genug wurde, die Empörung gegen diese Herrschaft und die Zukunftsinteressen der Unterdrückten.“ (Engels: MEW, Bd,20. S.88)


 pdfimages Gibt es ewige Moralgesetze?

Siehe auch:
Über das Wesen der Moral
Kurt Gossweiler: Ist Gewalt zur verteidigung des Kommunismus unmoralisch?
Unterrichtsfach Ethik – oder: Gezielte Verblödung?

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13 Antworten zu Was ist gut und was ist böse? Gibt es ewige Moralgesetze?

  1. Ja, diese absurden religiösen Vorstellungen von »gut« und »böse«, die in unserer Schuldkultur zudem auf dem IRREN WAHN beruhen, dass “der Mensch ein Böses-Sein ist“ muss überwunden werden, da sonst eh die Forderung von Karl Marx nicht erfüllt werden kann, den Zustand, der der Illusion bedarf, aufzugeben, was natürlich nicht passiert, wenn man seine Finger nicht vom Opium des Volkes lässt!

  2. Vorfinder schreibt:

    Habe just diesen Artikel heute mit einem Religionslehrer diskutiert. Kam mir gerade recht, Danke Sascha🙂 Der Lehrer sagte darauf „gut das der Engels in unseren Schulen quasi nicht mehr vorkommt, sonst hätte ich es noch schwerer“. Die Angst sitzt da also noch immer. Jene „Pädagogen“ aber tun alles, die Schüler nicht drauf kommen zu lassen, dass jede Religion eine Irreführung ist. – Der eine oder andere Schüler liest aber vielleicht solchen Artikel wie diesen hier …

    • sascha313 schreibt:

      Danke, Vorfinder, für die interessante Bestätigung:
      die Religionslehrer lügen! Es ist nicht so, daß sie irren oder das glauben, was sie erzählen! Nein, sie LÜGEN! Sie belügen die ihnen anvertrauten Kinder!!! Liebe Eltern, klärt Eure Kinder auf!!!

      • “Eine Lüge ist eine Aussage, von der der Sender (Lügner) weiß oder vermutet, dass sie unwahr ist, und die mit der Absicht geäußert wird, dass der oder die Empfänger sie trotzdem glauben oder auch „die (auch nonverbale) Kommunikation einer subjektiven Unwahrheit mit dem Ziel, im Gegenüber einen falschen Eindruck hervorzurufen oder aufrecht zu erhalten.“

        Lügen dienen dazu, einen Vorteil zu erlangen, zum Beispiel um einen Fehler oder eine verbotene Handlung zu verdecken und so Kritik oder Strafe zu entgehen. Gelogen wird auch aus Höflichkeit, aus Scham, aus Angst, Furcht, Unsicherheit oder Not („Notlüge“), um die Pläne des Gegenübers zu vereiteln oder zum Schutz der eigenen Person, anderer Personen oder Interessen (z.B. Privatsphäre, Intimsphäre, wirtschaftliche Interessen), zwanghaft/pathologisch oder zum Spaß.

        Wer, von welchem irren Wahn auch immer, in seinem ‚Denken‘ abgerichtet und dressiert wurde, hält die Irrtümer, die sich aus einem solchen Wahn zwangsweise ergeben müssen, für wahr; die meisten glauben, was sie erzählen. Meist sogar dann noch, wenn ihnen der Irrtum bewiesen wird.

        Die Metapher “Opium des Volkes“ deutet doch schon an, dass Menschen in einer Art Bewusstseins-Betäubung “im Zustand, der der Illusion bedarf“, also “in der Höhle des Herrn Plato“ zubringen, in der sie “denken“ müssen, dass “das Licht die Schatten wirft“ …

        [… oder mein Beispiel von gestern, dass der größte Radius, den das Universum gemäß der ‚konstanten‘ Lichtgeschwindigkeit haben kann, ~ 14 Mrd. Lj. betragen kann und daher keine Objekte in ~45 Mrd. Lj. angenommen werden dürften. Trotz dieses offenkundigen Widerspruchs wird dieser Irrtum geglaubt, also für wahr gehalten und entsprechend verbreitet und gelehrt.]

    • annatorus schreibt:

      „Was ein Theologe als wahr empfindet, daß muß falsch sein: man hat daran beinahe ein Kriterium der Wahrheit.“ (NIetzsche, Götzendämmerung)
      (Überhaupt lohnt es sich zum Thema Moral, insbesondere der christlichen Moral, Nietzsche zu lesen.)
      Man sollte sich wirklich fragen: Wieso muss, was moralisch ist, erst gepredigt werden? Wieso wissen Priester und andere Dogmatiker besser, was richtig ist? Woher wissen sie es? Von Gott? Und wieso hat er gerade sie ausgewählt? Weil sie es behaupten?
      Ich denke, es gibt universale moralische Werte, aber diese sind so selbstverständlich, dass sie eben eigentlich gar nicht gelehrt werden müssten. Werte, die sich zB mit den Begriffen Menschlichkeit, Gutmütigkeit beschreiben, aber nicht völlig ausdrücken lassen.
      Eine wahre Moral muss nicht gelernt werden. Eine falsche Moral muss aber als solche erkannt und verlernt werden.

  3. sascha313 schreibt:

    Ist schon klar, was der Unterschied zwischen Lüge und Irrtum ist. Die leben wirklich in einer anderen Welt.

    • Da ich den Wahn der Religion(en) kennengerlernt und in ihm „gelebt“ habe:
      Solche Menschen „glauben“ echt, was sie erzählen … und daß selbst aus den einfachsten Wahrheiten *ein Geschäft der Lüge gemacht wird* beklagte schon der (immer noch) mißverstandene Saulus aus Tarsus…

      Ja, solche Menschen leben tatsächlich – wie Karl Marx 1844 veröffentlichte – „im Zustand, der der Illusion bedarf“
      was ich nur auf eine „kulturell-religiöse“ Abrichtung und Dressur zurückführen kann, denn *irgendeine* „Gottheit“ hat ihnen diese Form der Besinnungslosigkeit ja nicht antuen können!!!

      … ich möchte nur noch erwähnen, dass es für einen Menschen sehr schwer ist, sich aus einer derartigen „Sozialisation“, wie die Dressur und Abrichtung euphemistisch genannt wird, Selber zu befreien:
      mir nur über meinen eigenen Zustand, der der Illusion bedurfte, grundsätzlich klar zu werden, hat mich von 2009 bis 2015 gebraucht … und ich denke nicht, dass ich schon alle verhärtete Kacke aus meinem Gehirn gelöst habe und mein Hirn von allem Wahn gereinigt habe!

  4. Ella Kirchner schreibt:

    Sie diskutieren so frei und selbstbewusst, weil Sie wohlhabend sind und evtl. fest auf eigenen Beinen stehen. Ich würde Sie hören wollen, wenn sie ohne Arbeit, ohne Geld, ohne Mut da stehen, und nicht wissen, wie Sie das Ihren Kindern erklären. Ob Sie nicht auf Gott zurückgreifen?

    • sascha313 schreibt:

      Tut mir leid, liebe Ella, wenn ich Ihren Kommentar übersehen habe. Das war keine Absicht. Aber ich kann Sie gut verstehen – diejenigen, die sich heute als „wohlhabend“ sehen (und damit sind keineswegs die Super-Reichen gemeint!), das sind vorwiegend jüngere Leute, die z.B. von ihren Eltern die Firma geerbt haben, die „jung und dynamisch“ gerade erst im Beruf angefangen haben. Da kriegt bspw. eine 18jährige bereits 650 € Lehrlingsgeld. Na, super! Wofür eigentlich? Und Millionen Rentner in diesem Land müssen, wenn die Miete abgezogen ist, mit 200-400 Euro über die Runden kommen. Das sind Tatsachen. Und das steht in keiner Zeitung! Die Erwerbslosigkeit raubt den Menschen nicht nur das Geld, sondern auch noch den Mut. Wir wissen aber auch, daß da ein Gott nicht hilft! Die herrschende Klasse hat fast alle Machtmittel in der Hand. Doch solange sich die Arbeiterklasse nicht wehrt, wird es in diesem Land kaum eine Änderung geben…

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