Die „Arbeiterfrage“ vor einem Jahrhundert

volkskalenderDrei Jahre nach der Befreiung des deutschen Volkes vom Hitlerfaschismus durch die Sowjetunion hatte man alle Mühe, dem Volk den braunen Ungeist der Nazizeit auszutreiben und die Werktätigen in eine helle, zukunftsfrohe neue Zeit zu führen. Nicht wenige hatten die Nase voll vom Krieg und wollten nichts anderes als in Frieden leben. Es war das Verdienst der Kommunisten und Aktivisten der ersten Stunde, daß sie die Menschen aufrüttelten aus ihrer Passivität und es gelang, sie zum Neuaufbau einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung zu bewegen. „Zeit im Bild“, die neue „Große Illustrierte“, wie sie allgemein genannt wurde, erschien 1946 zum ersten Male. Im Zuge des Neuaufbaus des Zeitschriftenwesens in der DDR errang sie sich schnell einen vielbeachteten Platz. Die Zahl der Leser, Freunde, Mitarbeiter  und Korrespondenten vermehrte sich nach jeder neu erschienen Nummer. Zur Jahreswende 1946/47 überraschte der Verlag mit einem Volkskalender. Daraus ist der folgende Text (leicht bearbeitet) übernommen. 

Als im Jahre 1848 das Kommunistische Manifest die „Anschauungsweise, Zwecke und Tendenzen der Kommunisten dem Märchen vom Gespenst des Kommunismus entgegenstellte“, erschien die zweite Auflage der „Grundsätze, der politischen Ökonomie nebst einigen Anwendungen derselben auf die Gesellschaftswissenschaft“ von John Stuart Mills. Ein Kapitel dieses damals vielbeachteten Buches beschäftigt sich mit der Arbeiterfrage. Dort wird folgende Theorie zitiert:

„Das Los der Armen soll in Dingen, welche ihre Gesamtheit betreffen, für sie, nicht durch sie reguliert werden. Sie sollen nicht aufgefordert noch ermuntert werden, für sich selbst zu denken, noch soll ihrem eigenen Nachdenken oder Vorbedacht eine gewichtige Stimme bei der Entscheidung ihres Schicksals eingeräumt werden.
Es soll die Pflicht der höheren Stände sein, für sie zu denken und die Verantwortlichkeit ihres Geschickes auf sich zu nehmen, wie dies der Anführer und die Offiziere einer Armee für die Soldaten tun. Diese Funktion gewissenhaft zu vollführen, sollen die höheren Klassen sich vorbereiten, und ihr ganzes Benehmen soll den Armen Vertrauen dazu einflößen, damit sie, während sie den ihnen vorgeschriebenen Regeln passiven und aktiven Gehorsam leisten, in allen übrigen Rücksichten sich einer vertrauensvollen Sorglosigkeit hingeben, und unter dem Schirm ihrer Beschützer ruhen können.
Das Verhältnis zwischen Reichen und Armen soll nur teilweise ein autoritätsmäßiges sein; im allgemeinen soll es freundlich, moralisch und sentimental sein liebreiche Bevormundung von der einen, achtungsvolle und dankbare Ergebenheit auf der anderen Seite. Die Reichen sollen gleichsam EIternsteIle bei den Armen vertreten und diese wie Kinder leiten und im Zaum halten. Tätigkeit aus eigenem Antriebe soll bei ihnen gar nicht vorkommen; sie sollen zu nichts angehalten werden, als ihr Tagewerk zu verrichten und dabei sittlich und religiös zu sein.
Hinsichtlich der Moral und Religion soll für sie gehörige Fürsorge von ihren Vorgesetzten getroffen werden, welche darauf zu sehen haben, daß die Armen darin gehörigen Unterricht erhalten, und im übrigen alles tun sollen, was erforderlich ist, damit diese als Entgelt für ihre Arbeit und Anhänglichkeit gehörig, ernährt, gekleidet, mit Wohnung versehen, geistlich erbauet und auf unschuldige Weise amüsiert werden.“

So dachten sich die Besitzenden die Lösung der Arbeiterfrage vor hundert Jahren. Marx und Engels zeichneten im Gegensatz zu ihnen die gesellschaftlichen Gesetze auf, die der Arbeiterschaft (der Masse der Schaffenden) den selbständigen Weg zur Weiterentwicklung und Höherführung des gesellschaftlichen Lebens vorschreiben. Man wünschte sich, diese seltsame Theorie der Bourgeoisie über das Los der Armen sei inzwischen auf der ganzen Welt zusammengebrochen. Doch weit gefehlt! Heute im Jahre 2016 sind wir wieder auf dem Stand des John Stuart Mills. Die Bourgeoisie beruft sich auch heute wieder auf derlei Theorien. Nur daß wir eben heute in der BRD Autos, Computer und Waschmaschinen besitzen, daß die Straßen und Häuser schön aussehen, daß wir beim Griechen billig essen gehen können, daß Lehrlingsentgelder zum Teil sogar höher sind als Renten und daß die Armen nicht mehr verhungern müssen, weil es Suppenküchen und Armenspeisungen  (sog. „Tafeln“) gibt. Da entsteht leicht der Eindruck, besser könnte es kaum gehen. Falsch! Ausbeutung und Unterdrückung gibt es nach wie vor. Arbeitslosigkeit und Armut, Kriminalität und Krieg gehören, genau wie damals auch, zum Wesen des Kapitalismus. Jene Gesetzmäßigkeit der Entwicklung, die erstmalig Marx und Engels nachwiesen, sehen wir jedoch in vollem Ausmaße wirksam.

Kernsätze des Kommunistischen Manifestes

  • Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.
  • Unterdrücker und Unterdrückte standen im steten Gegensatz zueinander.
  • Die aus dem Untergang der feudalen Gesellschaft hervorgegangene moderne bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung an die Stelle der alten gesetzt. Unsere Epoche zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß sie die Klassengegensätze vereinfacht hat.
  • In demselben Maße, in dem sich das Kapital entwickelt, in demselben Maße entwickelt sich das Proletariat, die Klasse der modernen Arbeiter.
  • Die Arbeit der Proletarier hat durch die Ausdehnung der Maschinerie und die Teilung der Arbeit allen selbständigen Charakter verloren.
  • Im Anfang kämpfen die einzelnen Arbeiter, dann die Arbeiter einer Fabrik, dann die Arbeiter eines Ortes usw.
  • Aber mit der Entwicklung der Industrie vermehrt sich nicht nur das Proletariat, es wird in größeren Massen zusammengedrängt, seine Kraft wächst, und es fühlt sie mehr.
  • Von Zeit zu Zeit siegen die Arbeiter – aber nur vorübergehend. Das eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter. Alle bisherigen Bewegungen waren Bewegungen von Minoritäten die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl. Mit der Entwicklung der Industrie wird unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage hinweggezogen, worauf sie produziert und sich die Produkte aneignet.
  • Sie produziert ihren eigenen Totengräber.
  • Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.

Quelle: Sächsischer Volkskalender, Sachsenverlag Dresden, 1947, S.65.

Anmerkung: Der Marxismus-Leninismus ist eine Wissenschaft. Und daher ändern sich mit den gesellschaftlichen Bedingungen auch die Beziehungen zwischen den Menschen, ändern sich die Gesetzmäßigkeiten in der Gesellschaft, ändert und entwickelt sich die Erkenntnis und das Bewußtsein der Arbeiterklasse. Will man das Wesen der konkreten historischen Situation begreifen, bedarf es der Formulierung der neu erkannten wissenschaftlichen Gesetze. Lenin schrieb, ein unerkanntes Gesetz macht „uns zu Sklaven der der ‚blinden Notwendigkeit‘. Sobald wir aber dieses Gesetz, das (wie Marx tausendmal wiederholte) unabhängig von unserem Willen und unserem Bewußtsein wirkt, erkannt haben, sind wir die Herren der Natur.“ (W.I. Lenin: Materialismus und Empiriokritizismus. In: Werke Bd.14, S.187.)

Siehe auch:
Was ist ein Kommunist?
Anarchismus oder Sozialismus?
Wenn Renegaten die Linkspartei beraten
Gelesen und kommentiert: das Kommunistische Manifest.

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