Der anständige Deutsche und das Märchen von der Entnazifizierung durch die Amerikaner

kriegsbildEin sehr ernstes Anliegen trug die alte Frau R. der „Security“ vor. Als eine Gerechte unter den Deutschen beunruhigte sie die Tatsache, daß ihr alter Bekannter, früherer Stabsleiter der NSDAP, ein Mensch also, den doch die antinazistischen amerikanischen Gesetze gewiß betreffen, mit Einwilligung und Segen der Amerikaner, die jene oben erwähnten Gesetze erlassen haben, Landrat mit Amtssitz in Amberg geworden war. Die arglose Frau R. wähnte, die armen Amerikaner wären ein Opfer ihrer eigenen Naivität geworden, und empörte sich so lange über diesen nach ihrer Meinung unerhörten Fall, bis alle ihre Nürnberger Bekannten davon erfuhren.

Einer von ihnen nicht nur ein gerechter, sondern auch ein mutiger Deutscher, konnte das nicht auf sich beruhen lassen und ging zur „Security“.
„lch möchte Ihnen folgendes zur Kenntnis bringen“, begann er.

Der diensthabende Offizier hörte den Gerechten mit der seinem Beruf geziemenden Aufmerksamkeit an, wobei er den Kaugummi mit der Zunge von rechts nach links und von links nach rechts schob.
„Okay! Stellen Sie Zeugen!“
„Was für Zeugen?“
„Zeugen, die Ihre Behauptung bestätigen.“
„Jeder in Bayreuth weiß, daß Landrat Auer und der ehemalige NS-Stabsleiter Auer ein und dieselbe Person ist.“

Der Kaugummi im Munde des Offiziers kehrte an seinen alten Platz zurück.
„Wie? Jeder in Bayreuth, behaupten Sie? Das soll wohl heißen, daß die amerikanischen Behörden in Bayreuth es auch wissen?“
„Die amerikanischen Behörden?“
„Na ja, daß sowohl die Militärpolizei als auch die ‚Security‘ und ‚CIC‘ darüber informiert sind. Das heißt also, Sie erdreisten sich nicht nur, die Verordnungen der Besatzungsbehörden zu kritisieren, sondern diese Behörden auch der Beihilfe für Nazis zu verdächtigen, nicht wahr?“

Der gerechte Deutsche erstarrte vor Schreck. Ihm zitterten die Knie, er konnte sich nur mühsam auf den Beinen halten. Aber die gute Laune des Amerikaners half ihm aus der Patsche. „Hinaus mit Ihnen!“ donnerte der Offizier.
So endete das Gespräch. Der gerechte Deutsche wagte es nie wieder, Verordnungen amerikanischer Behörden zu kritisieren.


Ein sehr leichtsinniges Ehepaar

Jawohl, diese Behörden verstehen es glänzend, ihre Autorität zu wahren. Sie behandeln übrigens längst nicht jeden Deutschen ebenso wohlwollend wie den ehemaligen Stabsleiter der NSDAP, Herrn Auer. Davon kann auch ein deutsches, demokratisches Journalistenehepaar, das als Berichterstatter dem Nürnberger Prozeß beiwohnte, ein Liedchen singen. Diese jungen Eheleute schien der Teufel geritten zu haben, zwei- oder dreimal den „dancing“ im „Grandehotel“ (nur für Amerikaner und ihre Verbündeten) zu besuchen. Dem wachsamen Auge der „Security“ konnte natürlich solch ein unerhörter Verstoß gegen das Verbot nicht entgehen. Eines schönen Morgens erschienen Polizisten in der Wohnung der leichtsinnigen Eheleute und beförderten die beiden selbstredend nach einer gründlichen Haussuchung ins Gefängnis. Nach einigen Tagen „angestrengter“ Untersuchung wurde dem Ehepaar folgendes Urteil verkündet:

„In Anbetracht der vorliegenden Umstände werden N. N. und N. N. aus der amerikanischen Besatzungszone ausgewiesen, die die Genannten binnen 24 Stunden zu verlassen haben.“

Vierundzwanzig Stunden später war das Urteil vollstreckt – die Ausweisung wurde mit einem erstaunlichen Elan betrieben.


Der arme Herr Minister Schmidt

Aber man soll nicht übertreiben. In anderen, viel bedeutenderen Fällen erwies sich der Elan dieser Art als erfundenes Märchen. Davon über­ zeugte sich vielleicht besser als mancher andere der bayerische Innenminister Schmidt. Auf ein wortreiches Versprechen der Amerikaner gestützt, erklärte er nämlich schon im Dezember vor Pressevertretern, daß im Verlauf der Entnazifizierung sämtliche faschistischen Elemente in „allernächster Zeit“ aus Bayern ausgewiesen würden, vor allem diejenigen, die, um der gerechten Strafe für ihre im Auftrag der Gestapo begangenen Morde zu entgehen, nach Bayern geflüchtet waren. Ein Monat verging, zwei Monate vergingen. Ein halbes Jahr später war das Minister Schmidt anvertraute Bayern nach wie vor ein Sammelbecken für:

  1. deutsche Industriebarone, die seinerzeit vor den anglo-amerikanischen Bomben hierher flüchteten;
  2. SS-Leute jener Divisionen, die von den verbündeten Armeen wie in eine Sackgasse hierher getrieben wurden;
  3. überlebende der aufgeriebenen SS-Division „Galizien“;
  4. überlebende der polnischen Fünften Kolonne;
  5. Polizisten, Bürgermeister und Dorfälteste, die mit ihren Chefs Koch und Lohse aus der Ukraine, Westrußland, Belorußland und den baltischen Republiken davonliefen;
  6. Leute wie Bandera und Klimatis, Agenten und Helfershelfer der „Sonderkommandos“, Pogromhelden, Plünderer und gewöhnliche Gestapoagenten;
  7. Mordbuben wie Pawelitsch und Mychailowitsch;
  8. überlebende von Wlassows Verräterarmee;
  9. ganz gewöhnliche Verräter.

Solch ein Sammelbecken ist Bayern heutigentags noch immer. Alle noch so verzweifelten Anstrengungen des Ministers Schmidt, diesen Zustand zu ändern, blieben ergebnislos; all seine Versuche, auch nur einen einzigen Faschisten aus Bayern auszuweisen, scheiterten sofort am Widerstand der amerikanischen Behörden, richtiger – an dem des amerikanischen Geheimdienstes, dieses allmächtigen. Beschützers des lebenden Gestapoinventars. Der Kampf war ungleich, und Minister Schmidt, der arme Minister Schmidt, der die Phrasen von einer Entnazifizierung ernst genommen hatte, sah sich schließlich gezwungen abzudanken …

Quelle:
Jarosław Hałan: Nürnberg 1945. Verlag Dnipro, Kiew, 1975, S.110-113.


GalanDer kommunistische Schriftsteller und Journalist Jarosław Hałan war eine der von den ukrainischen Nazis und der katholischen Kirche am meisten gehaßten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Er wurde im Alter von nur 47 Jahren im Auftrag des Vatikans von faschistischen Banditen in Lwow ermordet. Hałan war ein brillanter und scharfsinniger Publizist, ein mutiger und unerschrockener Kämpfer gegen das Unrecht in seiner galizischen Heimat. Stets offen vertrat er seine Meinung und beteiligte sich aktiv am Kampf gegen die Überreste der galizischen Nazi-Kollaborateure in der Ukrainischen Sowjetrepublik. Als Sonderkorrespondent der Zeitung „Sowjetische Ukraine“ berichtete Hałan 1946 vom Nürnberger Prozeß.

Siehe auch:
Boris Polewoj: Die Prgonosen des Jarosław Hałan
Jarosław Hałan: SPINNEN IN DER BÜCHSE
Die päpstliche Inquisition und die Ermordung des sowjetischen Schriftstellers Jarosław Hałan

 pdfimages  Das Märchen von der Entnazifizierung

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3 Antworten zu Der anständige Deutsche und das Märchen von der Entnazifizierung durch die Amerikaner

  1. Pingback: Entnazifizierung durch die Amerikaner | rh-netz-meinungen

    • sascha313 schreibt:

      Einerseits – andererseits! Das Buch liefert ganz sicher keine wissenschaftliche Erklärung für den Beginn des 2.Weltkriegs,
      und schon gar nicht für die Ursachen der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. Hier zeigt sich bei aller teils richtigen Erkenntnis der Aggressivität des deutschen Imperialismus der Antkommunismus Starikows. Starikow ist weder Historiker, noch Gesellschafts-wissenschaftler, sondern ein Wirtschaftsingenieur – und was das Beschreiben historischer Zusammenhänge betrifft – ein Autodikdakt, besser: ein Dilettant! (Auch wenn er das alles sehr publikumswirksam erklären kann.)

      Besser: Geschichte, Lehrbuch für Klasse 9, VEB Verlag Volk und Wissen Berlin (DDR), 1978, S.12-45 und S.103-160.

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