Kawi Nadshmi: Ein Flugblatt aus Baku

nadshmiIn seinem Roman „Frühlingswinde“ beschreibt der Autor Kawi Nadshmi aus eigenem Erleben den schweren Weg des tatarischen Volkes zum Sieg des Sozialismus. Es ist eine Situation, wie sie auch heute in ähnlicher Weise wieder zutrifft: Unbildung und Gleichgültigkeit, kleinlicher Streit, Armut und die zaristische Unterdrückung standen im Wege, bevor das Volk begriff, daß es die Macht selbst erobern muß, um die Ausbeuterklasse beiseite zu fegen. Nicht umsonst schrieb die Zeitung „Literaturnaja Gaseta“ am 25. Dezember 1951: „Der Roman ‚Die Frühlingswinde‘ von Kawi Nadshmi über das Entstehen und den revolutionären Kampf der Arbeiterklasse Tatarstans ist ein großer Erfolg für die tatarische Literatur. Indem er sich dieses Themas annahm, hat Kawi Nadschmi den einzig richtigen Weg gewählt, den Weg Gorkis. Es ist der Weg einer historisch richtigen Darstellung der Ereignisse und der Schaffung der für jene Zeit typischen literarischen Gestalten.“ [1]

Nach einer knappen Stunde saßen sie beim summenden Samowar. Andrei Petrowitschs Gattin, eine Frau mittleren Alters, die aber mit ihrem hellen Haar noch einen recht jugendIichen Eindruck machte, stellte einen Stapel heißer Fladen aus grauem Mehl, aber groß wie Teller, auf den Tisch, Mustafa trank ein Glas und dann noch eins, aß mit gutem Appetit und wandte sich dann an Andrej Petrowitsch mit der Frage, die ihn all diese Tage beschäftigt hatte. Statt einer Antwort zog dieser ein eben gedrucktes, noch nach Druckerschwärze riechendes Blatt aus der Tasche und begann zu lesen:

„Entzweie und herrsche – das ist die Politik der Zarenregierung! …Mit dem Blut und den Leichen der Bürger will sie ihren verächtlichen Thron festigen! Das Stöhnen der sterbenden Armenier und Tataren in Baku; die Tränen der Frauen, Mütter und Kinder; das Blut, das unschuldige BIut ehrlicher, aber unaufgeklärter Bürger; die erschreckten Gesichter der fliehenden, vor dem Tode Rettung suchenden schutzlosen Menschen; die zerstörten Häuser, die geplünderten Läden und das furchtbare, nicht verstummende Schwirren der Kugeln – das ist es, womit der Zar, der Mörder ehrlicher Bürger, seinen Thron festigt,
Jawohl, Bürger! Sie sind es, die Agenten der Zarenregierung, die unaufgeklärte Elemente unter den Tataren gegen die friedlichen Armenier gehetzt haben! Sie sind es, die Lakaien der Zarenregierung, die Waffen und Patronen an sie ausgegeben, die Polizisten und Kosaken in tatarische Kleidung gesteckt und sie gegen die Armenier losgelassen haben! Zwei Monate haben sie, die Lakaien des Zaren, diesen brudermörderischen Krieg vorbereitet – und jetzt haben sie endlich ihr barbarisches Ziel erreicht. Fluch und Tod auf das Haupt der Zarenregierung!….
Ihr Armenier, Tataren, Georgier, Russen! Reicht einander die Hände, schließt euch enger zusammen und  gebt auf die Versuche der Regierung, euch zu entzweien, die einmütige Antwort: Nieder mit der Zarenregierung! Es lebe die Brüderlichkeit der Völker!“ [2}

„Wer hat das ,geschrieben, das so zu Herzen geht?“ rief Mustafa aus, kaum daß das letzte Wort verklungen war.
„Genosse Koba … Er hat das geschrieben … Verstehst du nun, worum es geht?“
„Alles verstehe ich. Doch diese Worte müssen nicht nur die russischen Genossen hören, sondern auch die Tataren …Gib mir das Blatt! Ich sehe schon, heute komme ich nicht zum  Ausruhen!“…

Quelle: Kawi Nadshmi: Frühlingswinde. Paul List Verlag Leipzig, 1955, S.121f.

[1] „Literaturnaja Gaseta“ am 25. Dezember 1951
[2] vgl. J.W. Stalin: Werke Bd.1, Dietz Verlag 1953, S.71/72.

Man ersetze das Wort „Zarenregierung“ durch USA oder NATO, die Worte „Tataren, Armenier usw.“ durch Syrien und „Baku“ durch Aleppo, dann wird deutlich, wie aktuell der Aufruf Stalins ist.
kawi-nadshmi

Kawi Nadshmi (1901-1957)

Der tatarisch-sowjetische Schriftsteller Kawi Nadshmi wurde im Dezember 1901 in dem kleinen Dörfchen Krasny Ostrow im Gebiet Nishny Nowgorod in der Familie eines einfachen Bauern geboren. Schon mit 12 Jahren mußte er zuerst auf dm Guthof eines Großbauern und dann in der Fabrik arbeiten, um zum Lebensunterhalt der Famile beizutragen. Nach seinem Schulabschluß kämpfte Kawi Nadshmi als Rotarmist im Bürgerkrieg gegen die ukrainischen Machno-Banditen, war danach Lehrer und Redakteur. 1919 wurde er in die Reihen der Allunions-KP (B) aufgenommen und nahm in der Ukraine an den Kämpfen gegen die Konterrevolution teil. Kawi Nadshmi übersetzte zahlreiche Werke von Puschkin, Tolstoj, Gorki und Lermontow ins Tatarische. 1934 wurde er zum ersten Vorsitzenden des Tatarischen Schriftstellerverbandes gewählt. Dann begann für ihn eine schlimme Zeit. Unter falschen Anschuldigungen kam er 1937 ins Gefängnis und wurde erst 1940 wieder freigelassen. Auch danach setzte er sich wieder für sein tatarisches Volk ein und unterstützte seine Landsleute im Kampf gegen den deutschen Faschismus. Für seine Verdienste um die tatarische Literatur erhielt Kawi Nadshmi den Stalinpreis und den Rotbannerorden. Sein Roman „Frühlingswinde“ erschien 1948. Kawi Nadshmi starb 1957 in Kasan.

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