Rennfahrer Manfred von Brauchitsch: „Ohne Kampf kein Sieg!“ (Ein Denkmal für einen aufrechten Antifaschisten.)

mvbrauchitschDas Motto seines im Jahre 1967 in der DDR erschienenen Buches „Ohne Kampf kein Sieg!“ sollten sich vor allem diejenigen hinter die Ohren schreiben, die heute immer noch von einer Verschönerung des Kapitalismus, einer (erneuten?) „friedlichen Revolution“ träumen. Darunter auch jene Herren Professoren, die von einer „Wirtschaftsdemokratie“ und dergleichen Unsinn schwatzen. Noch niemals hat sich in der Geschichte der Menschheit der Fortschritt von allein durchgesetzt. Immer war das Erscheinen einer neuen Gesellschaftsordnung mit Kämpfen verbunden. Das hatte auch  der weltberühmte Rennfahrer Manfred von Brauchitsch erkannt, der aufgrund seiner adligen Abstammung auch Zugang zu führenden Kreisen der Nazis hatte. Er geriet sehr bald in Widerspruch zur verbrecherischen Politik der Nazis. Als er in Westdeutschland begann, seine antifaschistische Haltung öffentlich kundzutun, sah er sich wüsten Beschimpfungen und Verfolgungen ausgesetzt Unter verleumderischen Anschuldigungen wurde er schließlich inhaftiert. 1954 kehrte der BRD den Rücken und flüchtete in die DDR. Manfred von Brauchtitsch hat später nie einen Hehl aus seiner Hochachtung für den sozialistischen Aufbau in der DDR gemacht. Sein Buch ist ein Appell an den Mut aller Menschen, auch die Auseinandersetzung mit diesem kapitalistischen Ausbeutersystem nicht zu scheuen

Ein Sportler und Kämpfer mit Leib und Seele…

Im Vorwort zu seinem Buch erklärte Manfred von Brauchitsch:

Es gibt geteilte Meinungen über Rennfahrer. Die einen bewundern sie ob ihres Mutes und ihrer Leistungen, die anderen verurteilen ihren Sport als sinnlose Raserei. … Dieses Buch soll ein Bekenntnis zum Mut im Leben sein. Ich habe als Rennfahrer viel gewagt, mehr als einmal mein Leben aufs Spiel gesetzt und habe auch lange geglaubt, daß ich nur am Volant echten Mut unter Beweis stellen könnte.

Erst als ich den großen Rennbahnen unserer Tage den Rücken gekehrt hatte, wurde mir klar, daß das Leben von jedem in jeder Stunde Mut fordert. Ich habe Siege errungen, die Aufsehen erregten, weil niemand mit ihnen gerechnet hatte. Ich fuhr oft nicht den schnellsten Wagen, doch wagte ich mehr als die anderen. Dadurch wurde ich berühmt. Auch wo mir greifbare Siege durch widrige Umstände entglitten, flochten mir Förderer und Verehrer noch Kränze des Lobes und der Anerkennung. Meine Welt hob mich als ein Glückskind, ein Sonntagskind des Lebens empor. Ich wurde berühmt und reich.

Lange Zeit konnte ich mir kaum vorstellen, daß sich mein Leben ändern würde. Aber diese Welt, die mich auf die Höhe des Ruhmes stellte, lobt den Mut ihrer Bürger nicht immer und überall. Solange ich Rennwagen zum Sieg steuerte, fand man, daß ich es für Deutschlands Größe tat, und so war ich für alle – wenn auch ein wenig Außenseiter – völlig in Ordnung.

Als ich mich für Deutschlands Jugend in bitterer Stunde einsetzte, fand meine Welt das absolut nicht in Ordnung. Trotzdem ließ ich mich nicht beirren. Wer viele mörderische Kämpfe auf den gefährlichsten Rennstrecken der Welt überlebt hat, glaubt einen Anspruch darauf zu haben, sein Leben hinterher nicht wegwerfen zu müssen. Dieses Buch ist das Buch meines Lebens. Geschrieben nicht aus Eitelkeit, sondern als ein Appell an den Mut aller Menschen, an den Mut, der eine gute, gerechte und menschliche Sache verteidigt und zum Siege führt. (Seite 5)

Erfahrungen mit dem Faschismus

Seine Welt des deutschen Adels war bisher wenig von den Sorgen der Arbeiterklasse belastet. Noch hatte er die wüsten Mordorgien der Nazis miterlebt. Doch als denkender Mensch mußte er sich immer mehr an den krassen Widersprüchen dieser vom Kapitalismus bestimmten Welt stoßen. Er erkannte, daß Ehrlichkeit und Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Frieden in einem solchen System keinen Platz und erst recht keine Zukunft haben. Doch wie kam der Rennfahrer Manfred von Brauchitsch zu dieser Einstellung? Er schreibt:

Ich wußte, wie man einen Rennwagen bei strömendem Regen durch eine Haarnadelkurve steuert, und hätte das zur Not auch bei nächtlicher Finsternis bewältigt. Ich hatte eine recht harte Ausbildung als Offiziersschüler hinter mir, hatte Vorlesungen über den großen Strategen von Clausewitz und Erkenntnisse aus dem ersten Weltkriege gehört. In der Welt der großen Geschäfte aber war ich immer nur staunender Zaungast gewesen. Nun wurde ich täglich mit ihr konfrontiert, und mein Chef zauderte nie, mir aus seiner Laufbahn manches zu erzählen, was er nie einem Journalisten mitgeteilt hätte.

Der Krieg verlor für mich viele von den Vorstellungen, die ich bis dahin mit ihm verbunden hatte. Die Brauchitschs waren immer Offiziere gewesen. Sie hatten für den Kaiser gekämpft und kämpften jetzt für Hitler. Ob sie je verstanden hatten, daß sie weder für den Kaiser noch für Hitler gekämpft hatten? Ich erfuhr nach und nach immer mehr Einzelheiten darüber, wie die deutsche Rüstungsindustrie schon im ersten Weltkrieg Geld gescheffelt hatte. Auch jetzt finanzierten ihre Kapitäne Hitler mit der sicheren Aussicht, daß jede investierte Mark doppelt und dreifach durch Großaufträge wieder in ihre Taschen, zurückfließen würde.

Während der Vorbereitungszeit zum zweiten Weltkrieg, also während der Aufrüstung, war viel amerikanisches Kapital nach Deutschland eingeflossen, womit der Industrie direkt unter die Arme gegriffen wurde. Auch Koppenberg [sein damaliger Chef, der Vorstandsvorsitzende der Junkers Flugzeug- und Motorenwerke, N.G.] hatte in diesen Jahren für sein Unternehmen von einer amerikanischen Privatbank einen Millionenkredit erhalten, genau wie die Vereinigten Stahlwerke, Gelsenkirchener Bergwerks-AG, die Ruhr-Chemie, die Thyssen-Hütte, um von Krupp und Hugo Stinnes gar nicht zu reden. (Seite 152f.)

Wer bezahlte die Nazis und half dem Monopolkapital?

Natürlich haben vor allem die USA den deutschen Faschismus unterstützt. Auch wenn sie sich aufgrund der moralischen und militärischen Überlegenheit der Sowjetunion gezwungen sahen, irgendwann – viel später – als der Untergang der Nazis schon besiegelt war, in die Antihitlerkoaltition einzusteigen. Für Brauchitsch kam der Untergang der Nazis nicht überraschend…

Unsere Rennfahrerfamilie hatte also das Hitlerinferno lebend überstanden, und jeder versuchte auf seine Weise, mit der Gegenwart und Zukunft fertig zu werden. Zu meiner Verwunderung mußte ich feststellen, daß mir die alten Generaldirektoren und Direktoren, die schon vor dem Krieg in Amt und Würden waren, als wäre nichts gewesen, begegneten. Sie kamen mir freundlich entgegen, aber meine Fragen nach einer Rennfahrerzukunft überhörten sie geflissentlich. Man freute sich über das Wiedersehen, wußte aber nichts mit mir anzufangen. Die Zeit war noch nicht reif, um schon wieder geschäftliches Interesse an Rittern des Volants zu nehmen. Bei diesen Unterhaltungen hatte ich oft den Eindruck, als wäre die Zeit stehengeblieben.

Herren der Industrie, die ich gestern noch in Karinhall getroffen hatte, wie sie um ihre Produktion und ihren Gewinn gekämpft hatten, wurden von den westlichen Besatzungsmächten mit Glacehandschuhen angefaßt. Ja, selbst die Zerstörung ihrer Fabriken im Kriege schien ihnen noch gelegen zu kommen. Mit einem Schlag waren die teilweise veralteten Werke beseitigt worden, man sparte das Geld für die Abrißarbeiten und konnte nach dem Krieg mit Krediten der USA eine neue, hochmoderne Industrie aufbauen. (Seite 179)

Stockholmer Appell für Frieden und Abrüstung

Nach seiner Rückkehr 1950 aus Argentinien, wo er zu seiner Überraschung viele ehemalige Nazigrößen, SS- und Wehrmachtsoffiziere antraf, die sich aufführten, als habe es diesen furchtbaren Krieg und die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht nie gegeben, faßte er den Entschluß, sein Leben zu ändern. Dann geschah folgendes:

Eines Tages klingelte ein Mann an unserer Gartentür, der behauptete, mich aus der Zeit zu kennen, da ich Motorradrennen veranstaltet hatte. Ich glaubte, mich auch an ihn erinnern zu können und fragte ihn, was ihn zu mir führe. Er legte einen Zettel auf den Tisch, der die Überschrift „Stockholmer Appell“ trug. Ich las ihn Wort für Wort genau durch:

„Wir fordern das absolute Verbot der Atomwaffen als einer Waffe des Schreckens und der Massenvernichtung der Bevölkerung. Wir fordern die Errichtung einer strengen internationalen Kontrolle, um die Durchführung zu sichern. Wir sind der Ansicht, daß die Regierung, die als erste die Atomwaffe gegen irgendein Land benutzt, ein Verbrechen gegen die Menschheit begeht und als Kriegsverbrecher zu betrachten ist. Wir rufen alle Menschen der Welt, die guten Willens sind, auf, diesen Appell zu unterschreiben. Stockholm, den 19. März 1950.“ (Seite 189)

Begegnung mit einem dummen Menschen

Offensichtlich hatte das schon am nächsten Tag in der Zeitung gestanden, denn nur wenige Tage später pöbelte ihn auf der Straße ein Mann an: „Sie halten’s wohl neuerdings mit den Roten, hä?“ Und weiter schreibt Brauchitsch in seinem Buch:

Das war ein Ereignis für den im „Eisernen Buch deutschen Adels deutscher Art“ eingetragenen Manfred von Brauchitsch. Und weil mir diese bornierte wie dreiste Art zuwider war, fragte ich nicht sehr höflich: „Sind Sie dafür, daß morgen eine Atombombe über dem Starnberger See krepiert?“

„Daran werden Sie nichts ändern können, und die Kommunisten schon gar nicht. Es ist nur traurig, daß Sie sich für solche Propaganda hergeben.“

Ich beschloß, ihn nicht einfach stehenzulassen. wie ich es am liebsten getan hätte. Ich fragte ihn: „Nehmen wir mal an, die Kommunisten haben diesen Appell verfaßt. verteilt und laufen jetzt herum, um Unterschriften zu sammeln. Das tun sie doch nicht, um mit diesen Stimmen eine Wahl zu gewinnen oder Geld zu verdienen. Sie verfolgen mit diesem Aufruf – nach meiner Ansicht – ein sehr humanes Ziel.“

„Aber sie versuchen uns weiszumachen, es ließe sich gegen die Bombe etwas unternehmen.“

„Wer versucht, diesen Eindruck zu erwecken, ist mir lieber als einer, der überhaupt nichts dagegen unternimmt. Und im übrigen weiß ich nicht, ob Sie es zum Beispiel ablehnen würden, sich gegen Tbc behandeln zu lassen, nur weil der Arzt zufällig ein Kommunist ist.“

Weil er mir nicht folgen konnte oder wollte, trennten wir uns wortlos. …

Alle vernünftigen Menschen sind gegen den Krieg und erst recht gegen einen Atomkrieg, also vertreten diese „Roten“ ein menschliches Anliegen und sind sehr verständige Leute. Diese Überlegungen brachten mich mehr und mehr auf eine Linie, die quer zur bürgerlichen Duckmäuserei verlief. (Seite 190f.)

Eine Einladung in die DDR

Kurz darauf erhielt Manfred von Brauchitsch eine Einladung zu den Wintersportmeisterschaften in Oberhof. Damit sollte sich sein Leben gründlich verändern. Wenngleich er mit großer Skepsis dieser Einladung gefolgt war, so stellte sich doch bald heraus, daß das Leben in der DDR in anderen Bahnen verlief als im nach-faschistischen Westdeutschland, wo die Ratten wieder aus ihren Löchern gekrochen waren.

Als sich der westdeutsche Schlagbaum hinter uns schloß, konnten wir unsere Unruhe nur mit Mühe verbergen. Wir rollten durch das „Niemandsland“ und hielten schließlich vor dem anderen Schlagbaum. Die Soldaten waren mir nicht sonderlich sympathisch, ihre Blicke in die Ausweise waren mehr als kritisch. Die ersten Dörfer, die aus dem Schnee auftauchten, waren grau und gaben den Zeitungen recht, die diese Farbe als bestimmende „für die Zone“ deklariert hatten. Aber ich dachte keine Sekunde daran, deswegen umzukehren. Graue Dörfer waren mir nicht Beweis genug für den Geist in diesem Teil Deutschlands. So kamen wir nach Oberhof. Ein träumerisch verschneiter Ort mit unendlich vielen Menschen, die mich in ihrer geschäftigen Betriebsamkeit nicht ahnen ließen, daß sie vielleicht gerade ihren Urlaub verlebten. Ich wollte wissen, wohin ich mich zu wenden habe. Man empfahl als sichersten Punkt das „Org.büro“.

Ich fand mich am Ende einer Schlange geduldig wartender junger Menschen wieder, die für westdeutsche Begriffe nicht gerade „schick“ gekleidet waren. Schließlich erkundigte sich ein junges Mädchen nach meinen Wünschen, und zwar so unvermittelt und formlos, daß ich erschrocken war: „Wo willst du hin?“ Ich reichte die Einladung über den Tisch und erhielt zur Antwort, daß ich mich beim Pförtner eines Heimes melden sollte, dessen Namen ich mir mit „Stroganoff“ merkte, das aber in Wirklichkeit „Stachanow“ hieß. Das pikante Fleischgericht, das nach dem russischen Fürsten Stroganoff benannt wurde, kannte ich. Wer „Stachanow“ ist, hätte ich nicht zu erraten vermocht.

Vor allem war ich entsetzt über das vertrauliche „Du“ des Mädchens hinter dem Tisch. Hier schien jeder wirklich nur ein „Du“ zu sein. Meiner Mutter hätte es die Sprache verschlagen, wenn ich ihr das erzählt hätte. Und die Starnberger Unken lachten sich ins Fäustchen, wenn ich ihnen das berichten würde. „Haben wir’s nicht gleich gesagt? Du wolltest ja nicht auf uns hören. Geschieht dir ganz recht!“ (Seite 197f.)

Kurzum: Manfred von Brauchitsch kehrte später wieder in die DDR zurück, denn die westdeutsche Justiz, die durchsetzt war von Nazijuristen, verfolgte den berühmten Rennfahrer und warf ihn wegen „Hochverrats, Staatsgefährdung und Geheimbündelei“ ins Gefängnis. Das war mehr als ein Grund, dieses von Nazis durchsetzte Land zu verlassen und in die DDR zu übersiedeln. Und so blieb der weltberühmte Motorsportler und Kämpfer für den Frieden in der sozialistischen DDR und wohnte bis zu seinem Lebensende im Jahre 2003 im thüringischen Gräfenwarth – nicht weit vom Schleizer Dreieck entfernt, einer Rennstrecke, wo bis zum Ende der DDR alljährlich große Rennveranstaltungen stattfanden.


Im Nachwort dazu schreibt Albrecht Börner.

„Ohne Kampf kein Sieg!“ ist das Buch eines bekannten Rennfahrers, aber es ist kein Sportbuch. … Das Buch ist eine Option für den ersten deutschen Friedensstaat, die Deutsche Demokratische Republik.

Quelle: Manfred von Brauchitsch: Ohne Kampf keine Sieg. Verlag der Nation, Berlin, 1967.


 

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