Jarosław Hałan: „Am Boden“

halan

Jarosław Hałan
(1902-1949)

Der kommunistische Schriftsteller und Journalist Jarosław Hałan war eine der von den ukrainischen Nazis und der katholischen Kirche am meisten gehaßten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Er wurde im Alter von nur 47 Jahren im Auftrag des Vatikans von faschistischen Banditen in Lwow ermordet. Hałan war ein brillanter und scharfsinniger Publizist, ein mutiger und unerschrockener Kämpfer gegen das Unrecht in seiner galizischen Heimat. Stets offen vertrat er seine Meinung und beteiligte sich aktiv am Kampf gegen die Überreste der galizischen Nazi-Kollaborateure in der Ukrainischen Sowjetrepublik. Als Sonderkorrespondent der Zeitung „Sowjetische Ukraine“ berichtete Hałan 1946 vom Nürnberger Prozeß. Im folgenden Beitrag beschreibt er den Zustand der Deutschen nach der Zerschlagung des Faschismus durch die heldenhafte Sowjetarmee und der Führung Stalins. Dieser Zustand der geistigen Verwahrlosung und Verblödung ist auf andere Art auch heute noch typisch für ein Volk, das fast widerstandslos durch die Monopolbourgeoisie beherrscht wird…

Imperialistischer Größenwahnsinn

Das Internationale Militärgericht beginnt mit der Behandlung der Dokumente, die Hitlers vertragsbrüchigen Überfall auf die Sowjetunion enthüllen. Diesen Überfall hat Hitler in allen Einzelheiten viele Monate vor dem Beginn der militärischen Operationen an der Ostfront vorbereitet. In der Beratung der Generale, die sechseinhalb Monate vor dem räuberischen Einmarsch der Hitlerarmee in unser Heimatland stattfand, erklärte Hitler, die Aufgabe bestehe darin, die Rote Armee zu vernichten und die sowjetische Industrie mit Hilfe der Luftwaffe zu zerstören; für diese Operation würden 130-140 Divisionen genügen.

Ein verblödetes Volk folgt willig seinem „Führer“

Es stellte sich jedoch heraus, daß sogar 257 Divisionen nicht imstande waren, Hitler die Lösung dieser Aufgabe zu ermöglichen. Das endgültige Finale dieses blutigen Abenteuers spielt sich nun im Gerichtssaal vor dem Gerichtshof der vereinigten Völker ab. Die Geschichte der Menschheit kennt bisher kein derartiges abscheuliches Gemisch von Heimtücke und Stumpfsinn, Sentimentalität und Blutgier, Größenwahn und Feigheit, Heuchelei und Zynismus, Dünkel und verblüffender Unwissenheit, Pose und Nichtswürdigkeit in ein und derselben Person, wie es sich in Hitler verkörpert hat. Hitler war nicht nur die Karikatur eines Staatschefs, er war auch eine Karikatur des ganzen Begriffskomplexes „Mensch“.

Machtgierige Fieberphantasien

Die Generale, die Hitlers Reden lauschten, hielten die wilden Fieberphantasien dieses Wahnsinnigen zum Teil für Goldes wert. Ebenso reagierten auch die Krämerseelen in den Uniformen der braunen Sturmbataillone. Das immer wiederkehrende, wahnsinnig hinausgeheulte „Ich!“ störte sie nicht im geringsten. Sie wunderten sich auch gar nicht, wenn der Besessene hinausschrie, die „Vorsehung“ habe ihm dies geboten und sein Dasein sei von größter Bedeutung; niemand wisse, wie lange er, der „Führer“, noch leben werde, und man müsse sich deshalb mit dem Beginn des Krieges beeilen.

Erbarmungslos unmenschlich…

Am 22. September 1938 nickten sie bejahend und stimmten dem Geheul ihres Götzen zu, als er sagte, die Schnelligkeit, die Erbarmungslosigkeit sei Deutschlands Stärke, und es rühre ihn überhaupt nicht, was die ohnmächtige, europäische Zivilisation über ihn denke. Er habe befohlen, jeden zu erschießen, der die leiseste Kritik daran übe, daß das Ziel dieses Krieges keine Grenzverschiebungen, sondern die „physische Vernichtung des Gegners“ sei. Mit Rußland geschehe das gleiche, was er mit Polen machen werde; die kleinen Länder fürchte er nicht; die müsse man bestenfalls als Halbaffen betrachten, die die Peitsche auf ihrem Rücken spüren müssen. Das äußerte Hitler am 22. September 1938 in einer Besprechung mit seinen Generalen.

Die „Prinzipien“ der Henker

Seine „Philosophie“ vertrug sich in Wesentlichem mit der Weltanschauung vieler Generale und der seiner vielköpfigen Spießbürgerherde. Hitlers „Weisheiten“ verbreiteten sich mit der Schnelligkeit einer Pestepidemie über Deutschland und wuchsen sich aus zu den „Grundprinzipien“ des Gauleiters und bekannten Badener Henkers Robert Wagner, in denen es von Weisheiten wie der folgenden wimmelte: „Der Feind hat nie. recht; denn wenn er recht hätte, dächte er wie wir. Da er aber nicht so wie wir denkt, hat er folglich nicht recht.“

Der blind vertrauende deutsche Kleinbürger

All das schluckten die Bürger so blind vertrauend als wäre es eine Aspirintablette der Firma Bayer. Als dann aber die Katastrophe hereinbrach und der Bürger so wie noch nie aufs Haupt geschlagen wurde, konnten nur äußerst Naive hoffen, dieser Schlag werde im Kopf des Bürgers eine Wandlung hervorrufen und, der widerwärtige Kleinbürgertyp werde menschliche Gestalt annehmen. Dieser Spießbürger rief vor einem Jahr sogar im Traum noch „Heil!“ Auf den ersten Blick konnte man meinen, er verhalte sich heute mäuschenstill, wie die Maus beim Reinemachen.

Nichts gelernt?

Jedoch wie sonderbar es auch anmuten mag, viele von ihnen tragen heute immer noch eine Märtyrermiene zur Schau … Sie klagen bei jeder Gelegenheit über ihr Schicksal. Sie tun, als hatten sie bis auf den heutigen Tag nichts von dem furchtbaren Elend der anderen Völker gesehen, das ihr Deutschland verschuldet, und als wüßten sie nichts von den Verbrechen, die ihr Deutschland an den anderen Völkern begangen hat. Statt dessen sind sie bereit, auf Schritt und Tritt mit dem von Goebbels erborgten Pathos die „deutsche Heimatlosigkeit“ in die Welt hinaus­ zuposaunen und nicht Hitler und seine Bestienhorde als die Schuldigen an dieser „Heimatlosigkeit zu erkennen, sondern jene Völker die von ihnen, den Kleinbürgern, gestern noch zur Verheizung In den Auschwitzer und Dachauer Krematorien verurteilt worden sind.

Verkrümmte deutsche Seelen

Der Eigendünkel und die Selbstherrlichkeit dieser Pseudomenschengattung ist unbeschreiblich. Ihr derzeitiges Ignorieren der politischen Probleme Ist im Grunde nichts anderes als der Wunsch, die Bestrebungen der fortschrittlichen deutschen Elemente zur Angleichung des Lebens der Deutschen an das der zivilisierten demokratischen Völker lahmzulegen. In der nicht besonders erheblichen Tiefe ihrer leeren Seelen hassen sie die Demokratie und diskreditieren sie nach Kräften in jeder Hinsicht. Indem sie aber jeden ihrer Landsleute verunglimpfen, der sich untersteht, als Mensch und wahrer Patriot seiner Heimat aufzutreten, haben sie nur eine Perspektive vor Augen, und diese Perspektive nennen sie wenn auch nicht so laut wie früher, Revanche.

Kein Ziel, kein Sinn – kein Leben!

Dasselbe Bild grauenhaftester Verwahrlosung bietet auch die von Hitler erzogene deutsche Jugend. Ein bedeutender Teil dieser Jugend ist jedoch nun enttäuscht. Für diesen Teil heißt es: „Hitler hat uns betrogen!“ Aber vom Zusammenbruch des Glaubens an den Nazismus bis zum Glauben an etwas anderes, an etwas Positives, Schöpferisches ist ein weiter Weg. Zur Zeit sind diese vom Faschismus verwüsteten, leeren Herzen voller Verbitterung und zynischer Verachtung gegenuber allem, was keinen konkreten Nutzen bringt. Dieser Tage kam die Stuttgarter Polizei einer Einbrecherbande auf die Spur. Die meisten Verhafteten waren Mitglieder der ehemaligen „Hiterjugend“. Das ist also das Ergebnis der zwölfjährigen Hitlerherrschaft über die deutschen Seelen.

Wer kennt heute noch die wahren Helden?

In Deutschland läuft seit einiger Zeit ein Film über das wunderbare Leben Ehrlichs, eines der Begründer der zeitgenössischen, medizinischen Wissenschaft, dessen einzige „Schuld“ in den Augen der Hitleristen darin bestand, daß er Jude war. Der kleine, bescheidene Jude Ehrlich ruht längst im Grabe, aber die dankbare Menschheit wird nie aufhören, diesen Heroen der Wissenschaft zu ehren. Die junge deutsche Generation hört seinen Namen jetzt zum erstenmal. Statt dessen kennt sie auswendig nicht nur die Biographie Hitlers, sondern auch die fast aller auf dem Nürnberger Prozeß Angeklagten. Heute hat sie die Möglichkeit, den entsprechenden Vergleich anzustellen.

Quelle:
Jarosław Hałan: Nürnberg 1945. Pamphlete. Verlag Dnipro, Kiew, 1975, S.23-27.
(Die Zwischenüberschriften wurden der besseren Lesbarkeit halber eingefügt.)

Siehe auch:
Jarosław Hałan: Spinnnen in der Büchse

Was ist ein Kommunist?
Warum Marxismus-Leninismus?
Warum sind wir für den Sozialismus?
Benjamin fragt: Was denkst Du eigentlich über die DDR, und was sagst Du zu Stalin?

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Eine Antwort zu Jarosław Hałan: „Am Boden“

  1. Tankist schreibt:

    Heute kommt das Ganze „alternativlos“ daher

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