Herbert Gute: Was ist sozialistische Moral?

2014-11-26_00-09_karl_marx_014_800Man muß wissen, daß Prof. Herbert Gute diesen Beitrag vor über 50 Jahren schrieb – als es die DDR noch gab. Nun hat aber jede Zeit und jede Gesellschaft ihre eigene Moral. Verständlich, daß im Kapitalismus eine andere Moral herrscht als im Sozialismus. Die Moral war und ist stets darauf gerichtet, durch entsprechende Werte und Normen die bestehende Ordnung zu rechtfertigen und zu schützen. Die Werte und Normen sind also keine ewig geltenden Gebote. Sie sind nicht von Gott gegeben und auch nicht, wie oft behauptet wird, von irgendeinem obersten Sittengesetz abgeleitet. Sie wurzeln in den materiellen gesellschaftlichen Verhältnissen, spiegeln diese wider und verändern sich mit ihnen. So entwickelt zum Beispiel die um ihre Befreiung und die Befreiung aller Werktätigen kämpfende Arbeiterklasse im Gegensatz zur bürgerlichen Moral bereits in der kapitalistischen Gesellschaft eine proletarische Moral, die nach dem Sieg der sozialistischen Revolution zur Grundlage der sozialistischen Moral wird. Der Unterschied zum Kapitalismus ist ein grundsätzlicher. Schon deshalb haben die Normen der sozialistischen Moral auch eine große erzieherische Bedeutung. Prof. Gute schreibt:

WESHALB SOZIALISTISCHE MORAL ?

von Prof. Herbert Gute

Der Mensch ist bekanntlich ein gesellschaftliches Wesen. Als einzelner kann er nicht existieren. Nur im Kollektiv ist er in der Lage, sich zum Herrn der Natur zu machen. Ausnahmen gelten mit Recht als Bestätigung der Regel. Daher erregte Defoes Erzählung „Robinson Crusoe“ bei ihrem Erscheinen ungeheures Aufsehen in der ganzen Welt. Hier wurde von einem Schiffbrüchigen berichtet, der einige Jahre mutterseelenallein auf einer menschenleeren Insel gelebt hatte. Allerdings schien das dem Verfasser selbst so unmöglich. daß er ihm schließlich doch noch einen Gefährten den Neger* Freitag zugesellte.

Das Leben auf einer einsamen Insel

Stellen wir uns einmal das Leben dieser beiden vor. Sie arbeiteten gemeinsam. um der Natur das abzuringen, was sie zur Erhaltung ihres Lebens brauchten. Das ist verständlich. Wie jedoch war ihr Verhältnis zueinander? Behandelte Robinson Freitag als seinen Freund. als ihm gleichwertig? Hielt Freitag den Robinson für wertvoller als sich selbst? Sagten sie sich aufrichtig die Meinung? Wurde bei der Teilung der Lebensmittel einer von beiden bevorzugt? Hatten sie Vertrauen zueinander? Ließ sich Robinson von Freitag bedienen? Fassen wir diese Fragen zusammen, so bleibt die eine Frage übrig, die alle Einzelfragen enthält: Welche Moralgrundsätze beherrschten das Zusammenleben von Robinson und Freitag? Wir sehen an diesem Beispiel, daß schon das gemeinsame Leben zweier Menschen eine ganze Reihe moralischer Probleme aufwirft. Um so mehr muß die Moral an Bedeutung gewinnen, je größer und komplizierter die gesellschaftlichen Formationen sind, in denen die Menschen leben.

Wie sind die Moralgesetze eigentlich entstanden?

Die Erfahrungen, die die Menschen im gesellschaftlichen Zusammenleben sammeln, werden im Laufe der Zeit zu Moralgesetzen formuliert. Diese Gesetze, ganz gleich, ob schriftlich niedergelegt oder mündlich überliefert, regulieren das Verhältnis der Menschen zueinander. Ihre Wirksamkeit ist aber nur dann möglich, wenn es sich um Festlegungen handelt, die der Wirklichkeit entsprechen. Wenn zum Beispiel vor etwa 1.800 Jahren die Christen die moralische Forderung aufstellten: „Du sollst nicht töten!“ so hat der Verlauf dieser eintausendachthundert Jahre gezeigt, daß die christliche Kirche samt den christlichen Herrschern durch ein Meer von Blut gewatet sind.

Die Moral der bisherigen Ausbeuterklassen

In Gesellschaftsordnungen, in denen eine Minderheit von Ausbeutern die Masse des werktätigen Volkes unterdrückt, kommt man ohne Gewalt nicht aus, erheben sich die erniedrigten und ausgeplünderten Volksmassen wieder und wieder gegen ihre Peiniger, und diese schlagen sie blutig nieder. Und dann wird der Satz „Du sollst nicht töten!“ zum Zynismus, denn dann werden diejenigen, die gegen die Ausbeuter kämpften, hingerichtet, aber diejenigen, die die Freiheitskämpfer ermordeten, werden belohnt. Der Satz bekommt also nur dann einen realen Sinn, wenn er lauten würde: „Du sollst keinen Ausbeuter töten!“ Wir erkennen, daß es keine allgemeine neutrale Moral gibt, daß die Moral einer Zeit gleichzeitig ihre Klassenverhältnisse widerspiegelt.

Die sozialistische Moral in der DDR

Auch unsere sozialistische Moral drückt die Klassenverhältnisse aus, die in der Deutschen Demokratischen Republik wirksam sind. Bei uns herrscht das werktätige Volk unter Führung der Arbeiterklasse. Infolgedessen lautet das dritte Moralgesetz des Sozialismus: „Du sollst helfen, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu beseitigen!“ Auch die sozialistische Moral ist auf Grund von Erfahrungen entstanden, die in diesem Fall die Arbeiter im Kampf gegen den kapitalistischen Staat machten. Sie merkten bald, wie schwach der einzelne gegenüber dem Kapitalisten war, der nicht nur Geld und Maschinen besaß, sondern auch Presse, Rundfunk, Justiz, Polizei und Militär zu seiner Verfügung hatte.

Wie entstand der Solidaritätsgedanke?

Die Arbeiter erkannten bald, daß ihre große Anzahl der kapitalistischcn Minderheit erfolgreich Widerstand leisten konnte, wenn sie, statt sich zu zersplittern, sich in einer großen Organisation miteinander verbanden. Darüber hinaus erknnnten sie, daß die Unterdrückten sich nur befreien können, wenn sie sich gegenseitig helfen, wobei der Grundsatz gilt, daß vor allem der Stärkere dem Schwächeren hilft. So ist im Laufe der vergangenen hundert Jahre die internationale Solidarität der Arbeiterklasse entstanden. Sie bewährte sich von 1878 bis 1890 während des sogenannten Sozialistengesetzes in Deutschland, sie bewährte sich im Kampfe zum Sturz des Zarismus in Rußland, sie besiegte den Faschismus, und sie wird endgültig den Krieg beseitigen. Daher steht an der Spitze unserer sozialistischen Moralgesetze: „Du sollst dich für die internationale Solidarität der Arbeiterklasse und aller Werktätigen sowie für die unverbrüchliche Verbundenheit aller sozialistischen Länder einsetzen.“


Vergleiche Kapitalismus und Sozialismus

  • Kapitalismus: Viele Generationen von Arbeitern haben voll Bitternis erlebt, was es bedeutet, in einem kapitalistischen Staat leben zu müssen. Sie liebten ihr Vaterland, doch das gehörte ihnen nicht, in ihm waren sie rechtlos der Willkür der Kapitalisten ausgeliefert. Das Erbe, das uns der Kapitalismus in unserem Vaterlande hinterlassen hat, besteht nicht nur in zerstörten Städten und Dörfern und in einem gespaltenen Vaterland, sondern auch in Resten der kapitalistischen Moral. Diese läßt sich in dem Satz zusammenfassen: „Jeder nur für sich, einer gegen den anderen!“Demgegenüber gilt es, sich immer wieder auf das zu besinnen, was uns stark macht: unsere Gemeinsamkeit.
  • Sozialismus: Heute ist das anders. Weil wir jedoch aus Erfahrung wissen, daß die Arbeiter und Bauern ohne die politische Macht zu besitzen, praktisch kein Vaterland haben, sagen wir: „Du sollst dein Vaterland lieben und stets bereit sein, deine ganze Kraft und Fähigkeit für die Verteidigung der Arbeiter-und-Bauern-Macht einzusetzen.“ Wir haben alle das gemeinsame Interesse, den Sozialismus zu schaffen; „denn der Sozialismus führt zu einem besseren Leben für alle Werktätigen“. Daher vollbringen wir gute Taten für den Sozialismus und handeln dabei nach dem Grundsatz: „Du sollst beim Aufbau des Sozialismus im Geiste der gegenseitigen Hilfe und der kameradschaftlichen Zusammenarbeit handeln, das Kollektiv achten und seine Kritik beherzigen,“
  • Kapitalismus: Die kapitalistischen Verhältnisse machten die Arbeit zu einer Qual. Angetrieben von den Kapitalisten und ihren Helfern, schufen die Massen des Volkes gewaltige Werte, aber diese kamen ihnen nicht zugute. Um jeden Pfennig Lohnerhöhung mußten im Kapitalismus erbitterte, opferreiche Kämpfe geführt werden. Selbst wenn die Arbeiter in einigen Fällen Erfolge hatten, erhielten sie doch nur einen geringfügigen Bruchteil dessen, was sie geschaffen hatten. Infolgedessen waren sie weder an einer Steigerung dn Produktion noch an der Erhaltung des kapitalistischen Eigentums interessiert.
  • Sozialismus: Bei uns ist das heute anders, Die entscheidenden Betriebe gehören dem Volke. Was wir schaffen, kommt uns selbst zugute. Das beweisen die vielen Preissenkungen der letzten Jahren, die Erhöhung der Löhne, die Verbesserung der sozialen Einrichtungen wie Ferienheime, Kinderkrippen, Schulen, Altersheime, Sportanlagen und vieles andere mehr. Wir zeichnen diejenigen, die Besonderes leisten, aus und prämiieren sie. Das sind jedoch nur erste Anfangserfolge. Unsere Entwicklung steigert ihr Tempo. Um unser Ziel, Frieden, Glück und Wohlstand für alle, zu erreichen, müssen wir selbst alles tun, was nötig ist, umschneller voranzukommen. Daher sagen wir: „Du sollst das Volkseigentum schützen und mehren. Du sollst stets nach Verbesserung deiner Leistungen streben, sparsam sein und die sozialistische Arbeitsdisziplin festigen.“

Ein lebendiges Beispiel der sozialistischen Moral

Im Laufe unserer Entwicklung sind die „Brigaden der sozialistischen Arbbeit“ entstanden. Ihre Mitglieder sind Menschen, die sehr gut begriffen haben, worin das Neue unserer sozialistischen Gesellschaft besteht. Sie haben erkannt, daß der Sozialismus den ganzen Menschen erfaßt, daß sowohl die Arbeit und das Lernen als auchdas private Leben miteinander in unlösbarem Zusammenhang stehen. Es erwächst der Wille, sozialistisch zu leben. Sie wenden also die Gebote der sozialistischen Moral in der Ppraxis an. Sie erleben täglich, wie diese ihnen helfen, das Leben zu meistern. Sie bewahren sie davor, im Sumpfe kleinlicher, egoistischer Interessen steckenzubleiben. Sie helfen ihnen, ihr Familienleben nach schöneren und edleren Gesichtspunkren zu gestalten, als es früher war. Sie machen sie zu frohen, selbstbewußten Menschen, die die Achtung aller zum gleichen Ziel Strebenden genießen. Das Beispiel dieser sozialistischen Brigaden beweist, daß die sozialistischen Moralgesetze keine lebensfremden Dogmen sind, sondern blutfrisches Dasein zum Inhalt haben, weil sie aus der Wirklichkeit entstanden und der Entwicklung einer neuen, noch schöneren Wirklichkeit dienen.

Quelle: Urania Universum Bd.V, Urania-Verlag Leipzig/Jena, 1959, S.477-479. (Text leicht verändert und Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

* Der heute als diskriminierend empfundene Begriff Neger hatte zu jener Zeit noch keine so negative Bedeutung! Er war lt. Duden nichts anderes als die Bezeichnung für einen Angehörigen des negriden Rassenkreises. (lat..→ span. → frz.)
Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Arbeiterklasse, Geschichte, Marxismus-Leninismus, Meine Heimat DDR veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s