Am Tag danach…

petersenEs ist Winter. Ein frostiger Tag. Der 31. Januar 1933. Tags zuvor war Hitler zum Reichskanzler ernannt worden. Das neugebildete Kabinett bezeichnete sich als „Regierung der nationalen Konzentration“. Die unmittelbare Machtübertragung an den Faschismus war auf Betreiben derjenigen Teile des deutschen Finanzkapitals erfolgt, die sich einerseits um die Monopole in der Kohle-, Eisen- und Stahlindustrie, andererseits um Schacht und Thyssen gruppierten. Dementsprechend bildete dieses Kabinett eine Koalitionsregierung zwischen Faschisten, Stahlhelmführern, deutschnationalen und einigen nicht parteigebundenen Konservativen. Aber die entscheidenden Machtpositionen befanden sich in den Händen von Nazifaschisten: Ihr „Führer“ war der Reichskanzler, Wilhelm Frick wurde Reichsinnenminister und Hermann Göring Minister ohne Portefeuille, zugleich kommissarischer Innenminister von Preußen. [1] So war die damalige Situation. Es gibt nur wenige Dokumente aus dieser Zeit, die so eindringlich und mit erschreckender Genauigkeit die Lage der arbeitenden Klasse beschrieben, wie der hier folgende Tatsachenbericht von Jan Petersen. Unter Lebensgefahr wurde das Manuskript dieses Buches ins Ausland geschleust und fand rasch Verbreitung in vielen Sprachen. So begann der deutsche Faschismus…  

Jan Petersen hat mit seinem Buch einen klaren, wahren, nüchternen Tatsachenbericht aus dem Jahr 1933 geschrieben, dem ersten Jahr der Illegalität, ohne literarische Ambition und dichterische Ausschmückung. Unsere Straße – das ist die Wallstraße in Berlin-Charlottenburg. Petersen schildert in dieser Chronik, „geschrieben im Herzen des faschistischen Deutschlands 1933/34“, als Mitbeteiligter in tagebuchähnlicher Form den heroischen und verzweifelten Kasmpf der Arbeiter gegen das Naziregime. Daß die Aufzeichnungen während der Ereignisse selbst niedergeschrieben wurden, erhöht ihren dokumentarischen  Wert. (Sonntag, Berlin)

Unsere Straße

von Jan Petersen

Wir verteilen hastig die Flugblätter. Jeder steckt sich die Taschen voll. Ein hell erleuchteter Zug fährt über die Brücke vor uns. Franz drängt zur Eile. Er sagt: „Du sprichst bei deiner Gruppe, Schwiebus. Ich bei uns. Fangt an der Zugspitze an, wir nehmen die hinteren Wagen. Wir pendeln, kommen mit den leeren Zügen hierher zurück. Wenn eine Kolonne nicht ankommt, verläßt die andere den Bahnhof. Auf den Bahnsteigen aufpassen, ob die Luft rein ist. Los!“
„Ich kann nur bis sieben Uhr, du, mein Tretmotor wartet“, sagt Schwiebus hastig. Er ist Fahrradbote in einem Parfümgeschäft.
„Sind wir längst fertig!“

Flugblattaktion im Morgenzug

Wir trennen uns. Meine Nerven sind angespannt. Die Müdigkeit ist verflogen. Nur im Kopf ist ein dumpfer Druck, und die Augen brennen. Der Bahnsteig ist voller Menschen, Ununterbrochen laufen jetzt die elektrischen Züge ein. Die Frühschicht der Siemenswerke fährt zur Arbeit. Tausende. Am ersten Morgen nach der Kanzlerernennung Hitlers.
Das Abteil riecht nach Schweiß und kaltem Rauch. Mit verschlafenen Gesichtern sitzen die Menschen auf den Bänken. Einige lassen die Köpfe hängen. Sie schlafen hier weiter, nützen die Bahnfahrt aus. Wir drücken jedem ein Flugblatt in die Hand. Ich bin benommen. Es ist alles so anders, als ich es erwartet habe. Niemand diskutiert, keine Erregung ist zu spüren. Sie nehmen uns die Flugblätter stumm ab. Einige lesen darin, die meisten stecken sie gleich in die Tasche. Franz stellt sich in die Wagenmitte. Laut fängt er an:

„Kollegen! Gestern ist Hitler Reichskanzler geworden. Der deutsche Kapitalismus hat ihn gerufen, er sieht aus seiner Krise keinen andern Ausweg als noch größere Ausbeutung der Arbeiterschaft. Hitler soll aus Deutschland ein Arbeitszuchthaus machen, Jeder Widerstand soll durch Terror erstickt werden. Gestern abend hat schon die SA begonnen, Arbeiterbezirke zu überfallen. Kollegen! Die Arbeiter der ganzen Welt blicken in diesen Stunden auf euch. Auf euch in den Betrieben wird es ankommen ob der blutige Faschismus sein Vorhaben durchführen kann.“[2]

Hinter den Wagenfenstern ödes Land. Bunte Signallichter. Franz wirft einen schnellen Blick seitwärts, spricht rascher.

„Wir Kommunisten, Arbeitslose und Betriebsarbeiter, kommen zu euch um kameradschaftlich mit euch dagegen zu kämpfen. Wir sagen euch. Rührt heute keinen Schalthebel an! Setzt keine Maschine in Gang! Macht sofort in den Garderoben, in den Speisesälen, überall, Abteilungsversammlungen! Besprecht die Lage. Wählt euch Aktionsausschüsse. Es gibt nur eine Antwort auf die Hitlerdiktatur: Politischer Massenstreik in ganz Deutschland! Es geht um euer Leben, um die Zukunft eurer Kinder, denkt daran!“

Franz spricht leidenschaftlich. Im beobachte die Gesichter ringsum. Alle Augen hängen an ihm, aber das Abteil bleibt auch jetzt stumm. Sie müssen uns verstehen, sie müssen begreifen. Jetzt, in diesen Minuten!
„Los diskutieren!“ raunt uns Franz zu.
Der Zug geht in eine steile Kurve, liegt ganz schräg.
Ich trete in eine Bankreihe. Zwei junge Arbeiter, ein älterer und eine Frau sitzen dort. Die Frau hat das Flugblatt zu einem kleinen Viereck zusammengekniffen, dreht es zwischen den Fingern. Der Alte liest darin, die beiden andern müssen es schon in die Tasche gesteckt haben. Gelesen haben sie es dann nicht.

„Kollegen! Wir dürfen so nicht auseinandergehen. Ihr fühlt sicher wie wir, daß etwas geschehen muß. Heute noch! Die Arbeiterschaft muß sich wehren. Sprecht sofort mit euren AbteilungskolIegen.“

Ich stehe vornübergeneigt, der schwankende Zug schüttelt mich. Die Frau sieht mich mit kleinen, unruhigen Augen schräg an. Ihr Mund ist zusammengekniffen. Streiken! Hast einen schlauen Bauch, mein Lieber! scheint ihr Blick zu sagen. Der junge Arbeiter links zuckt mit den Schultern. „Schon richtig – ja“, sagt er gedehnt. Der neben ihm nestelt verlesen an seiner Frühstückstasche. Draußen über dem Land liegt eine dünne schmutziggraue Eisschicht.
„Wir können nichts machen. Man muß abwarten, was die Gewerkschafren beschließen“, sagt da der Alte.
An seinen ruhigen, dunklen Augen finde ich endlich Halt.
„Nicht abwarten, Kollege. Irgendwie muß doch ein Anfang gemacht werden. Die andern werden dann mitgerissen!“
Der Alte schüttelt den Kopf.
„Ohne Anweisung der Gewerkschaften! Ohne Streikkassen !
Einfach wild drauflos?“ Der Junge links nickt zustimmend: „Unmöglich!“
„Die Arbeit verlieren wir nur dabei, die Arbeit!“ wirft die Frau spitz ein.
„Gegen die gesamte Arbeiterschaft können sie nicht…“

An der Bahnstation „Wernerwerk“

Der Zug bremst zischend und hält. Alle drängen zur Tür. „Wernerwerk“ steht draußen auf großen EmaiIleschildern. Auf dem offenen Bahnsteig pfeift ein eisiger Wind. Dicht vor uns ragen Werkgebäude. Die hellen Fenstervierecke steigen hoch in den fahlgrauen Himmel. Hinter den Glaswänden sieht man wie ein Gerippe die breite Treppe. Kleine Punkte von Menschen wimmeln. Über den Werkhof unten links ziehen dichte Reihen. Zehntausende sind in ein paar Minuten verschluckt. Wenn sie alle…

„Dort! Vor dem Bahnhof, vor dem Werkeingang Flugblattverteiler!“ sagt Rothacker. „Die Laubenkoloniezellen.“ Auf der andern Bahnsteigseite läuft ein leerer Zug ein. Schwiebus springt mit seiner Gruppe heraus.
„Was ist, du?“
„Bleibt hier oben, wir gehen zum Bahnhof Fürstenbrunn“,
sagt Franz.
Wir laufen hastig durch enge Straßen, in denen nur Fabrikgebäude stehen. Graue Mauern, davor ein Streifen Rasen und Eisenzäune. Ede ist jetzt bei uns. „Ick will mit“, hat er gefordert. Arbeitertrupps kommen uns entgegen. Rothacker beginnt Flugblätter zu verteilen. Nirgends ist Polizei zu sehen.
„Laß, für die Brücke“, sagt Franz.

Fürstenbrunner Brücke

Auf den Bürgersteigen liegen Flugblätter verstreut. Werfen sie einfach weg, sind die ganz Ängstlichen. Rechts bleiben die Fabriken zurück, die Fürstenbrunner Brücke taucht vor uns auf. Hier am Kanal ist der Wasseranschluß der Werke. Hinter der Brücke wölbt sich der dunkle Buckel des Bahnhofs Fürstenbrunner Weg. Er ist die zweite Bahnverbindung der Werke. Am Tage liegt er tot und still. Jetzt aber kommen Tausende hier an. In Viererreihen schieben sich die Arbeiter übel‘ die enge Brücke. Wir verteilen Flugblätter, sagen ein paar hastige Worte. Für Diskussionen ist hier nicht Zeit, alle haben es eilig. Mein Flugblattvorrat ist bald erschöpft. Auch Rothacker kommt mit leeren Händen.
„Und nicht mal Polizei!“

Franz sieht starr auf die vorbeihastende Menge.
„Hier hätte mehr sein müssen, viel mehr! Der erste Morgen nach der Hitlerkanzlerschaft, im größten Industriebezirk Berlins! Zweihundert Mann Schutz, ein Führer der Partei in der Mitte. Zwei, drei Minuten sprechen. Das wäre ein Signal für ganz Deutschland.“
Wir stehen, bis der Zug der Arbeiter abbröckelt. Nachzügler rennen vorbei. Eine Sirene zerreißt die Stille, schwillt singend zu einem hellen Ton an und verröchelt winselnd. Franz ruckt mit dem Kopf. „Gehn wir!“

Geschafft…

Unsere Stiefel klappen. Niemand spricht. Ein Gefühl der Ohnmacht füllt mich bis an die Haarwurzeln. Links ragt über das Häusermeer das breite, kantige Viereck des Siemensturmes. Dünne Rauchfahnen kriechen aus seiner Spitze. Er ist Schornstein und Uhr, das Wahrzeichen von Siemensstadt. Jede. Turmseite trägt meterhohe Leuchtzeiger, um sie herum helle Vierecke, die Stundenmarkierungen. Kilometerweit kann man die Zeit ablesen. Die Zeiger scheinen mir höhnisch zu winken. „Ihr wollt Unruhe in den befohlenen Trab bringen? Hier! Auf die Minute genau sind alle gekommen. Hört ihr es brausen in den Hütten? Ha, ha, ha, es läuft alles weiter.“

Franz sagt plötzlich rauh. „Wir sind alle zur Stelle. Wir berennen die Industriefestungen. Von außen! Und das Echo drinnen?“
Sein Gesicht sieht müde und eingefallen aus. Die Mütze sitzt ihm tief im Genick. Er wiegt schwerfällig die breiten Schultern. Auch Edes und Rothackers Gesichter sehen verbissen aus. Eine furchtbare Wahrheit lag in Franzens Worten. Meine Füße sind wie Blei. Die physische Erschöpfung kommt dazu. Bloß schlafen, schlafen. Links beginnen die Laubenkolonien. Unsere Laubenkolonien. „Klein-Moskau“ heißen sie hier. In einigen der niedrigen Fenster brennt gelbliches Licht. Dünner Rauch steigt senkrecht aus einem Blechschornstein. Ein Hahn kräht.

Antwort der Arbeiter: „Abwarten…“

Rothacker sagt: „Wir sind alles Arbeitslose. Warum? Weil die Besten immer aus den Betrieben rausgeflogen sind! Bist du nicht selber hier rausgeflogen?! Jetzt von außen her – das ist nicht dasselbe!“ Franz dreht den Kopf. Er sieht Rothacker an, als sehe er ihn zum erstenmal. „Unsere Gewerkschaftsarbeit –“
Er holt tief Atem. „Du hast heute die Antworten gehört! Abwarten –“

Ede spuckt geräuschvoll aus und schlägt die Arme übereinander. „Verdammt kalt, watt?“ Dann sagt er, als besinne er sich auf das Thema: „Abwarten, abwarten. Ick sage euch, darunter verbirgt manch eener watt. Der Heini Ketzel bei uns nebenan zum Beispiel. Ihr kennt ihn, Bullettenheini. Der arbeitet ooch hier, als Former. Sauschufterei, erzählt er, mit dem feuchten Sand und so. Er verdient een paar Kröten, so in die dreißiger Mark. Aber der hat Angst, die Käsearbeit zu valier’n, sage ick euch! Und dann: Für seine Kalle spart der. Die will een Koffergrammophon ham.“
Er lacht verächtlich.
„Watt hab ick mit dem jeredt! Die Kleene, det Grammophon, sonntachs mit ihr int Kino – weiter interessiert den nischt. Von der Sorte jibt’s ’ne Menge. Dett kommt dazu!“
Wir haben den Bahnhof Jungfernheide erreicht. Dicht besetzte Straßenbahnen fahren hintereinander vorbei. aber die Eisenbahnbrücke rollen Züge. Sie brennen noch Licht, obwohl es schon hell ist. Die Siemensangestellten fahren in die Büros.
Franz bleibt stehen.
„Trennen wir uns. Vorsicht in der WalIstraße.“

Quelle:
Jan Petersen: Unsere Straße. Ein Chronik. Aufbau-Verlag Berlin, 1958, S.44-49.
[1] J.Streisand: Deutsche Geschichte in einem Band. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Belin 1979, S.297.
[2] Am 30. Januar 1933 waren in der Wallstraße, einem Arbeiterbezirk, bei einem Überfall der SA ein Schupo (Schutzpolizist) und ein SA-Sturmführer
namens Maikowski von der SA erschossen worden. Bereits am nächsten Tag titelten die Zeitungen „neues Blutopfer der Kommune“. Man schob die Schuld den Kommunisten in die Schuhe.

images    Jan Petersen: Unsere Strasse (Ausschnitt)

Angefügt ist eine Liste derjenigen jungen Arbeiter, die in Berlin-Charlottenburg von den Nazis ermordet wurden:

totenliste

Nachlesen hier: https://nemesis.marxists.org/petersen-unsere-strasse1.htm

Siehe auch:

Was ist Faschismus?
Mörder in deutscher Uniform…
Die Aktualität des Nürnberger Prozesses
Die Fiktion von einer sauberen Wehrmacht

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5 Antworten zu Am Tag danach…

  1. karolwojci schreibt:

    Dieser Text gehört zu den wichtigsten, die ich dieses Jahr gelesen habe!

  2. sascha313 schreibt:

    Es ist auch ein ganz besonderes Buch!

  3. Pingback: Am Tag danach… | Grübelstübchen

  4. Pingback: Vom Pazifismus zum Widerstand | Sascha's Welt

  5. Pingback: Erlebnisse eines Sozialdemokraten. Aus den Memoiren des rechtssozialdemokratischen Politikers Wilhelm Keil. | Sascha's Welt

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