Die „Iskra“ und der richtige Weg

iskra_sDie illegal erscheinende marxistische Zeitung „Iskra“ (Funke) war das theoretische Organ der SDAPR. Sie wurde von Lenin im Jahre 1900 gegründet und war „nicht irgendeine Arbeiterzeitung, sondern setzte sich zum Ziel, „die bewußtesten Teile der russischen Arbeiterbewegung rund um ein marxistisches Programm zu sammeln“. Eine Mitarbeiterin Lenins, Z.S. Selikson-Bobrowskaja, schreibt:

In der Periode der Zersetzung und der Schwankungen in den Kreisen der russischen Sozialdemokraten haben Lenins „Aufgaben“, die so klar die Wege der praktischen Tätigkeit wiesen, eine große Rolle im Lande gespielt. Charkow bildete damals keine glückliche Ausnahme. Obwohl unsere Arbeit mit ziemlich viel Schwung geleistet wurde, gab es auch so manches Durcheinander bei uns. Darüber hat sich Lenin in seinem bekannten Vorwort zu der Broschüre „Die Maitage in Charkow“ geäußert. Er kritisierte die Mängel der Charkower Parteiorganisation, die am 1. Mai 1900 bei der ersten offenen Demonstration der Charkower Arbeiter zutage traten:

Die Arbeitermasse ist bereits in Bewegung und ist bereit, den sozialistischen Führern zu folgen, dem „Generalstab“ aber ist es noch nicht gelungen, eine starke Kerntruppe zu organisieren, die alle vorhandenen Kräfte der klassenbewußten Arbeiter richtig verteilt und die konspirative (geheime) Organisation der Sache so sichert, daß die vorher aufgestellten Aktionspläne nicht nur den Behörden, sondern auch allen außerhalb der Organisation Stehenden unbekannt bleiben.[1]

Ohne eine starke Führung geht es nicht

Wir Parteifunktionäre waren uns zwar dessen nicht völlig bewußt, fühlten aber doch das Fehlen einer „starken Kerntruppe“, die alle vorhandenen Krafte richtig vertei1te. Das machte sich nicht nur in dieser Organisation bemerkbar; die „Kerntruppe“ feh1te damals in der gesamten Partei. Nicht umsonst schlugen unsere Herzen so freudig, als wir im Sommer 1900 von einem aus Poltawa erschienenen Referenten von dem Plan erfuhren, im Ausland ein führendes Zentrlorgan der Partei zu schaffen. Der Referent machte uns ausführlich mit den Aufgaben der zukünftigen Leninschen „Iskra“ bekannt; ohne Namen zu nennen, teilte er uns mit, daß dieser Plan in der Verbannung ausgearbeitet worden sei, daß der Initiator dieses Planes seine Verbannungszeit abgebüßt habe und schon ins Ausland abgereist sei, wo er die Realisierung dieses Planes in Angriff nehmen werde, und daß sich alles im vollen Einvernehmen mit der Gruppe „Befreiung der Arbeit“, mit der schon eine langjährige Verbindung bestehe, vollziehen werde.

Aber es gab auch Einwände gegen diese Zeitung…

Nicht alle Beratungsteilnehmer begrüßten diese Mitteilung des Referenten. Einige Ökonomisten, die unlängst aus Petersburg gekommen waren, Anhänger der „Rabotschaja Mysl“, äußerten die Befürchtung, daß die neue Zeitung unter den Fittichen der Gruppe „Befreiung der Arbeit“ nur zum politischen Kampf aufrufen und den ökonomischen Kampf dabei völlig ignorieren werde. Nicht ganz billigten diesen Plan auch die von „Lokalpatriotismus“ infizierten Enthusiasten der Zeitung „Jushny Rabotschij“, die befürchteten, das künftige Zentralorgan der Partei könnte den Glorienschein des „Jushny Rabotschij“ verdunkeln. Im allgemeinen aber gab es nicht allzu viele Einwände, und wir versprachen dem Referenten, daß wir die neue Zeitung sowohl durch Artikel und Berichte als auch eventuell mit Geld unterstützen würden.

…wir alle wurden verhaftet

Nach der Abreise des Referenten erwarteten wir mit Ungeduld die erste Nummer der vielversprechenden neuen Zeitung. Doch mußte so mancher von uns lange darauf warten, denn in Kürze wurden wir alle verhaftet. Zum Beispiel bekam ich persönlich die ersten Nummern der „Iskra“ etwa anderthalb Jahre nach ihrem Erscheinen zu sehen, erst nach Ablauf meiner Untersuchungshaft. In die Einzelzellen des geheimen Korridors des Charkower Gouvernement-Gefängnisses konnte die „Iskra“ damals auf keine Weise eindringen. Die Leninsche „Iskra“ gelangte damals nicht in meine Zelle, dafür aber Lenins unlängst unter dem Namen Iljin legal erschienenes fundamentales Werk „Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland“. Lenin schrieb damals im Jahre 1894:

Die sozialistische Gebildetenschicht kann nur dann auf eine fruchtbringende Arbeit rechnen, wenn sie mit diesen Illusionen Schluß macht und darangeht, ihre Stütze in der wirklichen, nicht aber in einer wünschenswerten Entwicklung Rußlands, in den wirklichen, nicht aber in möglichen sozialen und ökonomischen Verhältnissen zu suchen.[2]

Quelle:
Z.S. Selikson-Bobrowskaja: Unvergeßliche Begegnungen, in: Lenin, wie wir ihn kannten, Dietz Verlag Berlin, 1956, S.48-50

Zitate:
[1] W.I. Lenin, Werke, Bd.4, S.180.
[2] W.I. Lenin: Was sind die Volksfreunde und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokratie?, Dietz Verlag, Berlin 1952, S.206.

Die Zeitung „Iskra“ wurde anfangs in einer kleinen Druckerei in Leipzig hergestellt, die über die erforderlichen kyrillischen Lettern für den Drucksatz verfügte. Seit Mai 1956 bestand die Iskra-Gedenkstätte in der Russenstraße 48 in Leipzig-Probstheida. In der Druckerei der Sozialdemokraten Hermann Rau erfolgte im Dezember 1900 in Anwesenheit Lenins der Druck der ersten Nummer der „Iskra“. Anläßlich des 100.Geburtstages von Lenin erhielt die Gedenkstätte 1970 mit dem Arbeitskabinett und der Bibliothek eine Erweiterung. Die historische Stätte wurde 1993 geschlossen und der Bestand vom Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig übernommen. Klar, daß die neuen Machthaber kein Interesse daran haben, die Ideen des Marxismus-Leninismus zu verbreiten…

ddr-museum-probstheida
druckerei-probstheidaAuch wenn man heute bei uns noch nicht davon reden kann, daß die „Arbeitermasse bereits in Bewegung gekommen“ ist, aber vielleicht regt dieser Text ein wenig dazu an, sich wieder einmal mit Marx, Engels und Lenin zu beschäftigen, und darüber nachzudenken, was nötig ist, um das proletarische Bewußtsein der Arbeiterklasse zu wecken. Lenin sagte damals in einem Gespräch:

Wir brauchen junge Kräfte. (…) In Rußland gibt es eine Unmasse von Leuten, man muß nur weitherziger und kühner, kühner und weitherziger und noch einmal weitherziger und noch einmal kühner unter der Jugend werben, ohne sich zu fürchten. (zitiert nach J.D. Stassowa: Lehrer und Freund, in: Lenin, wie wir ihn kannten, Erinerungen alter Kampfgefährten, Dietz Verlag, 1956, S.106.)

Das trifft genauso auch auf uns heute zu.

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