N.Bystrow: Kritische Betrachtung zur Lage in Kuba

cuba-photoWas kann man hier sagen… daß Fidel Castro eine progressive Persönlichkeit war, in dem Sinne, daß er eine gerechtere Ordnung geschaffen hat, als jeder beliebige Kapitalismus. Doch war und ist diese Gesellschaftsordnung schon sozialistisch? Unbedingt, nein. Als Sozialismus kann man nur das bezeichnen, was ein Vorstadium des Kommunismus ist. Das heißt, wenn es die kubanische Führung verstehen würde, wohin es weitergeht und wie man den Kommunismus aufbauen kann, so könnte man die bestehende Ordnung als Sozialismus bezeichnen. Doch offenbar, hat die allgemeine Krise des Kommunismus, die nach dem Tod Stalins begann, auch um Kuba keinen Bogen gemacht, deshalb war und blieb Niveau der theoretischen Vorbereitung der kubanischen Führung niedrig. Sie hat keinen Begriff davon, wie man den Kommunismus aufbauen kann. Deshalb wird man für die Zukunft wohl keine andere Prognose stellen können — die schleichende Wiederherstellung des Kapitalismus ist traurig.

Die von Fidel Castro geschaffene Ordnung beinhaltete zweifellos einige Elemente des Kommunismus, aber mehr auch nicht. Für uns Kommunisten, ist sie nur ein Beispiel dafür, daß nur die konsequente Beseitigung des Kapitalismus positive Früchte tragen kann. Doch andererseits sollten wir uns auch kritisch gegenüber solchen Erfahrungen verhalten, wohin Unentschlossenheit und Inkonsequenz führen können.

Schließlich muß anerkennen, daß kommunistische Weltbewegung mit dem Tod Fidel Castros nichts verloren hat. Leider hat er kein wissenschaftlich-theoretisches Erbe hinterlassen. Und im globalen Sinne hat die lateinamerikanische Guerilla-Romantik sich nicht befruchtend auf die marxistische Dialektik ausgewirkt, sie hat der Sache des Kommunismus keinen nennenswerten Nutzen gebracht. Eine abstrakte Ästhetik, wenn sie nicht auf wissenschaftliche Geleise gestellt wird, dient im Kampf gegen das kapitalistische Übel, bis heute nur den Opportunisten aller Couleur als Nährboden.
Nikita Bystrow

(Übersetzung: Isa Kern)

Quelle: Za bolshewism


Was ist Sozialismus?

Um es einmal ganz einfach zu machen, nehmen wir hier eine Erklärung aus einem Kinderbuch der DDR, die aber darum nicht weniger wissenschaftlich ist, als man das in einem marxistischen Fachbuch erklären würde. Im „Lexikon für Kinder“ (DDR, 1981) steht dazu folgendes:

Mit dem Sieg der Großen Sozialistischen ~ Oktoberrevolution im Jahre 1917 begann zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit der Aufbau des Sozialismus in einem Land: in der Sowjetunion. Die Bedingungen und die Grundlagen für die Verwirklichung des Sozialismus haben Karl Marx, Friedrich Engels und Wladimir IIjitsch Lenin erforscht. Diese drei genialen Männer gaben den Revolutionären aller Länder ein wissenschaftlich begründetes Programm für den Sturz der Ausbeuterordnung. Der Sozialismus ist deshalb das Ziel des Kampfes der Arbeiterklasse aller Länder. In der DDR bauen die Werktätigen unter Führung der ~ Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands die entwickelte sozialistische Gesellschaft auf. Die Macht der von einer marxistisch-leninistischen Partei geführten Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten ist das wichtigste Kennzeichen eines sozialistischen Staates. Im Sozialismus gehören Grund und Boden, Betriebe und Maschinen nicht mehr den Kapitalisten, sondern dem Volk. Die wichtigste Form des Volkseigentums in der DDR sind die volkseigenen Betriebe. Eine andere Form ist das genossenschaftliche Eigentum. Im Sozialismus ist das Streben der Menschen darauf gerichtet, den gesellschaftlichen Reichtum zu mehren. Der Sozialismus ist eine gerechte Gesellschaftsordnung. Jeder kann nach seinen Fähigkeiten arbeiten und wird nach seinen Leistungen entlohnt. Alle Mädchen und Jungen haben die gleichen Möglichkeiten der Bildung. Frau und Mann sind gleichberechtigt. Ein fester Grundsatz des Sozialismus ist die internationale Solidarität und die Freundschaft mit allen Völkern.

Quelle: Von Anton bis Zylinder – Lexikon für Kinder. Der Kinderbuchverlag Berlin, DDR, 1968, 9., veränderte Auflage, 1981, S.353.

Und über Kuba steht im selben Lexikon:

kubakarteKuba (Republik Kuba). Kuba ist eine Insel in Mittelamerika. Sie gehrötrtz zu den Großen Antillen, die im Karbibischen Meer leiegn. Die hauptstadt der Republik Kuba ist La Habana (sprich: la hawanna). Kuba hat ein tropisches Klima. Regenzeiten wechseln mit Trockenzeiten ab. Vor allem im Herbst treten die gefürchteten tropischen Wirbelstürme, die Hurrikane, auf. -Den größten Teil Kubas nehmen Ackerflächen und Savannen ein. Die Insel verfügt über wertvolle Bodenschätze. Bedeutend sind die Nickel-, Chrom- und Manganerzlagerstätten im Südosten. Wichtigstes Anbauprodukt Kubas ist das Zuckerrohr. Vor der Revolution (1959) waren die Zuckerrohrplantagen, Zuckerfabriken und Bergwerke in US-amerikanischem Besitz. Heute gehören die Plantagen, Fabriken und Bergwerke dem kubanischen Volk. Das sozialistische Kuba ist Mitglied des RGW. Die sozialistischen Länder helfen Kuba beim Aufbau seiner Wirtschaft. Sie liefern vor allem Erdöl und Maschinen. Dafür liefert Kuba Zucker, Tabak, Kaffee und Erze.

Quelle: Von Anton bis Zylinder – Lexikon für Kinder. Der Kinderbuchverlag Berlin, DDR, 1968, 9., veränderte Auflage, 1981, S.222f.

Zusammenfassung

Man kann also feststellen: Kuba war nach der Revolution 1959 auf dem richtigen Weg zum Sozialismus, geriet aber dann in den Strudel der revisionistischen Deformationen, d.h. der von der Chruschtschow-Clique nach der Ermordung Stalins initiierten Demontage des Sozialismus, bevor die Grundlagen des Sozialismus vollständig und mit aller Konsequenz  verwirklicht worden waren. Eine ernsthafte und gründliche ideologische Auseinandersetzung mit dem Revisionismus fand in Kuba nie statt. Heute hält schrittweise der Kapitalismus wieder Einzug in das teilweise sozialistische Kuba und macht die Errungenschaften der antiimperialistischen kubanischen Revolution wieder zunichte.

Der Sozialismus ist eine sozialökonomische Gesellschaftsformation in der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Kommunismus. Der Sozialismus entsteht als Ergebnis einer sozialistische  Revolution, die sich unabhängig von historischen, nationalen und anderen Bedingungen in manigfaltigen Formen vollziehen kann, aber immer zur Errichtung der poltischen Macht der Arbeiterkalsse und ihrer Verbündeten (Diktatur des Proletariats) sowie zur Umwandlung des kapitalistischen Privateigentums an den Produktionsmitteln in gesellschaftliches Eigentum führt. Die sozialistische Gesellschaftsformation löst gesetzmäßig die kapitalistische Gesellschaftsformation ab; sie entsteht im Ergebnis des Klassenkampfes der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten unter Führung der marxistisch-leninistischen Partei. Die Notwendigkeit der sozialistischen Revolution ergibt sich vor allem aus dem Grundwiderspruch des Kapitalismus. Die sozialistische Gesellschaftsformation ist das Ergebnis eines komplizierten Prozesses der Umwälzung aller Lebensbereiche durch die beharrliche Arbeit von Millionen Menschen. Sie beseitigt durch die Aufhebung des unversöhnlichen Widerspruchs zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privatkapitalistischen Aneignung der Früchte der Arbeit für immer die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Die sozialistische Revolution bringt eine neue Staatsmacht hervor, die Macht der Arbeiter und Bauern.

Quelle: Kleines Politisches Wörterbuch, Dietz Verlag Berlin, 1967, S.587.
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13 Antworten zu N.Bystrow: Kritische Betrachtung zur Lage in Kuba

  1. Hanna Fleiss schreibt:

    Ich habe dieselben Befürchtungen wie du, Sascha. Ja, es ist ein „lateinamerikanischer Sozialismus“, das heißt, in einem unterentwickelten Land mit unvorstellbarer Armut der Landbevölkerung, Analphabetismus, ohne Schwerindustrie, ganz auf Monokultur, den Export von Zucker ausgerichtet, und zudem ist Kuba unmittelbarer Nachbar der USA, mit einem Embargo seit mehr als 50 Jahren. Und das Schlimme für die Kubaner ist auch, dass sie den Sozialismus der Sowjetunion erst zur Zeit Chruschtschows kennengelernt haben.

    Ich habe auch gelesen, dass Che Guevara gesagt hat, die sowjetischen Führer verraten Kuba. Ihm war also offensichtlich klar, dass das, was von der Sowjetunion kam, schon ein deformierter Sozialismus war. Und obwohl die Sowjetunion und alle sozialistischen Staaten Kuba in jeder Beziehung halfen, hatte Kuba schon aus geografischen Gründen nicht allzuviele Chancen, den Sozialismus im Sinne Marx‘ und Lenins aufzubauen. Was auch fehlte, war die Arbeiterschaft, weil Kuba, herrührend aus der Kolonialzeit, völlig auf Landwirtschaft, den Anbau von Zuckerrohr, konzentriert war. Kuba hatte andere Ausgangsbedingungen als die europäischen Staaten.

    Ich bin sicher, dass man all diese Probleme bei der Einschätzung des kubanischen Sozialismus berücksichtigen muss. Aber wie die Entwicklung der Beziehungen zu den USA derzeit aussieht, lässt sie für Kuba nichts Gutes hoffen. Und wenn man sich die Situation in Venezuela ansieht (Chavez bzw. Maduro mit dem „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“) , dann steht Kuba allein den USA gegenüber, und Bolivien wird auch nicht sehr helfen können. Raul Castro hat starke Worte, dass Kuba weiter den sozialistischen Weg geht, wird sich aber gegen die Umarmung der kapitalistischen Welt nicht behaupten können. Es tut weh, das mit ansehen zu müssen und nichts dagegen unternehmen zu können. Die USA warten jetzt nur noch auf den Zusammenbruch Kubas.

    • Don_A schreibt:

      „unvorstellbarer Armut der Landbevölkerung, Analphabetismus“
      kann ich so absolut nicht unterschreiben!

      • sascha313 schreibt:

        Ich kenne Kuba nicht, halte das aber auch für weit übertrieben. Das mag vielleicht für Venezuela zutreffen, aber in Kuba sind – soweit ich weiß – die Produktionsmittel immer noch in den Händen des Volkes bzw. der Genossenschaften. Vielleicht kann Mirko dazu etwas sagen?!

  2. Mirko Lange schreibt:

    Das, was im Artikel über Kuba geschrieben wird, kann ich leider nur bestätigen. Ich bin fast jedes Jahr in Kuba, kenne dort viele Leute, mit denen ich mich unterhalte und sehe, was im Land passiert. Ja, Kuba ist leider auf dem Weg der Restauration des Kapitalismus, auch wenn Raúl Castro das Gegenteil behauptet. Wer auch nur ein bißchen Ahnung vom Marxismus-Leninismus und der Funktionsweise des Sozialismus hat, erkennt jedes Jahr mehr, daß sich dort ganz allmählich eine neue Bourgeoisie entwickelt. Der „Boom“ der neuen kleinen Gewerbetreibenden, das Aufblühen der Privatwirtschaft, die es besser als die staatlichen Betriebe zustandebringen, die ökonomischen Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, lassen nichts anderes erahnen als das, was Gorbatschow in der UdSSR getan hat, daß die Reise zurück zum Kapitalismus geht. Die sogenannte „Normalisierung“ der Beziehungen zur USA sind da ein weiterer Meilenstein, denn hier geht die ideologische Erosion weiter……. – Kuba, du tust mir leid!

    • sascha313 schreibt:

      Mir sind manchmal solche Kleinigkeiten aufgefallen – warum ist Castro mit einem Adidas-Trainingsanzug herumspaziert? Und warum hat man es in all den Jahren nicht fertiggebracht, sich ernsthaft mit dem Marxismus und mit Stalin zu befassen…

      • Mirko Lange schreibt:

        Ja, das mit dem Adidas-Trainingsanzug ist mir auch aufgefallen und hat mir sehr zu denken gegeben…. Das andere, die Nichtbeschäftigung mit den Klassikern des M/L, rührt vermutlich daher, daß man, wie viele Revisionisten, nach den Ereignissen von 1989 gedacht hat, der Marxismus-Leninismus sei nicht mehr gültig und man müsse andere Wege gehen….. (was natürlich falsch ist…)

      • Heinrich schreibt:

        Zwar keine ausführliche Auseinandersetzung mit Stalin, jedoch einen kurzen Kommentar zu Stalin hat Fidel Castro gegeben:
        >>Although a Leninist, Castro remained critical of Marxist–Leninist Joseph Stalin, who was the Premier of the Soviet Union from 1941 to 1953. In Castro’s opinion, Stalin „committed serious errors – everyone knows about his abuse of power, the repression, and his personal characteristics, the cult of personality“ and also held him accountable for „the invasion of the USSR“ by Nazi Germany in 1941. At the same time, Castro also felt that Stalin „showed tremendous merit in industrializing the country“ and „in moving the military industry to Siberia“, things which he felt were „decisive factors“ in the defeat of Nazism.<< Aus Wikipedia (https://en.wikipedia.org/wiki/Politics_of_Fidel_Castro), die es aus "Castro, Fidel (2009). My Life: A Spoken Autobiography" von Ignacio Ramonet haben.

      • sascha313 schreibt:

        …womit wir wieder einmal sehen, welche Art von „Informationen“ wikipedia verbreitet!!! Damit hat Castro (wenn der erste Teil des Zitats stimmt) nichts anderes wiederholt als die Lügen Chruschtschows – das war bekannt! Doch genau das ist der Knackpunkt! Dennoch – Fidel Castro war für viele ein Vorbild. Er war ein Revolutionär!

  3. Hanna Fleiss schreibt:

    Mir aber gibt zu denken, dass Raul Castro die Linkspartei, die sich in Kuba etablieren wollte mit allerlei Ratschlägen und Kniffen, ausgeladen hatte. Den Trainingsanzug fand ich eher als Beweis für Bescheidenheit, auch wenn er von Adidas war. So schön ist er ja nun auch wieder nicht, bloß ein Trainingsanzug. Etwas anderes wäre es wohl gewesen, wenn Fidel mit Smoking reüssiert hätte.

  4. Artur schreibt:

    Einige Überlegungen:

    Was ist so schlimm an einem Adidas-Trainingsanzug? Die DDR-Nationalmannschaft trug auch Adidas. Außerdem hatte Fidel Castro auch keinen Werbevertrag mit denen, so wie manch andere Stars…

    Und mit Fidel Castro ist der internationalen Arbeiterbewegung nichts verloren gegangen, weil er kein genialer Theoretiker war?? Spinnt der Typ? Eine Theorie kann noch so gut sein und ein Mensch noch so schlau, solange die Masse nicht von der Idee begeistert werden, wird es niemals den Sozialismus geben. So ein Mensch war Fidel.

    Mir bereitet die Entwicklung in Kuba auch sorgen. Meiner Meinung nach wird es aber erst wieder große Schritte in Richtung Sozialismus (national und international) geben, wenn in einem großen Staat die proletarische Revolution siegen wird. Schließlich hat die Oktoberrevolution der kommunistischen Idee weltweit einen riesigen Dienst erwiesen.

  5. Hanna Fleiss schreibt:

    Da bin ich wohl missverstanden worden. Natürlich hat die kubanische Revolution vor allem den Analphabetismus der Landbevölkerung beseitigt, der natürlich mit einer nicht nur unvorstellbaren, sondern einer ungeheuerlichen Armut zu tun hatte. Das waren die Zustände vor der Revolution in Kuba, in dem der „lateinamerikanische Sozialismus“ errichtet wurde. Wer will das bestreiten? Geschrieben hatte ich folgendes:

    „Ja, es ist ein „lateinamerikanischer Sozialismus“, das heißt, in einem unterentwickelten Land mit unvorstellbarer Armut der Landbevölkerung, Analphabetismus, ohne Schwerindustrie, ganz auf Monokultur, den Export von Zucker ausgerichtet, und zudem ist Kuba unmittelbarer Nachbar der USA, mit einem Embargo seit mehr als 50 Jahren. Und das Schlimme für die Kubaner ist auch, dass sie den Sozialismus der Sowjetunion erst zur Zeit Chruschtschows kennengelernt haben.“

    Gut, wenn man mich missverstehen will, kann man das schon, weil ich nicht ausdrücklich geschrieben habe, dass der Sozialismus in Kuba mit diesen Ausgangsbedingungen errichtet werden musste, sondern Gegenwart und Vergangenheit in einem Atemzug nannte. Tut mir leid, dass mir dieser Fehler unterlaufen ist, so dass es zu Missverständnissen kam. Ich hoffe, ich werde von euch entschuldigt?

    • sascha313 schreibt:

      Alles klar, Hanna! So verstehen wir das nun auch!

    • Don_A schreibt:

      na klar, jetzt ist das i.O.
      Aber von missverstehen WOLLEN kann keine Rede sein. Es war leider so nicht ganz richtig in Worte gefasst worden.
      Ich kenne Kuba sehr gut, aber auch andere Lateinamerikanische Staaten. Ja, dort herrscht echte Armut, nicht aber in Kuba, wo die Kinder satt werden und ein Dach über dem Kopf haben!

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