Die schwierige Anfangszeit der DDR (Erinnerungen eines Saalfelder Arbeiters)

maxhutteDie Anfangsjahre nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus 1945 im besiegten Deutschland waren für die Bevölkerung besonders schwer. Die aktiven Nazis waren geflüchtet oder untergetaucht. Die Menschen waren ratlos und verzweifelt. Die Industrie war fast vollständig zerstört, es herrschte Hunger und Wohnungsnot. Hinzu kam, daß Kriegsheimkehrer und Umsiedler aus dem Osten ihre Angehörigen oder einfach nur eine vorübergehende Bleibe suchten. 6 Millionen Deutsche hatten im Krieg ihr Leben verloren, davon waren weit über 4 Millionen gefallen, 410.000 wurden Opfer des Luftkriegs, etwa 200.000 fielen dem faschistischen Terror zum Opfer. In den Zuchthäusern und Konzentrationslagern, in den Gaskammern und den Vernichtungslagern waren durch die Nazis etwa 11 Millionen Menschen verschiedener Nationalitäten ermordet worden. [1] Nach all diesem Grauen mußte nun ein neuer Anfang gefunden werden. Der Saalfelder Arbeiter Robert Stephan beschreibt die Lage in seinem Heimatkreis

Die Amerikaner kommen…

Die Stadt Saalfeld mußte in den letzten Tagen des Zusammenbruches des „Tausendjährigen Reiches“ im besonderen durch die Bombenangriffe amerikanischer Terrorbomber leiden. So wurde besonders das Bahnhofsnetz als auch das in seiner unmittelbaren Umgebung sich befindende Industriegelände fast völlig zerstört. Als im Mai 1945 das wahnsinnige Unternehmen des Volkssturmes zu Ende ging, hatten schwachsinnige, nicht mehr zurechnungsfähige Befehlsgewaltige bei ihrer Absicht, das Vorrücken der US-amerikanischen Besatzungsmacht aufzuhalten, erreicht, daß der letzte Verbindungsweg zwischen dem rechten und linken Saaleufer durch Sprengung der Brücken unterbrochen war. Die Saalfeld besetzenden Truppen hatten außer der Sicherung ihrer eigenen Interessen keinerlei Interesse daran, das von ihnen in unsinniger Weise geschaffene Chaos wieder zu beseitigen oder auch nur den Versuch zu unternehmen, es beseitigen zu lassen. [2]

Die Befreiung durch die Sowjetarmee

Das änderte sich grundsätzlich, als Ende Juni 1945 die siegreichen Truppen der Roten Armee den von den Amerikanern geräumten Teil Thüringens besetzten. Sofort begann das Leben in unserer Stadt, als auch im Kreisgebiet, sich wieder zu entfalten. Durch die Bildung des Komitees des Antifablocks kam sofort wieder Leben auf, und eine der ersten Aufgaben, die damals mit Unterstützung der Offiziere und Mannschaften der im Kreis Saalfeld liegenden sowjetischen Truppen in Angriff genommen wurde, war die Beseitigung der Trümmermassen, welche reichlich vorhanden gewesen.

Wiederherstellung der Verkehrsverbindungen

So wurde damals mit Unterstützung der sowjetischen Freunde als erste die Brücke beim heutigen Rotstern-Werk (einer Schokoladenfabrik) wieder hergerichtet und im November 1945 noch ihrer Bestimmung übergeben. Gleichzeitig wurde auch die Straße der Freiheit, welche durch die Vernichtung der Eisenbahnbrücke eine Ver­bindung über die Kulmstraße nach Gorndorf und damit zur Hauptverkehrsstraße nach Pößneck und Gera schaffte, hergerichtet. Wer will die vielen Taten der Unterstützung, sei es ideeller oder materieller Art, aufzeigen, die damals, ohne großes Aufsehen davon zu machen, durch die sowjetischen Freunde gegeben wurden.

Neubeginn und Hilfe durch die sowjetischen Besatzer

Als dann die schwersten Schäden etwas gemildert und die Versorgung der Bevölkerung mit den notwendigsten Nahrungsmitteln, mit Gas und Strom usw. gesichert waren, galt es vor allem, die völlig zerstörte Industrie wieder aufzubauen. Zuerst ging man daran, die noch arbeitsfähig gebliebenen Betriebe zum Wiederanlaufen zu bringen. Es waren vor allem die auf dem Walde sich befindenden Glas- und Porzellanbetriebe, welche wieder in Gang gesetzt wurden. Hierbei war entscheidend, daß der Transport von Kohle in die Fabriken gesichert wurde, und unsere Freunde halfen hierbei entscheidend, indem sie einmal dafür sorgten, daß in kürzester Zeit der Eisenbahnverkehr wieder anlief und ein andermal, daß auch Briketts und Braunkohle herangeschafft wurden. Bei der Beschaffung des zur Porzellanherstellung notwendigen Kaolins, das aber nur aus Bayern oder der ČSSR zu beziehen ist, halfen die Wirtschaftsoffiziere der damaligen Kreiskommandantur in vorbildlicher Weise. In vielen Besprechungen mit diesen Freunden schöpften die damals unerschrocken an die Arbeit gegangenen Genossen der KPD und SPD reiche Erkenntnisse, um die ihnen gestellten Aufgaben zu lösen. .

Zerstörte Fabriken und Werkhallen

Erinnert sei daran, daß der heute mit fast tausend Arbeitern, Angestellten, Ingenieuren und Meistern arbeitende Betrieb des Maschinenbaues in der Thälmannstraße damals ein Schutthaufen gewesen war, und sechs mutige Genossen darangingen, aus den Trümmern noch ein paar verrostete Drehbänke herauszubuddeln. um damit den Grundstock für das heutige Werk zu legen. Auch hier waren es die Genossen Wirtschaftsoffiziere der Roten Armee, welche den Anstoß dazu gaben.

Die Betriebe wurden Volkseigentum

Ein anderer heutiger Großbetrieb, der VEB „Ernst Thälmann“, welcher zum größten Teil zerstört war – seine Nazibetriebsleitung hatte alles im Stich gelassen und war mit den Amis abgerückt –, wurde mit Unterstützung der Besatzungstruppen in kürzester Zeit wieder so aufgebaut, daß in einem Teil die Produktion wieder anlief. Ob es bei den Kollegen des Brauhauses, der Waschmaschinenfabrik, der Reichsbahn, den heute in dem VEB Werkzeugmaschinenfabrik aufgegangenen Betrieben Irmscher & Reißmann, der IKA oder dem Motorenwerk war, überall ging man daran, den Schutt beiseite zu schaffen und mit der Produktion von Bedarfsgütern zu beginnen.

Der erste Fünfjahrplan

Bei allem waren unsere sowjetischen Freunde der Wirtschaftsabteilung der Kreiskommandantur als die helfenden Kräfte zu finden. Der Befehl 257 brachte den Beginn der Planwirtschaft und schaffte die Voraussetzungen für den Zweijahrplan und später den ersten Fünfjahrplan. Was heute ein fester Begriff, war damals für die Genossen in der Wirtschaft Neuland, und es galt, sich auf diese neue Art der Wirtschaftsführung und -Ienkung einzustellen. Unsere Freunde waren dabei die Helfer, hatten sie doch Erfahrungen beim Aufbau der Wirtschaft in ihrer sozialistischen Heimat gesammelt, und wer um diese Zeit im Aufbau der Wirtschaft unseres Kreises schaffte, der weiß um diese Tatsache.

Im Anfang war uns vieles noch unverständlich, und gar mancher war verärgert, wenn am Monatsende die Berichte der Industrie- und Handelskammer und der Abteilung Wirtschaft beim Rat des Kreises gebracht werden mußten. Mit der Zeit lernten wir aber den Wert der Planung schätzen, und heute erinnern wir uns dankbar an die Unterstützung, die uns von den Wirtschaftsofflzieren bei alldem gegeben wurde.

Die Maxhütte in Unterwellenborn

Ein bedeutsames Ereignis beim Aufbau unserer heimischen Wirtschaft war das Anblasen des ersten Hochofens in der Maxhütte [3] im Februar 1946. Wie konnte es anders sein, als daß auch hier die treibende Kraft unsere Freunde waren. Dies wurde besonders dadurch unterstrichen, daß der damalige General Kolesnitschenko, Befehlshaber der sowjetischen Militäradministration in Weimar, persönlich in der Maxhütte weilte. Sowjetische Ingenieure und Hüttenfachleute waren auch hier die Kräfte, welche unseren Kumpeln bei der Erfüllung der ihnen gestellten Aufgaben halfen. Vieles war für den am Schraubstock stehenden Arbeiter nicht so leicht erkennbar, worin die große Hilfe der Freunde bestand, als für uns, die wir damals unmittelbar im Geschehen der Zeit steckten.

Im Lehestener Schieferbergbau

Abschließend noch eine Handlung, bei der eine für unseren Kreis bedeutungsvolle Industrie wieder angekurbelt wurde, nämlich die Schieferindustrie. Hier galt es vor allem, das Problem der Arbeitskräfte zu losen. Waren doch viele Arbeiter welche im Lehestener Schiefergebiet seit Jahrzehnten arbeiteten durch die Spaltung Deutschlands in der ersten Zeit verhindert, ihre alten Arbeitsplätze aufzusuchen. Durch langwierige Verhandlungen gelang es den Freunden auch hier zu helfen.

Dank der Hilfe der Sowjetunion…

Auch der Industrie in Pößneck, heute ein eigener Kreis, damals zum Kreise Saalfeld gehörend, wurde beim Wiederanlaufen große Unterstützung gewährt. Besonders war hier die Frage der Heranschaffung der Rohstoffe zu bewältigen. Sie wurde trotz vieler Hemmnisse geschafft mit Unterstützung dieser Stellen. Heute sehen wir alles mit anderen Augen. Was damals neu und vielen im ersten Augenblick unverständlich erschien, ist heute zum festen Bestandteil im Denken und Handeln der Wirtschaftsfunktionäre geworden. Das Wort „Vom Sowjetmenschen lernen, heißt siegen lernen“, hatte nicht nur damals, sondern hat auch heute seine große Bedeutung.

Quelle: Dr.Fred Fieber: Geschichtliches Erbe und revolutionäre Tradition des Kreises Saalfeld, Teil 3,S.5-7.

Anmerkungen:
[1] Joachim Streisand: Deutsche Geschichte in einem Band.VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin,1979, S.338.
[2] Über den Abzug der US-amerikanischen Truppen aus den widerrechtlich besetzten Gebieten schrieb die Thüringer Landeszeitung vom 29. Juni 2015:tlz

…dort, wie überall, wo die USA-Militärmacht ihre schmutzigen Stiefel hinsetzte, haben die „Amerikaner“ geklaut, geplündert, Kaugummi verteilt und auf Kosten der einheimischen Bevölkerung bequem in deren Wohnungen gehaust. Am Ende wurden tonnenweise Lkw.-Ladungen und Güterzüge voller Raubgut, Maschinen und Anlagen, Patente und Produktionsunterlagen gestohlen, nebst dem dazugehörigen Personal.
siehe auch: So plünderten die Amerikaner 1945 Leipzig)

[3] Der Volkseigene Betrieb (VEB) Maxhütte Unterwellenborn im Kreis Saalfeld war später einer der wichtigsten Stahlproduzenten der DDR, Foto (oben): aus Deutschland, Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin, 1953, nach S.32.

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Eine Antwort zu Die schwierige Anfangszeit der DDR (Erinnerungen eines Saalfelder Arbeiters)

  1. prkreuznach schreibt:

    Hat dies auf Die Trommler – Archiv rebloggt und kommentierte:
    Ein interessanter Beitrag aus einem Anderen Blog.

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