Erlebnisse eines Sozialdemokraten. Aus den Memoiren des rechtssozialdemokratischen Politikers Wilhelm Keil.

keilwilhelm

Wilhelm Keil (1870-1968)

Ein Sozialdemokrat, wie er im Buche steht! Ein Opportunist, ein Schwätzer, dem niemals die Interessen der Arbeiterklasse wichtig waren, sondern nur seine eigenen schönen Sonntagsreden, seine Abgeordnetenhonorare und sein eigener kleinbürgerlicher Wohlstand. Und solche miesen Gestalten erdreisteten sich noch, „dem Volk“ Ratschläge zu erteilen, wie es sich in einer Demokratie zu verhalten habe. Wohin die passive Haltung der sozialdemokratischen Führungsspitze schließlich führte, das verdeutlichen besonders klar die Memoiren des sozialdemokratischen Politikers und Reichstags-abgeordneten Wilhelm Keil, der – obwohl hochbetagt – nach 1945 noch einmal führend, u.a. als Mitglied des Bundestages, in der Sozialdemokratie tätig wurde. Er schreibt…

Aber ich stand als stiller Beobachter weit abseits und war auf die Unterrichtung durch Josef Goebbels [2], die gleichgeschalteten Zeitungen, die ausländischen Sender und das politische Getuschel angewiesen. Den Kommentar zu diesen Inforrnationen mußte ich mir selbst Iiefern. Der wurde dann in der Regel in der Unterhaltung mit Freunden überprüft. An Gelegenheit zu solcher Unterhaltung fehlte es nicht. Ein zunächst kleiner, im Laufe der Zeit sich erweiternder Freundeskreis hielt enge Fühlung. Zu diesem Zweck wurden keine Konventikel [3] oder Verschwörerzirkel gebildet.

Die realistische Betrachtung der Gegebenheiten belehrte uns über die totale Aussichtslosigkeit eines solchen Beginnens. Wir hatten uns entschlossen, im Lande zu bleiben und uns im Rahmen der Gesetze zu bewegen. Der Willkür konnte man vielleicht durch Klugheit begegnen, die Gesinnung aber blieb ein unveräußerliches Gut. Nur gerüchtweise erfuhren wir Alteren davon, daß sich eine oder einige Gruppen jüngerer Gesinnungsgenossen gebildet hatten, die glaubten, mit geheimen Verbindungen der eigenen Überzeugung dienen und die Gewaltherrschaft unterminieren zu können. Wir hörten wohl auch von Verbindungen mit in der Schweiz lebenden Emigranten. Ins Vertrauen gezogen wurden wir nicht. Wir hätten den tapferen jungen Freunden auch nur sagen können, daß ihr hochachtbares Tun erfolglos bleiben müsse.

Die Zahl der schuldlosen Opfer wuchs ohnehin ins Ungemessene, wie hätten wir dabei mitwirken können, begeisterte Idealisten in die Gefahr zu bringen, den Häschern in die Arme zu laufen, wenn wir von der Aussichtslosigkeit dieses Weges überzeugt waren. Ich bin persönlich keinem Gesinnungsfreund begegnet, der anderer Ansicht war. Soweit ich unterrichtet war, blieb die geheime Propaganda, wenn man von einer solchen sprechen konnte, auf ganz kleine Kreise beschränkt, und je weiter die Zeit fortschritt, desto weniger hörte man davon. Nur wurden noch einzelne Namen der Waghalsigen genannt, die in die Schlingen der Nazijustiz geraten waren …

Mein Leben in Ludwigsburg war das eines Altersrentners. Ich bemühte mich, in Haus und Garten nützlich zu sein, übernahm den Einkauf des täglichen Bedarfs und kam auf diese Weise viel häufiger mit der Einwohnerschaft in Berührung als in den früheren Zeiten der politischen Aktivität.

Quelle:
Wilhelm Keil: Erlebnisse eines Sozialdemokraten. II.Band, Stuttgart 1948, S. 507ff.
[1] Opportunismus: Prinzipienlosigkeit, Zurückweichen vor Schwierigkeiten; in der Arbeiterbewegung das Aufgeben der Klasseninteressen des Proletariats und die Unterordnungunter die Interessen der Bourgeoisie.
[2] Josef Goebbels (1897-1945, Selbstmord) war Minister für Volksaufklärung und Propaganda von 1933 bis 1945 und von Hitler kurz vor dessen Selbstmord als sein nachfolgender „Reichskanzler“ nominiert worden.
[3] Konventikel: [geheime, verbotene] Zusammenkunft in engem Kreise, heimliche Vereinigung.

Warum hätte man solchen Leuten, wie Keil, auch Vertrauen entgegenbringen sollen! Ist das heute etwa anders??? Tausende Unschuldiger mußten damals für die Feigheit solcher jämmerlicher Gestalten mit dem Leben bezahlen. Von ganz anderer Art war da der selbstlose und mutige Einsatz der Kommunisten und vieler Antifaschisten. Ihnen – den Überlebenden – und der Hilfe der Sowjetunion ist es zu verdanken, daß nach 1945 erstmals auf deutschem Boden ein freier, sozialistischer Staat entstand, in dem die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abgeschafft worden war, der Faschismus mit der Wurzel ausgerottet und die damit Grundlage für eine bessere Zukunft gelegt wurde. In seinem Bericht schrieb der Kommunist Jan Petersen bereits 1933:

Petersen83.png

Quelle:
Jan Petersen: Unsere Straße. Aufbau Verlag Berlin 1958, S.83.

Siehe auch: Jan Petersen „Am Tag danach…“

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Eine Antwort zu Erlebnisse eines Sozialdemokraten. Aus den Memoiren des rechtssozialdemokratischen Politikers Wilhelm Keil.

  1. Harry 56 schreibt:

    Der ganze Bundestag, in allen Länderparlamenten, in den Senaten von Berlin, Hamburg, Bremen…, Stadträten, Gemeinderäten, überall lungern diese schier ewigen „Wilhelm Keils“ herum, als Staats – und Verwaltungsbüttel der Bourgeoisie, unabhängig von jeglicher(!) Parteizugehörigeit, immer gegen viel reichlich aus Zwangssteuern finanziertes Bakschisch zum Wohle der Bourgeoisie, der Kapitaleigner.
    Alles schäbige gekaufte Systemdiener!

    Keine Grüße, es ekelt nur…..

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