Gefälschte Zitate…

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Gefälschtes Leninzitat

Nicht immer sind Fälschungen so leicht erkennbar, wie die nebenstehende. Der Text lautet: „Das Problem der Zitate im Internet besteht darin, daß die Leute bedingungslos an deren Echtheit glauben. (W.I. Lenin)“ Augenzwinkernd haben die Erfinder dieses falschen Zitates natürlich vorausgesetzt, daß jeder weiß, daß diese Äußerung niemals von Lenin sein kann, denn zu Lebzeiten Lenins gab es weder Computer noch das Internet. Dennoch ist diese Aussage selbstverständlich wahr.  Aber das spielt hier erst einmal keine Rolle…

Warum gibt es diese Fälschungen?

Immer wieder einmal tauchen im Internet gefälschte Zitate auf. Dabei handelt es sich um Aussagen, die bedeutenden Persönlichkeiten zugeschrieben werden. Gewöhnlich wird in solch einem Falle auf eine Quellenangabe verzichtet (sie ist einfach nicht vorhanden!) – und da der Text recht plausibel erscheint, wird das angebliche Zitat unbesehen weiter verbreitet. Die Verbreiter solcher Fälschungen haben dabei zumeist zweierlei im Sinn, einmal soll die Autorität des angeblichen Zitatgebers zu Beweiszwecken mißbraucht werden, zum anderen enthebt es den Verbreiter solcher Falschmeldungen der eigenen Nachweispflicht seiner Behauptungen.

Beweise sind wichtig!

Beweise sind bekanntlich nicht nur ein wesentlicher Bestandteil einer jeden Argumentation, sondern sie dienen in erster Linie der Begründung der Wahrheit eines Gedankens. Da es aber weder der Fälscher selbst, noch der Nutznießer solcher gefälschter Zitate besonders genau nimmt mit der Wahrheit, hängt es im Grunde vom Leser ab, ob ihm der Nachweis gelingt, die Quelle zu finden – oder eben den Betrug zu entlarven. Hier nun ein Beispiel: Im russischen Internet findet sich immer wieder das folgende „Zitat Stalins“ mit der Angabe eines angeblichen Gesprächs mit dem Botschafter Alexandra Kollontaj.

Hier ist ein solches Zitat:

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Der Text lautet:

„Viele Angelegenheiten unserer Partei und des Volkes, werden vor allem im Ausland, aber auch in unserem Land entstellt und bespuckt. Der Zionismus, der die Weltherrschaft an sich reißt, wird sich an uns für unsere Erfolge und Errungenschaften grausam rächen. Er betrachtet Rußland immer noch als ein barbarisches Land, als ein  Rohstoffanhängsel. Und auch mein Name wird diffamiert und verleumdet. Mir werden eine Menge der Übeltaten zugeschrieben.
Doch gleich wie sich auch die Ereignisse entwickelt haben, es wird eine Zeit kommen, da werden die Blicke der neuen Generationen auf die  Taten und Siege unseres sozialistischen Vaterlandes gerichtet sein. Jahr für Jahr werden neue Generationen kommen. Sie werden erneut das Banner ihrer Väter und Großväter ergreifen und uns Nötige vollständig zurückgeben. Sie werden ihre Zukunft auf unserer Vergangenheit aufbauen.
J.W. Stalin. Aus den Aufzeichnungen eines Gesprächs mit A.Kollontaj“

Ein schönes Zitat – nicht wahr! Und wie prophetisch! Doch leider stammt das Zitat nicht von Stalin, und der gesamte restliche Text des Zitates aus dem Buch, dem er entnommen wurde, auch nicht. Leider hat der Herausgeber einer russischen Neuausgabe der Stalinwerke nicht gründlich genug recherchiert. Er ist einem Betrug aufgesessen. Wieso?


Forschen wir also nach den Quellen…

1. Welchem Buch wurde das Zitat entnommen?

Dieses Zitat wurde einem Buch entnommen aus der „Bibliothek Michail Gratschew“: Gespräch Stalins mit A.M. Kollontaj (November 1939). Und als Quellenangabe steht dort: J.W. Stalin, Werke, Bd.18, Twer 2006, S.606-611. Nun ist es zweifellos richtig, daß der vorstehende Textausschnitt korrekt zitiert wurde. Doch warum wurde diese Quelle im Buch Gratschews nicht angegeben?  Forschen wir also weiter nach:

2. Welche Quelle nennt der Herausgeber des Buches?

Am Fußende des Textes findet sich bei Gratschew die folgende Bemerkung: „Dialog. 1998. № 8. S. 92–94. Anmerkung: Die Auszüge aus den Tagebüchern der A.M.Kollontaj, die im Archiv des Außenministeriums Rußlands aufbewahrt werden, wurden von dem Historiker M.I.Trusch vorgenommen.“Doch nun fragen wir weiter: Wer ist dieser M.I. Trusch?

3. Wer hat die Tagebuchauszüge hergestellt?

Der Herausgeber bezieht sich also hier auf eine Zeitschrift „Dialog“ von 1998 und einen Historiker namens Trusch. Doch weder in der Ausgabe der Gesammelten Werken Stalins (Dietz Verlag Berlin, 1950-1955) noch in den Erinnerungen der Kollontaj in Verlag „Akademia“ (2001) gibt es dieses Zitat. Die erste Erwähnung eines solchen Zitates findet sich erst in einem Artikel von R.Kossolapow „Was ist sie – die Wahrheit über Stalin?“ in der Zeitung „Prawda“ vom 2.-4. Juni 1998 (sic!). Dabei verweist Kossolapow auf die Forschungen dieses Professors M.I.Trusch. Aber auch wissenschaftliche Publikationen zu diesem Thema von diesem Trusch gibt es nicht. Eine Archivnummer des Dokumentes wird ebenfalls nicht angegeben. Zweifel sind also angebracht. Gratschew beruft sich auf die Zeitschrift „Dialog“, der Autor Kossolapow beruft sich auf die „Prawda“, und die „Prawda“ beruft sich auf  Trusch.

4. Wie ist das mit den Quellenangaben?

Das Ruebchen.png

Das erinnert ein wenig an das alte russische Volksmärchen vom Rübchen: Бабка за дедку, дедка за репку…  Da zieht Großmütterchen an Großväterchen, und Großväterchen am Rübchen. Und sie konnten es nicht herausziehen… Nunja. Professionelle Historiker haben ein bestimmtes System der Quellenangabe von Dokumenten. Es wird der genaue Aufbewahrungsort, der Band, das Jahr, die Seite angegeben. Und die Dokumente werden in den Fachzeitschriften und bei Konferenzen besprochen. Doch nichts dergleichen geschah in diesem Fall. Na, da wird wohl der Herr Professort Trusch gemogelt haben!

5. Ist ein solches Zitat wahrscheinlich oder nicht?

Stalin wußte sehr wohl, wann, warum und mit wem er etwas zu besprechen hatte, weil er konkrete politische Ziele hatte. Deshalb war Alexandra Kollontaj, als sowjetischer Botschafter in Schweden kurz vor dem finnischen Krieg in erster Linie eine Informationsquelle über Skandinavien. Und 1939 war der deutsche Faschismus die Hauptbedrohung in der Welt – und ganz und gar nicht „der weltweite Zionismus“. Dieser Terminus wurde erst viel später in die politische Rhetorik eingeführt. Ein solches Gespräch ist also sehr unwahrscheinlich!


Schlußfolgerung:

Bei diesem Zitat kann es sich nur um eine Fälschung handeln! (Es ist traurig, daß die Aufzeichnung dieses angeblichen Gesprächs von Webseite zu Webseite, und von Buch zu Buch wandert.)


Der Beweis:

Beweis Nr.1: In den im Verlag „Akademia“ im Jahre 2001 veröffentlichten Tagebüchern der Jahre 1922-1940 schrieb Kollontaj, daß sie 1939 nur zwei Tage in Moskau war, aber sie traf Stalin nicht!

kollontaj-tagebuch

Und die Aufzeichnung der Kollontaj zu diesem Zeitpunkt. Sie schrieb: „Stalin habe ich nicht getroffen. Ärgerlich! Mit ihm kann man leicht und einfach reden.“ (S.467):

Kollontaj Notiz.png

Beweis Nr.2: Auch die Besuchsbücher Stalins im Jahre 1939 sind im Internet nachzulesen:
http://www.teatrskazka.com/Raznoe/GurnalPoseschenij/GP1939.html
Ein Besuch der Kollontaj ist darunter jedoch nicht verzeichnet.

besuchsbuch-stalin

Nun kann man Trusch zugute halten, daß er sich im Datum geirrt hat. Auch könnte man annehmen, daß er versucht haben könnte, Stalin prophetische Fähigkeiten zuzuschreiben. Sicher konnte Trusch nicht ahnen, daß sich ein paar Jahre später über 70% seiner Landsleute dafür entscheiden würden, den Lügen über Stalin keinen Glauben mehr zu schenken. Doch alles das spricht nicht für die Seriosität eines Historikers, der sich an die Tatsachen, also an die Wahrheit zu halten hat. Wie übrigens auch ein russisches Sprichwort sagt: Лжей много, а прaвда одна! (Lügen gibt es viele, aber nur eine Wahrheit!)

Kurzum:

Das Zitat eines Gesprächs der Kollontaj mit Stalin ist eine Fälschung! q.e.d.

(Danke an Marina Koch für die Übersetzungen!)

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8 Antworten zu Gefälschte Zitate…

  1. Und dann gibt es all diese Expertinnen, wie “Solveigh Calderin“, die uns mit dem über Stalin verbreiteten Unsinn “aufklärt“.
    Ich verstehe es nicht: In jeder Kleinstadt gibt es Volkshochschulen — die sind besser als ihr Ruf — und wenn jemand genau zuhört oder mit einem Referenten gesprochen wird … — wo man Deutsch lernen und auch Geschichte, Mathe, Geometrie und Logik nachholen kann … hier im Westen wurde das ja nur von wenigen Lehrern in der Schule einem jungen Menschen beigebracht …

    • sascha313 schreibt:

      Da hast Du recht, Georg. Es reicht eben nicht, wenn man ein paar Worte Russisch kann und Stalin ganz gut findet 🙂 Da sollte derjenige, der in der DDR aufgewachsen ist, mal seine alten Geschichtsbücher wieder herauskramen und nachlesen. Zwar wurde uns damals Stalin regelrecht vorenthalten, aber dank Kurt Gossweiler wissen wir nun auch, was wir da versäumt haben! Und – ja wir haben auch die Logik vernachlässigt!

      • Günter Hering schreibt:

        Lieber Sascha, gut, dass Du an diesem Beispiel aufzeigst, wie kritiklos abgeschrieben wird, statt den Quellen nachzugehen. Im übrigen ist das nicht nur ein Problem bei den Historikern bzw. allgemeiner gesagt im ideologielastigen Bereich. Das gibt es auch im Medizinischen und Naturwissenschaftlichen. Auch da halten sich Falschdarstellungen manchmal über Jahrzehnte. Es ist eben bequemer, abzuschreiben als nachzuspüren.

        Schlecht, lieber Sascha, kommt mir vor, dass Du mit einem Bein in die gleiche Fehlerecke stolperst: „Zwar wurde uns damals Stalin regelrecht vorenthalten…“. Nun ja, er stand nach dem Amtsantritt von Chrustschow nicht mehr (überall) auf dem Lehrplan, aber noch in den Bibliotheken (und bis heute bei uns im Bücherschrank – ohne ihn einseitig zu überhöhen, ganz und gar nicht!).
        PS. Logik ist gut, Dialektik ist besser ;-))

      • sascha313 schreibt:

        Naja, in den Bücherschränken gab es Stalin ab und zu schon, eher selten! Ich fand bei meiner Genossin Friedel (sie war damals fast 80) erstmals „Fragen des Leninismus“ auf dem Boden – nach ihrem Tod. In den Wissenschaftlichen Allgemeinbibliotheken gab es Stalinwerke nicht. Da wurden sie, und alles was daran erinnerte, gründlich beseitigt. Nicht daß Stalin nun ein „Allheilmittel“ wäre. Aber ein gravierender Mangel war es eben doch! – Und mit der Dialektik ist es wohl so, daß stattdessen ein neuer Revisionismus Einzug hielt…
        (Und die „Überhöhungen“ sind ja nun nicht auf Stalin zurückzuführen! Es gab z.B. 1953 in der SU eine regelrechte Hysterie auf der Suche nach Volksschädlingen. Das war gewissermaßen das Vorspiel.)

    • Hanna Fleiss schreibt:

      Jauchuhanam, wie meinst du denn das mit den Volkshochschulen – Ost oder West?
      Also in einem kannst du dir ganz sicher sein: Im Westen war Stalin ein Massenmörder und Verbrecher. Es gab hundertprozentig da keine „wenigen Lehrer“, die positiv über Stalin gesprochen hätten – wenn sie ihren Job behalten wollten. In der DDR aber gab es ab den sechziger Jahren Stalin gar nicht mehr.

      Meine Generation hatte ab der 5. Klasse Russisch. Die erste Lektion: Ein großes Stalinbild, sein Lebenslauf – in Russisch. Alles schien klar: Stalin hat uns vom Faschismus befreit. Übrigens war das ein sehr einseitiger Russisch-Unterricht, wir übersetzten russische Texte über die Sowjetunion ins Deutsche, lernten dabei Vokabeln, aber leider waren wir nicht in der Lage, uns russisch zu unterhalten. Außerdem fehlte die Praxis. Meine Kinder haben in der Schule kein Wort von Stalin mehr gehört.

      Das ist die Situation in West und Ost gewesen. Von der Solveigh Calderin habe ich auch was gelesen, ziemlich übel. Ich weiß bloß nicht, wo sie herkommt. Wahrscheinlich in der Linkspartei oder DKP, dort ist der Antistalinismus en vogue.

  2. Hanna Fleiss schreibt:

    Danke, Sascha, da wird man noch auf viele solcher Fälschungen treffen! Bekanntlich wurden ja schon unter Chruschtschow, später unter Gorbatschow und Jelzin die Kreml-Dokumente manipuliert, so dass man eigentlich bei jedem Zitat Stalins (und nicht nur seinen) sehr vorsichtig sein sollte. Grover Furr belegt das ganz konkret in seinem Buch „Chruschtschows Lügen“.

    Wie aber verhält es sich mit dem Ulbricht-Zitat „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“? Man begegnet ihm in allen heutigen sogenannten Dokumentationen zur Grenzabsicherung in Berlin und wird als Totschlagsargument in jeder Diskussion zur Mauer eingesetzt. Er hat diesen Satz gesagt, er liegt akustisch vor. Aber er ist aus dem Zusammenhang gerissen, der Kontext wird beim Zitieren immer übergangen. Der Kontext spricht meines Wissens u. a. davon, dass die DDR vom Westen durch den Kurs von BRD-DM zu DDR-Mark ausgeplündert wird. Mir liegt leider das gesamte Zitat nicht vor, und wenn jemand es haben sollte (mit Quellenangabe), wäre es ganz gut, es hier einzustellen, um Klarheit zu schaffen.

    • sascha313 schreibt:

      Ulbricht beantwortete damals die Frage einer Journalistin der „Frankfurter Rundschau“ und ging dabei auf die Bauarbeiter in Berlin ein. Die Frage der Journalistin war eine reine Provokation! Man hätte frelich auch einen Bretterzaun errichten können oder einen tiefen Graben ausheben, was natürlich Quatsch ist. Diese Form der Grenzziehung war die wirksamste Methode. Sie hat (auch wenn das nunmal weniger schön war) ihren Zweck erfüllt. Deshalb ist das Zitat auch keine Fälschung!

  3. Hanna Fleiss schreibt:

    Richtig, Sascha, es ist keine Fälschung, wird aber vom antikommunistischen Westen immer dann eingesetzt, wenn Walter Ulbricht und damit der Sozialismus „der Lüge überführt“ werden soll. Und das ist auch eine Methode der Fälschung, denke ich, wie jedes aus dem Zusammenhang gerissene Zitat zur Fälschung benutzt werden kann und auch benutzt wird. Sie wissen doch genau, weshalb sie nur diesen einen Satz senden und den Kontext unterschlagen. Schade, ich hätte gern den gesamten Text, mit dem ich dann argumentieren kann.

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