Der Raubfrieden von Brest-Litowsk

vorwarts-dezember-1917Gegen den Willen Lenins lehnte Trotzki es am 10. Februar 1918 ab, einen Friedensvertrag mit den deutschen Imperialisten zu unterschreiben. Die Folge davon waren noch schärfere Forderungen der Deutschen und der Einmarsch der Reichswehr in Kiew… Warum graben wir hier diese alte Geschichte wieder aus? Erstens, um sichtbar zu machen, wie der deutsche Imperialismus schon 1918 danach strebte, das Sowjetland in eine deutsche Kolonie zu verwandeln und die Sowjetvölker zu versklaven. Zweitens, um zu zeigen, wie die opportunistische Rolle Trotzkis die junge Sowjetmacht an den Rand des Abgrunds führte. Und drittens, um zu verdeutlichen, daß es ein verhängnisvoller Fehler ist, den auch die Führer der deutschen Linken immer wieder begingen – sie unterließen es, den völligen Bruch mit den Opportunisten herbeizuführen, diese aus der Partei zu vertreiben und eine vom Opportunismus freie revolutionäre Kampfpartei, eine Partei neuen Typus, zu schaffen. Nur so kann es gelingen, den Kapitalismus zu überwinden und mit Erfolg den Sozialismus in einem Land aufzubauen…

Die Niederlage der deutschen Arbeiter im Januarstreik von 1918 gab den deutschen Imperialisten und Militaristen die Möglichkeit, ihr Annexionsprogramm im Osten mit Gewalt zu verwirklichen. Zunächst setzten sie die Delegation Sowjetrußlands dadurch unter Druck, daß sie am 9. Februar einen Separatvertrag mit ukrainischen Nationalisten, die die Ukraine aus dem Sowjetstaat herauslösen wollten, abschlossen. Dieser Vertrag mit einer Regierung, die zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung bereits vom Volk gestürzt und durch eine sowjetische in Charkow ersetzt war, sah die militärische Hilfe gegen die Bolschewiki seitens Deutschlands und die Lieferung von riesigen Lebensmittelmengen aus der Ukraine an Deutschland und Österreich-Ungarn vor.

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Am Abend des gleichen 9. Februar forderte Staatssekretär Kühlmann ultimativ die sowjetische Delegation auf, den deutschen Vorschlägen zuzustimmen, die von Sowjetrußland die Abtretung Litauens und Russisch-Polens, von Teilen Estlands, Lettlands und Belorußlands sowie die Preisgabe der Ukraine verlangten. Infolge des räuberischen Auftretens des deutschen Imperialismus kam es in den sowjetischen Führungsgremien zu scharfen Auseinandersetzungen.

Lenin hatte schon Anfang Januar in 21 Thesen mit zwingender Logik und in nüchterner Analyse der internationalen Situation und der Lage im eigenen Land nachgewiesen, daß es notwendig war, auch einen drückenden Vertrag zu unterschreiben, da der Zustand der Armee eine wirksame Verteidigung nicht gestatte und Sowjetrußland eine Atempause brauche. Er wandte sich damit gegen eine starke, um Bucharin und Radek gescharte Gruppe „linker“ Kommunisten, die die tatsächliche Situation völlig verkannte und den Abbruch der Verhandlungen mit den Mittelmächten und die Proklamierung eines „revolutionären Krieges“ gegen den Weltimperialismus forderte. Diese von Lenin scharf als „blindes Hasardspiel“ verurteilte Politik erklärte jegliche Verträge mit imperialistischen Regierungen als prinzipiell unzulässig und ging von der Annahme aus, die objektiven und subjektiven Bedingungen für die sozialistische Revolution seien in allen Industrieländern bereits herangereift, zumindest aber würde das internationale Proletariat eine imperialistische Intervention gegen Sowjetrußland verhindern.

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Die russische Delegation trifft in Brest-Litowsk ein

Eine Variante der abenteuerlichen Politik der „Linken“ vertrat der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten und Führer der sowjetischen Delegation in Brest-Litowsk, Trotzki. Er schlug vor, keinen Vertrag mit den deutschen Imperialisten zu unterzeichnen, die Kampfhandlungen aber einzustellen. Er glaubte, die deutschen Generäle würden einen Überfall auf Sowjetrußland nicht wagen. Sollten sie jedoch den Krieg wiederaufnehmen, so erwartete er davon eine restlose Zerstörung des Mythos von der „Vaterlandsverteidigung“ in Deutschland und eine solche Revolutionierung der Volksmassen im Lager der Mittelmächte, daß nicht nur deren militärischer Vormarsch gestoppt werden müßte, sondern auch der Ausbruch der Revolution in Mitteleuropa unvermeidlich würde.

Obwohl der Vertrag mit der Ukraine die Entschlossenheit der deutschen Imperialisten demonstrierte, ihre Ziele mit allen Mitteln durchzusetzen, und die Niederschlagung des Januarstreiks die noch beträchtliche Kraft der herrschenden Klasse in Deutschland gezeigt hatte, erklärte Trotzki am 10. Februar in Brest-Litowsk, die Sowjetregierung lehne es ab, einen annexionistischen Vertrag zu unterzeichnen, und erteile gleichzeitig ihren Streitkräften den Befehl zur Demobilisierung. Dabei hatte er mit Lenin vereinbart, die Gespräche bis zu einem Ultimatum hinauszuziehen, vor einem Ultimatum der Deutschen aber zu kapitulieren.

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Die Formel Trotzkis „weder Krieg noch Frieden“ war den deutschen Imperialisten und Militaristen, nachdem sie ihre anfängliche Verblüffung überwunden hatten, höchst willkommen. Auf einer Kronratssitzung am 13. Februar in Bad Homburg empfahl Wilhelm II., der die „Bolschewiki so schnell wie möglich totschlagen“ wollte, die Erklärung Trotzkis auszunutzen und das Annexionsprogramm des deutschen Imperialismus durch sogenannte Polizeimaßnahmen zum „Schutz der Bevölkerung“ durchzusetzen. Dementsprechend wurden der Überfall auf Sowjetrußland und der Einmarsch in die Ukraine beschlossen und am 18. Februar in die Wege geleitet. Dabei zeigte sich, daß die Reste der alten russischen Armee völlig kampfunfähig waren und daß sich der deutsche Vormarsch im Eiltempo vollziehen konnte.

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Einmarsch deutscher Truppen in Kiew

In dieser ernsten Stunde wandte sich der Rat der Volkskommissare zum ersten Mal mit dem Aufruf an das russische Volk: „Das sozialistische Vaterland ist in Gefahr!“ Es zeugt von der tiefen Verbundenheit der Volksmassen mit der Sowjetmacht, daß binnen wenigen Tagen Zehntausende von Arbeitern und Bauern in die Rote Armee eintraten. Dadurch wurde es möglich, den deutschen Angriff auf Petrograd bei Pskow und Narwa abzuwehren. Die Annahme der inzwischen außerordentlich verschärften Friedensbedingungen der Mittelmächte war aber nicht zu umgehen. Nach kurzen Vorbesprechungen wurde am 3. März in Brest-Litowsk der Friedensvertrag zwischen Sowjetrußland und den Mittelmächten unterzeichnet.

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Der deutsche Imperialismus und seine Bundesgenossen zwangen Sowjetrußland, auf Litauen, Kurland. Russisch-Polen und einen Teil Westrußlands zu verzichten. Diese Gebiete gedachten die herrschenden Kreise Deutschlands in einer mehr oder weniger verschleierten Form in ihren Machtbereich einzugliedern. Außerdem mußte die Sowjetregierung Estland und Livland, das ebenfalls von den deutschen Imperialisten begehrt wurde, räumen, das mit deutscher und österreichisch-ungarischer Waffenhilfe wieder errichtete ukrainische Nationalistenregime anerkennen und transkaukasische Beeirke an die Türkei abtreten.

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Damit wurden vom alten russischen Reich etwa 1 Million Quadratkilometer Boden mit einer Bevölkerung von rund 50 Millionen Menschen losgerissen. In den geraubten Gebieten, die größtenteils in den direkten Machtbereich des deutschen Imperialismus gelangen sollten, befanden sich 90 Prozent aller russischen Kohlengruben, 54 Prozent der gesamten russischen Industrie und 33 Prozent des russischen Eisenbahnnetzes. Damit hatte der deutsche Imperialismus vor aller Welt in der Praxis seinen räuberischen Charakter offenbart und seine offiziellen Beteuerungen Lügen gestraft. Er sollte seines Sieges nicht froh werden.

Quelle:
Hutsche/Klein/Petzold:  Von Sarajevo bis Versailles. Deutschland im ersten Weltkrieg. Akademie-Verlag, Berlin 1974, S.286-290.

Siehe auch:
Trotzki verrät die junge Sowjetmacht
Große Sowje-Enzyklopädie: Der Raubfriede von Brest Litowsk

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2 Antworten zu Der Raubfrieden von Brest-Litowsk

  1. Rolf schreibt:

    Lesenswert!!!! Danke Sascha!

  2. prkreuznach schreibt:

    Hat dies auf Die Trommler – Archiv rebloggt und kommentierte:
    Ein Beitrag vom befreundeten Blog „Sascha´s Welt“ zum Thema Raubfrieden von Brest-Litowsk.

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