Richtig studieren!

img_2355-2In einem Lehrbuch aus den Gründerjahren der DDR geben erfahrene Kommunisten den Studenten praktische Hinweise, wie man den Marxismus-Leninismus studieren sollte, und wie man dabei auch Freude am Lernen haben kann. Natürlich ist dieser folgende Text für die heutige Zeit nicht zutreffend. Doch was macht das schon!  Wir wissen nur zu gut, wie schlecht informiert Jugendliche heute die Schule verlassen. Da erklärte doch ein Schüler, sein Lehrer habe gesagt, daß die BRD ’sozialistisch‘ sei, und er fragt in einem Internet-Forum, ob das auch stimme. Es stimmt freilich nicht. Doch wie wenig muß einer darüber gelernt haben, wenn er nicht einmal weiß, worin der Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus besteht. Man muß also alles, was man lernt, in die Gegenwart übertragen und auf seine Anwendbarkeit hin überprüfen. Deshalb lassen wir diesen Text auch unverändert stehen…

Richtig studieren, heißt mit Erfolg studieren. Das wiederum weckt die Freude am Lernen, fördert den Drang nach Wissen und führt zu einem Umschwung in der gesamten Arbeit.

Die vorliegende Broschüre soll bei der Durchführung und ständigen Verbesserung der staatspolitischen Schulung eine Hilfe sein. Sie entstand nach des Tages Arbeit, in der Absicht, vorliegende Erfahrungen allen Kollegen zu vermitteln. Diese Erfahrungen sind jedoch kein fertiges Rezept. Die entwickelten Grundsätze sollen vielmehr jedem Kollegen eine Anleitung sein, wie er noch besser als bisher das Studium des Marxismus-Leninismus durchführen kann.

Über die Notwendigkeit, die Staatsfunktionäre mit der marxistisch-leninistischen Theorie auszurüsten

Seit dem Tage, da die II. Parteikonferenz der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands in ihrem historischen Beschluß feststellte, daß der Aufbau des Sozialismus zur grundlegenden Aufgabe in der Deutschen Demokratischen Republik geworden ist, wurde oft von Staatsfunktionären die Frage gestellt: Wie sollen wir diese Aufgabe verwirklichen? Womit soll man beginnen? Worin muß das Neue in der Arbeit der Funktionäre der Staatsverwaltung bestehen? Diese und ähnliche Fragen hat die Partei der Arbeiterklasse, die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands klar beantwortet, indem sie ihren Beschlüssen konkret praktischen Charakter verlieh, indem sie unter anderem hervorhob, daß der Aufbau des Sozialismus besonders eine wissenschaftliche Aufgabe ist.

Wie aber sollen wir eine wissenschaftliche Aufgabe erfüllen, ohne uns in der Wissenschaft auszukennen? Es gibt viele Zweige der Wissenschaft, aber. es gibt einen, den jeder kennen muß, wenn er für den Fortschritt der Gesellsehaft erfolgreich arbeiten und kämpfen will. Untersuchen wir deshalb zunächst, was uns der größte und bedeutendste Wissenschaftler unserer Epoche, J. W. Stalin, lehrte, welche Hinweise er uns auf unsere Fragen gibt. In seinem Werk „Fragen des Leninismus“ schreibt er:

„Es gibt aber einen Zweig der Wissenschaft, dessen Beherrschung für die Bolschewiki aller Zweige der Wissenschaft obligatorisch sein muß. Das ist die marxistisch-leninistische Wissenschaft von. der Gesellschaft, von den Entwicklungsgesetzen der Gesellschaft, von den Entwicklungsgesetzen der proletarischen Revolution, von den Entwicklungsgesetzen des sozialistischen Aufbaus, vom Siege des Kommunismus …. Ein Leninist soll nicht bloß Spezialist auf dem von ihm bevorzugten wissenschaftlichen. Gebiete sein, er muß zugleich auch ein politisch und gesellschaftlich aktiver Mensch sein, der sich für das Schicksal seines Landes lebhaft interessiert, der in den Entwicklungsgesetzen der Gesellschaft bewandert ist, der es versteht, von diesen Gesetzen Gebrauch zu machen, und bestrebt ist, aktiver Teilnehmer an der politischen Leitung des Landes zu sein.“ [1]

Stalin lehrt uns also, daß wir vor allem den Marxismus-Leninismus kennen müssen, daß wir es lernen sollen, ihn in unserer praktischen tagtäglichen Arbeit anzuwenden. Das ist notwendig, um die wissenschaftliche Aufgabe des Aufbaues des Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik zu lösen.

Es fällt nicht schwer zu begreifen, daß unsere Staatsfunktionäre diese Wissenschaft kennen müssen, denn sie arbeiten darauf hin, daß auch bei uns der Sozialismus siegreich ist. Das wiederum ist ohne die schöpferische Anwendung des Marxismus-Leninismus unmöglich.
Nur so können sie ihre Arbeit wissenschaftlich organisieren und dazu beitragen, ein neues, besseres Leben aufzubauen.

Die Arbeit auf wissenschaftlicher Grundlage organisieren, setzt aber voraus, die Wissenschaft zu kennen. Eine Ursache der großen Erfolge der sowjetischen staatlichen Organe ist die Tatsache, daß in ihnen eine sehr große Zahl hochqualifizierter Kader arbeitet. Bekanntlich arbeiten die sowjetischen staatlichen Organe mit geringem Aufwand an finanziellen Mitteln, schnell und unbürokratisch, operativ.

Uns an ihnen ein Beispiel nehmen, heißt, mit dem Umschwung auf allen Gebieten der Arbeit beginnen. Dieser Umschwung wird nicht im Selbstlauf herbeigeführt. Er wird von Menschen vollbracht, die geduldig und beharrlich lernen müssen. Diese Menschen müssen in sich die Eigenschaften des Staats funktionärs von neuem Typus verkörpern. Das ist ein komplizierter Erziehungsprozeß auf der Grundlage des intensiven Studiums des Marxismus-Leninismus.

Wir wollen uns jetzt der Hauptfrage zuwenden, der Frage nämlich:
Wie sollen wir den Marxismus-Leninismus studieren? Sollen wir seine Buchstaben auswendig lernen, sollen wir uns Lehrsätze einpauken oder sollen wir uns das Wesen des Marxismus-Leninismus aneignen? Welche Methode müssen wir anwenden, um den‘ Marxismus-Leninismus zu meistern?

Den Marxismus-Leninismus muß man sich schöpferisch aneignen

„Die staatspolitische Schulung“, so sagt unser Ministerpräsident Otto Grotewohl in seiner Direktive vom 17. Dezember 1952, „hat die Aufgabe, auf der Grundlage der Wissenschaft des Marxismus-Leninismus die Mitarbeiter des Staatsapparates an die wissenschaftlichen Probleme des staatlichen, ökonomischen und kulturellen Aufbaues der Grundlagen des Sozialismus heranzuführen“.

Das Studium des Marxismus-Leninismus ist eine sehr schöne Aufgabe. Schön deshalb, weil diese Wissenschaft uns den hellen Weg in die lichte Zukunft weist, jener Zukunft, von der Maxim Gorki das Wort prägte: „Es ist eine herrliche Aufgabe, auf Erden ein Mensch zu sein.“ Es kommt darauf an, sich ständig vor Augen zu führen, worauf es bei dem jeweiligen Thema, bei dem jeweiligen Studienabschnitt ankommt, was das Wesentliche ist. Dabei spielt die Gründlichkeit in der Arbeit eine entscheidende Rolle. Man muß sich zu dem angeeigneten Wissen kritisch und selbstkritisch verhalten. Man soll sich mit dem Erreichten nie zufrieden geben, soll schwierige Stellen nicht einfach überlesen, soll sie, wenn notwendig, öfters wiederholen. Die Theorie meistern bedeutet eine ernste, konsequente und oft auch entsagungsvolle Arbeit leisten. Eine Arbeit, deren Erfolge man nicht sofort sieht, die aber um so sicherer und größer sind, je mehr man in die Theorie eindringt. Das ständige bessere Verständnis weckt auch die Freude am Studium.

Wir wollen damit zum Ausdruck bringen, daß man um die schöpferische Aneignung kämpfen muß, genau wie z.B. unsere Genossenschaftsbauern einen energischen Kampf um die ständige Erhöhung der Hektarerträge führen.

Es gibt nicht wenige Menschen, die glauben, daß die Meisterung des Marxismus-Leninismus darin besteht, daß man recht viel Zitate und Leitsätze sorgfältig auswendig lernt. Sie behaupten von sich selbst, daß sie doch schon in der Schule ein gutes Gedächtnis hatten, daß sie eine leichte Auffassungsgabe haben, daß sie sich z.B. Geschichtszahlen gut merken konnten, viel Gedichte auswendig können und damit doch schon die Voraussetzungen gegeben seien, auch ohne größere Mühe sich den Marxismus-Leninismus aneignen zu können.  Andere wieder lassen sich verwirren von vielen neuen Begriffen, werden entmutigt durch Fremdwörter, die sie im Augenblick nicht verstehen, und ziehen daraus die völlig falsche Schlußfolgerung, daß es für sie unmöglich sei, sich den Marxismus-Leninismus anzueignen. Den Vertretern beider „Richtungen“ wollen wir sagen, daß die Hauptsache beim Studium des Marxismus-Leninismus darin besteht, sich das Wesen, den revolutionären Inhalt und nicht die Buchstaben anzueignen.

J.W. Stalin verspottete diese Buchstabengelehrten und sagte über sie in diesem Zusammenhang:

„Die Buchstabengelehrten und Talmudisten betrachten den Marxismus, die einzelnen Schlußfolgerungen und Formeln des Marxi’smus, als eine Sammlung von Dogmen, die sich trotz der Veränderungen der Entwicklungsbedingungen der Gesellschaft ’niemals‘ verändern. Sie glauben, wenn sie diese Schlußfolgerungen und Formeln auswendig lernen und sie hin und her zitieren,. daß sie imstande seien, beliebige Fragen zu lösen, da sie damit rechnen, daß die auswendig gelernten Schlußfolgerungen und Formeln ihnen für alle Zeiten und Länder, für alle Fälle des Lebens zustatten kommen werden. Aber .so können nur solche Leute denken, die den Buchstaben des Marxismus, nicht aber sein Wesen sehen, die den Wortlaut der Schlußfolgerungen und Formeln des Marxismus auswendig lernen, ihren Inhalt aber nicht begreifen.“ [2]

Das Wesen, den revolutionären Inhalt erfassen, genügt allein aber noch nicht. Wir müssen lernen, die Theorie in der Praxis unserer täglichen Arbeit anzuwenden, um unsere Arbeit zu verbessern, sie zu erleichtern. Doch das ist gerade die Schwierigkeit. Wir studieren doch den Marxismus-Leninismus nicht, um in unseren Köpfen Leitsätze anzusammeln, feststehende, ein für allemal gültige Formeln uns einzuprägen. Wir brauchen den Marxismus, um unsere praktischen Aufgaben zu lösen. Wollen wir deshalb einige Ratschläge, die uns einer der besten Propagandisten des Marxismus-Leninismus, der große sowjetische Staatsmann M.I. Kalinin, gab, beherzigen. Kalinin sagte:

„Den Marxismus-Leninismus auswendig lernen kann mehr oder weniger jeder, aber in sein Wesen einzudringen und seine Anwendung zu lernen, das ist weit schwieriger …
Das Studium des Marxismus-Leninismus soll man nicht studienhalber, nicht pro forma betreiben, Wir studieren den Marxismus-Leninismus nicht, damit wir ihn formal kennen, wie früher der Katechismus auswendig gelernt wurde. Wir studieren den Marxismus-Leninismus als eine Methode, als ein Mittel, das uns befähigt, unser politisches, qesellschaftliches und persönliches Verhalten richtig zu bestimmen.“ [3]

Es ergibt sich nun für uns die Frage, wie muß man in der Praxis den Marxismus-Leninismus erlernen, wie muß man ihn anwenden. Zunächst wollen wir feststellen, daß wir uns beim Studium stets die Frage vorlegen müssen: Warum haben Marx und Engels, Lenin und Stalin so und nicht anders zu dierer oder jener Frage Stellung genommen, so und nicht anders gehandelt? Warum stellten sie in der jeweiligen Situation diese Forderungen oder Leitsätze auf und keine anderen? Welches waren die Ursachen und wovon gingen sie dabei aus?

Eine solche Fragestellung und ihre Beantwortung wird uns helfen, zu erkennen, was das Wesen der Sache ist. Daraus werden wir lernen, in der Praxis an die Entscheidung auch der kompliziertesten Fragen richtig heranzugehen.

Greifen wir aus der Vielzahl des formalen Herangehens an das Studium ein Beispiel heraus: In einer vor kurzem geführten Aussprache berichtete ein Kollege, daß er sich seit einiger Zeit mit dem Problem der Gleichberechtigung der Frau beschäftigt habe. Nach dem Studium der entsprechenden Literatur „begrüßte“ er den Gedanken der Gleichberechtigung, betonte jedoch gleichzeitig, daß sie in der Praxis nicht immer zu verwirklichen sei. Interessant ist dabei, welche Gründe er anführte. Er sagte sinngemäß: „Wenn die Frau gleichberechtigt ist, dann hat sie auch die gleichen Pflichten wie der Mann. Da aber eine Frau z.B. nicht am Schmiedefeuer arbeiten kann, als Schmied mit dem Handhammer oder als Zuschläger mit dem Vorhammer, kann sie also auch insgesamt nicht gleichberechtigt sein. Weiter betonte er, daß sie z.B. nicht Beifahrer sein könne, da sie ja nicht Säcke bis zu 2 Zentnern tragen kann…“ Er könnte noch mehr ‚Beispiele‘ anführen, so meinte er abschließend.

Das war seine „Argumentation“ dafür, daß unsere Frauen nicht gleichberechtigt sein könnten. Kann man behaupten, daß dieser Kollege das Wesen der Sache, den Inhalt der Gleichberechtigung verstanden hat? Das kann man leider nicht sagen. Bei der Begründung des Gesetzes „Über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau“ sagte unser Ministerpnäsident Otto Grotewohl:

„Ohne die gleichberechtigte Einbeziehung der Frau in das Wirtschaftsleben gibt es keine gesellschaftliche Gleichberechtigung. Sie gibt Millionen Frauen die Möglichkeit, ihr Leben nach eigenem Wunsch und Willen zu gestalten, und sich eine eigene Stellung in der Gesellschaft zu erarbeiten … Die Vorurteile, die gegen den Einsatz der Frauen in vielen Fällen noch bestehen, sind energisch zu bekämpfen.“

So die Frage stellen, heißt in das Wesen der Sache eindringen, den Inhalt erfassen.
Nehmen wir noch ein anderes Beispiel:

Viele Staatsfunktionäre führen täglich das Wort im Munde, daß der Klassenkampf bei uns in der Deutschen Demokratischen Republik sich ständig außerordentlich verschärft. Zweifellos ist das richtig. Können wir aber sagen, daß die verantwortlichen Kollegen im Kreis Seelow vom Wesen unserer Theorie etwas verstanden haben, wenn sie die tätlichen Angriffe einer Bande von Verbrechern und Feinden unserer Ordnung gegen Mitglieder der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften als eine „alltägliche“ Schlägerei bezeichneten und dementsprechend auch vom dortigen Gericht milde Urteile gefällt wurden?

Diese Beispiele zeigen uns, daß es darauf ankommt, nicht nur zu wissen und theoretisch begründen zu können, daß die Frau gleichberechtigt ist, oder daß sich der Klassenkampf bei uns verschärft hat, sondern danach zu handeln, d. h. die richtigen Schlußfolgerungen zu ziehen.

Es gibt keine Schablone und kein Rezept, wie man sich in den verschiedensten Situationen verhalten muß. Die Kenntnis des Marxismus-Leninismus allein heißt noch nicht, die fertige Lösung selbst haben. Aber sie ist der Schlüssel zur Lösung.

Eines aber zu beachten ist unerläßlich, und zwar, daß man an jede Frage von dem Standpunkt aus herangehen muß: dient diese meine Arbeit der Sache der Arbeiterklasse, dient sie der werktätigen Bauernschaft und den übrigen werktätigen Schichten, trägt sie zur Festigung unserer demokratischen Staatsmacht bei? Wenn man diese Frage mit ruhigem Gewissen mit Ja beantworten kann, soll man optimistisch an die Lösung der Aufgabe herangehen.

[1] J.W. Stalin: Fragen des Leninismus, S.719.
[2] J.W. Stalin: Der Marxismua und die Fragen der Sprachwissenschaft, Broschüre, Dietz Verlag, Seite 64/65.
[3] M.I. Kalinin: Über kommunistische Erziehung, Dietz Verlag 1951, Seite 42/43.

Quelle:
Gerhard Feige/ Alfred Ulrich: Wie studiere ich mit Erfolg? Eine Studienanleitung für Teilnehmer und Zirkellehrerder Staatspoltischen Schulung. Regierung der DDR (Hrsg.), 1953, S.3-8.


Siehe auch:
Ljubow Pribytkowa: Was wir lernen müssen…
Über das Lernen
Stalin: Lernen!

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