Der Überfall Hitlerdeutschlands auf Polen 1939

Ueberfall auf PolenMan wird die heutige Situation in Polen besser verstehen, wenn man die Ereignisse aus der Zeit des 2. Weltkriegs kennt. Sehr tief sind die Wunden, die der Verrat der polnischen Herrschaftsschicht im Volk geschlagen hat. Erst nach der Befreiung Polens vom Faschismus durch die Sowjetunion, war es möglich geworden, im Land den Sozialismus aufzubauen. Auch heute wieder befindet sich das polnische Volk unter der Herrschaft von erzreaktionären, kommunismusfeindlichen und rußlandfeindlichen Herrschern. Władysław Góra (1918-2009) schreibt: „Wenn seit Jahrhunderten gesagt wird, die Geschichte sei eine Lehrmeisterin des Lebens, dann gilt das vor allem für die neueste Geschichte. Die Ereignisse der letzten Jahrzehnte stehen jeder Gesellschaft näher als die der vergangenen Jahrhunderte. Besonders aus der neuesten Geschichte müssen wir Lehren für unser Wirken ziehen, lernen, was zu tun und was zu vermeiden ist.“ [1]

PolenDer folgende umfangreiche Bericht umfaßt nur eine Episode dieses Krieges. In seinem Buch „Die Verschwörer“ schreibt Nikolai Schpanow :

Das ereignisreiche Jahr 1939

Das Jahr 1939 stach durch die Kompliziertheit und Bedeutsamkeit der politischen Ereignisse hervor. Sein Beginn hatte bei den faschistischen Aggressoren und den hinter ihrem Rücken stehenden Kriegsbrandstiftern Hoffnungen erweckt. Die Beseitigung, des tschechoslowakischen Staates und die Bildung eines Aufmarschraumes an seiner Stelle für die Bereitstellung der deutsch-faschistischen Armeen in der Nähe der Grenzen der Sowjetuinon, das Abwürgen der Spanischen Republik, die Bildung einer frankistischen Zwischenstation an ihrer Stelle zur Versorung der deutsch-italienischen Kriegsmaschine mit amerikanischem Rüstungsmaterial, Kriegsrohstoffen und Erdölprodukten im Falle eines großen Krieges, die Zerschmetterung Polens – alles das beflügelte die Verschwörer gegen den Frieden, die in denMinister- und Bankbüros von London, Paris, Washington und New York lauerten.

Gescheiterte Hoffnungen am Chalchin-Gol

Aber der Weihnachtsmann brachte diesen Herrschaften nicht das wlchtigste Geschenk, das sie erwarteten – den Kampf auf Leben und Tod zwischen dem Faschismus und dem Sowjetvolk. Eine Enttäuschung folgte der anderen. Der Versuch, auf die Sowjetunion durch eine Kriegsprovokation im Fernen Osten einen Druck auszuüben, kostete hunderttausend japanischen Soldaten das Leben. Der „Zwischenfall“ an den Ufern des Chalchin-Gol bewies, daß die Sowjetunion auf die Schliche der Verschwörer scharf achtgab. Den Japanern gelang es weder in die Mongolische Volksrepublik einzudringen noch gar die Transsibirische Bahn zu unterbrechen oder durch die Mongolei der Chinesischen Volksarmee in den Rücken zu fallen.

Der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag

Die nächste, noch schwerere Enttäuschung für die politischen Intriganten war die Weitsicht der Sowjetregierung, wie sie in den Moskauer Verhandlungen zutage trat. Das Einverständnis der UdSSR, den von Deutschland vorgeschlagenen Nichtangriffsvertrag abzuschließen, vernichtete alle Anstrengungen der Engländer und Franzosen, die Sowjetunion zu isolieren und sie der Hitlerschen Aggression allein gegenüberzustellen, Allerdimgs faßten die bereits trübsinnig gewordenen Verschwörer wieder Mut, als ihre Bemühungen, die Hitlersche Aggression nach zu Osten zu „kanalisieren“, von einem sichtbaren Erfolg gekrönt wurden: Hitler war in Polen eingefallen.

Der Raubüberfall der Nazis auf Polen

Die Naziwehrmacht drang rasch gegen die Grenzen der Sowjetunion vor. Das seinem Schicksal überlassene Polen mußte die Rolle des Opfers übernehmen, das Hitler als Lohn für seine „militärischen Bemühungen“ gebracht wurde. Der Raubüberfall auf Polen, der bei den Hofgeschichtsschreibern Hitlers den Namen „Polenfeldzug“ erhielt, sollte, den Anstiftern dieses Verbrechens zufolge, nur das Vorspiel zur Entscheidung, dem Überfall auf die UdSSR, sein, Die Stiefel der Hitlersoldaten stampften erbarmungslos über Polens Boden. Ruinen polnischer Städte, Brandstätten polruischer Dörfer und die rauchgeschwärzten Mauern von Warschau – das alles, was nach zwei Wochen von Polen als Staat übriggeblieben war. Durch verräterische Minister an den Faschismus verkauft, von den „großen Garanten“ England und Frankreich im Stich gelassen, bezahlte das polnische Volk mit seinem Blut die Rechnung des nazistischen Aggressors an seine geheimen amerikanisch-englisch-französischen Anstifter und Spießgesellen.

Die westlichen Geheimdienste kannten Hitlers Pläne

Das Maß, in dem der amerikanische, britische und französische Geheimdienst über Hitlers Pläne des Raubüberfalls auf Polen unterrichtet waren, ist von historischer Bedeutung als ein wichtiger Charakterzug der Sitten der bürgerlichen Regierungen dieser Staaten. Krone ging nicht umsonst bei Göring ein und aus. Die Amerikaner wußten mehr, als sie zeigen wollten. Wie schlecht das französische Zweite Büro auch arbeitete, verfügte aber auch dieses über Angaben, die völlig dazu hinreichten, sich über den Ernst des Polen bedrohenden Schlages ein Urteil zu bilden. Und die Engländer waren noch besser informiert als die Franzosen.


Die nazistische Kriegsmaschine rückt vor

Mit Rücksicht auf die Folgen für den ganzen Verlauf der Weltgeschichte war es, natürlich von großer Bedeutung, wie die nazistische Kriegsmaschine Polen zertrümmerte, aber noch wichtiger war, warum es ihr nicht gelang, die Westukraine und Westbjelorußland zu durchqueren und bis dicht an die Grenzen der Sowjetunion heranzurücken. Nach dem „Weißen Plan“ bestand die Invasionsarmee aus siebenundvierzig Infanterie- und neun Panzerdivisionen. Die acht Divisionen starke 3. Armee griff aus Ostpreußen gegen Süden in der Richtung Warschau und Bilałystokan. Die zwölf Divisionen starke 4. Armee rückte aus Pommern vor, hatte die polnische Sperre im Danziger Korridor niederzuringen und dann die Ufer der Weichsel entlang ebenfalls nach Warschau durchzubrechen.

Aufmarschpläne der faschistischen Wehrmacht

Der Hauptstoß war der stärksten, aus siebzehn Divisionen bestehenden 10. Armee übertragen, die direkt auf Warschau vorrückte. Ihr linker Flügel wurde durch die stehenbleibende 8. Armee gedeckt, die aus sieben Divisionen bestand. Im Süden hatte die aus vierzehn Divisionen bestehende 14. Armee unter dem Kommando des Generalobersten Hauß zuerst das wichtige Industrierevier westlich von Krakau zu besetzen. Dann, über Lemberg vorrückend, hatte sie in die Westukraine einzudringen und, nach Norden einschwenkend, sich mit Teilen der 3. Armee zu vereinigen. Auf diese Weise wurde der riesige Kessel geschlossen und den Polen der Rückzugsweg nach Süden, in die Karpaten und nach Rumänien, versperrt. In diesem Kessel sollte die lebendige Kraft der polnischen Armee zermahlen werden.

Nazis bombardierten Städte, Dörfer und Flüchtlingskolonnen

Um die vorrückenden Armeen vor Angriffen der polnischen Luftwaffe zu schützen, hatten am Morgen des 1. Septembers fünfzehnhundert deutsche Flugzeuge die polnischen Flugplätze anzugreifen, noch bevor ein einziger Pole aufsteigen konnte. Die von diesem Überraschungsangriff übriggebliebenen polnischen Flugzeuge wurden von den nazistischen Jagdgeschwadern bekämpft, die sie in der Luft und auf dem Boden niederzuringen hatten. Die übrigen Kräfte der Luftwaffe, mindestens tausend Flugzeuge stark, griffen die polnischen die Verbindungen an und unterstützten die eigenen Truppen auf dem Schlachtfeld. Besonders ausgesuchte Lufgeschwader der Reserve Görings iibernahmen das Bombardement Warschaus und anderer lebenswichtiger Zentren des Landes, um unter der friedlichen Bevölkerung eine Panik auszulösen und den Verwaltungsapparat des Landes zu desorganisieren. Sobald die polnischen Luftstreitkräfte in der Luft und am Boden restlos vernichtet waren, traten faschistische, aus veralteten Flugzeugen aller möglichen Typen aufgestellte Abteilungen in Aktion. Sie warfenBomben ab und beschossen mit ihren MGs Städte, Dörfer und die Flüchtlingskolonnen auf den Straßen.


Eine planlose polnische Armee

Diesem geradezu unverschämt überheblichen Raubplan stand auf polnischer Seite nichts gegenüber. Weder das polnische Oberkommando noch die polnische Regierung, die Land und Armee völliger Unwissenheit über die außenpolitischen Verhältnisse und die Lage Polens hielt, besaßen klare Fe1dzugspläne. In Bedeutendem Maße lag der Grund darin, daß die Armee von Piłsudski-Abenteurern, alten Spionageagenten der Deutschen, geleitet wurde. Die führende Clique dieser „Piłsudski-Männer“ umfaßte die reaktionärsten faschistischen Elemente. Aber selbst unter Piłsudski-Männern gab es weder einheitliche Ansichten noch gegenseitige Achtung.

Räuberische französischen „Hilfeleistungen“

Die Ansichten des französischen Generalstabes, die eine Zeitlang die Oberhand behielten, da die Mehrzahl des Ofiizierkorps seinerzeit bei der Aufstellung des Heeres in der französischen Akademie studiert hatte, erlitten bald Schiffbruch. Schuld waren die Franzosen selbst. Sie versuchten ihren Einfluß in Polen dazu auszunutzen, die Lieferungen für das polnische Heer an sich zu reißen und die Schlüsselstellungen der polnischen Wirtschaft zu besetzen. Die öffentliche Meinung der noch nicht restlos faschistisch gewordenen Armee entlarvte bald die Beweggründe der französischen Sympathien und der militärischen „Hilfeleistungen“ Weygands.

Zugeständnisse der polnischen Regierung an die Nazis

Nach Absage an die eigennützige Hilfe Frankreichs stürzte sich die polnische Generalität in die Freundschaft mit dem noch viel gefährlicheren „Wohltäter“ Hitler. Piłsudskis Nachfolger wollten die allgemein bekannte Aggressivität Hitlerdeutschlands nicht zur Kenntnis nehmen. Sie hegten die kindische Annahme, daß sie, Hitler gegenüber nachgiebig und folgsam, seinen Eroberungsappetit nach dem Baltikum und der Tschechoslowakei ablenken und ihm vielleicht sogar im „Feldzug gegen Moskau“ dienlich sein konnten. So begann die Serie verschiedener „Gefälligkeiten“ und Dienste, die den Deutschen gegen leere Versprechungen erwiesen wurden.

Zunehmender Einfluß des deutschen Faschismus auf Polen

Die Tore Polens standen dem Einfluß des Hitlerschen Denkens auf das ganze politische Leben des Landes und der Armee offen, dem Einfluß der Wahnideen dies Rassismus, des zügellosen Nationalismus und Antisemitismus. Es folgten die „Jagdbesuche“ der nazistischen Würdenträger. Göring fuhr, ohne viel zu fragen, in die Białowieżer Wälder, um die unter Schutz stehenden Wisente zu jagen. Es folgten die ideologischen und landeskundlichen Besuche zahlreicher deutscher Kundschafter. Es wurden Abteilungen aus faschistischem Gesindel gebildet. Die nationalen Gegensätze wurden künstlich zugespitzt.

Der polnische Verrat gegenüber dem tschechischen Nachbarvolk

Die bedauerlichen Ergebnisse des von den „Obersten“ an der brüderlichen Tschechoslowakei begangenen Verrats hatten die Spitze der Regierung nicht zur Vernunft gebracht. Nur ein Teil der Heeresleitung begriff, daß etwas nicht wieder Gutzumachendes geschehen war. Die früher ruhige Grenze mit der Slowakei war nun ebenfalls ein Einfallstor für den gleichen bösen westlichen Nachbarn – für Hitler – geworden. Die deutsch-polnische Grenze war um fünfhundert Kilometer länger geworden. Vor Armee stand nun die schwierige Aufgabe, die ohnehin unzureichenden Kräfte auf zweitausend Kilometer statt der früheren fünfhundert zu verteilen. Auf jede Division entfielen jetzt siebzig Kilometer Frontlinie. Das ging selbst über die Kräfte einer erstklassig ausgerüsteten modernen Armee.


Die hoffnungslose Lage Polens

Die Hitlerleute begriffen nicht weniger gut als die prahlenden „Obersten“ die Hoffnungslosigkeit der militärischen Lage Polens. Ihr Ton wurde immer herrschsüchtiger. Dieser Ton brachte viele Polen zur Ernüchterung. Selbst manche der aufgeblasenen, jeder politischen Weitsicht baren Minister begannen zu begreifen, daß die grenzenlose Vorschubleistung der hitlerfreundlichen Elemente in Land und Regierung zu einer Katastrophe für das polnische Reich führte.

Polen verzichtet auf sowjetische Hilfe

Es folgte nun wieder ein Zeitabschnitt englisch-französischer Orientierung. Die Vernünftigsten neigten sich der Ansicht zu, daß eine aufrichtige Annäherung an die UdSSR das einzig wirksame Mittel war, Hitler in Schach zu halten. Aber von der amerikanischen Botschaft in Warschau unterstützt, taten der englische und französische Botschafter alles, was in ihrer Macht stand, um die Polen dahin zu bringen, auf die von der Sowjetunion gegen den Aggressor angebotene Hilfe zu verzichten. Als Ersatz boten sie ihre Garantien an, obwohl sie von vornherein wußten, daß diese Garantien nie eingehalten und die Polen ihrem Schicksal überlassen werden würden.

Juden und Ukrainer werden verfolgt

Unterdessen ließen die Nazis keine Zeit verloren gehen. Die von ihnen gekauften dunklen Elemente drangen in alle Poren des öffentlichen Lebens Polens und schlichen sich auch in den Regierungsapparat und das Heer ein. Die käufliche Staatsverwaltung zerfiel. Die Heeresleitung, das Offizierskorps und sogar die Masse der Soldaten wurden durch künstlich angefachten nationalen Zwist gespalten. Ungeachtet des dicht vor der Tür stehenden Krieges, der die Einigung aller patriotisch gesinnten Elemente des Landes forderte, verlangten die polnischen Rassisten die Entfernung der Juden und Ukrainer aus der Armee. Nationale Demonstrationen wurden angestiftet, Morde antifaschistischen Personen verübt. Die Regierung ergriff keinerlei Maßregeln gegen die Verbrecher.

Unerträgliche Zustände in der polnischen Armee

Der Oberkommandierende Ridź-Smigly genoß in der Armee kein Ansehen. Die Soldaten vertrauten ihm nicht, die Offiziere hatten keine Achtung vor ihm. In militärischen Kreisen gab es weder Freundschaft noch Vertrauen. Die Soldaten fürchteten die Offiziere und haßten sie. Die Offiziere waren voreinander auf der Hut und beneideten die Beamten des Kriegsministeriums, die sich an den Schmiergeldern der Intendanturlieferanten und den Verpflegungssätzen der Soldaten bereicherten. Dank den faschistischen Zuständen hatte das Volk keine Ahnung davon, daß die Intendanturvorräte nicht einmal dazu reichten, die Armee wenigstens am ersten Tag der Mobilmachung mit Stiefeln, Mänteln oder gar Verpflegung zu versorgen. Die Armee wußte einschließlich der Wehrkreiskommandeure nicht, daß die Rekruten, die am Vorabend des Krieges oder an seinem ersten Tag ihre Reihen auffüllen sollten, ohne Gewehre, Munition und Handgranaten bleiben würden.

Eine katastrophale Moral in der polnischen Armee

Niemand konnte verstehen, wohin die nur vom Marschall kontrollierten Milliarden der Rüstungskredite geraten waren. Der Pionierdienst des Heeres war in einer völlig unzulässigen Weise zurückgeblieben. Er kannte gegen Panzer keine anderen Kampfmittel als mit Benzin gefüllte Flaschen. Panzerkräfte waren so gut wie gar nicht vorhanden. Der Kaderbestand an Generälen, der eine wenn auch veraltete Kriegserfahrung aus dem vorigen Weltkrieg besaß, wurde durch junge Politikergeneräle abgelöst, die noch kein Pulver gerochen hatten. Ihr einziges Verdienst war, daß sie „Piłsudskianhänger“ waren. Das schwächte nicht nur die Stäbe und Truppenkommandos, sondern schuf auch unerträgliche Verhältnisse zwischen den Gekränkten und den Emporkömmlingen.


Wie verhielt sich das einfache Volk?

Und was schließlich das Wichtigste war, das polnische Volk, das seine leidgeprüfte Heimat liebte, hatte die Achtung vor Uniform und die Liebe zu ihr verloren. Die Verbindung zwischen Volk und Armee war zerstört. Dort, wo die Grenze verlief, die die Masse der Soldaten scharf von den Prahlhänsen in Offiziersuniformen trennte, hatte die Armee aufgehört, ein Teil der Nation zu sein. Die Soldatenmasse wollte und konnte die Grundsätze der nationalistischen Propaganda nicht begreifen. Der polnische Bauer lebte seit urdenklichen Zeiten Tür an Tür mit dem Ukrainer und Bjelorussen, Er sah in ihnen weder Feinde noch Menschen einer tieferstehenden Rasse. Der polnische Arbeiter konnte ebensowenig den Spuren der sich im Antisemitismus übenden Jüngelchen folgen, wie er Feind des Ukrainers oder Bjelorusscn werden konnte.

Desorganisation in der polnischen Armee

Um die bewußt von den Feinden Polens und dessen stumpfsinnigen und eigennützigen Regenten in die Armee eingeschleppte Desorganisation zu vervollständigen, war die Armee weit von dem Gedanken an die Möglichkeit eines Krieges gegen Deutschland entfernt. Der ganze politische Dienst arbeitete nur darauf hin, die Wachsamkeit der Armee auf eine angeblich vom Osten her drohende Gefahr zu lenken. Diese unterminierende Tätigkeit reichte sehr weit. Sie führte zu schrecklichen Ergebnissen: Die polnisch-sowjetische Grenze entlang wuchsen Verteidigungslinien heran, während die einzig und allein gefährdete Westgrenze ungeschützt blieb. Kein einziger Sappeur befand sich an der polnisch-deutschen Grenze, selbst dann, als es, seit März 1939, allen klar geworden war, daß der Überfall Hitlers auf Polen nur mehr eine Zeitfrage war.

Ein seltsamer Streit

Der Streit darüber, ob man bei der bedrohlichen Ausdehnung der Front und der Schwäche der polnischen Streitkräfte auf die veralteten Grundsätze des Stellungskrieges zugunsten des Bewegungskrieges verzichten sollte, zugunsten der Möglichkeit mit konzentrierten Kräften am geeigneten Ort zur geeigneten Zeit aufzutreten – dieser seltsame Streit war bis zum 30. August nicht entschieden. Und am 1. September war es zu spät, darüber zu streiten, denn die deutsch-faschistischen Kräfte waren in Polen eingedrungen.

Die Mobilmachung wurde zum Mißerfolg

Ungeachtet der Begeisterung, mit der das polnische Volk zur Verteidigung seiner Heimat gegen den Nazismus antrat, wurde die überhastete Mobilmachung zu einem Mißerfolg. Die in den Sammelstellen erscheinenden Menschen mußten nach Hause geschickt werden. Man konnte sie nicht einkleiden, man hatte keine Waffen für sie und keine Fahrzeuge, um sie an die Front zu schaffen. Und außerdem war für sie keine Verpflegung vorhanden. Der Flüsterer aber und die unmittelbaren Agenten des Feindes setzten, von der verräterischen Regierung großgezogen, ihre Wühlarbeit fort.

Aufruf zu Progromen an Juden und Ukrainern

Der Krieg war bereits im Gange, doch gelbe Flugblätter und die faschistische „Selbstverteidigung“ riefen zu Pogromen und zur Vernichtung der Juden auf, zum Ausschluß der Ukrainer aus den Reihen der Armee, zum Kampf nicht gegen die Deutschen, sondern „gegen den inneren Feind, der sich in den Fabriken und Industriewerken von Łódź und Warszawa verbirgt, gegen die Roten, die in den Dörfern der Ostbezirke Fuß gefaßt hatten…“


Sie konnten die Nazis nicht aufhalten…

Auf einen solchen „Gegner“ trafen die Hitlerschen Invasionsarmeen. Den neun Panzerdivisionen Guderians standen zwölf polnische Kavalleriebrigaden gegenüber. Ihre Lanzen und Säbel konnten die Panzer nicht aufhalten. Neunhundert polnische Flugzeuge der ersten Linie wurden verräterisch auf ihren Flugplätzen vernichtet, noch bevor es zum Gefechtsalarm kam. Zwei Tage später stieg kein einziges polnisches Flugzeug mehr auf. Die deutsche Luftwaffe beschäftigte sich mit der Bekämpfung der polnischen Infanterie und der Zivilbevölkerung. Ohne auf ernsthaften Widerstand zu stoßen, rückte die deutsche Wehrmacht binnen einer Woche tief in Polen vor. Die als dünne Linie die Grenze entlang aufgestellten Reste der polnischen Truppen wurden nach Osten zurückgeworfen.

Fast ungehinderter Vormarsch der Wehrmacht auf Warschau

Die Poznańer Gruppe, die sich halten konnte, wurde umgangen und abgeschnitten. Die 10. deutsche Armee, die als Keil in die Verteidigungslinie der Łódźer Gruppe eindrang, spaltete diese in zwei Teile. Der eine Teil der Polen zog sich nach Norden, der andere nach Süden zurück. In den dadurch entstandenen Zwischenraum stürzten sich die Hitlerschen Panzer. Zwei Divisionen stark eilten sie auf Warschau zu. Dorthin strebte auch die 4. deutsche Armee die Ufer der Weichsel entlang. Auf den ersten Blick konnte es scheinen, als gäbe es keine Kraft, die imstande wäre, der Panzerfaust der Nazis Widerstand zu leisten. Doch in
Wirklichkeit blieben die Faschisten dort, wo sie auf organisierten Widerstand stießen, sofort stecken. So war es am Nordabschnitt der Front, wo die 3. deutsch-faschistische Armee nicht vorwärts kam.

Erbitterte Kämpfe um die polnuische Hauptstadt

Unterdessen rückte Hauß mit seinen vierzehn Divisionen pedantisch gegen den Sanfluß vor, mit dem ersten Hauptziel, das ukraininische Lemberg zu erreichen, das den Ausgangspunkt der weiteren Bewegung gegen Osten bilden sollte. Unterwegs gelang es ihm in Zusammenarbeit mit der benachbarten Gruppe Prusts, vier polnische Divisionen bis zum letzten Mann niederzumachen, die im Rückzug auf Radom ihre Rettung suchten.
Die 10. deutsch-faschistische Armee blieb vor Warschau stehen. Die von Regierung und Oberkommando geräumte, der Willkür des Schicksals überlassene Hauptstadt Polens leistete einen von einen den Deutschen nicht erwarteten erbitterten Widerstand.

Die faschistische Einkreisung Warschaus

Die vorgebrochene Panzerdivision der 10. deutschen Armee konnte nicht bis an die Stadt vordringen, die von der sich freiwillig organisierenden Bevölkerung und den von allen Seiten zum Symbol der polnischen Unabhängigkeit, dem schönen Warschau, heranströmenden polnischen Truppenresten verteidigt wurde. Das machte die Einkreisung der Stadt von Norden her durch die herangeeilten Truppen der 3. deutschen Armee erforderlich, um den Belagerungsring zu schließen. Innerhalb dieses Ringes wurde durch die Panzereinheiten, Luftwaffe und Artillerie der Faschisten schonungslos alles Lebende vernichtet, das noch fähig war, Widerstand zu leisten.

Die Verteidiger Warschaus leisten Widerstand

Doch entgegen den Erwartungen Hitlers und seiner Generäle blieb sogar die erdrückende technische Überlegenheit und die unvergleichliche Überzahl der Faschisten gegenüber den Polen unzureichend, um die Aufgabe als gelöst betrachten zu können. Dort, wo den Panzern und der Grausamkeit Patriotismus, Tapferkeit und Organisiertheit der Verteidiger gegenübertraten, waren Technik und Frechheit machtlos. Sobald sich der im Norden und Süden abgeschnittenen Poznańer Gruppe die der zerschlagenen Łódźer und Toruńer Gruppen angeschlossen und sich im Poznańer Sack eine Kraft von zwölf Divisionen gebildet hatte, kamen die Deutschen ins Stocken. Die Poznańer stießen gegen die Flanke der auf Warschau vorrückenden 10. Armee vor.

Die Tapferkeit der polnischen Soldaten

In diese Schlacht wurden die ganze deutsche 8. und die im Norden operierende 4. Armee hineingezogen. Die Polen leisteten zehn Tage lang erbitterten Widerstand. Zehn Tage lang rötete das Blut der Polen und Deutschen die Gewässer der Bzura mußten neue deutsch-faschistische Kräfte herangezogen werden, um diese zwölf Divisionen zu vernichten. Trotzdem gelang es nicht, ihre Hartnäckigkeit zu brechen: Sie kämpften für ihr Polen! Der Kampf der polnischen Kavalleriereste bei Kutno und die Verteidigung der Westerplatte gegen die vereinigten Kräfte der deutsch-faschistischen Armee und Flotte mußten der ganzen Welt beweisen, was die Tapferkeit von Soldaten zu leisten vermag, die ihr Land verteidigen, selbst wenn sie von verräterischen Minstern regiert werden.

Auch Lemberg leistet Widerstand…

In diesen Tagen erfuhr General Hauß eine unangenehme Enttäuschung. Seine sich den Toren Lembergs nähernden Divisionen blieben plötzlich stehen. Die Bevölkerung der offenen Stadt wollte dic Sieger nicht empfangen. Die Straßen waren durch tiefe Gräben unterbrochen, die Stadt von in der Eile aufgeworfenen Befestigungsanlagen umgeben. In diesen Schützengräben sah man neben den Stahlhelmen weniger Soldaten die Hüte und Mützen von Stadtbewohnern. Das war ja ein geradezu lächerlicher Unsinn. Hauß hatte alles Denkbare erwartet, aber nicht, daß seine motorisierten Truppen durch eine Ansammlung von Zivilisten aufgehalten werden würden. Das wollte sich in Hauß‘ Vorstellung vom Krieg nicht einfügen. Als er diese Meldung erhielt, fuhr er am 16. September hin und befahl dem Verteidigungskommandanten von Lemberg die sofortige Kapitulation. Er war nicht bereit, sich damit abzufinden, daß „irgendwelche Ukrainer“ die Absicht hatten, den Umfang des Opfers zu verkleinern, das Deutschland als Bezahlung für seinen Ostfeldzug gebührte.


Eine historische Entscheidung der Sowjetmacht

Doch die in der gleichen Nacht, vom 16. zum 17. September 1939 im Moskauer Kreml gefaßten historischen Beschlüsse veränderten den ganzen Ablauf der von den Verschwörern gegen den Frieden geplanten Ereignisse. Am 17. September überbrachte der Äther den Verschwörern eine für sie tödliche Nachricht. Molotows Worte, die die ganze Welt durch den Funk hörte, waren für sie eine große Enttäuschung:

„…die durch den polnisch-deutschen Krieg hervorgerufenen Ereignisse haben die innere Untüchtigkeit und offenbare Aktionsunfähigkeit des polnischen Staates bewiesen. Die polnischen Regierungskreise haben Bankrott gemacht. Niemand kennt den Aufenthaltsort der polnischen Regierung. Die Bevölkerung Polens wurde von ihren unfähigen Leitern der Willkür des Schicksals überlassen.
Der polnische Staat und seine Regierung haben faktisch zu bestehen aufgehört … In Polen ist eine Lage entstanden, die von seiten der Sowjetregierung hinsichtlich der Sicherheit ihres Staates besondere Vorsorge verlangt. Polen ist zu einem günstigen Gebiet für allerlei Überraschungen und Zufälligkeiten geworden, die imstande sind, eine Bedrohung der UdSSR zu schaffen. Die Sowjetregierung ist bis zum letzten Augenblick neutral geblieben. Doch in Anbetracht der angeführten Umstände kann sie sich der geschaffenen Lage gegenüber nicht mehr neutral verhalten. –
Außerdem kann man von der Sowjetregierung auch nicht verlangen, daß sie dem Schicksal der in Polen lebenden und früher in der Lage entrechteter Nationen befindlichen, jetzt aber ganz der Willkür des Schicksals überlassenen blutsverwandten Ukrainer und Bjelorussen gegenüber gleichgültig bleibt. Die Sowjetregierung betrachtet es als ihre heilige Pflicht, den in Polen lebenden ukrainischen und bjelorussischen Brüdern die helfende Hand zu reichen.
– Aus allen diesen Gründen … hat die Sowjetregierung das Oberkommando der Roten Armee beauftragt, den Truppen Befehl zu geben, die Grenze zu überschreiten und Leben und Eigentum der Bevölkerung der Westukraine und Westbjelorußlands in Schutz zu nehmen…“

Der Einmarsch der Roten Armee

Am 18. September bestätigte der Telegraf, daß die Rote Armee in die Gebiete der von der Sowjetukraine und von Sowjetbjelorußland abgetrennten Westukraine und Westbjelorußlands einmarschiert war und den deutsch-faschistischen Truppen den weiteren Weg nach Osten versperrt hatte. An Stelle der Zivilhüte und Mützen der Einwohner von Lemberg standen nun gegenüber den heranrückenden Truppen von Hauß die Stahlhelme der Rotarmisten. Eine deutsche Division, die frecherweise die zugebilligte Linie überschritten hatte, wurde im Nachtgefecht kurz und klein geschlagen.

General von Hauß sendet Parlamentäre

Hauß begriff, daß es nur noch eines weiteren solchen Zwischenfalls bedurfte und es zum „Krieg mit Rußland“, also zu dem kam, was er am meisten fürchtete: zum Zweifrontenkrieg. Er sandte Parlamentäre zum rangältesten Kommandeur der Sowjettruppen. Zur Verhandlung mit diesen Parlamentären kamen zwei sowjetische Majore. Hauß ging völlig ratlos in den Zimmern des Herrschaftshauses eines Gutsbesitzers, das seinen Stab beherbergte, auf und ab. Er wartete auf Instruktionen vom Hitlerschen Hauptquartier und bemühte sich, ihren Inhalt im voraus zu erraten. Die Aussicht eines Kampfes gegen die Rote Armee flößte ihm Schrecken ein.


Nachdenken über den Sinn dieses Krieges

In diesen Stunden, da er auf Befehle aus Berlin wartete, stellte Hauß sich nicht zum erstenmal die Frage, wie es geschahen konnte, daß er, der Generaloberst von Hauß, der auf die Tradition und Erfahrung ganzer Generationen von Offizieren zurückblicken konnte, der Mitglied der stärksten Kaste Deutschlands, der Militärkaste, war, hier auf und ab raste, um die Befehle einer armseligen Kreatur abzuwarten, die ihre militärische Laufbahn mit dem Gefreitenknopf abgebrochen hatte. Wieso konnte dieser ungebildete Phantast wagen, die Ansichten der Generäle und Feldmarschälle in den Wind zu schlagen? Durch welche furchtbare Macht hatte er sich die Generalität unterworfen? Was verlieh ihm die Kraft, politische Entschlüsse von größter Tragweite zu fassen, die von rein militärischen Umständen abhingen? Wieso wagte und durfte dieser Kretin Armeen aus Hunderten von Divisionen Befehle erteilen?

Der gordische Knoten…

Alles das war und blieb für Hauß ein widerspruchsvoller Wirrwarr, über den er nicht nur viel nachdachte, sondern den er schon einmal wie einen gordischen Knoten durchzuhauen versucht hatte. Damals endete der Versuch mit einem Mißerfolg. Hieß das aber, daß er ihn nicht mehr wiederholen sollte? Würden die Kriegsverhältnisse nicht günstigere Bedingungen zur Beseitigung Hitlers schaffen als die Friedenszeit? Würde dieser Dilettant nicht schicksalsschwere Fehler begehen und sein eigenes Todesurteil unterschreiben? Lag nicht bereits der größte politische Fehler Hitlers offen zutage, der eine nicht wiedergutzumachende militärische Katastrophe nach sich ziehen konnte?

Wir es einen Zweifrontenkrieg geben?

England und Frankreich hatten doch Deutschland den Krieg erklärt. Durfte man daran glauben, daß der Krieg im Westen eine reine Formalität war, die die englische und französische Regierung nur mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung ihrer Länder erfüllen mußten? Wenn es dort aber unter dem Drängen der Völker Ernst wurde. Und wenn dazu noch hier vor Lemberg ein Zusammenstoß mit den Russen erfolgte? Dann wären auch die düstersten Voraussagen eingetroffen. Verdammt noch mal, man durfte nicht vergessen, daß Kriege durch Menschen geführt werden. Man durfte sich nicht der Täuschung hingeben, als würde eine vorsorglich bereitgestellte Übermacht an Panzern und Flugzeugen auch zuverlässig den Sieg sichern.

Hitler pfeift seine Hunde zurück…

Die Lehren des ersten Weltkrieges widerlegten diesen Irrtum deutlich und anschaulich genug. Jeder Krieg endete mit einem Sieger, aber auch mit einem Besiegten. Blind davon überzeugt zu daß nur der Gegner besiegt werden konnte, war nur ein Schwachsinniger imstande. Endlich traf der Befehl ein: Zurückgehen, sich in keinen Kampf mit den Sowjettruppen einlassen. Hauß atmete erleichtert auf. Dieser Befehl wurde bald auch in Paris und London bekannt, und er war noch lange nicht die letzte unangenehme Überraschung für die englisch-französischen Verschwörer gegen Frieden.

Quelle:
Nikolai Schpanow: Die Verschwörer. Verlag Volk und Welt, Berlin, 1953, S.359-372.


Wesentlich kürzer hier in der Großen Sowjet-Enzyklopädie [2]:

Teil1

Teil2.jpg


Die Erforschung der neuesten Geschichte, sozusagen der Geschichte „des heutigen Tages“, ist keine leichte Aufgabe. Es fehlt der zeitliche Abstand, die Möglichkeit der perspektivischen Betrachtung der Ergebnisse bereits abgeschlossener Prozesse. Hinzu kommen die Schwierigkeiten beim Zugang zu den wichtigsten Quellen und Materialien, Fragen methodologischer und methodischer Natur, verbunden zum Beispiel mit vordringlichen propagandistischen Bedürfnissen und Schwierigkeiten, bestimmte innere Zusammenhänge ausreichend zu klären und die Rolle noch lebender und am politischen Leben beteiligter Persönlichkeiten in umfassender Weise einzuschätzen. Trotz alledem dürfen wir jedoch die Aufarbeitung der neuesren Geschichte nicht auf später verschieben. [3]

Zitate:
[1] Władysław Góra: Volksrepublik Polen. Ein Abriß. Vorwort, S.10.
[2] Große Sowjet-Enzyklopädie (2 Bd.). Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin 1952, Bd.1, S.735f.
[3] Władysław Góra: Volksrepublik Polen.  a.a.O. S.10.

Karte:
Förster/Helmert/Schnitter: Der zweite Weltkrieg. Militärverlag der DDR, Berlin, 1978, S.47.

Siehe auch:
Klaus Wallmann sen.: Der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag (1939)

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