Jochen Maser: Brigaden der Freundschaft

Brigaden der Freundschaft

In dem von einer FDJ-Freundschaftsbrigade in Conacry errichteten Ausbildungszentrumwerden junge Afrikaner zu Elektrikern ausgebildet.

Hunderte Mitglieder des algerischen Jugendverbandes, der JFLN, entboten uns gIeich nach der Landung ihr erstes «bien venue», ihr herzliches Willkommen; Händeschütteln, freundschaftliche Umarmungen, hier und da ein arabischer Bruderkuß – Freunde waren zu Freunden genommen. Auf Bitte der JFLN und entsprechend einem Aufruf des Weltbundes der Demokratischen Jugend delegierte der Zentralrat der FDJ 1964 40 junge Bauarbeiter, Igenieure, Ärzte und Sportlehrer als «Brigade der Freundschaft» in die Demokratische Volksrepublik Algerien.

Eine neue Form der internationalen Hilfe

Das war zugleich die Geburtsstunde einer neuen Form der internationalen Arbeit der FDJ, die sich bis 1989 ständig entwickelte und Hunderte Mädchen und Jungen zu Solidaritätsaktionen vor allem in junge Nationalstaaten Afrikas geführt hat. Ihr Auftrag: den um ihre Befreiung vom Kolonialismus, Neokolonialismus und Imperialismus kämpfenden Völkern uneigennützige Hilfe zu erweisen, sie durch Taten bei der Überwindung des vom Kolonialismus hinterlassenen traurigen Erbes und bei der Festigung ihrer nationalen Unabhängigkeit zu unterstützen.

Vom Imperialismus umkämpftes Land

Als uns der Bus zum eigentlichen Ziel unserer Reise nach Les Ouadias brachte und sich mühsam über das sonnendurchglühte Asphaltband durch ungezähIte steile Kurven hinauf in die kabylischen Berge quälte, schweiften unsere Gedanken ab. Hier in dieser zerklüfteten Bergwelt leisteten algerische Patrioten den den Kolonialisten gedungenen Fremdenlegionären erbitterten Widerstand. Schlecht bewaffnet, hatten sie über Jahre hinweg mutig der militärischen Übermacht getrotzt, hatten Meter um Meter ihren Heimatboden verteidigt und freigekämpft und schließlich den Sieg über ihre Unterdrücker davongetragen. Zehntausende waren gefallen, viele von der Kolonialsoldateska zu Tode gequält, darunter unzählige Frauen und Kinder. Noch blutete das Land aus den Wunden des Krieges; zerstörte Bergdörfer zeugten von der Härte der Kämpfe.

Die Hilfe der sozialistischen Bruderländer

Wir erreichten Les Ouadias, ais die Sonne rasch hinter dem mächtigen Gebirge versank und seine Giptel schon lange Schatten über die Baustelle der Freundschaft, der internationalen Solidarität warfen. Auf einem Hochplateau standen rings um den fahnengeschmückten zentralen Platz die Wohnzelte der Mitglieder der Brigaden. Gemeinsam mit Hunderten jungen AIgeriern bereiteten uns die Freunde vom Leninschen Komsomol sowie der Bruderorganisationen aus Bulgarien, der CSSR, aus Polen und Jugoslawien einen begeisterten Empfang. Sie alle waren gekommen, um gemeinsam bei der Verwirklichung eines Projektes des Weltbundes der Demokratischen Jugend zu helfen und ein Dorf für Familien der in der Kabylei gefallenen Befreiungskämpfer zu bauen.

Eine harte Bewährung für die DDR-Bürger

Stolz erfüllte uns, als am nächsten Morgen zum Appell neben den Fahnen AIgeriens und der anderen Länder auch die Fahnen unserer Deutschen Demokratischen Republik und unseres sozialistischen Jugendverbandes am Mast emporstiegen. Niemand von uns wußte an diesem herrlichen Spätsommermorgen, daß die Monate im Lager für jeden zu einer Zeit harter Bewährung werden würden. Unter ungewohnt schwierigen Bedingungen, ohne moderne Baumaschinen, mit Hacke und Spaten mußten die Baugruben ausgehoben und mit einfachen Karren die Fundamente eingebracht werden. Als Stein um Stein die Mauern der Wohnhäuser, der Schule, des Dorfklubs und des Kinder­gartens aus dem Boden wuchsen, kam die Regenzeit und ein ungewöhnlich harter Winter. Der schwere Boden verwandelte sich in grundlosen Morast, Regenböen peitschten über das Lager, und feuchte Kälte kroch In die Zelte.

Herzliche Begegnungen

Die Zeitungen schrieben voller Achtung von dem bewun­dernswerten Mut, mit dem die internationalen Brigaden der Jugend und die algerischen Jugendlichen Regen, Schnee und eisigen Winden widerstanden. Manchem, dessen Kraft erlahmen wollte, half ein aufmunterndes Wort des Freundes, ein Händedruck, ein Blick, neuen Mut zu schöpfen und durchzuhalten, um das gute gemeinsame Werk zu vollenden. Unvergessen sind die Abende der Freundschaft, wenn sich die Abgesandten der verschiedene Länder bei sparsamem Lampenschein im großen Gemeinschaftszelt allen Wirkungsunbilden zum Trotz zusammenfanden, ihre Lieder sangen, Erfahrungen austauschten und manchen Disput führten.

Kampf um ein besseres Leben

Als die Richtkrone aufgezogen wurde, ließ uns die warme Frühlingssonne schweren Wochen und Monate der Regenzeit rasch vergessen. Das Dorf Freundschaft ging seiner Vollendung entgegen. Doch der Bau war nur die eine Seite unseres Lebens im Lager. Wenn wir an arbeitsfreien Tagen hinaufstiegen in die Berge, in die Dörfer der Kabylei, erlebten wir die Wärme, die große Herzlichkeit, die tiefe Freundschaft der algerischen Menschen zu uns, die wir als Vertreter des ersten deutschen Arbeiter- und Bauern-Staates gekommen waren, um uns mit unserer Tat an die Seite des algerischen Volkes zu stellen und selbst von seinem heroischen Kampf und dem Streben nach einem neuen, besseren Leben zu lernen. Wir waren Gast bei Familien und wurden mit rührender Aufmerksamkeit bewirtet. Wir plauderten in kleinen Caféstuben beim Domino, erlebten das Fest des Ramadan und gewannen immer mehr Freunde.

Abschied von Algerien

Dann kam die Stunde des Abschieds. Mit den Lagerteilnehmern hatten sich Bauern und viele Kinder aus den umliegenden Bergdörfern versammelt. Als wir dann die Fahne des Lagers feierlich einholten und unsere Blicke ein letztes Mal zu den hellen Häusern des neu errichteten Dorfes und hinauf zu den Gipfeln der kabylischen Berge gingen, stahl sich so manche Träne aus den Äugen unserer Freunde und der algerischen Gastgeber. Wir ließen ein schönes Werk zurück und was sicher noch höher zählte – bei Hunderten algerischen Menschen aus allen Teilen des Landes das tiefe Gefühl der Freundschaft, der untrennbaren Verbundenheit mit der Jugend und dem Volk der Deutschen Demokratischen Republik, die den Sozialismus aufbauen und heute bereits verwirklichen, was sich auch das algerische Volk als Ziel für seine Zukunft gesetzt hat.

Wie half die DDR jungen Nationalstaaten?

Später wirkten in Algerien zwei «Brigaden der Freundschaft», in Tadmait, in einer technischen Schule, und in Bouira, in einer mit Hilfe der DDR aufgebauten Lehrfarm, bei der Ausbildung junger Algerier in verschiedenen technischen und landwirtschaftlichen Berufen. In der Republik Mali halfen zwei «Brigaden der Freundschaft» bei der Entwicklung moderner Anbaumethoden für tropische Kulturen, bei der Entwicklung der Viehwirtschaft sowie bei der Qualifizierung Junger Kader. Mitglieder von «Brigaden der Freundschaft» errichteten in der Republik Guinea eine Werkstatt für Zweirad-Fahrzeuge und richteten eine landwirtschaftliche Fachschule mit 10 Klassen und entsprechenden Fachkabinetten ein. In Ratoma, in der Nähe von Conakry, und in Cancan, 500 Kilometer von der guinesischen Hauptstadt entfernt, arbeiteten «Brigaden der Freundschaft» der FDJ als Ausbilder in Berufsausbildungszentren.

Die internationale Solidarität der DDR

In der Vereinigten Republik Tansania war eine «Brigade der Freundschaft» von 1966 bis Anfang 1972 tätig. Sie baute inmitten der Insel Sansibar gemeinsam mit Mitgliedern der Jugendliga der Afro-Shirazi-Partei ein modernes Musterdorf mit 124 Wohnungen und richtete in der Stadt Sansibar eine technische Schule und eine weitere Ausbildungsstätte ein. Später hatte dann auch in der Republik Somalia eine «Brigade der Freundschaft» ihre Tätigkeit aufgenommen. 1970 entsandte der Zentralrat der FDJ die Freundschaftsbrigade «Ernst Thälmann» zur Hilfe bei der Zuckerrohrernte und 1972 die Brigade «Karl Liebknecht» zur Teilnahme am Bau einer Musterschule nach Kuba.

Auftrag ehrenvoll erfüllt…

Alle Brigaden haben ihren Auftrag in Ehren erfüllt. Für ihre Mitglieder wurden sie zu Schulen des proletarischen Internationalismus. Junge Arbeiter, Genossenschaftsbauern, Techniker und Ingenieure haben sich in den «Brigaden der Freundschaft» bewährt. Die Besten erhielten hohe Auszeichnungen des Staates und des sozialistischen Jugendverbandes.

(Genosse JOCHEN MASER war Leiter der ersten «Brigade der Freundschaft» in Algerien)

Quelle:
Der Sozialismus – Deine Welt. Verlag Neues Leben, Berlin, 1975, S.329-331. (leicht bearbeitet, Zischenüberschriften eingefügt, N.G.)

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3 Antworten zu Jochen Maser: Brigaden der Freundschaft

  1. Politnick schreibt:

    Lieber Sascha,
    schreib mehr davon, trage es in die Welt hinaus!!! Wider den Lügen die heutzutage über die Afrikanischen Staaten und den sog. Arabischen Frühling verbreitet werden! Solidariät ist ein wichtiges Instrument im internationalen Klassenkampf. Aber die meisten Bundesburger wissen ja gar nicht, was das ist.
    Freundschaft!
    Politnick, aka Rolf

    • Politnick schreibt:

      Ergänzung: Auch in der DDR wurden üble Grüchte über unsere Algerischen Kollegen verbreitet, was z.B. 1975 in Erfurt zu einer Massenschlägerei führte. Anfang der 80er gab es in Karl-Marx-Stadt fast täglich neue Schreckensmeldungen über angebliche Greueltaten unserer Algerischen Freunde — Alles nur Gerüchte!!

      Freundschaft!

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