Heinz KAHLAU: Die Brüder

Am Tisch

Heinz Kahlau
Die Brüder

Sie saßen sich beim Essen gegenüber
und wuchsen mit den gleichen Lehrern auf.
Die gleichen Pflichten wurden ihnen über
die gleichen Strafen nahmen sie in Kauf.

Sie gingen noch zum gleichen Meister dienen,
wo einer ging, kam auch der andre her.
Noch immer gab es Stille zwischen ihnen,
doch ihre Mädchen glichen sich nicht mehr.

Dann war am Lohntag in des einen Tüte
zu wenig Geld, und er begehrte auf.
Der andre riet im kummervoll zu Güte.
Doch man entließ den Bruder bald darauf.

Sie saßen sich beim Essen gegenüber
und hatten einen harten, lauten Streit.
Dann schwiegen sie den Rest der Mahlzeit über
Seit dieser Stunde waren sie entzweit.

Der Arbeitslose mußte Arbeit suchen.
Erfolglos fragte er von Tor zu Tor.
Da sah er viele, hörte manche fluchen –
und mancher kam ihm wie sein Bruder vor.

Die blieben still und hofften so auf Gnade.
Sie sahen ihn und wichen schnell zurück,
sie waren sich zum Bitten nicht zu schade.
Er hatte zuviel Stolz im Hungerblick.

Doch einer war, der paßte nicht zu diesen.
Der sah ihn an und sagte nur: Komm mit.
Der hat ihm einen Abend lang bewiesen,
warum es so war und wofür man stritt.

Sie wußten voneinander nicht die Namen.
Doch als sie schieden, war dem Jungen klar,
daß von den beiden die in Frage kamen,
der Fremde da sein echter Bruder war.

Quelle:
Heinz Kahlau: Bögen. Ausgewählte Gedichte 1950-1980. Aufbau Verlag Berlin und Weimar (DDR), 1981, S.16f.

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2 Antworten zu Heinz KAHLAU: Die Brüder

  1. D. Krüger schreibt:

    …..wieder mal eine gute Wahl……

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