Rosemarie Walther: Die Erziehung zu guten Umgangsformen

drakaWenn sich heute Lehrer darüber beschweren, daß die Kinder und Jugendlichen kein gutes Benehmen mehr haben, so braucht man sich darüber nicht zu wundern. Der Respekt vor den Erwachsenen läßt heute oft zu wünschen übrig. Da wird sich vorgedrängelt und dazwischen geredet. Was herunterfällt, bleibt liegen. Der Umgang mit den Schulsachen ist nachlässig. Ordnung wird nicht mehr bewertet. Ganz zu schweigen von der Disziplin, die für viele Kinder ein Fremdwort ist. Mittlerweile haben einige Lehrer es aufgegeben, unwillige Schüler zur Mitarbeit zu bewegen. Das sozialistische Bildungssystem war dem heutigen um eine ganze Epoche voraus. Was ist dafür der Grund? Und wie war die Erziehung zu guten Umgangsformen in der DDR?

Die Erziehung zu guten Umgangsformen

ROSEMARIE WALTHER

In den Umgangsformen kommt die Einstellung und das Verhalten des einzelnen gegenüber seinen Mitmenschen und seiner Umwelt zum Ausdruck. Dazu gehören: Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Sorgfalt und Achtung gegenüber allen Menschen, der Natur und den von Menschen geschaffenen Werten, gepflegte Sitten beim geselligen Beisammensein und anderes mehr.

Die Umgangsformen im Wandel der Zeit

Die Umgangsformen sind gesellschaftlich determiniert. Sie werden durch die Klassenverhältnisse und die herrschende Moral bestimmt. In der antagonistischen Klassengesellschaft maß (und  mißt!) die jeweils herrschende Klasse der Entwicklung der Umgangsformen besondere Bedeutung bei, die dazu geeignet waren, ihren Herrschaftsanspruch zu unterstützen.

a) Feudalismus

Begriffe wie Ritterlichkeit oder Höflichkeit entstammen der Feudalgesellschaft. Zum Beispiel war „ritterlich“ Leben und Tun des Ritters, also Kampf um Land und Ehre für sich oder für den Lehnsherrn. Nach dem Moralkodex der Ritter sollte der Schwächere geschont werden. Die Geschichte lehrt jedoch, daß die Ritter solche Tugend bei Überfällen auf Kaufleute oder im Verhalten gegenüber den Bauern nicht kannten. Höflich war ein Verhalten, das bei Hof gefordert wurde. Dieses dem Hof gemäße Verhalten wurde immer mehr zur leeren Formsache. In der Auseinandersetzung des sich entwickelnden Bürgertums mit dem verfallenden Feudalismus setzte das Bürgertum gegen das gezierte, dabei verschlagene Auftreten der Herren sein ehrliches, schlicht natürliches Verhalten und entlarvte die Heuchelei, die sich hinter den Umgangsformen des Adels verbarg. Deutlich kommt das in solchen revolutionären literarischen Werken wie Schillers „Kabale und Liebe“ oder Lessings „Emilia Galotti“ zum Ausdruck.

b) Kapitalismus

In dem Maße, wie das Bürgertum selbst zur reaktionären Klasse wird und auf Grund der ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in seiner moralischen Haltung Heuchelei und Unehrlichkeit anwendet, versucht es, seine unmoralische Haltung durch Betonung der formalen Seite der Umgangsformen zu verdecken. Die doppelte Moral der herrschenden Klasse in der kapitalistischen Gesellschaft zeigt sich in den Umgangsformen und im Verkehr der Menschen untereinander. Die Vertreter des Bürgertums verzichten auf die höflichen äußeren Formen, wenn sie für die Durchsetzung ihrer Ziele nicht geeignet sind, und zeigen brutale Verhaltensweisen, die bis zur physischen Vernichtung einzelner und ganzer Menschengruppen reichen.

c) Sozialismus

In der sozialistischen Gesellschaft entwickelt sich auf der Grundlage der neuen Produktionsverhältnisse eine neue Moral, die in den zehn Geboten der sozialistischen Moral ihren Ausdruck findet. Im Sozialismus wird Höflichkeit unabhängig von materiellen Nützlichkeitsinteressen und ökonomischer Abhängigkeit geübt. Dem Charakter der sozialistischen Moral entspricht ein äußeres Auftreten, das die hohe Achtung der Menschen voreinander und die neuen Beziehungen der gegenseitigen Hilfe, Freundschaft und Solidarität zum Ausdruck bringt, die sich auf der Grundlage der sozialistischen Produktionsverhältnisse entwickeln. Am Arbeitsplatz und in allen anderen Bereichen herrscht das Prinzip der gegenseitigen Hilfe, um in kürzerer Zeit Besseres leisten zu können. Das erfordert sachliche, zugleich aber von gegenseitiger Achtung und Freundschaft getragene Verhaltensformen.

Nach welchen Prinzipien erfolgte die Erziehung zu guten Umgangsformen in der DDR?

Die Erziehung des Menschen zu gepflegten Umgangsformen erfolgte innerhalb des Kollektivs. Durch die tägliche Übung im Verhalten erwerben sich die Mitglieder des Kollektivs die geforderten Verhaltensweisen. Stil und Ton im Kollektiv bestimmen im wesentlichen die Entwicklung der Umgangsformen, und in den Umgangsformen kommt der Stil und Ton des Kollektivs zum Ausdruck. Auf der Grundlage der neuen Moral erhalten höfliches Verhalten, gepflegte Sitten beim geselligen Beisammensein, hilfsbereites Auftreten in allen Lebensbereichen eine neue Aussagekraft.

Was ist sozialistische Höflichkeit?

Die neue Qualität der Umgangsformen in der sozialistischen Gesellschaft kommt auch darin zum Ausdruck, daß Höflichkeit und Hilfsbereitschaft unter den Mitgliedern des Kollektivs eng mit der kameradschaftlichen Kritik und Selbstkritik verbunden sind. Höflichkeit bedeutet nicht, Probleme und Fehler zu vertuschen. Die sozialistische Höflichkeit fordert, mit jedem Mitglied der Gesellschaft, das bestrebt ist, für den Aufbau des Sozialismus zu wirken, ehrlich über Fehler und Schwächen seiner Arbeit und seiner persönlichen Haltung zu sprechen und dabei eine Form zu wahren, die zum Ausdruck bringt, daß man den Menschen achtet.

Was sind sozialistische Umgangsformen?

Gute Umgangsformen werden in enger Verbindung mit gepflegten Lebensformen und kulturellen Lebensformen anerzogen. Makárenko charakterisiert die Umgangsformen in seiner Kommune, wenn er von. der ästhetischen Schönheit und Diszipliniertheit der Haltung seiner Zöglinge spricht. Die Form selbst kennzeichnet eine höhere Kultur.

Welchen Einfluß haben Erziehung und Bildung?

a) Kleinkind/Vorschulkind: Für die Entwicklung guter Umgangsformen hat die Zeit der Erziehung und Bildung im Kleinkind- und Vorschulalter sehr große Bedeutung. In dieser Periode erwirbt das Kind Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, vor allem durch die Nachahmung seiner Umwelt. Das Vorbild der Eltern und Erzieherinnen, besonders das der größeren Geschwister und Freunde, ein heiterer und optimistischer Ton in der Familie sind notwendige Voraussetzungen für die Erziehung guter Umgangsformen.
b) Schulkind: Mit zunehmendem Alter erwirbt das Kind Kenntnisse von den Forderungen der Gesellschaft an sein Verhalten und von den üblichen Umgangsformen. Die Hauptmethode. Umgangsformen als Gewohnheiten herauszubilden, ist die Übung im Verhalten. Die Gewöhnung an gute Umgangsformen ist ständige Aufgabe aller Institutionen der Bildung und Erziehung.
c) außerschulische Erziehung: Besondere Möglichkeiten dafür bietet die außerunterrichtliche Bildung und Erziehung. in der die Kinder in vielfältiger Form zusammen spielen, lernen und arbeiten. Aber auch das gemeinsame Essen bei der Schulspeisung, gemeinsame Wanderungen, Aufenthalte in Heimen müssen genutzt werden, um gute Umgangsformen der Schüler zu entwickeln.
d) Jugendliche: Im Übergang von der Kindheit zum Leben der Erwachsenen, besonders durch die Entwicklung der Paarbeziehungen, kann im Heranwachsenden das Bedürfnis nach guten Umgangsformen in verstärktem Maße geweckt werden. In Vorbereitung der Jugendweihe werden deshalb auch darauf gerichtete Veranstaltungen durchgeführt.
Literatur:
Makàrenko, A.S.: Arbeitserziehung. Beziehungen, Stil und Ton im Kollektiv. In: Werke, Bd.V, Berlin 1956, S.220-230; Kleinschmidt, K.: Keine Angst vor guten Sitten. Verlag Das neue Berlin, Berlin 1957; Sorokina, A.I.: Lehrbuch der Vorschulpädagogik. Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin 1961; Tomaschewsky, K.: Die Erziehung zu gepflegten Lebensformen und kulturellen Gewohnheiten. In: Pädagogik, Jg.8, 1953, H.3 und 5; Beiträge zur ästhetischen Erziehung. In: Informationsmaterial aus der pädaqoqi­sehen Literatur der Sowjetunion und der Länder der Volksdemokratie, Heft 10, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin 1955.

Quelle:
Pädagogische Enzyklopädie (2 Bde.). VEB Verlag Deutsche Wissenschaftn, berlin, 1963, Bd.I, S.267-269. (Zwischenüberschriften und Hervohebungen eingefügt, N.G.)

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2 Antworten zu Rosemarie Walther: Die Erziehung zu guten Umgangsformen

  1. giskoe schreibt:

    Hat dies auf giskoes gedanken rebloggt.

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