N.Schpanow: Entscheidung des Gewissens

GewissenAls der Wissenschaftler und Konstrukteur Dr. Egon von Schwerer, Sohn eines Nazi-Wehrmachtsgenerals, seinem Gewissen folgend, Westdeutschland verließ, um künftig in der DDR zu bleiben, war das ein mutiger Schritt. Schwerer war nicht mehr bereit, die im Auftrag der westdeutschen Großindustrie von den Amerikanern und ehemaligen Nazis forcierte Aufrüstungspolitik des Westens mitzutragen. In dem nachfolgenden Buchauszug aus seinem Roman „Verschwörer“ beschreibt der sowjetische Schriftsteller Nikolai Schpanow, welche Gedanken und Gefühle einem ehrlichen Deutschen damals durch den Sinn gingen – Gedanken, die auch heute ihre Gültigkeit noch nicht verloren haben…

Nikolai Schpanow

Entscheidung des Gewissens

Auszug aus dem Roman „Verschwörer“

Als Egon den erstaunten Blick Rupps auf sich gerichtet fühlte, erklärte er: „Sehen Sie, ich weiß schon selbst, wo ich die Wahrheit suchen muß!“ Und er las weiter vor: „Deutschland wird nach seiner Niederlage natürlich sowohl wirtschaftlich als auch militärisch und politisch entwaffnet werden. Es wäre jedoch naiv, zu glauben, daß Deutschland nicht versuchen werde, seine Macht wiederzuerlangen und zu einer neuen Aggression zu schreiten. Es ist allbekannt, daß sich die deutschen Machthaber jetzt schon zu einem neuen Krieg rüsten, Die Geschichte zeigt, daß eine kurze Zeitspanne von zwanzig bis dreißig Jahren genügt, damit Deutschland sich von einer Niederlage erholt und seine Macht wiederherstellt. Welche Mittel gibt es, um einer neuen Aggression von Seiten Deutschlands vorzubeugen und, wenn der Krieg dennoch ausbricht, ihn in seinen ersten Anfängen zu ersticken und nicht zuzulassen, daß er sich zu einem großen Krieg auswächst?“ [1]

Egon blickte Rupp mit glänzenden Augen an: „Großartig!“ rief er. „Bedenken Sie, das ist vor vier Jahren geschrieben. Vor vier Jahren hat er bereits vorausgesehen, was wir mühevoll und zögernd heute erkennen. Und ist die Sache, die Sinn vorschlägt, nicht eines der Mittel, von denen Stalin sagt, daß sie einen Krieg abwenden können?“
„Ja, ich glaube, das ist es!“
„Lieber Freund!“ Egon begeisterte sich immer mehr. „Halten Sie das nicht für Einbildung, ich will mir durchaus nicht mehr zuschreiben, als ich verdiene, aber mein ganzes Wesen ist von Stolz erfüllt bei dem Gedanken, daß auch .ich, ein kleiner Mensch, ein Deutscher, der sich schwer verirrt und dem Volk so viel Schaden zugefügt hat, irgend etwas im Sinne Stalins tun kann.“


Immer mehr überzeugte sich Egon davon, daß es durchaus nicht zu spät war, in seinen Jahren den Schritt zu tun, den er getan hatte. Ja, heute konnte er mit Sicherheit behaupten, daß er den Weg von der Anerkennung zum Verstehen eingeschlagen hatte. Und er würde die endgültige Überzeugung erlangen, die er auf seinen früheren Irrwegen nicht finden konnte, daß es der richtige Weg war.

Zum Abschied sagte er: „Das wichtigste ist für mich jetzt, daß ich noch das für den endgültigen Sieg tun kann, was ich bisher nicht tun konnte.“

„Der Ausgang unseres Kampfes gegen den Kapitalismus ist von der Geschichte vorgeschrieben“, erwiderte Sinn. „Es ist nur eine Frage der Zeit, wann der faule Stamm umgelegt wird.“

„Aber wieviel Unglück diese fauligen Triebe noch anrichten. können! Wenn ich nur an unsere deutsche Militärclique denke oder an die Amerikaner, die ihr ABC mit solch zynischer Offenheit wiederholen…“
„Sagen Sie lieber ihre Fehler!“
„Meinetwegen, aber auch die Fehler der Militaristen kosten Blut. Ich denke fast mit Entsetzen daran, was General Schwerer und die anderen jetzt machen, wenn es ihnen nun doch gelingt, noch einmal anzuzetteln, was sie schon zweimal erreicht haben?“

„Erstens gelingt es ihnen nicht“, erwiderte Sinn mit ruhiger Bestimmtheit, „und zweitens, wenn Sie den historischen Weg des deutschen Imperialismus verfolgen, werden Sie verstehen, wozu sein neuester Schüler, Anhänger und Gläubiger, der amerikanische Imperialismus, verurteilt ist. Der heutige deutsche Imperialismus hat seine ,glänzende Karriere mit lärmenden, aber ziemlich leichten Siegen über die faulende Habsburger Dynastie und über .das wankende Imperium des unfähigen Neffen von Napoleon begonnen. Sedan war der Anfang dieses Weges. Das winzige Osterreich unter Dollfuß, die innerlich zerrissene Tschechoslowakei Hachas, das zerfallende Polen Becks und wieder Frankreich, diesmal ein Frankreich der offenen Verräter – Petain, Weygand, Laval –, schließlich Dünkirchen, das dem Sieger billig zufiel, und die Ruinen von Coventry bildeten das Ende des Weges.

Das ist der circulus vitiosus. Hinter seinen Grenzen verwandelte sich der Koloß der deutschen Militärmaschine beim ersten Zusammenprall des deutschen Imperialismus und seiner Militärdoktrin mit der wirklichen wissenschaftlichen, der einzigen wissenschaftlichen Auffassung des Problems Krieg – mit der marxistischen Auffassung, die Stalin gegeben hat – in einen Haufen Eisenschrott. Der Koloß stürzte zusammen mit allen seinen Theorien über alle möglichen Kriege, mit seiner blutrünstigen Ideologie, die sehr weit zurückgeht und von den Deutschen mit der Philosophie Nietzsches zusammen aufgezogen wurde, mit allem diesem schädlichen, menschenfeindlichen und volksfeindlichen Plunder, den der deutsche Militarismus auf seinen Fahnen führte. Er ist zusammengebrochen und wird sich nicht mehr erheben, wer und wie man auch versuchen mag, ihn wieder aufzurichten…“
„Das wäre herrlich!“
„Sie können überzeugt sein: Er steht nicht mehr auf.“
„Und Amerika?“ fragte Egon unsicher.
„Welches Amerika? Die hundertvierzig Millionen einfacher amerikanischer Arbeiter, die ebensowenig einen Krieg wollen wie Sie und ich? In ihnen aber liegt Amerikas Stärke.“
„Und die materiellen Hilfsquellen der führenden Kreise?“

„Was sind materielle Hilfsquellen wert, wenn ihnen Menschen, gegenüberstehen! Erinnern Sie sich doch, daß Hitler die Hilfsquellen von ganz Westeuropa in den Händen hielt und mit versteckter Nachsicht der sogenannten Alliierten rechnen konnte. Für ihn arbeitete das Kapital der Kartelle der halben Welt – und was nutzte es?“
„Die amerikanischen Börsenjobber und Generale werden sicherlich die Lehren des letzten Krieges berücksichtigen.“

Sinn schüttelte den Kopf: „Ihre Natur selbst, die Natur ihrer Klasse und des Kapitalismus in, seiner gegenwärtigen Entwicklungsphase, macht sie unfähig, die Hauptsache zu begreifen, nämlich, daß ihr Schicksal durch den gesamten Verlauf der Geschichte bestimmt ist und Widerstand nur ein Hinausschieben des Untergangs bedeutet. Wenn ihre ‚besten‘ Köpfe, ihre Philosophen und Ideologen, dies nicht einmal verstehen, wie könnten sie selbst plötzlich die Abenteuerlichkeit ihrer Politik begreifen, die gleiche Abenteuerlichkeit, die zur Politik des deutschen Imperialismus gehörte? Sie haben eine viel zu hohe Meinung von diesen Leuten. Das verdienen sie nicht. Die Kriegsbrandstifter sind blind, wenn es sich um die Lehren aus einem Krieg handelt. Ebenso wie seinerzeit die deutschen Imperialisten betrachten doch auch die Anglo-Amerikaner den Eroberungskrieg als hauptsächliche Methode, ihre politischen und wirtschaftlichen Ziele zu erreichen. Und sie haben es sich zum Ziel gesetzt, die Herrschaft des Monopolkapitals in der ganzen Welt und für alle Ewigkeit zu befestigen. Schon das allein besagt, daß sie blind und taub sind gegenüber den Lehren der Geschichte – und somit auch gegenüber den blutigen Lehren des letzten Weltkrieges.“

„Aber sie sind teuflisch hinterlistig!“ rief Egon erregt. „Sie machen vor nichts halt. General Schwerer hat mir mehr als einmal einen seiner Lieblingssätze wiederholt, den er wie ein Gebot auswendig kannte: ‚Der Krieg ist ein Gewaltakt, durch den der Gegner gezwungen werden soll, unseren Willen zu erfüllen. Wer diese Gewalt anwendet, rücksichtslos und ohne vor Blutvergießen zurückzuschrecken, gewinnt ein gewaltiges Übergewicht über den Gegner, der dies nicht tut. Die Einführung des Prinzips der Beschränkung und Mäßigkeit in der Philosophie des Krieges ist absurd…‘ Ich fürchte die Menschen mit dieser Philosophie“, sagte Sinn, nahm ein Buch vom Brett und schlug es auf. „Hier ist etwas, was Stalin vor noch gar nicht langer Zeit an einen sowjetischen Militär geschrieben hat: ‚Wir müssen im Interesse unserer Sache und der Kriegswissenschaft der Gegenwart nicht nur Clausewitz, sondern auch Moltke, Schlieffen, Ludendorff, Keitel und die anderen Träger der militärischen Ideologie in Deutschland kritisieren. In den letzten dreißig Jahren hat Deutschland die Welt zweimal in einen blutigen Krieg verwickelt, und beide Male wurde es geschlagen. Ist das ein Zufall? Natürlich nicht. Bedeutet das nicht vielmehr, daß nicht nur Deutschland in seiner Gesamtheit, sondern auch seine militärische Ideologie den Prüfungen nicht standgehalten haben? Bestimmt ist es so.‘ [2] Wenn wir diesen Gedanken jetzt fortführen und auf den heutigen Tag anwenden, so drängt sich die Schlußfolgerung auf: Da die Ideologie des gegenwärtigen amerikanischen Imperialismus eine leibliche Schwester der Ideologie des deutschen Imperialismus ist, muß man logischerweise annehmen, daß auch das Schicksal des amerikanischen Imperialismus dem des deutschen Imperialismus verwandt sein wird.“

„Für mich sind das große und sehr wichtige Fragen“, sagte Egon nachdenklich.
„Glauben Sie etwa, daß sie für mich weniger bedeuten?“ lächelte Sinn. „Schließlich ist es doch das Schicksal unseres Vaterlandes, das Schicksal meines Volkes, das Schicksal der gesamten werktätigen Menschheit!“
„Sie haben recht, Sie haben recht“, murmelte Egon mechanisch.

„Wenn ich daran denke, daß der deutsche Militarismus im Verlauf mehrerer Jahrhunderte seiner Geschichte, von den Ordensrittern bis zu Friedrich ‚dem Großen‘ – der in Dingen der internationalen Räuberei wirklich ‚groß‘ war – und von seinem ‚Besten der Besten‘, dem Kürassiergeneral Seydlitz bis zu Keitel, ebenfalls dem ‚Besten der Besten‘ eines anderen Meisters der Räuberei, Hitler –, daß dieser deutsche Militarismus von keinem anderen geschlagen wurde als vom sowjetischen Soldaten, so segne ich diesen Soldaten … Gerade darum, weil ich ein Deutscher bin von Kopf bis Fuß, eben darum, weil ich ein deutscher Patriot bin!“ rief Sinn mit einem Feuer, das Egon in dem stets ruhigen, ausgeglichenen Menschen nicht vermutet hatte. „Gerade darum, weil ich Deutscher und Kommunist hin, sage ich Ihnen: Wenn es gegen alle Wahrscheinlichkeit den Brandstiftern eines neuen Krieges gelingen sollte, ihn zu entfesseln, so würde ich in diesem für sie letzten Krieg Schulter an Schulter mit dem russischen Soldaten, mit dem Sowjetsoldaten stehen.“

Sinn ging auf Egon zu und streckte ihm die Hand entgegen:
„Ich bin überzeugt, daß wir zusammen an dieser Front stehen werden!“
Egon ergriff die ausgestreckte Hand und drückte sie fest. „Das wäre eine sehr große Ehre für mich… Eine Ehre und ein Glück.“

(Ende des Auszugs)

[1] J.W. Stalin: „Bericht des Vorsitzenden des Staatlichen Verteidigungskomitees…“ (6.11.1944). In: J.W. Stalin, Werke, Dortmund, 1976, Bd.14, S. 209.
[2] J.W. Stalin: „Antwortschreiben an Oberst Professor Dr. Rasin auf einen Brief vom 30. Januar 1943…“ (23. 2. 1946). In: J.W. Stalin, Dortmund, 1979, Bd.15, S.43.

Quelle: Nikolai Schpanow „Verschwörer“, Verlag Volk und Welt Berlin 1953, S.926-934

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2 Antworten zu N.Schpanow: Entscheidung des Gewissens

  1. Hanna Fleiss schreibt:

    Sascha, ich habe mal nachgesehen in meinen Regalen, und stell dir vor: Ich habe dieses Buch noch! Ich hatte es vor Jahren gelesen und kann mich gut an diese Szenen erinnern. Dieser Schwerer ist einer, der nach vielen Umwegen erkennt, wo sein wahres Deutschland liegt, leider eine Ausnahme. Wenn es doch mehr solcher „Renegaten“ gegeben hätte! Deutschland hätte sie sehr nötig gehabt. Mir fällt da Willy Wimmer ein, hochangebunden, einer aus der Politikergarde um Kohl, der nach und nach zu Einsichten kommt, die man ihm gar nicht zugetraut hat. Natürlich ist er der heutigen offiziellen Regierungspolitik eine persona non grata.

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