Täve Schur – ein Vorbild für die Jugend!

SchurIn allen Punkten muß man dem Radsportler Gustav-Adolf Schur bescheinigen: „Täve, Du hast Deine Sache gut gemacht!“ Du warst, bist und bleibst ein Vorbild für Generationen von Sportlern und für Millionen Menschen in der DDR und in aller Welt. Du hast Dich nicht abbringen lassen von Deinem Weg, auch dann nicht als alle möglichen DDR-Hasser und DDR-Sportverleumder ihren Schmutz über unsere Heimat ausschütten. Denn – Du bist ein Kommunist! Wir lieben Dich! Wie oft haben wir noch als Schulkinder und später als Erwachsene an den Straßenrändern gestanden, haben mitgefiebert und gejubelt, als Friedensfahrer aus allen sozialistischen Ländern vorüberführen. Wie haben wir Dich bewundert ob Deiner Bescheidenheit und Deiner klaren Aussagen. Du  – und wir alle – haben unserem sozialistischen Vaterland viel zu verdanken, sei es die Schulbildung, sei es der Sport oder sei es der Frieden und die soziale Sicherheit, in der wir aufwuchsen. Das werden wir niemals vergessen…

Drei Millionen erfolgreiche Sportler hat die DDR hervorgebracht. Wir hatten einen Breitensport, kostenlose Teilnahme an Sportvereinen und kostenlose Förderung der Spitzensportler. Unterrichtsausfall hatten wir kaum, am allerwenigsten im Sport. Aber wenn die Friedensfahrt kam, standen auch wir mit unseren Lehrern begeistert am Straßenrand. In seinem Buch „30 von drei Millionen“ stellte Werner Schreier die besten DDR-Sportler vor. Und das war schon 1979. Der Autor Dieter Wales schrieb:

Gustav-Adolf Schur (Radsport)

Geboren am 23. Februar 1931 in Heyrothsberge
Beruf: Diplomsportlehrer. Stellvertretender Vorsitzender des DTSB-Bezirksvorstandes Magdeburg; Weltmeister im Straßenfahren 1958 und 1959, Friedensfahrtsieger 1955 und 1959, Gewinner einer Silbermedaille 1960 und einer Bron­zemedaille 1956 bei Olympischen Spielen

Das Regenbogentrikot – und mehr

„Manchmal kann ich es kaum glauben. Zwanzig Jahre soll das schon her sein? Dabei sehe ich den Autorennkurs von Reims noch deutlich vor mir, auf dem damals die Rennmaschinen surrten. Die Entscheidung fiel in der letzten Runde. Drei Italiener – Martini, Venturelli und Trape – waren enteilt. Wir machten uns an die Verfolgung, die beiden Belgier Dewolf und Paulissen, drei weitere Fahrer und ich. Als wir zu neunt waren und der Spurt begann, trat Venturelli als erster an. Ich erreichte ihn, kam vorbei. Es trieb uns etwas nach rechts. Da tauchten links von mir zwei Schatten auf – die Belgier witterten ihre Chance. Wir traten, was die Beine hergaben. Dann der Zielstrich. Die Belgier jubelten. Bis Egon Adler mir zuschrie: ‚Täve, du bist Weltmeister!’“

So deutlich, wie ihm die Szene aus Frankreich noch vor Augen stand, so klar beurteilte Gustav-Adolf Schur aus heutiger Sicht den Sieg an jenem heißen 30. August 1958 und die Stunden danach. „Wir“, sagte er und wählte bewußt den Plural, „gewannen damals nicht nur den ersten Weltmeistertitel im Straßenradsport der Amateure. Wir holten das Regenbogentrikot – und mehr. Wir machten unser Land bekannt.“
Am Nachmittag nach jenem Triumph, dem 1959 der zweite WM-Titel und 1960 der denkwürdige zweite Platz hinter Bernhard Eckstein auf dem Sachsenring folgten, fuhr vor dem kleinen „Hotel de Maronniers“ unweit des Bahnhofes von Reims eine ganze Wagenkette vor. Einer wollte, daß Schur für seine Zahnpasta werbe. Der nächste hoffte auf ein Kompliment für seine Felgen.

Die Journalisten stellten vor allem die Frage: Wann wird der Weltmeister Profi? Als einer nach dem anderen abgewiesen wurde, schienen sie die Welt nicht mehr zu verste­hen. Voll und ganz stand Täve Schur immer hinter jener Haltung: „Ich will nicht bestreiten, daß ich als Profi vielleicht hätte Geld verdienen können. Geld ist Macht, sagen die Leute im Westen. Aber ich wäre nicht zufrieden als reicher Mann in ihrem Sinne. Ich glaube, reich ist ein Mensch, der viel weiß, der die Gesetze kennt, die auf der Welt gelten. Nicht Geld, sondern Wissen ist Macht, und zwar dann, wenn man es zum Nutzen aller anwenden kann.“

SKET.jpg

Der Sportfunktionär Täve Schur, hier im Gespräch mit Arbeitern des Schwermaschinenkombinats „Ernst Thälmann“ (SKET) in Magdeburg.

1958 wurde Täve auch zum erstenmal in die Volkskammer der DDR gewählt, der er seitdem angehört. Ein namhafter BRD-Sportführer nannte die Wahl den „Gipfel des Irrsinns“. Dieses Urteil führte zu einer klärenden Debatte. Auch Giovanni Proietti, ein berühmter italienischer Trainer, meldete sich zu Wort: „Der Sport hat im modernen Staat eine bedeutende soziale Funktion inne, und es ist daher nicht unnütz, sondern im Gegenteil direkt zu begrüßen, daß auch aktive Sportler die eigenen Interessen im Parlament vertreten.“

Immer wieder ist später die Frage nach der unübertroffenen Popularität Täve Schurs gestellt worden. Zweifellos liegen die Gründe in seiner hervorragenden Position auf dem Rennrad ebenso wie in seiner großartigen Stellung in der Gesellschaft. Und dabei war von dem Friedensfahrtsieger noch gar nicht die Rede; von seinen Triumphen auf dem Course de la Paix, die er fast noch höher wertete als die zwei Weltmeistertitel.Täve_Bilder

Bild oben: Der WeltmeisterGustav-Adolf Schur – hier (ganz links) am Ziel des Titelkampfes von Reims 1958. Rechts die beiden Belgier, die schon hofften. Bild darunter: Der Friedensfahrer gemeinsam mit seinem guten Freund Jan Vesely, nach dem Täve seinen ältesten Sohn nannte.

„Im Kampf um das Regenbogentrikot“, sagte er einmal, „muß man einmal voll da sein. Bei der Friedensfahrt heißt es, zwei Wochen lang in Hochform zu bleiben.“ Über den sportlichen Erfolg hinaus sind auch hier die Erinnerungen an den Mann unvergeßlich, der von der Friedensfahrt geformt wurde und sie seinerseits mitprägte. Erinnerungen an die große Geschichte seiner Freundschaft mit Pawel Wostrjakow, dem Waisenjungen aus Leningrad, dem die deutschen Faschisten die Eltern nahmen und der auf den Straßen des Friedens zum guten Freund des Rennfahrers Gustav-Adolf Schur wurde. Erinnerungen an manch kleine Episode.

Als zu Pfingsten die besten und populärsten 30 Sportler aus 30 Jahren DDR ermittelt waren und Gustav-Adolf Schur die meisten Stimmen erhalten hatte, stimmte Jürgen Croy der Wahl vorbehaltlos zu: ,,lch habe damals keine Friedensfahrtetappe verpaßt, die er fuhr. Er hat wie kein Zweiter zum guten Ruf des DDR-Sports beigetragen, mit seiner Leistung und seiner Haltung.“ Und der Nationaltorhüter, der sich selbst über mangelnden Beifall der Fußballfreunde nicht beklagen kann, fügte hinzu: „Sein erster Rang entspricht auch meiner Meinung. Er wurde zu Recht zum Vorbild der Sportjugend.“

Der jetzige Stellvertreter des Magdeburger DTSB-Vorsitzenden war trotzdem überrascht und ein wenig überwältigt von der hohen Ehre. Er gestand, daß ihm, obgleich in manchem Wettkampf hart geworden, weich ums Herz war. Aber er wäre nicht Täve gewesen, hätte er nicht im Namen aller Ausgezeichneten das Versprechen hinzugefügt, daß nun erst recht jeder an seinem Platz alles tun werde für unsere Republik. Und wieder war ihm millionenfache Zustimmung sicher.

Dieter Wales

Quelle:
Werner Schreier (Gesamtred.) „30 von drei Millionen“, Sportverlag Berlin, 1979, S.5-8


Und hier noch ein Beispiel, das die Aufrichtigkeit von Täve Schur bezeugt:

Bevor Heinz Keßler eingesperrt wurde, hatte man ihn aus der Partei ausgeschlossen. Er bekam einen Brief vom Vorsitzenden der Schiedskommission. Die neuen Leute, wie Gysi, Schumann u.a. waren schon da. In dem Brief stand: „Gegen Dich läuft ein Parteiverfahren. Grund: Antisowjetische Haltung.“ Als Heinz Keßler zu dem Ort ging, wo er hinbestellt worden war, befanden sich dort auch noch andere Genossen, die ebenfalls ausgeschlossen werden sollten. Die Schiedskommission war ein wilder Haufen. Der Vorsitzende fing an: antisowjetische Haltung. Keßler sagte: „Paß mal auf, wir müssen mal unterscheiden. Meinst Du die Sowjetunion oder meinst Du Gorbatschow? Wenn Du Gorbatschow und die Seinen meinst, dann stimmt es.“ Und den haben sie gemeint und so haben sie Keßler aus der Partei ausgeschlossen. Einer der wenigen, der gegen den Ausschluß von Keßler gestimmt hatte, war Täve Schur.

Quelle: Wie hatte Heinz Keßler die Konterrevolution erlebt?


taeve-schur-autobiografie-buchÜbrigens: Täve Schur ist auch ein leidenschaftlicher Wanderer. Beispielsweise war er am Gründonnerstag 2011 bei der Einweihung eines Wanderweges in Kyritz dabei. Sein Engagement im Sport hat ihn aber auch beizeiten in die Politik geführt. Bis zur Konterrevolution 1990 war er Abgeordneter der Volkskammer, von 1998-2002 saß er im deutschen Bundestag. Auch darüber kann man in seinem autobiografischen Buch nachlesen. Täve Schur – das Leben eines großartigen Sportlers und geradlinigen Menschen. Wer ihn bisher nicht persönlich kennenlernen konnte, hat nun auch online die Möglichkeit, sich sein persönliches Exemplar von Täve Schurs Buch zu sichern.


Siehe auch:

Sputnik: Exklusiv-Interview mit Täve Schur

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9 Antworten zu Täve Schur – ein Vorbild für die Jugend!

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  7. Eleonore Kraus schreibt:

    Sehr bewegend und ehrlich.
    Das sollte man der armen und kranken (im Kopf) Ines Geipel zu kommen lassen. Die Wahrheit kann der Realitätskontrolle sehr von Nutzen sein, insbesondere dann, wenn man in ständiger, geistiger Umnachtung sein Lügengebäude aufrecht erhalten muss. Kann anstrengend werden, wenn man wieder und wieder den Pinocchio macht. Irgendwann fliegt die sowas von auf….und viele Beiträge hier und die überaus wichtige, differenzierte und achtenswerte Arbeit von unserem Johann treiben der die Schweißperlen auf die Stirne und das ist gut so.

  8. Johann Weber schreibt:

    Hallo sascha, wie recht hast Du mit folgenden Worten:
    „Du hast Dich nicht abbringen lassen von Deinem Weg, auch dann nicht als alle möglichen DDR-Hasser und DDR-Sportverleumder ihren Schmutz über unsere Heimat ausschütten.“

    Im April 2017 wurde die Aufnahme von Täve Schur in die „Hall of fame“ abgelehnt.
    Wie groß der Hass gegen Täve Schur sein muss, zeigt ein Auszug aus dem „Neuen Deutschland“ vom 27.4.2017:

    „Täve Schur muss wieder draußen bleiben
    Nach hitziger Debatte verwehrt eine Jury zum zweiten Mal dem DDR-Radsportidol die Aufnahme in die Hall of Fame
    Schur war bereits 2011 von der Jury abgelehnt worden. Einen dritten Anlauf werde es nicht geben, sagte Michael Ilgner, Chef der Sporthilfe, die Trägerin der Hall of Fame ist. Man wolle vielmehr eine erneute Diskussion über die deutsche Sportvergangenheit anregen.
    Schur war diesmal vom Deutschen Olympischen Sportbund auf Anregung von Andreas Silbersack, Präsident des Landessportbundes Sachsen-Anhalt nominiert worden. Silbersack hatte dabei die Unterstützung aller 16 Landessportbünde. »Ich halte diese Entscheidung für einen kapitalen Fehler«, sagte Silbersack nun. »Wie mit Täve Schur umgegangen wurde, hätte ich mir in meinen schlimmsten Träumen nicht vorstellen können.«
    Vor allem die Aussage von Hans-Wilhelm Gäb sei für ihn »weit über das Erträgliche« hinausgegangen, da der Initiator der Hall of Fame »Nazi-Deutschland und die DDR auf untragbare Weise gleichgesetzt« habe. Gäb hatte erklärt: »Kein Mensch käme auf die Idee, einen im Sport erfolgreichen Nazi, wenn er auch heute noch die Untaten des Regimes verherrlichte, in die Hall of Fame aufzunehmen. Warum dann Schur, der immer noch als Propagandist einer Diktatur auftritt, die Tausende von Menschenleben auf dem Gewissen hat?«
    Dagmar Freitag (SPD), Sportausschussvorsitzende im Deutschen Bundestag, begrüßte die Ablehnung Schurs: »Die Jurymitglieder verfügen offenkundig über mehr sportpolitischen Instinkt als die Präsidenten der Landessportbünde.«“

    Dieser Gäb war Alt-BRD Tischtennis-Nationalspieler und gehörte dem Vorstand der Stiftung Deutsche Sporthilfe an.

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