Ricarda Huch: Das Kommunistische Manifest

Ricarda Huch„Als sie sich erhob“, so berichtete ein Teilnehmer des 1. Deutschen Schriftstellerkongresses nach dem Krieg in Berlin, „um mit der leisen und so unbeschreiblich eindringlichen Stimme das Schlußwort zu sprechen, erhoben wir uns alle. Es war für mich – und nicht für mich allein – der Höhepunkt jener Tage.“ Die große deutsche Dichterin und Schriftstellerin Ricarda Huch war für alle, die sie kannten, das Sinnbild einer demokratischen Zukunft Deutschlands, wie es dann auch in der Deutschen Demokratischen Republik verwirklicht wurde. Und das war gerade auch deshalb so, weil sich Ricarda Huch bewußt dafür entscheiden hatte, ihre Heimstatt und ihren Lebensmittelpunkt in der sowjetisch besetzten Zone zu finden. Sie starb 1947.

Zur Revolution des 19. Jahrhunderts.
Das Kommunistische Manifest

Im Jahre 1847 erwarteten Marx und Engels die Umwandlung nicht von einer russischen, sondern von einer deutschen Revolution. Deutschland stehe, so sagten sie, am Vorabend einer bürgerlichen Revolution, die das Vorspiel einer proletarischen sein werde, und sie gaben die Losung, daß das deutsche Proletariat der Bourgeoisie im Kampfe gegen Feudalismus und Absolutismus beizustehen habe. Jedoch dürfe das Proletariat, so fügten sie hinzu, keinen Augenblick den feindlichen Gegensatz zur Bourgeoisie vergessen, und wenn der Sturz der reaktionären Klasse vollendet sei, sofort den Kampf gegen die Bourgeoisie beginnen.

„Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung. Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren, als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“

So schloß das Kommunistische Manifest, eine prachtvolle Fanfare, die den Titanen der Unterwelt zum Kampfe gegen die oberen Götter blies…

Das Kommunistische Manifest – eine gute Waffe

Theorien und Systeme auf dem Gebiete der Geisteswissenschaften werden immer nur bedingt richtig sein, da die Kraft und die Fülle des Lebens die vom menschlichen Denken gezogenen Linien überspringt; aber die Wirkung einer Theorie hängt nicht durchaus von ihrer Richtigkeit ab. Ist die Orientierung im allgemeinen richtig, so ist das Wichtigste, daß überhaupt ein Weg bestimmt und nachhaltig eingeschlagen, daß ein Wille verkündet, ein Glaube erzeugt wird. Das Kommunistische Manifest erweckte Glauben; es war eine gute, schneidende Waffe, geschmiedet von zwei jungen heroischen Menschen an der Glut ihrer genialen Energie.

Die neue Epoche beginnt…

Aber es war mehr als eine Waffe für den Augenblick; es war ein Markstein zwischen zwei Epochen, ein Grundstein zum Neubau Europas. Wie ein Blitz riß es eine Maske und einen Vorhang vom Gesicht der Zeit und zeigte die Dinge im grellen Licht, wie sie waren und wie noch niemand sie zu sehen gewagt hatte. Das Manifest sagte: Ihr europäischen Nationen seid nicht mehr einheitliche Völker, sondern ihr seid gespalten in zwei Teile, die sich als Feinde gegenüberstehen, zwischen denen ein Friedensschluß nicht möglich ist, außer auf dem Boden einer ganz neuen Gesellschaft.

Ein Fehdebrief gegen die Bourgeoisie

Noch hatte niemand den Mut gehabt, den Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat als unversöhnlich zu bezeichnen, nur wenige prophetische Stimmen, wie die von Radowitz [1], warnten vor der gefährlichen Möglichkeit, die meisten wollten einen derartigen Gegensatz nicht gelten lassen. Das Kommunistische Manifest verkündete ihn laut, stellte ihn als Tatsache fest, es war ein Fehdebrief, der Krieg bis zur Vernichtung ansagte. Nicht die Maschinen, wie verblendete Arbeiter oder Menschenfreunde wollten, sollten vernichtet werden, nicht die Prinzipien der Industrie wurden angegriffen, sondern im Gegenteil, sie sollten folgerichtig weitergeführt werden, vernichtet dagegen die noch übrigen Formen und Anschauungen der mittelalterlichen Vergangenheit.

Sozialismus – eine großartige Vision

Das Prinzip des Staatsabsolutismus müsse folgerichtig zum Kommunismus. führen, sagte Radowitz; diese folgerichtige Entwicklung zu leiten und zu beschleunigen unternahm der Marx’sche Sozialismus. Das Ziel war die klassenlose Gesellschaft, die nicht nur Deutschland, sondern das ganze Abendland, ja, schließlich die bewohnte Erde umfassen, alles was gebraucht wurde, erzeugen, alles was erzeugt wurde, verteilen würde. Eine erbarmungslose und schauerliche Großartigkeit ist in dieser Vision.

Für die Gleichheit unter den Menschen

Eine hochzivilisierte Gesellschaft sollte in ihrem Grundcharakter so vereinfacht werden wie etwa die Kosaken zur Zeit des Taras Bulba {2], die verwickeltsten Verhältnisse sollten auf einen glatt und stetig arbeitenden Mechanismus übertragen werden. Die mittelalterliche Einheit der christlichen Welt, die das Mittelalter unter Papst und Kaiser als Pyramide mit unendlichen Abstufungen, aus der Hölle über die Erde in den Himmel aufsteigend, darzustellen suchte, sollte verwirklicht werden auf irdischer Fläche, die Gleichheit vor Gott zur Gleichheit unter den Menschen werden, wie verschieden auch diese Konstruktion von dem mittelalterlichen Wunderbau sein mochte, wie sehr auf irdische Zwecke eingeschränkt, so ging sie doch aus wie das Christentum von erbarmender Liebe zu den Armen und Rechtlosen und zugleich von der berechtigten Verzweiflung an dem guten Willen der Besitzenden.

Die Gesellschaft der Zukunft

Das Kommunistische Manifest setzte die Menschen als schlecht und wiederum doch als gut voraus. Es schien davon auszugehen, daß nicht der Mensch die Quelle des Trachtens nach Macht und Besitz sei, sondern daß der Kampf ums Dasein die Menschen selbstsüchtig mache und daß sie, wenn jeder das Seine als Lohn seiner Arbeit zugeteilt bekäme, gut oder wenigstens friedlich und verständig sein würden. Die Gesellschaft der Zukunft würde weniger einer Kosakenhorde als einem Ameisenstaate gleichen.

Quelle:
100 Jahre Kommunistisches Manifest. Aus Ricarda Huch „Alte und neue Götter“. 1848. Berlin-Zürich, Eigenbrötlerverlag, 1930. Zitiert nach: Die bürgerliche Revolution und ihre Dichter, 1. Teil. Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, Landesleitung Thüringen, o.D. S.15f. (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

[1] Joseph Maria von Radowitz (1797-1912); preußischer General und Diplomat, 1848 Führer der äußersten Rechten, erkannte die für die Bourgeoisie bedrohlichen Folgen des Kommunistischen Manifests.
[2] Taras Bulba – Held einer Erzählung des russischen Schriftstellers Nikolai Gogol, in der der Vater Taras Bulba seinen Sohn tötet, weil dieser, seiner Geliebten folgend, zum Feinde übergelaufen war.

Huch

Sie gehörte zu denjenigen, die sich dem Zwang und dem Terror nicht beugten, die Liebe zum Menschen und allem was Menschenantlitz trägt, nicht unterdrücken ließen, als eine der aufrechtesten Gestalten des wirklichen deutschen Geisteslebens. Doch sie gehörte nicht der Vergangenheit an. Mit prophetischem Blick erkannte sie die Konturen des neuen, des demokratischen Deutschland.

WERNER EGGERATH (1947)

Ministerpräsident des Landes Thüringen
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2 Antworten zu Ricarda Huch: Das Kommunistische Manifest

  1. Vorfinder schreibt:

    Danke für diese Erinnerung. Ricarda Huch wußte noch, dass es als Künstlerin in gesellschaftliche Verhältnisse einzugreifen gilt. Heute sitzen Künstler zumeist auf ihren Sonnenterassen oder bestücken Events die die Bourgeoisie gestattet.

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