Was verstehen wir unter Bildung?

BildungEs gibt in unserer heutigen kapitalistischen Gesellschaft sehr viele Unklarheiten darüber, was eigentlich „Bildung“ ist. Da wird gemutmaßt, ein gebildeter Mensch müsse sich gut artikulieren können, um möglichst überall mitreden zu können. Man hält auch denjenigen für „gebildet“, der über einen Doktortitel verfügt oder der schwierige, oft sogar unverständliche oder englische Begriffe gebraucht, um sein „Insiderwissen“ möglichst oft präsentieren zu können. Das ist natürlich völliger Unsinn! Ist also wirklich derjenige ein gebildeter Mensch, der sich gut ausdrücken und „verkaufen“ kann? Wir wollen hier klären, wie es zum Begriff der „Bildung“ kam, und was einen gebildeten Menschen auszeichnet.

In der Pädagogischen Enzyklopädie von 1963 findet sich folgende marxistische Erklärung, die ihre Gültigkeit wohl kaum verloren haben dürfte:

Was ist Bildung?

Der Begriff „Bildung“ gehört erst seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zum pädagogischen Wortschatz. Ursprünglich bezeichnet „Bildung“ die äußere Gestalt (das Bild) eines Dinges oder eines Lebewesens einschließlich des Menschen, auch den Prozeß dieser Gestaltung des Äußeren von Stoffen oder Lebewesen durch einen Künstler oder die Natur [1]. Dichter und Denker der deutschen bürgerlichen Klassik und zeitgenössische Pädagogen verwenden „Bildung“ auch für die geistig-sittliche Gestalt, also in gewissem Sinne die „innere“ Gestaltung des Menschen, und für den Prozeß dieser geistig-sittlichen Gestaltung. Damit tritt „Bildung“ neben den älteren Begriff „Erziehung“, ja vielfach an dessen Stelle. [2]

Das Bildungsideal des aufstrebenden Bürgertums

Diese Übertragung des Wortes Bildung in den Bereich des Pädagogischen drückt Bestrebungen des fortschrittlichen Bürgertums aus. Das aufstrebende Bürgertum bekämpft die alten feudalistischen Verhältnisse in ihrer Gesamtheit, damit auch die Erziehung und die Erziehungseinrichtungen im Feudalismus.

Überwindung der feudalistischen Erziehung

Die Erziehung im Feudalismus wird als bloße Abrichtung des Menschen erkannt. Der Mensch wird abgerichtet zu einer bestimmten Konfession, zu einer auf Treu und Glauben hinzunehmenden religiösen Doktrin, und er wird abgerichtet zu einer bestimmten Profession, für einen bestimmten Stand oder Beruf. In beiden Fällen sieht man auf einen äußeren Zweck, nicht auf die Entfaltung der menschlichen Anlagen und Kräfte. Außerdem ist Erziehung im Feudalismus auch insofern ein bloßes Abrichten, als man den Menschen entweder mit einem halbverstandenen Wissensballast vollstopft oder ihn zu äußeren Umgangsformen mechanisch anlernt. So ist der überkommene Begriff „Erziehung“ mit entscheidenden Mängeln behaftet.

Die Entstehung des „Bildungsbürgertums“

Die Ideologen des aufstrebenden Bürgertums bemühen sich deshalb, ihre neuen, besseren Erziehungsbestrebungen auch mit einem neuen Begriff – dem der „Bildung“ – zu kennzeichnen. Im Vordergrund dieser neuen pädagogischen Bemühungen steht der Gedanke, der Mensch habe das Recht, primär als Mensch schlechthin gebildet zu werden. Es ist die Forderung nach allgemeiner Menschenbildung, die Denker und Pädagogen des aufstrebenden Bürgertums immer wieder erheben.

Die neue humanistische Bildung

Allgemein soll die Bildung in einem doppelten Sinne sein: Einmal sollen alle Anlagen und Kräfte des Menschen entwickelt werden, und zwar möglichst gleichmäßig, damit eine harmonische Persönlichkeit entsteht (humanistisches Bildungsideal). Zum anderen sollen alle Menschen eine solche al1gemeinmenschliche Bildung erhalten, wenn auch meist entsprechend der unterschiedlichen sozialen Stellung des einzelnen in verschiedenem Ausmaf und mit unterschiedlichen Akzenten (bürgerlich-demokratisches Bildungsideal).

Bildung als ein aktiver Prozeß

Dabei wird hervorgehoben, daß es nicht genügt, dem Menschen viele Wissensinhalte zu vermitteln. Auch allgemeine Fähigkeiten und Gewohnheiten sind zu entwickeln, etwa das Denkvermögen oder der Drang, sich um Bildung selbst zu bemühen (Kräftebildung). Und es wird auch erkannt, daß der Bildungsvorgang ein aktiver Prozeß ist, daß sich der Mensch nur durch Auseinandersetzung mit der Umwelt und dem Bildungsgut entfaltet. So kommt man zur Forderung nach Selbsttätigkeit des Schülers oder Zöglings.

Das Bildungsideal und die kapitalistische Wirklichkeit

Diese neuen pädagogischen Bestrebungen dienen dem aufstrebenden Bürgertum in seinem Emanzipationskampf. Sie offenbaren zugleich, daß das junge Bürgertum teilweise die Interessen der anderen unterdrückten Klassen und Schichten mit vertritt. Aber der Klassencharakter der bürgerlichen Gesellschaft verhindert die Realisierung dieser progressiven Bildungsforderungen weitgehend. Das klassische bürgerliche Bildungsideal wird entsprechend der kapitalistischen Wirklichkeit deutlich gewandelt. Die allgemeine Herrschaft des Besitzes in der bürgerlichen Gesellschaft führt zur Verquickung von Besitz und Bildung.

Die Verschärfung der Klassengegensätze

Im Gegensatz zum bürgerlich-demokratischen Bildungsideal finden die Besitzlosen, besonders die Arbeiter, kaum Zugang zu den Bildungsgütern. Sie haben nicht die Möglichkeit, all ihre Anlagen und Kräfte zu entfalten. Im großen und ganzen erhalten sie lediglich eine solche Ausbildung, die sie befähigt, brauchbare Ausbeutungsobjekte abzugeben (Klassencharakter der Bildung).

„Wenn die Bourgeoisie ihnen (den Arbeitern, Kr.) vom Leben so viel läßt, als eben nötig ist, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie ihnen auch nur so viel Bildung gibt, als im Interesse der Bourgeoisie liegt. Und das ist so viel wahrlich nicht.“ (Engels.)

Die „Abrichtung“ der Besitzlosen

Die Ausbildung der Arbeiter trägt nach wie vor den Charakter der Abrichtung für einen äußeren Zweck, ist wesentlich „Heranbildung zur Maschine“ (Marx/Engels). Die Besitzlosen stellen also die „ungebildete“ Klasse dar, die Besitzenden bezeichnen sich als „gebildete“ Klasse. Das stimmt insofern, als sie sich Bildung kaufen können oder als Klasse weite Bereiche des Bildungsgutes – die sogenannte „höhere“ Bildung – monopolisieren (Bildungsmonopol der Besitzenden).

Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit

Andererseits ist auch die Bildung der herrschenden Klasse weit entfernt vom Bildungsideal der bürgerlichen Klassik. Entsprechend der sich im Kapitalismus vertiefenden Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit ist die Bildung der Besitzenden und Herrschenden ein­seitig eine intellektuell-ästhetische, besonders eine sprachlich-literarische Bildung (Verengung des humanistischen Bildungsideals).

Die Privilegien der besitzenden Klasse

Die Abhängigkeit der Bildung vom Besitz und das Vorrecht des Reichtums, von der Arbeit – besonders der körperlichen Arbeit – befreit zu sein, führen darüber hinaus zu einer Verflachung des Bildungsbegriffs. Äußere Merkmale und angelernte Fertigkeiten des reichen Müßiggängers werden – jedenfalls im al1gemeinen Sprachgebrauch – mehr und mehr als Zeichen von „Bildung“ gewertet:

Hände frei von Spuren einer Arbeit in der Sphäre der materiellen Produktion, richtige Kleidung in bezug auf die jeweilige Gelegenheit auch mit einem angemessenen Einschlag der Mode, äußere Umgangsformen einschließlich konventioneller Höflichkeitsfloskeln, ein Halbwissen von allen Dingen, von denen in „Gesellschaft“ die Rede ist.

Bürgerliche Pädagogen als  Einpeitscher der bürgerlichen Ideologie

Auch die pädagogische Theorie folgt diesem Wandlungsprozeß. Ihre Vertreter werden zu Apologeten der Bildungsverhältnisse im Kapitalismus. An die Stelle der Überzeugung, daf auch im Ärmsten alle Anlagen und Kräfte entwickelt werden können, tritt der Versuch, den Armen die Fähigkeit zum Erwerb einer umfassenden Bildung abzusprechen (spätbürgerliche Begabungstheorie). Die Kritik bloßer Abrichtung wird abgelöst durch das Bemühen, Folgeerscheinungen fehlender Bildungsmöglichkeiten als „Natur“ der Volksmassen auszugeben, an der die dem Volk zu vermittelnde Bildung zu messen sei (Theorie der „volkstümlichen“ Bildung).

Bürgerlicher Bildungsformalismus

Die Forderung nach Kräftebildung wird verzerrt zur These, man könne mit einem „Minimum von Wissensstoff ein Maximum von Fähigkeiten“ entwickeln (Verabsolutierung der sogenannten „formalen“ Bildung). So erweist sich das zur Herrschaft gelangte Bürgertum als unfähig, seine eigenen Bildungsforderungen zu realisieren. Mehr noch: Im Interesse seiner Herrschaft ist es sogar außerstande, sie weiterhin zu vertreten.


Welche Aufgabe hat das aufstrebende Proletariat?

Es ist die Arbeiterklasse, die als progressivste Kraft der Gesellschaft das pädagogische Erbe des aufstrebenden Bürgertums übernimmt und es gemäß ihren weiterreichenden Zielen und auf Grund ihrer wissenschaftlichen Theorie von der Entwicklung der Gesellschaft und der Persönlichkeit vervollkommnet. Das humanistische Bildungsideal wird vom Proletariat wieder in seiner ursprünglichen Allseitigkeit gefaßt, aber entsprechend der fortgeschrittenen gesellschaftlichen und technischen Entwicklung und des neuen sozialistischen Menschenbildes.


Was ist sozialistische Pädagogik?

So versteht die sozialistische Pädagogik unter humanistischer Bildung neben dem Wissen und Können auf den Gebieten der Sprache, der Literatur und der Kunst vor allem auch eine umfangreiche naturwissenschaftlich-technische und ökonomische Bildung. Wenn alle Fähigkeiten des Menschen entwickelt werden sollen, dann muf dabei die den Menschen charakterisierende Fähigkeit zu arbeiten, die Natur seinen Zwecken dienstbar zu machen und damit die Voraussetzung für alle Kultur zu schaffen, an erster Stelle berücksichtigt werden. Daraus ergibt sich die besondere Bedeutung der polytechnischen Bildung und auch der körperlichen Ausbildung.

Vergleiche den Ausspruch von Karl Marx: „Unter Bildung verstehen wir drei Dinge: Erstens: Geistige Bildung. Zweitens: Körperliche Ausbildung, solche, wie sie in den gymnastischen Schulen und durch militärische Übungen gegeben wird. Drittens: Polytechnische Erziehung, welche die allgemeinen wissenschaftlichen Grundsätze aller Produktionsprozesse mitteilt, und die gleichzeitig das Kind und die junge Person einweiht in den praktischen Gebrauch und in die Handhabung der elementaren Instrumente aller Geschäfte“ (s. Marx und Engels über Erziehung und Bi1dung).

Das sozialistische Bildungsideal

Daraus folgt auch, daß zur humanistischen Bildung sowohl eine umfassende Allgemeinbildung als auch eine solide berufliche Bildung gehören. Dabei ist es ein Hauptanliegen der Arbeiterklasse. daß jeder Mensch einer solch hohen Allgemein- und Berufsbildung teilhaftig werden kann. Das Proletariat beseitigt die Widersprüche und Grenzen, die dem bürgerlich-demokratischen Bildungsideal anhaften.

Jeder Mensch soll das gleiche Recht auf Bildung im Sinne der Entwicklung all seiner Anlagen und Kräfte haben. Bildung soll uneingeschränkt zum Gemeingut aller werden.

Der Bildungsbegriff der Arbeiterklasse

Ein wesentliches Kennzeichen des Bildungsbegriffs der Arbeiterklasse ist das Hervorheben der Nützlichkeit und Brauchbarkeit der Bildung für das praktische Leben. Das ist nicht im Sinne eines platten Utilitarismus [3] zu verstehen und bedeutet nicht Unterschätzung des theoretischen Wissens. Es richtet sich gegen die bloße Buchgelehrsamkeit, gegen „die tiefe Kluft zwischen Buch und praktischem Leben“ (Lenin).

Was muß das Ziel der Bildung sein?

Bildung muß zum besseren Erkennen und Bewältigen der gesellschaftlichen Aufgaben, zur aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in allen seinen Sphären befähigen. [5] Daraus ergeben sich Folgerungen für die Art und Weise des Bildungserwerbs, die ein tieferes Erfassen des Bildungsvorgangs als eines aktiven Prozesses bedeuten (Einheit von Theorie und Praxis bei der Ausbildung der Jugend, Verbindung von Schule und Leben, von Unterricht und produktiver Arbeit). [4] Die Arbeiterklasse übernimmt nicht nur die progressiven Bildungsforderungen des aufstrebenden Bürgertums und vervollkommnet sie zu einer Bildung neuer Qualität, sie ist vor allem auch die einzige Kraft, diese zu realisieren.

Gleiches Recht auf Bildung für alle!

Mit der Errichtung der sozialistischen Gesellschaft, in der Ausbeutung und Unterdrückung beseitigt sind, ist gesellschaftlich die Möglichkeit und die Notwendigkeit einer allseitigen Bildung gegeben. Der wachsende Lebensstandard aller Menschen erlaubt in zunehmendem Malje ihre allseitige Entfaltung, die Entwicklung der Produktivkräfte macht sie in zunehmendem Maße erforderlich. Indem wir den Aufbau des Sozialismus vollenden, können wir uns, „gestützt auf den steigenden Wohlstand der Bevölkerung und ein immer besser und mannigfaltiger ausgebautes Bildungswesen, die hohe Aufgabe stellen, unser ganzes Volk zur gebildeten Nation zu entwickeln.“ (Ulbricht).


Die Einheit von Bildung und Erziehung

Der von der bürgerlichen Klassik geschaffene pädagogische Begriff „Bildung“ vermochte nicht, den älteren Begriff „Erziehung“ zu verdrängen. Im heutigen Sprachgebrauch stehen beide Begriffe nebeneinander und werden in der Umgangssprache nicht streng unterschieden.

Die sozialistische Pädagogik ist um eine exakte Terminologie bemüht. Zu diesem Zweck versucht sie auch, den beiden Grundbegriffen im Bereich des Pädagogischen eine spezifische Bedeutung zu geben. Die Gesichtspunkte der Unterscheidung ergeben sich aus der Analyse des pädagogischen Tuns.

Das pädagogische Tun umfaßt folgendes: Zunächst werden einzelne Fakten und Tatsachen vermittelt. So lehrt man Namen und Lage der größeren Orte eines Landes, die Oberflächen formen einer Landschaft. Man vermittelt historische Daten, erzählt von historischen Persönlichkeiten. Es werden Naturerscheinungen beobachtet und besprochen, etwa ·die Lichtbrechung und die Aggregatzustände der Stoffe. Das Vermitteln und Erarbeiten solcher Tatsachen führt zu Kenntnissen der Schüler. Außerdem werden sie befähigt, gesetzmäßige Zusammenhänge zwischen zwei oder mehreren Tatsachen zu erkennen.
So lehrt man nicht nur, daß es einen größeren Ort dieses oder jenes Namens gibt und wo er liegt, sondern auch, warum er sich gerade an dieser Stelle des Flußlaufes entwickelte. Man lehrt, warum eine Landschaft gerade diese Oberflächenform hat und eine andere jene. Nicht nur einzelne Ereignisse der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution werden behandelt, sondern es wird auch über den sozialen Anlaß der Revolution gesprochen. Lehrer und Schüler werden erarbeiten, warum die Revolution zum Siege des Proletariats führen konnte. Über eine historische Persönlichkeit wird nicht nur berichtet, sondern es werden auch die gesellschaftlichen Wurzeln ihrer Handlungen und Leistungen dargelegt. Die einzelnen Naturerscheinungen werden nicht nur beobachtet, sondern man dringt auch zu den ihnen zugrunde liegenden Naturgesetzen vor.

Eine wissenschaftliche Bildung

Durch dieses Vordringen zu Zusammenhängen und Gesetzmäßigkeiten, zum Wesen eines Dinges, eines Vorgangs oder einer Erscheinung werden die Kenntnisse zu Erkenntnissen. Sie sind die Bausteine der wissenschaftlichen Weltanschauung. – Kenntnisse und Erkenntnisse faßt man unter dem Begriff des Wissens zusammen.

Wer erkannt hat, kann auch richtig handeln!

Mit der Vermittlung von Wissen sind bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten zu üben, ist das Können zu entwickeln. So sind Dispositionen zu allgemeinen intellektuellen und körperlichen Leistungen und viele spezielle Fähigkeiten auszubilden: sauberes und deutliches Schreiben, richtiger und zutreffender Ausdruck (mündlich und schriftlich), Erkennen eines mathematischen Lösungsweges, Singen einfacher Melodien vom Blatt, elementare Fähigkeiten im künstlerischen Gestalten usw.

Vom kleinen Einmaleins…

Es ist auch notwendig, einige spezielle Fähigkeiten so zu vervollkommnen, daß sie automatisiert ablaufen können, So ist zu erreichen, daß die Schüler schnell schreiben können oder das kleine Einmaleins und die Grundrechenarten sicher beherrschen. Solche automatischen Komponenten von Fähigkeiten heißen Fertigkeiten. – Fähigkeiten und Fertigkeiten faßt man unter dem Begriff des Könnens zusammen.

Wie entsteht die sozialistische Persönlichkeit?

Die Hauptaufgaben des pädagogischen Tuns, die stets in einem einheitlichen Prozeß verwirklicht werden – Wissen und Können zu vermitteln und wertvolle sittliche Verhaltensweisen zu entwickeln –, ließen es als zweckmäßig erscheinen, bestimmte Bereiche dieses Prozesses mit den pädagogischen Grundbegriffen Bildung oder Erziehung zu bezeichnen, um in der theoretischen Durchdringung das Wesen des Prozesses besser zu erfassen.

Bildung: Die Vermittlung oder den Erwerb von Wissen und Können bezeichnet man als Bildung, und zwar im Sinne des Bildungsvorgangs und des Bildungsergebnisses.

Erziehung: Zielgerichtetes und bewußtes Einwirken auf das sittliche Verhalten bezeichnet man als Erziehung, und zwar ebenfalls im Sinne des Erziehungsvorgangs und des Erziehungsergebnisses.

Befähigung der jungen Generation

Man kann den Unterschied zwischen den Fachtermini Bildung und Erziehung grob auch so fassen: Bei der Heranbildung der jungen Generation handelt es sich stets um zweierlei, um das Fähigmachen und um das Bereitmachen. Man muß die heranwachsende Generation befähigen, das Werk der Erwachsenen fortzusetzen. Man muß aber auch ihre Bereitschaft wecken, sich das gesellschaftlich notwendige Wissen und Können anzueignen, die erforderlichen Eigenschaften zu erwerben und im Verhalten zum Ausdruck zu bringen.

Was ist die Aufgabe der sozialistischen Pädagogik?

In der sozialistischen Gesellschaft hat jeder Pädagoge und pädagogisch Tätige die Aufgabe, die jungen Menschen zu befähigen, beim Aufbau des Sozialismus tatkräftig mitzuarbeiten. Dazu müssen sie hohes Wissen und Können erlangen. Zum anderen müssen Lehrer und Erzieher die Bereitschaft der Schüler wecken, ihre ganze Kraft für den Sieg des Sozialismus einzusetzen, unsere Errungenschaften zu mehren und gegen feindliche Anschläge zu schützen. Dazu sind die jungen Menschen zu sozialistischen Verhaltensweisen zu führen. Das Fähigmachen bezeichnet also den Bereich der Bildung, das Bereitmachen der Erziehung. Bilden und Erziehen ist ein einheitlicher Prozeß. Die terminologische Unterscheidung beruht auf gedanklicher Analyse, um die komplexe pädagogische Praxis besser zu fassen und zu überschauen.

GOTIHOLD KRAPP

Quelle: Pädagogische Enzyklopädie (2 Bde.), VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, 1963, Bd.I, S.122-126 (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)


Anmerkungen:
[1] vgl. zum Beispiel: „Die Himmelskörper sind runde Massen, also von der einfachsten Bildung, die ein Körper haben kann.“ (Kant)
[2] vgl. zum Beispiel: „Er (Wilhelm, G.Kr.) überzeugte sich, daß er nur auf dem Theater die Bildung, die er sich zu geben wünschte, vollenden könne,“ (Goethe). „Von dem, was wir als Menschen wissen und als Jünglinge gelernt haben, kommt unsere schönste Bildung und Brauchbarkeit“ (Herder). „Allgemeine Emporbildung der inneren Kräfte der Menschennatur zu reiner Menschenweisheit ist oberster Zweck der Bildung, auch der niedersten Menschen. Übung, Anwendung und Gebrauch seiner Kraft und seiner Weisheit in den besonderen Lagen und Umständen der Menschheit ist Berufs- oder Standesbildung. Diese muß immer dem allgemeinen Zweck der Menschenbildung untergeordnet sein.“ (Pestalozzi)
[3] Utilitarismus: individualistische Nützlichkeitslehre
[4] vgl. dazu: „Ein Blick ins Buch und zwei ins Leben, das wird die rechte Mischung geben“ (Goethe) (s. Einheit von Theorie und Praxis; Verbindung des Unterrichts mit produktiver Arbeit).
[5] vgl. auch: „Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebenen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen.“ (Lenin,Werke, Bd.38, S.153)

Siehe auch:
Das einheitliche sozialistische Bildugnssystem in der DDR

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10 Antworten zu Was verstehen wir unter Bildung?

  1. giskoe schreibt:

    Was unter Margot Honecker erreicht wurde, wurde von Finnland studiert und übernommen: einheitliche Lehrpläne. War also gar nicht so verkehrt.
    Und heute?
    https://giskoesgedanken.wordpress.com/2014/11/01/dumm-geboren-nichts-dazu-gelernt-und-die-halfte-wieder-vergessen/

    • sascha313 schreibt:

      Nur mit dem kleinen Haken, daß das unter kap. Bedingungen eben zu nichts führt, denn auch der finnische Kapitalismus kann kein Interesse an gebildeten Menschen haben, sondern nur an „abgerichteten“ Arbeitssklaven (mit mehr oder weniger Eigennutz)…

  2. Pingback: Im Einkauf liegt der Gewinn | giskoes gedanken

  3. Politnick schreibt:

    Passend zum Thema Bildung: Heute ist Siebenschläfer, der auf das Datum 27.6.446 zurückgeführt wird. Den ganzen vormittag lang und im ganzen Internet erklärt man uns, dass der Siebenschläfertag aufgrund der gregorianischen Kalenderreform 10 Tage später sein soll.

    Nun, diese Aussage ist falsch. Im Jahr 446 nämlich betrug die Differenz zum Gregorianischen Kalender der 1582 eingeführt wurde, nicht 10 Tage sondern nur einen Tag:

    http://rolfrost.de/juli.ch?julidate=27.5.446&juli2greg=Juli.+zu+Greg.+%3E&gregdate=27.6.2017

    Dummheit ist heilbar — durch Nachdenken. Freundschaft 😉

    • Politnick schreibt:

      In der Begründung zur Gregorianischen Kalenderreform hieß es u.a., dass der Beginn des Kirchenjahres (Osterdatum) wegläuft und somit einer Korrektur bedarf. Bis heute jedoch wird das Osterdatum nach einer Formel von Gauss berechnet, die somit das Osterdatum — wie bisher — nach dem Julianischen Kalender bestimmt.

      Dass sowohl die Begründung als auch die Berechnung seit Jahrhunderten falsch ist, äußert sich darin, dass für manche Jahre das nach Gauss bestimmte Osterdatum auch nach der gregorianischen Reform korrigiert werden muss.

      Generell sind Datierungen nach dem Christlichen Kalender (Julianisch, Gregorianisch) allesamt mit Vorsicht zu genießen, insbesondere Datierungen die in die Zeit vor 1582 hineingehen. Gerade mit der Entdeckung Amerikas und des Kalender der Maya zeigen sich Differenzen zum Christlichen Kalender die bis über 1000 Jahre betragen können!

      In Fakt wurde schon immer versucht, Geschichte zu fälschen, die brutale Vernichtung der Maya- und anderer Kulturen bzw. Völker zielt ja darauf ab. Der Kalender der Maya zählt nur die Tage und ist in sich konsistent, weil der Beginn der Zählung an eindeutigen astronomischen Ereignissen, die z.b. im Madrider, Pariser und Dresdner Codex dokumentiert sind, ebenso eindeutig festgemacht werden können.

      Insofern hat auch die sogenannte Christianisierung der Neuen Welt überhaupt nichts mit Religion zu tun sondern dient ausschließlich feudal-kapitalen Interessen.

      Freundschaft 😉

      • Politnick schreibt:

        Insofern hat auch die sogenannte Christianisierung der Neuen Welt überhaupt nichts mit Religion zu tun sondern dient ausschließlich feudal-kapitalen Interessen.

        PS: Selbst Bishop Landa hat dies erkannt und versuchte sich an einer Wiedergutmachung nach seiner offiziellen Amtszeit in Yucatan. Ihm verdanken wir die überlieferten Codizies und Aufzeichnungen die für eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Mayageschichte unentbehrlich sind.

  4. stefan selbst schreibt:

    Und wo bleibt die Bildung am und im Menschen?

    Im empfehle dafür die Schulung mittels TaiJiQuan. Informiert Euch bei Interesse bei folgender Adresse:

    :https://www.youtube.com/channel/UCGO2qefOGE3bI7HSkXDNxWw

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