Die Schwierigkeiten des spanischen Freiheitskampfes (1936-1939)

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Die Kämpfer der spanischen Freiheitsbewegung und die internationalen Brigaden

Als Ilja Ehrenburg 1937 sein Buch „Was der Mensch braucht“ veröffentlichte, zeichnete sich bereits deutlich ab, welche Entwicklung der Kampf gegen das faschistische Franco-Regime nehmen würde. Erst als dann die sozialistische Sowjetunion unter großen Opfern den Faschismus in Deutschland vernichtend geschlagen hatte, wurde klar, daß dies nur gelingen konnte, weil die kommunistische Partei unter der Führung Stalins alle Völker der Sowjetunion, das ganze Land, zum Kampf gegen die braune Pest mobilisiert hatte. In lakonischen Sätzen beschreibt Ilja Ehrenburg die Situation in Spanien…

Ehrenburg Mensch Seite12

Interessant ist hier zunächst auch das Vorwort:

Vorwort

Als dieses Buch 1937 zum ersten Mal erschien, war das erbitterte Ringen auf den spanischen Kriegsschauplätzen in vollem Gange. Was scheinbar nur als Bürgerkrieg begonnen hatte, als Kampf zwischen den Verteidigern der Republik und den faschistischen Verschwörern, wurde durch das Eingreifen der internationalen Reaktion, mit Deutschland und Italien an der Spitze, gleichzeitig ein Kampf für die Unabhängigkeit Spaniens, ein national-revolutionärer Krieg.

…die wirtschaftliche Macht nie angetastet

So vielschichtig wie die am 16. Januar 1936 gebildete Volksfront – ein Pakt zwischen Kommunisten, Sozialisten, bürgerlichen Republikanern und dem von der Sozialistischen Partei beherrschten Allgemeinen Arbeiterverband – waren auch die Kräfte, die der faschistischen Revolte vom 18. Juli entgegentraten. Seit 1931 hatte das Volk selbst die beschränkten demokratischen Rechte, die mit dem Sturz der Monarchie errungen worden waren, immer wieder verteidigen und neu erkämpfen müssen. Die wirtschaftliche Macht der Reaktion war nie ernsthaft angetastet worden, und bereits 1932 war es in Madrid und Barcelona zu einem konterrevolutionären Putschversuch gekommen, der allerdings an der entschlossenen Haltung der Arbeiter gescheitert war.

Unterstützung durch die Faschisten in Rom und Berlin

Schon lange vor Francos Meuterei verhandelten die Repräsentanten der Reaktion, an ihrer Spitze der Faschistenführer Primo de Rivcra, in Berlin und Rom über die Zerschlagung der spanischen Republik. Als diese Kräfte am 16. Februar 1936 durch den Wahlsieg des Linksblocks, der das Proletariat, die Bauernschaft und die städtischen Mittelschichten umfaßte, jede Hoffnung auf eine „legale“ Machtergreifung vernichtet sahen, griffen sie zur offenen Gewalt.

Die Sorglosigkeit der Volksfrontregierung

Erleichtert wurde ihr Vorgehen durch die politische Sorglosigkeit der Volksfrontregierung, eines Kabinetts bürgerlicher und kleinbürgerlicher Parteien. Trotz fortschrittlicher Maßnahmen – Wiederherstellung der 1934 beseitigten demokratischen Freiheiten, Freilassung der politischen Häftlinge und so weiter – blieben die Hauptprobleme des Landes, die Agrarfrage und die Forderungen der nationalen Minderheiten, ungelöst.

Die Kommuisten hatten die Partei gesäubert…

Dennoch sahen die Massen, wo der Hauptfeind stand. Sie hatten aus den bitteren Lehren des wechselvollen Kampfes zwischen Demokratie und Reaktion seit 1931 gelernt und folgten der Kommunistischen Partei, die 1932 ihre Reihen von feindlichen und unmarxistischen Elementen gesäubert und in kürzester Zeit eine breite Massenbasis gewonnen hatte.

Ein ungleicher Kampf

Während die republikanische Regierung leichtfertig die Tragweite des von Spanisch-Marokko und den Kanarischen Inseln ausgegangenen Putsches unterschätzte – „Auf der Halbinsel ist niemand, absolut niemand, der bei einem so absurden Streich die Hand im Spiele hätte“, sagte Ministerpräsident Quiroga, als bereits alle Garnisonen des Landes von der Meuterei erfaßt waren –, mobilisierte die Partei die Massen.

Gegen den Block der konterrevolutionären Militärs, der Gutsbesitzer, der Finanzoligarchie und der Kirche setzte sich das Volk 32 Monate lang in ungleichem Ringen zur Wehr: auf der einen Seite die bis an die Zähne bewaffneten und von der internationalen Reaktion in jeder Weise unterstützten Faschisten, auf der andern die Verteidiger der Republik, schlecht bewaffnet, ohne funktionierende Rüstungsindustrie, anfangs ohne einheitliche Kampforgane, verraten von den westlichen „Demokratien“ und einzig von der Sowjetunion und der internationalen Solidarität der Werktätigen unterstützt.

Wohin führte die Pluralität?

Das war die Situation, von der Ehrenburg ausgeht: An Stelle einer disziplinierten Armee mit einheitlichem Oberkommando, wie sie die Kommunistische Partei gleich zu Beginn des Kampfes forderte, stellten die verschiedenen Parteien und Gruppierungen, ja selbst einzelne Gewerkschaftsorganisationen, ihre eigenen Einheiten auf. Monatelang widersetzte sich der sozialistische Führer der im September 1936 neugebildeten Volksfrontregierung. Largo Caballero, einer Änderung dieses Zustandes mit der Begründung, daß Spanien ein Land von Partisanen sei, das zu seinem Schutz keine Armee brauche.

Anarchistisches Abenteurertum

Der anfänglichen militärischen Zersplitterung der republikanischen Kräfte entsprach eine politische; beide Erscheinungen waren teils auf die sich überstürzenden Ereignisse, teils auf den Einfluß des Anarchismus zurückzuführen. Caballero und andere „Linkssozialisten“ unterstützten das gefährliche Abenteurertum der Anarchisten, die lokale, sogenannte Gewerkschaftsregierungen unter ihrer Führung zu bilden versuchten und damit eine ähnlich verhängnisvolle Rolle spielten wie schon 1873, als das spanische Volk die Ausrufung der Republik erzwang. Damals lenkten sie die Massenaktionen in die Gleise zersplitterter, lokaler Aufstände zur Bildung unabhängiger Kantone nach Schweizer Vorbild, wodurch sie die Niederwerfung der Volksbewegung und ein Jahr später die Restauration der Monarchie erleichterten.

Der große Einfluß der Anarchisten auf die Arbeiterschaft erklärt sich hauptsächlich aus der damaligen Zusammensetzung des Proletariats, das vorwiegend aus der Bauernschaft und dem Kleinbürgertum stammte und in der Mehrheit aus Arbeitern kleinerer Betriebe und aus kleinen Handwerkern bestand.

In den ersten Monaten des Krieges bildeten die Anarchisten, teilweise im Verein mit trotzkistischen Kräften, Klein- und Kleinststaaten mit eigener Verwaltung, eigenem Militär und eigener Währung. In Aragon zum Beispiel errichteten sie eine Art „Plünderungsregime“ mit einem Rat an der Spitze.

Die reaktionären Aktionen der Anarchisten

Wie Dolores Ibarruri, die hervorragende Führerin der spanischen Arbeiterklasse, schreibt, mußten die Bauern „den anarchistischen Komitees Vieh, landwirtschaftliche Produkte, landwirtschaftliche Geräte und Wertgegenstände abliefern. Sie wurden gezwungen, Grund und Boden zur allgemeinen Nutzung abzutreten, Die Anarchisten änderten die Währung, und die Bevölkerung mußte den Vertretern des Rates das alte Geld übergeben. Für die republikanischen Banknoten gab der anarchistische Staat Papiergeld aus, das keinen Wert hatte. All das brachte die Bauern zur Verzweiflung, und sie liefen in Francos Lager über, um sich von der anarchistischen ,Freiheit‘ zu befreien.“

Zusammenfassung

Diese Phase des Krieges schildert Ehrenburg in seinem Buch. Er zeigt das Ringen um die Überwindung der Anarchie, die Schaffung einer straffen militärischen Disziplin und die Bildung organisierter Brigaden aus den zersplitterten Partisaneneinheiten. Er zeigt die Kämpfe, die der einzelne dabei auszutragen hat, und er zeigt die lebendige internationale Solidarität, die Freiwillige aus allen Teilen der Welt an die Seite des kämpfenden spanischen Volkes führt. Die Schwierigkeiten sind groß, beängstigend groß, und das Buch wird, 1937 veröffentlicht, Anklage und Appell zugleich.

Offen bleibt die Tragik der weiteren Entwicklung, die Begünstigung der Faschisten durch die verlogene „Nichteinmischungs“-Politik der Westmächte, die demoralisierende Wirkung des Münchner Abkommens, der Verrat der französischen Regierung, die die Grenze sperrt und die Angehörigen der Internationalen Brigaden interniert. Noch ist nichts bekannt über die Umtriebe der Fünften Kolonne, mit deren Hilfe die Republik schließlich zu Fall gebracht wird.

Auch der Klärungsprozeß innerhalb des republikanischen Lagers, die Schaffung einer echten Volksarmee unter Führung der Kommunisten und die tiefgreifenden, von der Kommunistischen Partei immer wieder geforderten Reformen der Volksfrontregierung unter Juan Negrin gehören späteren Stadien des Krieges an, der am 5. März 1939 mit der Machtergreifung einer verräterischen „Verteidigungs-Junta“ im unbesiegten Madrid sein Ende fand.

Aber eine unumstößliche, durch die weitere Entwicklung nur bestätigte Wahrheit vermittelt das Buch dem Leser heute ebenso wie zur Zeit seiner Entstehung; daß der Kampf gegen Faschismus und nationale Unterdrückung, wo immer er geführt wird, jeden angeht. Denn was der Mensch braucht, sein persönliches Glück, ist untrennbar verbunden mit dem Glück und Wohlergehen des ganzen Volkes.

Quelle:
Ilja Ehrenburg: Was der Mensch braucht. Verlag Volk und Welt Berlin, 1959. Ausschnitt, S.12, Vorwort S.5-9 (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

Siehe auch:
Spanien Himmel breitet seine Sterne
Spanien 1939: Eine wahre Begebenheit
Polizeistaat Spanien
Über das Wesen des Trotzkismus

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5 Antworten zu Die Schwierigkeiten des spanischen Freiheitskampfes (1936-1939)

  1. Rheinlaender schreibt:

    In Verbindung mit dem Namen des anarchistischen CNT-Justizministers Juan García Oliver ist neben Zwang auch von Arbeitslagern die Rede. Der Autor Michael Seidmans hat darüber geschrieben.
    In dem verlinkten Video https://www.youtube.com/watch?v=3ufTFRGPrCM von Finnish Bolshevik wird über die spanischen Anarchisten in Katalonien gut berichtet. Sein anderes Video über den Anarchismus im Allgemeinen ist hier https://www.youtube.com/watch?v=ZiSM8SkE4mo abrufbar.
    Auch ich habe in jungen Jahren gerne das Märchen über den zwanglosen, idividuellen Anarchismus geglaubt. Aber damals – wie heute – wurde auch der Trotzkismus als freiheitlich und human verkauft. Alles leere und unverbindliche Begriffe, die auch aus einer Werbung für Zigaretten stammen könnten. Und ? Noch scheinen sie zu wirken.

    • sascha313 schreibt:

      Hallo Rheinlaender,
      ja, leider wirken sehr viele dieser Märchen, je öfter sie wiederholt werden. Und da andere Verbrechen, wie die BGS-Morde an der Grenze zur DDR verschwiegen werden, glauben viele, es habe sie nie gegeben. Wer redet heute über die Nazi-Gründerväter der BRD???

      Leider ist „The Finnish Bolshevik“ in Englisch, und ich habe nicht die Zeit mir alles anzuhören; beurteilen kann man’s eigentlich nur, wenn man alles kennt. Ilja Ehrenburg beschreibt sehr genau und fast im Telegrammstil, welches Chaos in Spanien herrschte, wie Trotzkisten, Anarchisten und Gewerkschaftler so ein Durcheinander anrichten konnten. Wer sagt uns, daß das heute nicht genauso wäre – es ist genauso!

  2. Forrest Gümp schreibt:

    Warum zeigt das obige Bild Partisanen von 1945?

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