Die Gesetzmäßigkeit der proletarischen Revolution (Teil 1)

Marx_EngelsAus den Naturwissenschaften ist Ihnen bekannt, daß die Entwicklung der Natur bestimmten Naturgesetzen unterliegt. So ist Ihnen sicherlich bekannt, daß Wasser bei 100°C zu kochen beginnt und bei 0°C beginnt, sich in Eis zu verwandeln. Dieser Vorgang geschieht immer in gleicher Weise. Die Naturgesetze geben uns, wenn wir sie erkannt haben, die Möglichkeit, durch Ausnutzung der Gesetze die Naturkräfte zu beherrschen und damit die Natur zu verändern. Marx und Engels wollten die menschliche Gesellschaft verändern. Sie gingen davon aus, daß, wie in der Natur, auch in der Gesellschaft Gesetze geben muß, nach denen sich die Gesellschaft entwickelt. Diese Gesetze galt es zu entdecken. 

Marx und Engels durchforschten die Geschichte der menschlichen Gesellschaft. Sie wollten die Gesetze entdecken, nach denen sich die menschliche Gesellschaft entwickelt. Um diese gewaltige Aufgabe zu lösen, arbeiteten sie 1.500 Bände des Schrifttums aus drei Jahrhunderten durch.

I. Ein Entwicklungsgesetz der menschlichen Gesellschaft wurde entdeckt

Das Ergebnis dieser Forschungsarbeit waren folgende Entdeckungen:

1. Die menschliche Gesellschaft durchlief in ihrer Entwicklung verschiedene Gesellschaftsordnungen:

  • Urgemeinschaft
  • Sklavenhaltergesellschaft
  • Feudalgesellschaft
  • Kapitalistische Gesellschaft.

2. Der Charakter der jeweiligen Gesellschaftsordnung wird durch den Entwicklungsstand der Produktion materieller Güter, der Produktionsweise, bestimmt:

  • primitivste Stein-Knochenwerkzeuge, einfache Waffen erforderten gemeinsame Arbeit – ihr entsprach die Urgesellschaft;
  • verbesserte Werkzeuge und Waffen, verbreitete Anwendung von metallischen Arbeitsinstrumenten machten die gesellschaftliche Arbeitsteilung möglich und schufen die Voraussetzung für die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. – Diesem Entwicklungsstand entsprach die Sklavenhaltergesellschaft;
  • neu entwickelte Arbeitsinstrumente, wie einfache Maschinen (Handmühle u. a.) sowie Methoden der Steigerung der Ernteerträge‘ in der Landwirtschaft erforderten teilweise materielle Interessiertheit der Produzenten. Diesem Entwicklungsstand der Produktion entsprach die Feudalgesellschaft;
  • die Anwendung von maschinellen Hilfsmitteln in der Produktion (Dampfmaschine, mechanische Spinnmaschine, mechanischer Webstuhl u. a.) brachten den Übergang zur industriellen Großproduktion mit sich. Diese jedoch erforderte den doppelt freien Lohnarbeiter. – Diesem Entwicklungsstand der Produktionsweise entsprach die kapitalistische Gesellschaft.

Elemente der neuen Produktionsweise, Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse, entwickeln sich bereits im Schoße der alten Gesellschaftsordnung. Die Produktivkräfte entwickeln sich zuerst und ziehen eine Veränderung der Produktionsverhältnisse nach sich.


3. In den verschiedenen Gesellschaftsordnungen (außer in der Urgesellschaft) standen sich feindliche Klassen gegenüber:

  • in der Sklavenhaltergesellschaft Sklavenhalter und Sklaven,
  • in der Feudalgesellschaft Feudalherren und Bauern,
  • in der kapitalistischen Gesellschaft Kapitalisten und Proletariat.
Die Stellung der einzelnen Klassen zueinander ergab sich aus den Interessengegensätzen zwischen ihnen.

4. Diese Interessengegensätze zwischen den jeweilig sich feindlich gegenüberstehenden Klassen äußerten sich in Klassenkämpfen


5. Die Klassenkämpfe führten in jeder Gesellschaftsordnung zur Revolution, in der die alte Gesellschaftsordnung vernichtet und eine neue Gesellschaftsordnung errichtet wird.

Marx und Engels faßten diese Erkenntnisse in dem Satz zusammen:

„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft“ (außer der Urgesellschaft) „ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“

(Manifest der Kommunistischen Partei, in Marx/Engels, Ausgewählte Schriften in zwei Bd., Bd.I, Dietz Verlag, Berlin 1953, S.23.)
Nachdem Marx und Engels erkannt hatten, daß sich die Gesellschaft ständig weiterentwickelt hat, untersuchten sie die kapitalistische Gesellschaft. Dabei stellten sie fest:
1.  In der kapitalistischen Gesellschaftsordnung stehen sich die beiden Grundklassen, Bourgeoisie und Proletariat, feindlich gegenüber. Diese Feindschaft ergibt sich aus den verschiedenen Klasseninteressen. Die Bourgeoisie ist die herrschende Klasse. Sie ist im Besitz der entscheidenden Produktionsmittel. Dadurch ist sie die ökonomisch stärkste Klasse. Sie unterdrückt und beutet die Mehrheit des Volkes aus. Das Proletariat ist die unterdrückte und ausgebeutete Klasse, Das Proletariat besitzt nichts als seine Arbeitskraft, die sie den Kapitalisten verkaufen muß, um nicht zu verhungern. In dem Maße, wie der Reichtum der Kapitalisten wächst, nehmen Massenelend, Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne, Berufskrankheiten, Wohnungsnot und Massenarbeitslosigkeit zu.
2. Dieser unüberbrückbare Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat ist die Ursache des Klassenkampfes in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Dieser Widerspruch ist im Kapitalismus unlösbar. Je höher die Entwicklung des Kapitalismus, um so größer der Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Dadurch verschärft sich der Klassenkampf in der kapitalistischen Gesellschaft ständig.
Marx und Engels konnten auf Grund dieser Untersuchungsergebnisse den Sturz der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und die Errichtung einer neuen, der sozialistischen Gesellschaftsordnung voraussagen. Das Ziel Marx‘ und Engels‘ war jedoch nicht nur die Entdeckung der Gesetzmäßigkeiten, die die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft bestimmen. Sie wollten die Lage der Werktätigen verbessern, die bestehende Gesellschaft verändern. Es galt daher, das entdeckte Entwicklungsgesetz der menschlichen Gesellschaft anzuwenden. Zu diesem Zwecke schufen Marx und Engels die Lehre von der proletarischen Revolution. Diese Theorie wurde durch Lenin und Stalin bei der Vorbereitung und Durchführung der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution weiterentwickelt. […gestrichen, N.G.] [1]

II. Die Lehre von der proletarischen Revolution

Wir wollen nun die wichtigsten Schwerpunkte der marxistisch-leninistischen Lehre von der proletarischen Revolution kennenlernen. Warum kann die kapitalistische Gesellschaftsordnung nur durch die proletarische Revolution gestürzt werden?
Beim Übergang von der auf Sklaverei beruhenden Produktionsweise zur feudalen Produktionsweise wie auch beim Übergang von der feudalen zur kapitalistischen Produktionsweise entwickelten sich die neuen Wirtschaftsformen bereits im Schoße der alten Produktionsweise. Dies war möglich, weil diese drei Produktionsweisen von gleichem Typus waren:
ihre Grundlage war das Privateigentum an den Produktionsmitteln und waren nur verschiedene Formen der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.
Deshalb konnte die eine Produktionsweise aus der anderen herauswachsen. Beim Übergang von der feudalen zur kapitalistischen Gesellschaftsordnung bestand daher die Hauptaufgabe der bürgerlichen Revolution lediglich darin, die politische Macht in die Hände der Bourgeoisie zu bringen, Damit wurde die politische Herrschaftsform mit der schon be­stehenden kapitalistischen Wirtschaft in Übereinstimmung gebracht.
Grundlegend anders verhält es sich beim Übergang von der kapitalistischen zur sozialistischen Gesellschaftsordnung. Ein Hineinwachsen des Kapitalismus in den Sozialismus ist unmöglich, da es sich hier um Produktionsweisen von grundverschiedenem Typus handelt:

pw

Da die sozialistische Produktionsweise der kapitalistischen entgegengesetzt ist, können sich keine fertigen sozialistischen Wirtschaftsformen im Schoße der kapitalistischen Produktionsweise entwickeln. Obwohl sich im Kapitalismus keine fertigen sozialistischen Wirtschaftsformen entwickeln können, schafft der Kapitalismus, je mehr er sich entwickelt, um so mehr auch die materiellen Voraussetzungen für die sozialistische Produktionsweise:
hoher Entwicklungsstand der Produktivkräfte, fachliche und politische Entwicklung der Arbeiterklasse, festes Bündnis der Arbeiterklasse mit den werktätigen Bauern.

Verbunden mit dieser Entwicklung verschärft sich der Grundwiderspruch der kapitalistischen Produktionsweise,
der Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und dem privaten Charakter der Aneignung.
Dieser Widerspruch zwischen den wachsenden Produktivkräften und den kapitalistischen Produktionsverhältnissen spitzt sich im Imperialismus ungeheuer zu.
Dieser Widerspruch kann nur durch die Beseitigung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, d.h. durch die Beseitigung des kapitalistischen Eigentums an den Produktionsmitteln gelöst werden. Aus der Verschärfung dieses Grundwiderspruchs der kapitalistischen Produktionsweise ergibt sich die Verschärfung
  • des Widerspruchs zwischen Proletariat und Bourgeoisie. Eine kleine Gruppe von Kapitalisten unterdrückt und beutet immer breitere Schichten der Bevölkerung aus. Die Lage der werktätigen Massen wird unerträglich;
  • des Widerspruchs zwischen imperialistischen Mächten. Trotzdem sich die Bourgeoisie in Fragen der Ausbeutung und Unterdrückung einig ist, verschärft sich der Kampf auch innerhalb der herrschenden Klasse, nicht nur im eigenen Lande, sondern auch zwischen den kapitalistischen Ländern;
  • des Widerspruchs zwischen den unterdrückten Völkern der Kolonien und den sie unterdrückenden imperialistischen Mächten.
Durch das Wirken des ökonomischen Grundgesetzes des modernen Kapitalismus verschärfen sich die Widersprüche in einem solchen Maße, daß sie unmittelbar an die proletarische Revolution heranführen.

Wenn die proletarische Revolution eine gesetzmäßige Erscheinung und der Imperialismus jene Periode ist, in der die proletarische Revolution unmittelbar auf die Tagesordnung tritt, so ergibt sich für uns eine wichtige Frage:
  • Kann die proletarische Revolution zu jeder Zeit, unter jeder Bedingung durchgeführt werden?
Das ist nicht der Fall. Die proletarische Revolution kann nur dann den Sieg erringen, wenn bestimmte Bedingungen vorhanden sind.

Entscheidend für die erfolgreiche Durchführung der proletarischen Revolution ist das Bestehen einer gesamtnationalen Krise. Lenin hat in seinem Werk „Der linke Radikalismus“ die Kinderkrankheit des Kommunismus umfassend erläutert, was unter dieser gesamtnationalen Krise zu verstehen ist.
„Zur Revolution genügt es nicht, daß sich die ausgebeuteten und geknechteten Massen der Unmöglichkeit, in der alten Weise weiter zu leben, bewußt werden und eine Änderung fordern; zur Revolution ist es notwendig, daß die Ausbeuter nicht mehr in der alten Weise leben und regieren können. Erst dann, wenn die ‚unteren Schichten‘ die alte Ordnung nicht mehr wollen und die ‚Oberschichten‘ nicht mehr in der alten Weise leben können, erst dann kann die Revolution siegen. Diese Wahrheit läßt sich mit anderen Worten so ausdrücken:
Die Revolution ist unmöglich ohne eine gesamtnationale (Ausgebeutete wie Ausbeuter erfassende) Krise. Folglich ist zur Revolution notwendig:
erstens, daß die Mehrheit der Arbeiter … die Notwendigkeit der Umwälzung völlig begreift und bereit ist, ihretwegen in den Tod zu gehen;
zweitens, daß die herrschenden Klassen eine Regierungskrise durchmachen, die sogar die rückständigsten Massen in die Politik hineinzieht. …die Regierung entkräftet und es den Revolutionären ermöglicht, diese Regierung schnell zu stürzen.“
(Lenin, AW. Bd.II, Dietz Verlag, Berlin 1952, S.729/730)
Diese gesamtnationale Krise ist jedoch nicht nur Voraussetzung für den Sieg der proletarischen Revolution, sondern Voraussetzung für die Durchführung jeder Revolution. Lenin bezeichnet sie daher als das Grundgesetz jeder Revolution.

Die Bourgeoisie unterdrückt mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln den wachsenden Widerstand der werktätigen Massen gegen die ständig wachsende Ausbeutung und Verelendung. Dabei richtet sich die Unterdrückung der Bourgeoisie besonders gegen jegliche Versuche, die Grundlagen ihrer Macht, das privatkapitalistische Eigentum an den Produktionsmitteln, zu beseitigen. Um die Macht der Bourgeoisie zu beseitigen, ist es notwendig:
die Einheit der Arbeiterklasse herzustellen und ein festes Bündnis zwischen der Arbeiterklasse und den werktätigen Bauern sowie mit den übrigen Werktätigen zu schaffen.

Für den Sieg der proletarischen Revolution reicht jedoch das Bestehen einer gesamtnationalen Krise und das Bündnis der geeinten Arbeiterklasse mit den werktätigen Bauern nicht aus. Es ist falsch und schädlich, anzunehmen, daß die Bourgeoisie auf Grund der revolutionären Krise in eine ausweglose Lage geraten und von selbst stürzen würde. Der Sieg der proletarischen Revolution kommt nie von selbst, sondern muß vorbereitet und erkämpft werden. Dazu ist unbedingt eine starke revolutionäre Partei der Arbeiterklasse ·notwendig. Diese Partei muß die werktätigen Massen aufklären, organisieren und in den Kampf führen. Ist diese Partei nicht vorhanden, so ist der Sieg der proletarischen Revolution nicht gewährleistet.

Um die proletarische Revolution erfolgreich durchzuführen, müssen also diese drei Grundvoraussetzungen gegeben sein:
  • das Bestehen einer gesamtnationalen Krise,
  • ein festes Bündnis der Arbeiterklasse mit den werktätigen Bauern
  • unter der Führung einer marxistisch-leninistischen Arbeiterpartei.
Sind diese Voraussetzungen gegeben, kann die Arbeiterklasse die proletarische Revolution durch die Übernahme der politischen Macht beginnen. Die Übernahme der politischen Macht durch das Proletariat ist der erste Schritt in der Durchführung der proletarischen Revolution.
Hauptaufgabe und Ziel der proletarischen Revolution ist die Errichtung der sozialistischen Gesellschaftsordnung. Da die sozialistische Produktionsweise sich grundlegend von der kapitalistischen unterscheidet, ist es notwendig,
das privatkapitalistische Eigentum an Produktionsmitteln in das gesellschaftliche Eigentum an Produktionsmitteln umzuwandeln.

Die proletarische Revolution ist daher erst abgeschlossen, wenn die Grundlage der sozialistischen Gesellschaft, das gesellschaftliche Eigentum an Produktionsmitteln, geschaffen ist. Dieser Prozeß der Umwandlung der kapitalistischen Produktionweise in die sozialistische umfaßt eine ganze historische Epoche, die Übergangsperiode [2].
„Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.“
(Marx/Engels, Ausgewählte Schriften in 2 Bd., Bd. II, Dietz Verlag Berlin 1955)

Kontrollfrage:

Erläutern Sie die Grundvoraussetzungen für den Sieg der proletarischen Revolution!


Quelle:
Werner Schröter: Die Lehre von der proletarischen Revolution und der Diktatur des Proletariats. In: Fachschule für Finanzwirtschaft Gotha (1953-1958), Staatspolitische Schulung. Abgeschlossen am 10.Juli 1957. S.6-11.
[1] Diese nachträgliche revisionistische Einfügung wurde gestrichen (N.G.). Hier der gestrichene Text: „Die marxistisch-leninistische Lehre von der proletarischen Revolution wurde entsprechend den heute bestehenden Bedingungen auf dem XX. Parteitag der KPdSU vervollkommnet.“ Wir wissen heute, daß die verbrecherische Rede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der Beginn der Konterrevolution war.
[2] dazu später.

Acrobat Reader Schröter Gesetze der Revolution


Fortsetzung: Teil 2

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