Kurt Gossweiler. Wider die linke Resignation!

Tod Gossweiler

Dr.Kurt Gossweiler (1917-2017)

Daß sich ausgerechnet Christen aus der DDR mit aufrechten Kommunisten dieses Landes in enger Gemeinschaft zusammenfinden würden, hatte zuvor wohl kaum einer von denen so richtig glauben wollen. Zu tief war noch die Enttäuschung über die Verwandlung einiger ehemaliger Genossen aus der SED in von opportunistischer Blindheit geschlagene PDS-Anhänger, in Nachläufer einer Partei, die sich sehr bald als ein Helfershelfer und Instrument der westlichen Bourgeoisie herausstellen würde. Seiner Biografie nach hatte Prof. Hanfried Müller schon immer sehr deutlich auf Seiten des Sozialismus in der DDR gestanden und vertrat auch zu Stalin eine klare und von Respekt geprägte Haltung. Keinen Grund gab es damals für ihn und viele Gleichgesinnte, auch nur mit einer Faser seines Lebens an der Richtigkeit des von Lenin und Stalin eingeschlagenen Weges und an der historischen Überlegenheit und Zukunft des Sozialismus zu zweifeln. Kein Grund also zu einer Resignation der Linken! Zum Gedenken an den am 3.März 2009 verstorbenen Theologieprofessor Hanfried Müller schrieb Dr.Kurt Gossweiler in einem Beitrag folgendes:

Wider die linke Resignation

Kurt Gossweiler

Nach dem – zeitweiligen! – Sieg der Konterrevolution hat sich die Dialektik des Geschichtsganges auch darin bestätigt, daß selbst dieses böseste Ereignis noch Gutes hervorbrachte: es führte Menschen zusammen, die – ohne es zu wissen – schon lange zusammengehörten, und die ohne dieses böse Ereignis sich wohl nie begegnet wären: ich meine damit die Zusammenführung von Kommunisten wie „Kled“, also Karl Eduard von Schnitzler und Martha Raffael, Heinz und Ruth Kessler, Ulrich Huar, Hermann Leihkauf, mich und andere, – mit Theologen wie Hanfried Müller, Rosemarie Müller-Streisand, Renate Schönfeld und anderen.

Der schwere, aber richtige Weg Stalins

Ein Dauerthema war natürlich die Frage nach den Ursachen des Siegs der Konterrevolution, der XX. Parteitag der KPdSU, die Rolle Stalins und Chruschtschows. Hanfried Müller sagt in seinen Erinnerungen zu Stalin (S.117/18): „Stalin stand angesichts der Notwendigkeit des Aufbaus des Sozialismus in nur einem, (und zudem höchst rückständigen) Lande für die Entscheidung, auf der einen Seite unter riesigen Opfern eine Grundindustrie aus dem Boden zu stampfen und dabei den revolutionären Prozess gegen die Isolation einer Avantgarde von den sie tragenden Massen einerseits, andererseits vor dem Rückfall zu schützen, der durch eine schleichende Rekapitalisierung vom Lande her drohte. Die Entscheidung fiel gegen Trotzki und Bucharin. Sie enthielt zugleich die schmerzhafte Bewältigung der `konstantinischen Wende´ der Revolution von der Zerschlagung fremder zum Aufbau eigener Staatsmacht. Dafür und für die Wahrung des Klassenherrschaft gegen jeden Angriff von innen und außen wurde der Preis der Beeinträchtigung der Balance zwischen innerparteilicher Demokratie und demokratischem Zentralismus gezahlt und die damit verbundene Erschwernis künftiger Entwicklung der sozialistischen Demokratie in Kauf genommen. Gewiß, auch dafür steht der Name Stalin. Aber war das ein `Fehler´? Es gibt Situationen, man könnte von historischen Dilemmata sprechen, die dazu zwingen, Bitternisse in Kauf zu nehmen, um Schlimmeres zu vermeiden. So mußte um des Sieges über den Faschismus willen in Kauf genommen werden, daß man den Kampf gegen ihn nur als großen vaterländischen Krieg´ und nicht als sozialistischen Befreiungsschlag gewinnen konnte. Zweifellos bremste das die weitere Reifung des Sozialismus in der Sowjetunion ab. Aber er führte zum Sieg über den Faschismus, und dafür vor allem steht der Name Stalin!“

Antikommunisten benutzten den XX.Parteitag der KPdSU zum Verrat

Und zum XX. Parteitag und zu Chruschtschow ist in den Erinnerungen zu lesen: „Der XX. Parteitag blieb natürlich bei den Antikommunisten nicht ungenutzt. Ihr massendemagogisch wertvollster Gewinn daraus war es, daß sie ihren Antikommunismus nun als `Antistalinismus´ artikulieren konnten, so daß er auch unter kommunistischen Bündnispartnern und bis in die kommunistischen Parteien und sozialistischer Länder hinein ungestraft propagiert werden konnte. An die Stelle der Frage: `Für oder gegen Privateigentum an gesellschaftlichen Produktionsmitteln´ trat damit die Frage für oder gegen Stalin´. … Trotz aller Kritik am XX. Parteitag der KPdSU war mir damals nicht deutlich, daß schon damals in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre die Aufstiegsphase im Frühsozialismus in eine Abstiegsphase umschlug, so daß bereits hier von einer konterrevolutionären Wende zu sprechen gewesen wäre. Wir waren zwar vom ersten Tage an gegen den XX. Parteitag, aber wir haben seine Folgen verniedlicht, als wir Chruschtschow nur als `Hampelmann auf der Bühne der Weltpolitik´ und nicht als ernsthafte Gefahr für den Sozialismus sahen.“ (S.122) Diese Seite aus Hanfried Müllers Erinnerungen macht verständlich, weshalb er ohne jegliche Bedenken meine seinerzeit sowohl von PDS- wie von DKP-Seite heftig angefeindete Brüsseler Rede auf dem 1.-Mai-Seminar 1994 der Partei der Arbeit Belgiens „Der Anti-Stalinismus – das Haupthindernis für die Einheit aller antiimperialistischen Kräfte“ [1] in das Heft 4/94 der WBl aufnahm.

Weltanschauliche Gemeinsamkeiten von Christen und Marxisten

Die Teilnehmer der Linken Runde, die – neben den Gastgebern und Renate Schönfeld – mir diese Runde besonders gewinnreich machten, waren damals von den Theologen besonders Dieter Frielinghaus und Dieter Kraft, von der „weltlichen“ Seite natürlich Kled Schnitzler, sodann der leider sehr früh verstorbene Friedrich Jung, ein Mediziner, dem u.a. die Aufsicht über die in der DDR hergestellten Pharmaka oblag und dessen strenger Kontrolle es mit zu verdanken ist, dass die Medikamente in der DDR nur zur Gesundung der Patienten und nicht zur Gewinnung von Maximalprofiten der Pharmaindustrie, wie in der BRD selbstverständlich, in die Apotheken geliefert wurden, und Margit Schaumäker, erste Nachrichtensprecherin des DDR-Fernsehens, dessen Geschichte sie bis zu seinem Ende mitgestaltet hat. Mit dem Hause Müller-Streisand ist sie jahrzehntelang eng befreundet und sie war eine unentbehrliche Mitarbeiterin bei der Gestaltung der Weißenseer Blätter.

Eine erfreuliche Begegnung unter Gleichgesinnten

Hanfried Mueller

Der Theologe Prof. Hanfried Müller (1925-2009)

Im Laufe der Jahre veränderte sich die Zusammensetzung der Linken Runde, sei es durch Tod oder Ausscheiden aus anderen Gründen von Mitgliedern der ersten oder der zweiten Stunde, und es kamen neue hinzu. Von denen sind an erster Stelle zu nennen Heinz Kessler und seine Frau Ruth. Heinz Kesslers Teilnahme war ein unermeßlicher Gewinn für unsere Bemühungen, uns Klarheit über das Geschehen auf der Regierungsebene in den letzten Jahren der DDR zu verschaffen. Vieles von dem, was Heinz Kessler in seinem Buche „Zur Sache und zur Person“ [2] veröffentlicht hat, kam in unseren Tagungen zur Sprache. Zum anderen halfen uns Heinz und Ruth Kesslers Berichte über ihre mehrfachen Reisen in das sozialistische Land in der Karibik unser Wissen über dessen Schwierigkeiten und Fortschritte zu vertiefen und unsere inneren Bindungen an dieses Land noch inniger zu gestalten. Hocherfreulich war auch, daß die Linke Runde erweitert wurde durch den Hinzutritt von Hermann Leihkauf. Mit ihm, dem exzellenten Politökonomen und ehemaligen Mitarbeiter in der Staatlichen Plankomission der DDR, verloren die Diskussionen über ökonomische Sachverhalte und Entwicklungen in Vergangenheit und Gegenwart den nicht seltenen Charakter von Meinungen und Vermutungen auf Grund von ungenauen Kenntnissen, weil Hermann Leihkauf mit einem phänomenalen Zahlengedächtnis und exakten Kenntnissen die Dinge immer genau auf den Punkt brachte. …

Quelle:
Weißenseer Blätter

Bliebe nur noch, schrieb Genosse Kurt Gossweiler abschließend, dem Theologen Hanfried Müller (1925-2009) für all das zu danken, was er ihnen an Erkenntnissen, an Mut und Standhaftigkeit vermittelt hatte, um den Kampf um eine sozialistische Zukunft weiter zu führen.

Anmerkungen:
[1] http://www.kominform.at/article.php?story=20060222222507194
oder: trend (online-zeitung) 9/06: Kurt Gossweiler, Der Antistalinismus – das Haupthindernis für die Einheit aller antiimperialistischen Kräfte und der kommunistischen Bewegung oder: Kurt Gossweiler, Der Antistalinismus… (pdf-Datei)
[2] Heinz Keßler, Zur Sache und zur Person, edition-ost, 1997
oder: Kurt Gossweiler – ein unbestechlicher Chronist des Jahrhunderts

Siehe auch:
Weißenseer Blätter (reprint): Wider die Resignation der Linken, ISBN-926922-25-7
Ljubow Pribytkowa: …Und wieder mal über Stalin
XX.Parteitag: Eine verbrecherische Rede
Die Lüge von den Stalinschen Massenmorden
Marxfälscher und andere Revisionisten unserer Zeit
Die Konterrevolution in der DDR und ihre Handlanger

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3 Antworten zu Kurt Gossweiler. Wider die linke Resignation!

  1. Pingback: Christen in der DDR – gleichberechtigte Bürger | Sascha's Welt

  2. Thomas Weger schreibt:

    Noch heute stellt sich oftmals der falsch verstandene Vergleich zwischen Stalin und Trotzki. Bereits für Lenin war eine klassenübergreifende Allianz wichtig und im historischen Kontext entscheidend, um die sozialistische Revolution für alle voranzubringen. Sollte dann später in der Zeit des „Zweiten Weltkrieges“ der Volkskrieg von Stalin gegen den Faschismus proklamiert werden, so sprachen sich bereits Lenin und Stalin – im Gegensatz zu Trotzki – in der Zeit nach der Revolution für eine breite Allianz von Arbeitern, Bauern und anderen Berufszweigen aus. Es ging darum, alle ins „Boot“ zu holen, um den Sozialismus zu verwirklichen und später geschlossen gegen die Entente vorzugehen!

    Für Trotzki war die Bauernschicht zu konservativ und reaktionär. Seine Verachtung folgte eben auf dem schmalen Fuße – dieser Heuchler, Erbsenfresser und kleinbürgerliche Revoluzzer! Am Ende machte er sich, um die junge Sowjetunion zu bekämpfen, noch zum Büttel der Freimaurer und anderer kapitalistischer Halsabschneider. Es geht eben nicht nur darum, schnell mal eine Revolution zu entfachen, sondern das Errungene zu sichern. Eben dafür braucht man alle Schichten des Volkes – und nicht nur die paar schon überzeugten Kommunisten, Bolschewisten, echten Christen oder andere progressive Kräfte.

    Im DDR – Mehrteiler: Daniel Druskat wird das sehr schön wiedergegeben. Die ideologische Überzeugungsarbeit erfolgt später – erst müssen alle für die gemeinsame gerechte Sache gewonnen werden. Es geht nicht darum, dass einzelne Zeitgenossen kühn voranpreschen (na ja – die Avantgarde kann schon mal hilfreiche Arbeit leisten) – nein, es darf keiner zurückbleiben – auch der retrograde Kleingeist, der sich seiner ausgebeuteten Situation im Kapitalismus noch nicht bewusst ist. Vergleiche heutige verirrte und verwirrte AfD-Wähler!

    Fazit: Sozialismus ist für alle da und sollte von allen begriffen werden. Auch der „dumme“ Bauer ist Teil der Revolution! Trotzki wollte das in seiner Borniertheit nicht begreifen und griff Stalin an und damit eben auch die Sowjetunion. Ende vom Lied: Der Revoluzzer wird zum kapitalistischen Lampenputzer, der das Ideal im „Fabianischen Sozialismus“ oder der „sozialen“ Marktwirtschaft sucht, gesteuert von den vielen Morgans, Rockefellers, Rothschilds, Carnegies … und am Ende anderen Kryptofaschisten etc. oder heutigen Bilderbergern seit 1954!

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