Max Steenbeck: Nachdenken über unsere Zeit und die Zukunft

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Max Steenbeck (1904-1981)

Es ist schon ein paar Jahre her, seit sich Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen Gedanken machten über die Zukunft. 1971 erschien im Urania-Verlag das Buch „Wir werden es erleben“. Die Fragen damals waren: Wie wird das sein in ein paar Jahren? Wird die Menschheit sich ihre Träume erfüllen können? Werden wir endlich befreit sein von der Geißel des Krieges? Wird auch den ärmsten Nationen Glück und Wohlstand beim erfolgreichen Aufbau ihrer Gesellschaft beschieden sein? Daß Prognosen aber immer vom Wirklichen ausgehen sollen, nicht aber vom Möglichen bestimmt, schien damals nur wenige ernsthaft zu interessieren. Man spekulierte munter darauf los, hatte den Untergang des Kapitalismus schon fest im Blick, seine Gefährlichkeit war den meisten zwar bewußt, jedoch die Chruschtschow’sche Lügenpropaganda hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Selbstüberschätzung und mangelnde Wachsamkeit taten ihr übriges. In dieser Zeit schrieb der Professor für Plasmasphysik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena seine Gedanken nieder.

Professor Max Steenbeck schrieb:

In einem Aufsatz, der sich an kulturell anspruchsvolle Leser, nicht aber an geistige Snobs wendet, sollte es eigentlich überflüssig sein, sich noch mit Vorstellungen auseinanderzusetzen wie etwa dieser: Überall in der Wissenschaft drängt naturwissenschaftliches Denken nach vorn, aus dem die moderne Technik hervorwächst, Großproduktion von Gütern und Informationsmöglichkeiten für alle, die nur zur Vermassung und damit zum kulturellen Niedergang führt. Die wahren Höhen der Kultur- und Persönlichkeitswerte beginnen erst dort, wohin die Masse nicht gelangt. »Odi profanum vulgus et arceo« – Ich fürchte, diese Blasiertheit ist doch weiter verbreitet, als offen zugegeben wird.  [1]

Der technische Fortschritt und die Verflachung der Kultur

Sicher haben die industrielle Großproduktion und die hochentwickelte Informationstechnik samt Internet unser Leben gewaltig verändert. Sicher hat auch die Kultur heute einen Zustand erreicht, der an Verflachung und Beliebigkeit wohl kaum zu überbieten ist. Die Unterhaltungsindustrie, das Vergnügungs(un)wesen und die Vereinsmeierei haben fast unglaubliche Ausmaße erreicht, ohne jedoch auch inhaltlich mitgewachsen zu sein. Der entwickelte Kapitalismus strebt nach Umsatz, nach maximalem Profit, ihm ist der jeweilige Nutzen seiner Produkte relativ egal. Und so schreibt Steenbeck weiter:

Eine immer mehr zunehmende Abhängigkeit des einzelnen gibt es notwendig in jeder Gesellschaftsordnung. Der Arbeiter, der Handwerker, der Bauer, der Geschäftsmann, ja auch der Gelehrte kann in der durch die Technik ins Gigantische beschleunigten Entwicklung nur in eingeordneter Zusammenarbeit innerhalb größerer Einheiten Schritt halten und etwas leisten.
Nicht der Grad dieser Abhängigkeit des einzelnen ist ein brauchbares Kriterium für den Wert einer Gesellschaftsordnung (und schon gar nicht, wie gut sie diese Abhängigkeit tarnen kann), sondern die Frage: Abhängig von wem? Wer besitzt die Macht, und für welche Ziele setzt er sie ein?
Der kapitalistische Finanz- oder Industrie-Manager entscheidet? Aber auch er ist nicht frei – er muß dem Kapital dienen, dessen Profit er zu sichern hat, oder er stürzt und wird von »Tüchtigeren« verdrängt. Selbst die Besitzer des Kapitals sind nicht frei. Sie müssen ihr Geld einsetzen, oder es wird von anderem Kapital aufgesaugt, oder es verrinnt. Sie müssen es zu ihrem Nutzen einsetzen, oder sie verlieren ihren Reichtum und ihre Macht, und es wäre höchst weltfremd, zu erwarten, daß sie sich nicht mit allen Mitteln dagegen wehren.
In diesem Machtkampf haben robuste Erfolgsnaturen mit kaltblütig gebrauchten Ellenbogen selbstverständlich eine größere Chance, nach oben zu kommen oder oben zu bleiben, als Menschen mit pingeligen Bedenken und Zweifeln, die sicher auch in der kapitalistischen Gesellschaft die weitaus überwiegende Mehrheit bilden. Aber nicht einfach bornierte oder böswillige »Kriegshetzer« sind die eigentliche Gefahr – obwohl es die ganz sicher gibt –, sondern das kapitalistische System selbst, das sogar auch den zu solchem Handeln zwingt, der sich vielleicht lieber anders verhalten möchte; aber auch der gewöhnt sich bald daran.

Das kapitalistische Persönlichkeitsbild

Ja, wir leben nun in dieser „Ellbogengesellschaft“, in der der „Tüchtigere“, der „Fleißigere“ sich durchsetzt. Aber ist das tatsächlich so? Max Steenbeck schreibt:

»Ein Wirtschaftsführer muß aus dem gleichen Holz geschnitzt sein wie ein General; er darf nicht an die Menschen denken, die er opfert.« Mörder, Gesinnungslumpen? Nein, wieder so eine Art Befehlsnotstand, jetzt für den Wirtschafts-Manager, der ja tüch­tiger sein muß als seine Vorstandskollegen, wenn er nicht seine eigene Existenz gefährden will. Aber darum bleibt er ein »honoriger Mensch«, guter Nachbar, persönlich hilfsbereiter und ordentlicher Mitbürger, zählt wohl zu den Spitzen der Gesellschaft.
Das Bedrückende daran ist, daß er diese Rolle eines guten Bürgers gar nicht etwa nur spielt, sondern daß er all das auch wirklich ist – in seinen eigenen Augen und auch in den Augen seiner Umwelt, die das andere nicht sehen will und sich mit allen Mitteln dagegen wehrt, die Augen öffnen zu müssen. Genau hier beginnt das ganz große Fragezeichen an dem Wert des westlichen Persönlichkeitsbildes.

Materieller Wohlstand – ein „gutes Geschäft“?

Welche Geisteshaltung braucht solch ein Mensch, der mit den heutigen, kapitalistischen Verhältnissen zufrieden ist? Ist er nur korrumpiert, ist er ein „Stehkragenproletarier“ (hätte man früher gesagt), gehört er zur „Arbeiteraristokratie“? Ist er nur nur ein Spießer? Oder ist er gar ein Verbrecher?

Gut, Typen wie Kongo-Müller [2] werden auch drüben von vielen abgelehnt, wenn sie überhaupt von ihnen wissen. Aber: Viele von uns schätzten damals im »Dritten Reich« einen Menschen nicht gerade besonders hoch, der bei einer sogenannten Arisierung ein »gutes Geschäft« gemacht hatte – aber die Hand gaben wir ihm auch weiterhin. Darauf können sich drüben die Kongo-Müllers heute auch verlassen, und erst recht ihre Hintermänner. Wer solchen Fragen bequem oder feige ausweicht, wer diese Spannung nicht in sich aufnehmen und einbauen kann oder will, wird nie zur wirklichen Persönlichkeit.
Nun wäre es im höchsten Grade unwahre Demagogie, wollte man behaupten, diese vom Kapitalismus notwendige, aus innerer Gesetzmäßigkeit ausgehende Geisteshaltung habe die Menschen dieser Gesellschaftsordnung schon völlig erfaßt. Gerade derjenige, der an eine Zukunft der Menschheit glaubt, muß auch an die Bereitschaft und die Fähigkeit der Menschen glauben, gut – und das heißt vor allem richtig und vernünftig – handeln zu können. Warum verteidigen dann auch solche Menschen noch das kapitalistische System?

Warum verteidigen die meisten Menschen den Kapitalismus?

Dazu sagt Max Steenbeck folgendes:

Ich glaube, es gibt vor allem zwei Gründe: Der erste wird, wie ich fürchte, in seinem Gewicht bei uns oft überschätzt: der »Lebensstandard«. Dazu gehört nicht nur die Möglichkeit, wenn du das Geld hast, dir alles kaufen zu können – die Ware ist ja jedenfalls da und in einer durch den Konkurrenzkampf erzwungenen guten Qualität und Auswahl. Es gehört auch das Gefühl dazu, so wie bisher gehe es weiter. Der Luxus von heute wird der Massenkonsum von morgen – diesen Glauben will man behalten. Dazu paßt allerdings schlecht der Gedanke an Not und Hunger der Farbigen, der Menschen aus den früheren Kolonien, und das führt zu elner Art Bewußtseinsspaltung, zu einem Riß in der Persönlichkeit.

Und die Angst vor dem Kommunismus…

Ganz klar: die Demagogie und die Lügen des Imperialismus, die Verblödung der Menschen, angefangen bei den Schulkindern bis hin zu den täglichen Fernsehzuschauern und BILD-Zeitungs- oder „Welt“-Lesern haben ihre Schleimspuren in den Gehirnen hinterlassen – der Antikommunismus ist die blödeste aller Weltanschauungen.

»Was wir uns erarbeitet haben, ist unser, das lassen wir uns nicht nehmen.« Daraus folgt die Angst vor einer kommenden Überbevölkerung. »Kann dann unser Lebensstandard noch aufrechterhalten werden? Doch ganz sicher nicht: wenn die Kommunisten an die Macht kommen.« Das sind noch sehr massenwirksame »Argumente« des Antikommunismus. Sie führen zur Duldung, wenn nicht zur Bejahung des Vietnamkrieges und der Unterdrückung der Farbigen in den USA – und in letzter, aber selten ganz bewußt werdender Konsequenz zu dem Schluß: Vielleicht ist eine radikale Verringerung der Menschenanzahl durch einen großen Krieg eben doch unvermeidlich, und vielleicht sind also die Kriegs- und Killer-Erzählungen und -Filme doch nicht so abwegig?

Ist der Gedanke an einen neuen Weltkrieg doch nicht so abwegig?

Hört man die Kriegstreiber in den USA und die aggressivsten Vertreter der NATO, so bleibt eigentlich gar kein anderer Schluß übrig: ein erneuter Krieg ist unausweichlich…

Ein egoistisches Streben der ohnehin schon reichen Schichten nach immer weiterer Steigerung der eigenen materiellen Lebensansprüche zementiert nur die großen sozialen Unterschiede auf der Erde und muß schließlich zur weltweiten Katastrophe führen. Die Gefahr, daß so etwas eintritt, ist riesengroß; ihr zu entgehen erfordert nicht zuletzt auch moralische Anstrengungen, denen wohl feste Persönlichkeiten, aber niemals labile Charaktere gewachsen sind.

Warum ist das so?

Es geht um das Vorrecht der amerikanischen, westdeutschen, britischen, französischen etc. Imperialisten und ihres Gefolges, (auf Kosten anderer) besser leben zu können…

Der Vietnamkrieg ist schon heute dafür ein Beispiel. In ihm setzten die USA ihre Macht dafür ein, daß die hohen Lebensansprüche der dort Maßgebenden auch zukünftig dadurch nicht beeinträchtigt werden, daß heute die früheren Kolonialvölker nicht mehr in Armut und Unterdrückung leben wollen und nun auch ihren bisher nicht erfüllten Anspruch auf ihre Reichtümer anmelden. Dabei geht es gar nicht nur um Vietnam, sondern um die Vorrechte überhaupt, die kapitalistischer Besitz sich überall auf der Erde angeeignet hat. Es geht den amerikanischen Imperialisten und ihren Anhängern um das Vorrecht, besser leben zu können als die anderen, aber es geht ihnen ganz eindeutig nicht um das einfache Recht, leben zu können – um das geht es den heute noch Unterdrückten.

Es geht um den Besitz an Produktionsmitteln

Wer das Geld hat, der hat die Macht! Für die Kapitalisten ist nichts schlimmer, als die Gefahr, ihre Macht und ihren Reichtum zu verlieren. Deshalb fürchten sie den Kommunismus wie der Teufel das Weihwasser…

Das Ganze ist nichts anderes als der alte Klassenkampf; auch hier geht es um den Besitz der Produktionsmittel, um Land und Industriebetriebe, die der Kapitalismus auch weiterhin zu seinem Vorteil ausnutzen und kontrollieren will. Vielleicht sollte man deutlicher sagen: Ausnutzen und kontrollieren muß, wenn er weiter bestehen will; denn wenn die heute in der westlichen Welt Mächtigen ihre Macht und ihren Einfluß behalten wollen, müssen sie allerdings dafür sorgen, daß nichts Derartiges entsteht, über das sie nicht gebieten. Es ist für sie schon gerade schlimm genug, daß es die Sowjetunion und die übrigen sozialistischen Länder gab*. Zu versuchen, den Kommunismus einzudämmen, ist eine zwangsläufige Notwendigkeit für das kapitalistische System, koste es an Mitteln und Menschen, was es wolle.
»Nur« 14 Tage Mord und Zerstörung in Vietnam belasteten den Haushalt der USA mit einer Summe, für die mit sowjetischer Hilfe der ganze Assuandamm gebaut werden konnte – und der schaffte für 15 Millionen Menschen durch Landbewässerung und Stromerzeugung neue Existenzmöglichkeiten.

Doch wie soll es nun weitergehen?

Schon in seinen Briefen über Taktik, geschrieben im April 1917, bemerkte Lenin: „Der Marxismus fordert von uns die genaueste, objektiv nachprüfbare Berücksichtigung des Wechselverhältnisses der Klassen und der konkreten Besonderheiten jeder geschichtlichen Situation. … Der Marxist darf den festen Boden der Analyse des Wechselverhältnisses der Klassen nicht verlassen.“ – Ja, möglich ist vieles! Auch ein Krieg. – „Aber der Marxist soll bei der Analyse der Lage nicht vom Möglichen ausgehen, sondern vom Wirklichen.“ [3] so schrieb also Lenin. Und darüber werden sich zuerst die Marxisten Gedanken machen müssen.

Eine Volkswirtschaft, die für die Zukunft nur den privaten Konsum als wesentlich ansieht und diesen darum durch immer neu propagierte Bedürfnisse anheizen muß, kann allerdings auf die Dauer Arbeitslosigkeit nicht vermeiden und bleibt nicht lebensfähig.

Wie wird die Zukunft sein?

Die Zukunft gehört dem Sozialismus, der allein diese großen gesellschaftlichen Aufgaben stellen und lösen kann. Wer lernt und an sich arbeitet, findet hierbei auch in Zukunft mit Sicherheit eine Arbeit, die ihm weit mehr bedeutet als nur den Erwerb seiner Existenzmittel. – In diesem Zusammenhang dürfen wir die großen Leistungen nicht vergessen, die wir aufbringen müssen, um auch in den übrigen Teilen der Welt Völker und Menschen zu echten Partnern heranwachsen zu lassen. Doch davon war schon im ersten Teil des Aufsatzes die Rede.

Der Sozialismus wird siegen!

Die Zukunft wird voller Aufgaben stecken, an deren Lösung Gesellschaft und Mensch weit über uns Heutige hinauswachsen werden. Wir sollten versuchen, uns schon heute in dieses zukünftige Leben hineinzudenken und nicht nur seinen technischen Rahmen sehen. Sonst erkennen wir nicht die größe dieser neugeborenen Welt. Mit mehr Grund als Ulrich von Hutten in der ersten Renaissance werden die menschen sagen können: »Es ist eine Lust zu leben«.

Zitate und Anmerkungen:
[1] Alle Zitate des Aufsatzes von Professor Max Steenbeck sind dem Buch entnommen: Wir werden es erleben. Urania-Verlag Leipzig/Jena/Berlin, 1971, S.81-108. (gekürzt; kursiv)
[2] Dokumentarfilm von Heynowski/Scheumann: Der lachende Mann. Bekenntnisse eines Mörders (DEFA, 1966) https://www.youtube.com/watch?v=WbeqXgR1428
[3] W.I. Lenin: Briefe über Taktik. In: Lenin/Stalin. Das Jahr 1917. Dietz Verlag, Berlin, 1949, S.31/34.

* Zeitform aktualisiert, N.G.

Acrobat Reader  Steenbeck: Gedanken über die Zukunft


Wer aber den unveränderten, gesamten Text lesen möchte: Bitte, hier ist er:

Acrobat Reader  Max Steenbeck: Persönlichkeitsbildung und Wissenschaft

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10 Antworten zu Max Steenbeck: Nachdenken über unsere Zeit und die Zukunft

  1. D. Krüger schreibt:

    …..vor dreißig Jahren schrieb ich über Max Steenbecks Autobiographie „Impulse und Wirkungen“ meine Diplomarbeit….wenn ich heute die „wissenschaftlichen“ Arbeiten von angeblich „Linken“ Professoren aus Dresden, Leipzig, Berlin ……oder im RotFuchs lese, frage ich mich…….welche Position, welchen Klassestandpunkt nehmen diese Personen ein……Steenbeck war parteilich….war Partei…….luxemburgische DIE LINKE hörige (bezahlte Pofessoren) können dem bürgerlichen Steenbeck nicht das Wasser reichen….☺️

  2. Hat dies auf Muss MANN wissen rebloggt und kommentierte:
    Ist der Gedanke an einen neuen Weltkrieg doch nicht so abwegig?

    Hört man die Kriegstreiber in den USA und die aggressivsten Vertreter der NATO, so bleibt eigentlich gar kein anderer Schluß übrig: ein erneuter Krieg ist unausweichlich…

    Ein egoistisches Streben der ohnehin schon reichen Schichten nach immer weiterer Steigerung der eigenen materiellen Lebensansprüche zementiert nur die großen sozialen Unterschiede auf der Erde und muß schließlich zur weltweiten Katastrophe führen. Die Gefahr, daß so etwas eintritt, ist riesengroß; ihr zu entgehen erfordert nicht zuletzt auch moralische Anstrengungen, denen wohl feste Persönlichkeiten, aber niemals labile Charaktere gewachsen sind.

  3. Hanna Fleiss schreibt:

    Sascha, ich bin überwältigt. Das hat Prof. Steenbeck 1971 geschrieben? Warum wusste ich nichts von diesem Buch? Wer aber in der DDR sprach damals davon, so die Wirklichkeit sezierend, ohne Selbstbetrug, ohne Wolkenkuckucksheim-Träume? Mir kommt es vor, als ob diese Überlegungen erst nach 1990 geschrieben worden seien.

    1971 unsere heutige Zeit so genau beschreiben, das konnte nur ein kluger Marxist-Leninist tun, einer, der sehr genau wusste, wie gefährdet die sozialistische Welt war durch den imperialistischen Westen. Aber dass es die Sowjetunion nicht mehr geben könnte, hat er sich das vorstellen können? Sicher nicht. Oder doch? Hat er die Entwicklung in der Sowjetunion seit Chruschtschow verfolgt und Schlüsse daraus gezogen?

    Ich lese gerade das offensiv-Buch mit Beiträgen von Kurt Gossweiler, der an mehreren Stellen äußert, dass er mit seinen Ansichten unter Genossen sehr allein war. War er doch nicht so allein?

    Wir hätten es wissen können und müssen, wir alle, die gesamte DDR-Bevölkerung, nicht nur die kleinen parteiinternen Kreise. Warum ist das nicht geschehen?! Ich hoffe, dass daraus, aus dieser „Geheimniskrämerei“, auf marxistisch-leninistische Weise Erkenntnisse für die Zukunft erwachsen. Fidel Castro zumindest hat versucht, seinen Kubanern die Welt zu erklären, wie sie ist.
    Und ich nehme an, im Politbüro hat man darüber gelächelt.

    • sascha313 schreibt:

      Prof. Steenbeck war kein Kommunist, aber er war zumindest ein Marxist-Leninist und unter Stalin ein Freund der Sowjetunion und des Sozialismus. Er half mit, das Atomprojekt der UdSSR zu entwickeln. Brief Nr.267 vom 1. April 1950 an L.P. Berija: „…über die erfolgreichen Ergebnisse seiner (Steenbecks, N.G.) Arbeiten zur Schaffung einer neuen Methode der Isotopentrennung mittels einer Ultrazentrifuge“.

      • Hanna Fleiss schreibt:

        Sascha, ich denke, man kann auch Kommunist sein, wenn man nicht in einer kommunistischen Partei Mitglied ist. Ich bin auch nicht in der Partei gewesen, aber ich wusste, was ich an der DDR hatte. Wir hatten bis Dezember 1949 in Westberlin gewohnt und sind heimlich nachts in den sowjetischen Sektor umgezogen. Glaub mir, selbst die Erfahrung als Kind mit dem Westen hat mir eine Menge über ihn verraten, und ich wusste, wo ich hingehöre, schon als Kind. Ich bin ja in der 2. Klasse auch im sowjetischen Sektor zur Schule gegangen, war Pionier geworden, nachdem ich die 1. Klasse in Westberlin erlebte und schon so einiges begriff. Ich weiß nicht, wie ich heute wäre, wenn ich diese Kindheitserfahrung mit Westberlin nicht gehabt hätte. Als ich 18 war, wollte ich unbedingt in die Partei eintreten. Unser Parteisekretär, der später in der Berliner Partei eine Hauptrolle eingenommen hatte , sah mich erstaunt an und sagte dann: „Werd erst mal ein bisschen älter.“ Ich kann das heute schreiben, der Mann lebt nicht mehr. Nach 1990 fand ich ihn in der Brie-Klein-Gysi-Modrow-Fraktion wieder.

        Aber um auf Prof. Steenbeck zurückzukommen: Ich werde versuchen, mehr über ihn zu erfahren und lesen, was er geschrieben hat. Kurt Gossweiler erwähnt ihn meines Wissens an keiner Stelle.

  4. sascha313 schreibt:

    Freilich hast Du recht. Ich bin heute in keiner Partei und trotzdem Kommunist. Ich hänge oben mal den ganzen Beitrag von Prof.Steenbeck an. Das genannte Buch ist im übrigen sehr mit Mängeln behaftet. Aus zweierlei Gründen: erstens, weil es nach 1956 erschien, d.h. revisionistisch ist, und zweitens, weil in Bezug auf die Zukunft ziemlich unrealistische Gedanken herumgeisterten.

  5. Pingback: Max Steenbeck: Nachdenken über unsere Zeit und die Zukunft — Sascha’s Welt | Schramme Journal

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