Elisabeth Richter: Die Gräfin und der vergoldete Diener………… (k e i n Märchen, aber doch auch für Kinder)

GraefinDie Ruhr ist ein Fluß in der westdeutschen Bundesrepublik. Um sie herum liegt das Ruhrgebiet. Darin gibt es viele Städte und Dörfer, viele Hütten. Es sind keine Hütten mit winzigen Fenstern und schiefen Stroh­dächern. Es sind Riesenbetriebe, die so heißen, weil darin Erz zu Eisen verhüttet wird. Eisen kocht man in Hochöfen. Und wer macht das? Arbeiter. Sie schwitzen an den Hochöfen und schmelzen Erz. Stunde um Stunde. Die Hochöfen und alles um sie herum gehören dem Thyssen-Konzern. Auch die Arbeitskraft der Arbeiter. Sie müssen sie an den Konzern verkaufen, weil die Arbeiter keine Hochöfen besitzen.

Wie die Waren im Konsum, so kaufen die Konzernherren Arbeitskräfte, die ihnen Eisen und Stahl produzieren. So ein Konzern ist ein konzentriertes Unternehmen. Es hat mehrere Besitzer, mit denen die Arbeiter noch kein Wort wechseln durften. Man nennt diese Besitzer Aktionäre. Hauptaktionärin des Thyssen-Konzerns ist eine Gräfin. Die ist alt, aber nicht aus dem Märchenbuch. Sie reist in keiner Kutsche und trägt keine Reifröcke. Sie wäre – ohne Brillanten und Nerzmantel – von einer anderen, älteren Frau nicht zu unterscheiden. Es steht ihr nicht im Gesicht geschrieben, daß sie eine Ausbeuterin ist. Ein Wolf in Menschengestalt.

Erinnerst du dich an den Wolf, der die sieben Geißlein fressen will? Die Gräfin muß sich die Pfoten nicht mit Mehl bestäuben wie der Wolf, der im Märchen zu den sieben Geißlein schleicht. Sie hat Hände wie andere Menschen. Nur nicht so rauh, nicht so verarbeitet. Sie arbeitet nicht. Ein Wolf, dem die Beute ins Haus gebracht wird. Ihre Beute heißt Profit. Siebenundneunzigtausend Menschen läßt sie in einem Unternehmen für sich arbeiten. Jeder Arbeiter arbeitet runde fünf Stunden seiner Schicht für die Aktionäre.

Die Rechnung ist so: Acht Stunden Arbeitszeit. Nach 2,9 Stunden schon hat jeder Arbeiter durch seine Arbeit erbracht, was er für die volle Schicht in der Lohntüte ausgezahlt bekommt. Aber er ist vom Konzern für acht Stunden gekauft. Er darf nicht aufhören zu arbeiten, muß schmelzen, putzen, fahren … Die volle Schicht. Die Gräfin hat noch nie Stahl geschmolzen. Trotzdem „verdient“ sie fürs Nichtstun jede Stunde viel mehr als die Arbeiter. Müßte ein Betriebsbote ihr stündlich den „Verdienst“ ins Haus bringen, so hätte er 1970 jede Stunde 16.783,- DM abliefern können.

1969 bekam sie stündlich „nur“ 13.728,- DM. Von einem zum anderen Jahr hat ihr vergoldeter Diener die Ausbeutung vergrößert. Sie profitierte mehr! Die Gräfin verfügt nämlich über einen vergoldeten Diener. Der bedient sie nicht beim Frühstück. O nein! Das machen wieder andere. Er ist der Chef des Konzerns. Gräfliche Herrschaft speist diesen Diener auch nicht mit einem einfachen Lohn oder hundert Gläsern Eingewecktem ab. O nein! Dieser Diener ist selber ein Aktionär und dient allen Aktio­nären. Er heißt Hans Günther Sohl, und die Aktionäre haben ihn ausgesucht, in ihrem Interesse den Arbeitern die Arbeit zu befehlen. Er sorgt dafür, daß der Konzern zu Geld kommt. Er organisiert, daß die fünf Stunden Diebstahl an jedem Arbeiter in jeder Schicht nicht auffallen. Er bezahlt das Geld, das der Arbeiter schon in 2,9 Stunden erwirtschaftet hat, durch seine Lohnpolitik hübsch verschleiert für den vollen Arbeitstag.

Die Gräfin ließ ihn dafür vergolden. Nicht mit Ringen oder Anzugknöpfen. Mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik. Und weil die Gräfin diesen Orden nicht selber vergeben kann, übernahm das die Bundesregierung für sie. Sie dekorierte einen Dieb für Diebstahl an den Arbeitern. Der Thyssen-Chef stiehlt aber nicht nur für die Brillanten seiner Gräfin. Er stiehlt auch nicht nur für sich und die anderen Aktionäre. Er bestiehlt die Arbeiter vor allem, um noch mehr und modernere Hochöfen bauen zu können. Er stiehlt, um die Macht des Konzerns zu erweitern. 1970 investierte er für über eine Million Mark. Denn: Mehr und modernere Hochöfen, das bedeutet, man kann die Arbeiter unauffälliger und besser ausbeuten. Das wiederum‘ bringt dem Konzern noch mehr Geld. Profit für die Gräfin, ihren vergoldeten Diener, die anderen Aktionäre, und vor allem wiederum für neue und modernere Hochöfen, für mehr Macht der Kapitalisten.

Das alles dreht sich wie eine Spirale, ist wie eine morsche Gespensterbahn, in der alle fahren. Irrsinnig schnell, schemenhaft, beängstigend. Und das kracht und knarrt in allen Fugen. Und vor diesem Gesellschaftskarussell drehen sich bezahlte Gaukler. Sie zittern Beat und schluchzen Schlager. Sie zaubern eine Traumwelt, daß man beinahe glauben könnte, es gibt keinen Unterschied zwischen denen, die arbeiten, und denen, die Arbeit vergeben. Die Gespensterbahn fahrt…
Gibt es wirklich keinen Unterschied?

Quelle:
Elisabeth Richter: Der Puddingprinz zittert. Verlag Junge Welt, Berlin, 1972, S.24-27. Zeichnung: Louis Rauwolf)

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7 Antworten zu Elisabeth Richter: Die Gräfin und der vergoldete Diener………… (k e i n Märchen, aber doch auch für Kinder)

  1. Politnick schreibt:

    Ja liebe Leser,
    daran sehen wir doch, daß auf diese Art und Weise der kapitalistischen Produktion eine Planwirtschaft gar nicht möglich ist. Eine Planwirtschaft nämlich, die zur Befriedigung kultureller und materieller Bedürfnisse führt, insbesondere Fragen der Ernährung und sozialer Belange.

    So ist die „Lehre von der Sozialen Marktwirtschaft“ die Fortsetzung des Märchens, denn der Markt regelt nämlich gar nichts, die ganze soziale Entwicklung im Kapitalismus erfolgt mehr oder weniger zufällig!

    Nun mögen manche meinen, der Sozialstaat finanziere sich aus Steuern. Dies jedoch ist ein gewaltiger Irrtum, denn das was Unternehmen an Steuern zahlen (wenn überhaupt) haben sie ja auch nur den Arbeitern weggenommen! Aber nicht nur das, den Bedürfnissen entsprechend, sind solche Sozialabgaben ja auch viel zu niedrig was wir unmittelbar und täglich zu spüren bekommen.

    Schon von daher ist die Behauptung, Migranten würden unser Sozialsystem unterwandern Zynismus pur. Zumal diesen ja auch alles genommen wurde was sie hier in Deutschland niemals wieder bekommen können und abgesehen davon ist die Würde eines Menschen schon gar nicht mit Geld aufzuwiegen.

    Das Ergebnis gesellschaftlich erbrachter Arbeit kommt nicht in die Gesellschaft zurück sondern landet in privaten Händen — genau das ist das Wesentliche dieser „Wertschöpfung“ und auch die Ursache sollte jedem klar sein: Privatbesitz an Produktionsmitteln.

    Und wenn sie nicht gestorben (worden) sind schöpfen sie noch heute. Aber sie können auch nur solange schöpfen bis das Faß zum Überlaufen kommt, dann ist das Märchen aus.

    Freundschaft 😉

    • Harry56 schreibt:

      „Und wenn sie nicht gestorben (worden) sind, schöpfen sie noch heute. Aber sie können auch nur solange schöpfen, bis das Faß zum Überlaufen kommt, dann ist das Märchen aus.“ Warum dieser Defätismus, wie in so vielen angeblich „alternativen“ Foren? Warum warten bis zu einem erhofften „Überlaufen“? Bevor diese Fässer „überlaufen“, wird mal wieder schnell eine „Krise“ ausgerufen, werden Kriege aller Art angezettelt, werden „Flüchtlinge“ über Kontinente verschoben, „bedroht“ der „Kim“ aus „Nordkorea“ die ganze Welt, weshalb „Amerika“ wieder einmal „muss“…, und so weiter und so fort.. Alles klar?

      Warum nicht allen diesen Profiteuren, Ausbeutern deren „Schöpfkellen“ – sprich: die gesellschaftlichen Produktivkräfte! – energisch aus der Hand nehmen, anschließend eine vernünftige Produktion zum Wohle A L L E R Menschen organisieren? Warum nicht, mit einem Wort: Sozialismus?
      Der Sozialismus ist der einzige Ausweg, so bereits Marx, Engels, Luxemburg!
      Bester soz. Gruß! Freundschaft 🙂

      • sascha313 schreibt:

        …und Lenin, Stalin, Thälmann, Pieck und Ulbricht und Millionen andere. Jeder Streik und jeder Arbeiterprotest (auch wenn sie überall verschwiegen werden) ist ein Zeichen dafür, daß das Maß voll ist. Was fehlt, ist – wie Lenin sagt – man muß die bewußtesten Arbeiter zusammenrufen, eine gemeinsame Linie finden und den Rest der Belegschaft agitieren. Dann werden wir sehen, was herauskommt. Der Kommunismus ist das einzig Vernünftige! Und die Kapitalismusgläubigen, werden schon irgendwann merken, daß auch sie die ganze Zeit von ihren Herren über den Tisch gezogen wurden…

      • Politnick schreibt:

        Ein überlaufendes Faß heißt, daß eine revolutionäre Situation entstanden ist. War es nicht Lenin, der diesen treffenden Vergleich tätigte? Und dabei auch feststellte, daß man eine revolutionäre Situation weder erzwingen noch herbeireden kann.

        In diesem Zusammenhang noch eine Anmerkung zur Rede von Assad (2013). Wie Assad feststellte, ist die millionenfache Deportation von Menschen der eigentliche Krieg, den der Imperialismus vom Hindukusch über Irak, Iran und Syrien führt und sich dabei krimineller Banden bedient, die bestialisch mordend durch diese Länder ziehen.

        So ist die Verschleppung von Menschen aus diesen Ländern und auch aus Afrika nach Europa auch ein Krieg gegen die Völker Europas und letztendlich auch ein Krieg der unmittelbar und gegenwärtig das Deutsche Volk betrifft. Hier wird es nicht mehr lange dauern, bis das Faß zum Überlaufen kommt!

        Freundschaft 😉

      • sascha313 schreibt:

        Das sehe ich ganz genauso!

  2. ropri schreibt:

    Diese Zeit gab es auch: da mußte ein Teil des Profites für neue Produktionsmittel und ~stätten ausgegeben werden. Heute tun das die Größten der Großen nicht mehr (Beispiel Energiekonzerne). Die lassen sich über die Bundesregierung von den Steuern der Arbeiter neue, modernere Energiegewinnungsanlagen bezahlen anstatt ihren Profit dafür auszugeben.

    Und große Banken, die ihr Geld verzocken und versaufen und dadurch pleite gehen, lassen sich von den Steuern der Arbeiter „retten“, unter dem Deckmantel: damit das arme Volk sein Erspartes nicht verliert. Dafür braucht es eine Regierung in diesem System: die muß für die wenigen Reichen dafür sorgen, daß deren Reichtum nicht verlorengeht.

    Ja, diese Regierung verspricht den Reichen sogar Gewinne (Autobahnen). Bleiben diese aus, muß auch wieder der Arbeiter mit seinen Steuerabgaben die ausgebliebenen Gewinne bezahlen. Für all das hat die Regierung zu sorgen.

    Ich kenne ein Land, da sorgte sich die Regierung um eine gerechte Verteilung des Geldes, da waren Mieten und Essen bezahlbar, da gab es sichere Arbeitsplätze ohne Willkür, ein gutes Gesundheitswesen und immer mehr soziale Errungenschaften. Nein, es gab keinen Reichtum, aber niemand mußte hungern, niemand betteln gehen und deshalb waren die Menschen viel glücklicher… (auch kein Märchen)

    • Politnick schreibt:

      Genauso isses Ropri!
      Die sog. Energiewende dient nicht im Gringsten der Umwelt sondern einzig und allein den Energiekonzernen. Allein der Anblick stillstehender Windkraftanlagen macht die Lüge von der Energiewende offensichtlich. Abgesehen davon dass die Strom-Preise längst im Keller sein müssten — die Politik sorgt ja dafür, dass genau das eben nicht passiert.
      Frendschaft 😉

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