Wir erleben den ersten Augenblick der Menschheitsgeschichte, wo der Mensch imstande ist, soviel zu produzieren, daß alle materiellen und geistigen Bedürfnisse aller Erdbewohner befriedigt werden könnten. Warum werden sie nicht befriedigt? Jedermann weiß, daß sich hinter dieser Frage eine abgrundtiefe Schlucht auftut, ein ungeheuerlicher Widerspruch. Und jedermann weiß auch, daß dieser Widerspruch zwischen Möglichkeiten und Wirklichkeit in unserer Zeit nicht mehr in technologischen Gegebenheiten der materiellen Produktion begründet ist. Was also sind die wirklichen Ursachen?
Jedoch: Es liest sich so unangebracht glatt, dieses: Warum werden nicht alle Bedürfnisse aller Menschen befriedigt? Zu glatt! Es geht schließlich um eine Tragödie von Ausmaßen, die sich unserer Vorstellungskraft fast entzieht. Deswegen wollen wir zunächst mit ein paar Bildern anzudeuten versuchen, was es für Hunderte von Millionen Menschen in zahlreichen Ländern bedeutet: Die einfachsten Lebensbedürfnisse sind für uns unerfüllbar!

Weshalb hungern 500 Millionen Menschen? Die Erde hat doch Brot für alle. Warum sterben ab jeden Tag annähernd 70.000 Menschendurch Hunger? Der Mensch hat doch eine hocheffektive Agrotechnik entwickelt. Warum werden die Äcker ganzer Länder auf drei Kontinenten bestellt mit Werkzeugen aus der Urgemeinschaft? Warum werden Millionen Hektar Boden nicht fruchtbar gemacht? Warum gibt es „Butterberge“? Und Millionen Tonnen Getreide – unghenießbar gemacht für Mensch und Tier?

Warum müssen in unserer Zeit 1,2 Milliarden Menschen unterhalb der Grenze der „ernsten Armut“ leben, wie es in einem Bericht der UNO heißt – in Slums, ohne eigenes Bett, ohne medizinische Versorgung, ohne Bildung, dafür mit einer Lebenserwartung, die Jahrzehnte kürzer ist, als die der Menschen in der Welt des Sozialismus und die der Privilegierten in Kapitalismus?

Das Wissen der Menschheit erweitert sich von Jahr zu Jahr explosiv. Warum können zur gleichen Zeit von 4 Milliarden Menschen785 Millionen weder lesen noch schreiben? Warum können 300 Millionen Kinder im schulpflichtigen Alter keine Schule besuchen? Warum müssen laut UNO-Statistiken mindestens 52 Millionen dieser schulpflichtigen Kinder ihren Lebensunterhalt mit Arbeit verdienen – um dann arbeitslos zu werden, wenn sie ins erwerbsfähige Alter kommen?

Weshalb gibt es keine Arbeit für Hunderte Millionen Menschen? Wer nimmt sich heraus, menschliche Produktivkraft massenhaft brach zu legen? Warum ist, die „freie, allseitige Entwicklung aller Mitglieder der Gesellschaft“ noch immer für die allermeisten blanke Utopie? Warum bleibt ungezählten Millionen junger Menschen auf allen Kontinenten die „Selbsterzeugung des Menschen durch die menschliche Arbeit“ (Marx) verwehrt?

Warum sind sie zum Nichtstun verdammt – mit seiner grausigen Nötigung, sich der Menschenverachtung und Selbstaufgabe auszusetzen, dem Verfall und der Zerstörung aller menschlichen Werte, mit der Nötigung, sich dem Laster zu ergeben, der Brutalität, dem Verbrechen, der selbstzerstörerischen Rauschiftsucht, der Flucht aus dem realen Leben?
Warum müssen wir vier Milliarden Menschen mit Angst vor unserer totalen Vernichtung leben – mit dem grausigen Gespenst des Atomtodes? Unsere Erde ist keine Zielscheibe für Atombomben, sondern der Platz für unser Leben! Warum befinden sich unsere Moglichkeiten und unsere Wirklichkeit in solch krassem Widerspruch?

Der Ursprung fällt in die Zeit, als oder Mensch es lernte, mit Hilfe der Maschine seine Produktivkräfte prinzipiell in unbegrenzte Dimensionen zu steigern, als aus der Manufaktur die Fabrik, die große Industrie wurde. Nun konnte die Maschine die in ihr bereits vergegenständlichte, die »tote« Arbeit gleich einer Naturkraft in immer größer werdendem Umfange umsonst wirken lassen. Der Dampf und die neue Werkzeugmaschinerie verwandelten die Manufaktur in die moderne große Industrie und revolutionierten damit die Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft. Der schläfrige Entwicklungsgang der Manufakturzeit steigerte sich in eine wahre Sturm- und Drangperiode der Produktion. Mit stetig wachsender Schnelligkeit vollzog sich die Scheidung der GeselIschaft in große Kapitalisten und besitzlose Proletarier. Wo hatte es zuvor solche Bilder gegeben – geben können! Das war völlig neu:
Lohnarbeiter
Die arbeitende Klasse erzeugte in gesellschaftlicher Arbeit alle Werte. Hier beginnt das Kapitel vom Grundwiderspruch des Kapitalismus. Produktionsmittel und Produktion sind wesentlich gesellschaftlich geworden. Aber sie werden einer privaten Aneignungsform unterworfen. In diesem Widerspruch, der der neuen Produktionsweise ihren kapitalistischen Charakter verleiht, liegt die ganze Kollision bereits im Keim.

- Der amerikanische Milliardär Vanderbilt
»Der Übergang von der Manufaktur zur Fabrik bedeutet eine völlige technische Umwälzung, … auf diese technische Umwälzung aber folgt unvermeidlich die radikalste Umwälzung der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse, die endgültige Spaltung der verschiedenen an der Produktion beteiligten Gruppen, … eine Verschärfung und Ausdehnung aller düsteren Seiten des Kapitalismus und gleichzeitig eine umfassende Vergesellschaftung der Arbeit durch den Kapitalismus.« (Lenin)
Die Herstellung von Produkten in Fabriken durch Maschinen, an denen Arbeiter beschäftigt wurden, erwies sich als eine höchst effektive Art, das Kapital schnell und bedeutend zu vermehren, den einzigen Lebenstrieb des Kapitals zu verwirklichen – den Trieb, Profit zu bringen. Das »Geheimnis«, mittels der kapitalistischen großen Industrie schnell höchstmögliche Profite zu machen, besteht in einer neuen Teilung der Arbeit: in
Lohnarbeit und Kapital.
Der eine Teil: die tote, bereits vergegenständlichte Arbeit – Maschine, Arbeitsmittel =, als deren Besitzer der Kapitalist auftritt. Der andere Teil: die lebendige Arbeit. Das ist die Arbeitskraft, als deren Träger die Fabrikarbeiter auftreten. Jeder besitzt sein eigenes Produkt und bringt es zu Markte. Was der Lohnarbeiter zu Markte bringen kann, ist seine Arbeitskraft. Der Lohnarbeiter muß seine Arbeitskraft verkaufen. Er hat kein anderes Produkt. Den Markt beherrschen die Kapitalisten. Sie können kaufen oder nicht kaufen.
Das ist die Grundlage der Herrschaft des Kapitals über die Arbeit.
Quelle:
Andrew Thorndike: Die alte neue Welt. Urania Verlag Leipzig, Jena, Berlin. 1979, S.90-125. (Ausschnitt. Bilder ebd.)
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