Klaus Hesse: Gedanken zum 100. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution

100 JahreEin hundertster Jahrestag ist an sich schon Grund für Erinnerungen. Wer diese Revolution nicht nur mal so erwähnt, sondern ihre Bedeutung hinterfragt, kommt nicht umhin, Vergleiche zu anderen Revolutionen anzustellen. Der Jahrestag des Sturmes auf die Bastille wird in Frankreich alljährlich gefeiert. Da ist nicht nur die Parade auf den Champs-Élysées – der 14. Juli und die Marseillaise sind Ausdruck der in einem revolutionären Auftakt begründeten Identität Frankreichs. Es war und ist unbestritten: Im Sommer 1789 wurde damit die Zerschlagung der Feudalherrschaft eingeleitet. Das war der Auftakt des Endes der Leibeigenschaft, der Entmachtung und in einigen Ländern sogar des Sturzes der Monarchien. Erstmals in der Geschichte der Menschheit sollten Forderungen nach Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit allgemeingültiges Recht werden. Was daraus geworden ist, gibt auch und insbesondere im Vergleich mit der Art und Weise, in der mit der Oktoberrevolution umgegangen wird, Grund genug zum Nachfragen.

Die Oktoberrevolution und eine Warnung

Die Oktoberrevolution wird im russischen Internet mehrfach erwähnt: Da wird daran erinnert, daß der Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution in der UdSSR staatlicher Feiertag war. In einem anderen Eintrag ist zu lesen, daß der 7. November der ‚Tag des militärischen Ruhmes Rußlands’ ist. So wird an die Parade erinnert, mit der in der Schlacht um Moskau eine erste Wende im Großen Vaterländischen Krieg eingeleitet wurde. Wer aber die Internetseite ‚Великая Октябрьская социалистическая революция…’ öffnet bekommt zu lesen: „Страница заблокирована. Ваш IP-адрес передан в Федеральную службу безопасности в связи с посещением экстремистских сайтов.“1

Warum feiert Frankreich die Revolution von 1789, warum wird die Oktoberrevolution nicht nur in Rußland und in Nachfolgestaaten der UdSSR ignoriert und warum wird schon das Interesse daran mit geheimdienstlicher Verfolgung bedroht? Was ist da ‚extremistisch’??? Warum wurde die Sowjetunion als ‚Reich des Bösen’, warum wird die DDR als Unrechtsstaat diskriminiert und abqualifiziert?

Um wessen Freiheit geht es eigentlich?

Im März 1946 leitete Winston Churchill, nun schon abgewählter Premierminister mit seiner Rede in Fulton den bis heute nicht beendeten kalten Krieg ein. Seine Behauptung: „daß die Freiheiten, deren sich der Bürger im ganzen britischen Empire erfreut, in zahlreichen Ländern, von denen einige sogar sehr mächtig sind, nicht bestehen. In diesen Ländern wird der Bürger allen Arten der Kontrolle unterstellt, und zwar in einem Maße, das den Grundsätzen der Demokratie zuwider lauft .2 Um welche – besser – um wessen Freiheiten, um was für eine Demokratie ging es damals und geht es heute?? Der entscheidende Unterschied zwischen der Revolution von 1789 und der von 1917 ist nur dann zu finden, wenn man den Fragen nach den damit ausgelosten Umwälzungen nachgeht.

Thomas Müntzer: „Die Gewalt dem gemeinen Volke.“

Das Ziel aller revolutionären Bewegungen war 1789 und ist bis heute die Beseitigung der bestehenden Eigentums- und Machtverhältnisse Immer ging und geht es darum, die Macht derer zu brechen, die als die Besitzer des produktiven Reichtums in der Lage sind, sich anzueignen, was andere erarbeiten müssen um überhaupt leben zu können Auf der anderen Seite der Barrikade war und ist das Ziel aller Konterrevolutionären Bewegungen die Sicherung oder Wiederherstellung von Eigentumsverhältnissen, die ihren Reichtum und damit die Macht der besitzenden und deshalb herrschenden Klasse garantieren. Am Werkseingang des von der ‚Treuhand’ geschlossenen Kalibergwerks Bischofferode war Münzers Losung aus den Bauernkriegen zu lesen: „Die Gewalt soll gegeben werden dem gemeinen Volke.“ Heinrich Heine brachte die Forderung der Ausgebeuteten und Unterdrückten auf den Begriff: ‚Verschlemmen soll nicht der faule Bauch, was fleißige Hände erwarben’. Mit der Revolution von 1789 wurden diese Forderungen nicht erfüllt.

Eine eigentumsfreundliche Versammlung

Hier ist daran zu erinnern, was Pjotr Kropotkin in seiner Schrift zur Großen französischen Revolution herausfand. Unmittelbar nach dem Beschluß über die heute noch gefeierte ‚Erklärung der Rechte des Menschen und des Bürgers’ in der Nacht des 4.8.1789 geschah folgendes: „Als die Nationalversammlung am 5. August zusammentrat, um die Verzichte, die in der historischen Nacht des vierten gemacht worden waren, in die Form von Beschlüssen zu bringen, konnte man sehen, bis zu welchem Grade diese Versammlung eigentumsfreundlich war; wie sie jeden pekuniären Vorteil zu verteidigen suchte, der an diese selben feudalen Privilegien geknüpft war, die sie einige Stunden vorher aufgegeben hatte.3

Eine Revolution, die eigentlich noch keine war…

Doch da ist erst einmal genau hinzusehen, was mit dieser Deklaration festgeschrieben wurde. Von den großen Losungen der französischen Revolutionäre, von Liberté, Fraternité und Egalité fand die ‚Liberté’, die ‚Freiheit’ im Artikel II der Erklärung der ‚Menschen- und Bürgerrechte’ Erwähnung Unmittelbar danach steht da La liberté, la propriété, la sûreté et la résistance à l’oppression, als da sind „Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung“4 Wie bei jeder Unterschrift unter einen Vertrag ist dieser Text auch hier bis zum Ende zu lesen: Denn in Artikel XVII wird klargestellt: „Da das Eigentum ein unverletzliches und heiliges Recht ist, kann es niemandem genommen werden, wenn es nicht die gesetzlich festgelegte, öffentliche Notwendigkeit augenscheinlich erfordert und unter der Bedingung einer gerechten und vorherigen Entschädigung“5 Kein anderes Recht wurde als ‚unverletzlich und heilig’ bezeichnet. Einzig und allein das Eigentum war und ist dem Bourgeois heilig. Seine Freiheit war damit gesichert. Damit hatten sich aber auch die Frage nach der Freiheit Gleichheit und Brüderlichkeit der anderen ‚erledigt’: Wie ‚gleich’ können Eigentümer und Besitzlose sein, wenn der ‚Eigentümer’ durch seine Verfugung über die Produktionsmittel darüber entscheidet, ob und wie die Besitzlosen für ihn zu arbeiten haben???

Das heilige Eigentum der Bourgeoisie

Kropotkin täuschte sich: Die die französische Nationalversammlung dominierenden Bourgeoisie hatten nicht auf ihre Rechte und Privilegien und schon gar nicht auf ihr ‚heiligstes’ Recht, auf ‚ihr’ Eigentum verzichtet. Vielmehr hatten die ihr Interesse, ‚ihr’ Eigentum zu allgemein gültigem Recht erklärt Wann und wo immer lauthals von ‚den Menschenrechten’ die Rede ist: Bis auf den heutigen Tag wird dabei verschwiegen, daß es in erster Linie um das Eigentum, um die darauf beruhenden Rechte und also um die Freiheit der Eigentümer geht…

Friedrich Engels hatte die zentrale Funktion dieses Begriffes schon in den ersten Anfangen seiner kritischen Auseinandersetzung mit den bestehenden Verhältnissen erkannt: Die Bourgeoisie druckt sich vor der Beantwortung der Frage, warum „die Ökonomie … sich nicht einfallen (ließ), nach der Berechtigung des Privateigentums zu fragen.“6

Ein Professor plaudert aus…

Eine überaus aufschlußreiche Erklärung stammt von einem Professor für Römisches Recht, Bürgerliches Recht und Zivilprozeßrecht der ‚Freien Universität Berlin’: „In bürgerlichen Gesellschaften ist Eigentum das alles entscheidende Ordnungselement ihrer sozialen und ökonomischen Struktur. Die für sie charakteristische individuelle Freiheit ist ohne Eigentum undenkbar. ‚Das Eigentum’ sagt das Bundesverfassungsgericht, ‚ist ein elementares Grundrecht, das in einem inneren Zusammenhang mit der Garantie persönlicher Freiheit steht’ (BVerfGE 24.389). Der gesellschaftliche Prozeß beruht auf dem freien Spiel der Kräfte der einzelnen Individuen. Und die Kraft des einzelnen, das ist in erster Linie sein Eigentum, möglichst an Produktionsmitteln, mit denen andere arbeiten.“7

Um wessen Eigentum geht es eigentlich?

Dieser Professor bürgerlichen Rechts charakterisiert die darauf aufbauenden Beziehungen: „Entscheidend sind allein der Wille und die Interessen des Eigentümers, seine Freiheit. Es geht um die Beziehung dieser einen Person, des Eigentümers, zu allen anderen Menschen in seiner näheren und weiteren Umgebung, im Hinblick auf diesen Gegenstand. Diese Beziehung ist in ihren Grundzügen egoistisch und rücksichtslos“8 Er schlug deshalb vor, dieses Eigentum von jenen „einfachen Gegenständen der persönlichen Ausrüstung wie Kleider, Waffen und Geraten,“ zu unterscheiden, sie in Anlehnung an Wundt als ‚Habe’ zu bezeichnen9, weil sie keine Produktionsmittel, also kein Eigentum sind, mit dem andere für die Eigentümer arbeiten.

Warum war die Oktoberrevolution etwas völlig Neues?

Erstmals wurde dieser demagogischen Selbstgerechtigkeit der Besitzenden und Herrschenden vor 100 Jahren wirklich und wirksam Einhalt geboten. Es ist höchst bemerkenswert, daß dieser Aufbruch in eine Gesellschaft, in der mit der Macht der Besitzer gebrochen wurde, in einem der damals rückständigsten Länder gelang. Das zaristische Rußland war immer noch durch die erst ein halbes Jahrhundert zuvor eingeleitete Aufhebung die Leibeigenschaft gezeichnet. Nach dem ‚Statistischen Jahrbuch Rußlands’ konnten 1913 (ohne kaukasische und mittelasiatische Volker) nur 27% derer, die älter als neun Jahre waren, lesen und schreiben.10

Die Macht der Arbeiter- und Soldatenräte

Nach dem 1917 schon drei Jahre andauernden ersten Weltkrieg, hohen Verlusten, fortschreitender Zerrüttung der Wirtschaft, immer tieferer Verelendung, der unerträglich gewordenen Lage der Bauern und des Zusammenbruchs der Versorgung mit Nahrungsmitteln kam es in den Großstädten zu Unruhen, in vielen Gebieten zu Bauernaufständen Sogar Teile der Rüstungsindustrie wurden bestreikt. Erstmals weigerten sich Kosaken, Streikende und Demonstranten zusammenzuschlagen. In Petrograd wurde ein Rat der Arbeiter- und Soldatendeputierten gebildet, der immer mehr Einfluß gewann. Vertreter der mit ihrem politischen Einfluß unzufriedenen Bourgeoisie nutzten die außer Kontrolle geratenen Unruhen in Petrograd, um den ohnehin überforderten Zaren zur Abdankung zu zwingen und die Regierungsgenschafte an sich zu reisen.

Schwierigkeiten des Neubeginns

So groß die Zustimmung zu diesem ersten Schritt zu sein schien – damit wurde keines der seit Jahrzehnten anstehenden Probleme gelöst. So wird auch verständlich, warum es schwer fällt, diese Phase als Revolution zu bezeichnen: Die Masse der Bürger Rußlands war und blieb mit der Ausweglosigkeit allgegenwärtigen Hungers, mit Krankheiten, dem Versagen des Gesundheitswesens, einer unvorstellbaren Verarmung und fortschreitender Verelendung konfrontiert. Besonders hart traf die Einberufung von immer mehr Familienvätern aus Arbeiter- und Bauernfamilien. Die selbst von Teilen des russischen Adels anerkannte Notwendigkeit der Übergabe des Bodens an die Bauern und langst überfällige sozialökonomische Reformen wurden verzögert. Dazu kamen Geschäfte der Großbourgeoisie, die sich in den Wirren dieser Tage durch den Ausverkauf der riesigen Bodenschätze des Landes an britische, französische und amerikanische Kapitalgesellschaften schamlos bereicherten.

Die Rückkehr Lenins aus dem Exil

In dieser Situation traf W.I. Lenin in der Nacht vom 3. April in Petrograd auf dem finnischen Bahnhof ein, wo er von tausenden Arbeitern, Soldaten und Matrosen begrüßt wurde. Auf einem Panzerwagen stehend rief er in einer improvisierten Rede zum Kampf für die sozialistische Revolution auf. Aber im Unterschied zur dort erlebten Begeisterung stießen der Vortrag seiner Aprilthesen und seine Forderung nach der Fortführung der Revolution in eine zweite sozialistische Etappe und nach der Übergabe der Macht in die Hände des Proletariats und der ärmsten Schichten der Bauernschaft in einer Beratung bolschewistischer Delegierter auf Zweifel und Bedenken.

Niederschlagung des Kornilowputsches

Mit der Fortführung des Krieges ‚bis zum siegreichen Ende’ und dem Scheitern der angekündigten Offensiven gewannen die eben noch in der Minderheit befindlichen Bolschewiki immer mehr Einfluß Ihre Forderungen nach sofortiger Beendigung des Krieges, Enteignung und Nationalisierung des Bodens, der Fabriken und der Banken und der Errichtung einer Republik der Sowjets der Arbeiter-, Landarbeiter- und Bauerndeputierten setzten die Interessen der Volksmassen auf die Tagesordnung. Und sie waren nicht machtlos: Nach den Erfahrungen der Revolution von 1905, nach Streikkämpfen und Auseinandersetzungen mit Polizei und Kosaken wurden in den Betrieben bewaffnete Gruppen und in Petrograd ein militärisches Revolutionskomitee gebildet. Nur dank ihres wachsenden Einflusses und ihres Kampfes gelang es, den von General Kornilow inszenierten konterrevolutionäre Putsch niederzuschlagen.

Sieg der Bolschewiki über die Konterrevolution

Als die immer mehr Einfluß verlierende Provisorische Regierung diese Organisationen der revolutionären Arbeiterschaft verbieten wollte, war das der Auftakt ihres Endes: Schon zuvor hatten fast alle Garnisonen der Armee und der Flotte ihre Offiziere abgesetzt und eigene Vorgesetzte gewählt Ganze Regimenter waren auf die Seite der Revolutionäre übergegangen Am 25. Oktober wurden die wichtigsten Machtzentren, das Fernmeldeamt, Bahnhofe, Brocken und Polizeistationen von organisierten und bewaffneten revolutionären Arbeitern, Soldaten und Matrosen besetzt. Der Winterpalast, der Sitz der provisorischen Regierung, fiel in die Hände der Revolutionäre, weil die dort eingesetzten Kadetten und ein Frauenbataillon dem Angriff der Roten Garde nichts mehr entgegen zu setzen hatte.

Warum hat die Oktoberrevolution gesiegt?

Wer aber verstehen will, warum mit dem 7. November 1917 in der durch Klassenkämpfe geprägten Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ein viel tiefgreifenderer Bruch eingeleitet wurde, kann nicht nur bei der bloßen Feststellung dieser Tatsachen stehenbleiben.

Der ausschlaggebende Unterschied zur französischen Revolution wird schon im Text der ersten Erklärung des Revolutionären Militärkomitees des Petersburger Sowjets der Arbeiter und Soldatendeputierten benannt. Dort stand: „An die Bürger Rußlands Die Provisorische Regierung ist gestürzt. Die staatliche Macht ist in die Hände der Organe des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten übergegangen, das an der Spitze des Petrograder Proletariats und der Garnison steht. Die Sache, für das das Volk gekämpft hat – der sofortige Abschluß eines demokratischen Friedens, die Aufhebung des Eigentums der Großgrundbesitzer am Boden, die Kontrolle der Arbeiter über die Produktion, die Bildung einer sowjetischen Regierung – sind gesichert. Es lebe die Revolution der Arbeiter, Soldaten und Bauern.“

Das Recht des Volkes wird Gesetz

Am 1. (16.) Januar 1918 beschloß das Gesamtrussische Zentrale Exekutivkomitee ein Dokument, in dem der Unterschied zu 1789 schon in der Überschrift zu lesen: Mit der ‚Deklaration der Rechte des werktätigen und ausgebeuteten Volkes’ wurde die historische Alternative zur Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte auf die Tagesordnung der Geschichte gesetzt. Wohl wissend, daß diese revolutionären Forderungen in der konstituierenden Versammlung, beim letzten Rest der geschlagenen bourgeoisen Macht auf Ablehnung stoßen mußte, wurde es hier nur vorgelegt, um die Ziele dieses Gremiums zu charakterisieren. Praktische politische Bedeutung erhielt dieses Dokument erst durch den III. Gesamtrussischen Sowjetkongreß, der die ‚Rechte des werktätigen und ausgebeuteten Volkes’ am 12.(25.)1.1918 als Grundlage der Sowjetverfassung bestätigte.

Macht und Eigentum in die Hände des Volkes

Erstens ging es um die Feststellung. daß die gesamte Staatsmacht den Sowjets übertragen und die Sowjetrepublik Rußland als „freier Bund freier Nationen als Föderation nationaler Sowjetrepubliken“ erklärt wurde. Unter II. und III. Folgten Festlegungen zu den Grundlagen der künftigen gesellschaftlichen Verhältnisse „Die Konstituierende Versammlung, die ihre Hauptaufgabe in der Abschaffung jeder Ausbeutung des Menschen durch den Menschen sieht, in der völligen Aufhebung der Scheidung der Gesellschaft in Klassen, in der schonungslosen Unterdrückung des Widerstandes der Ausbeuter, in der Schaffung einer sozialistisch organisierten Gesellschaft und im Sieg des Sozialismus in allen Ländern, beschließt ferner

  1. Das Privateigentum am Grund und Boden wird aufgehoben. Der gesamte Grund und Boden mit allen Baulichkeiten, allem Inventar und allem sonstigen Zubehör der landwirtschaftlichen Produktion wird zum Eigentum des gesamten werktätigen Volkes erklärt.

  2. Zur Sicherung der Herrschaft des werktätigen Volkes über die Ausbeuter und als erster Schritt zum völligen Übergang der Fabriken, Werke, Bergwerke, Eisenbahnen und sonstigen Produktions- und Verkehrsmittel in das Eigentum des Arbeiter- und Bauernstaates wird das Sowjetgesetz über die Arbeiterkontrolle und über den Obersten Volkswirtschaftsrat bestätigt.

  3. Übergang aller Banken in das Eigentum des Arbeiter- und Bauernstaates wird als eine der Vorbedingungen für die Befreiung der werktätigen Massen vom Joch des Kapitals bestätigt.

  4. Um die parasitären Schichten der Gesellschaft zu beseitigen, wird die allgemeine Arbeitspflicht eingeführt.

  5. Um den werktätigen Massen die unumschränkte Macht zu sichern und jede Möglichkeit einer Wiederherstellung der Macht der Ausbeuter auszuschließen, wird die Bewaffnung der Werktätigen, die Bildung einer sozialistischen Roten Armee der Arbeiter und Bauern und die völlige Entwaffnung der besitzenden Klasse dekretiert.“11

Damit war nicht nur in der Überschrift geklärt, daß es nicht um abstrakte Rechte ‚abstrakter Menschen’ geht. Sogar Angehörige von königlicher und Fürstenfamilien gehören bekanntlich zu dieser Spezies. 1789 ging es nicht um deren Rechte, sondern um die Interessen derer, die von denen unterdrückt und ausgebeutet wurden. Die hatten den entscheidenden Beitrag zum Sieg der Revolution geleistet. Aber deren Forderung nach Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit wurde mit der Freiheit der Eigentümer nicht nur nicht erfüllt, sondern verhöhnt. Schon damals ging es um eine ‚Gleichheit’, die schon dort aufhört, wo die einen nur leben können, wenn sie ihr Leben lang für jene arbeiten, die als Eigentümer auf ihre Kosten alle Freiheiten ausleben.

Das betrogene französische Volk

1789 und in den Folgejahren der Revolution wurde nicht nur das Volk von Paris um die Fruchte seines Kampfes betrogen. Zwar wurde der König hingerichtet, Kirchengüter enteignet und der Staatsapparat neu aufgestellt. Aber für Bauern und Sansculotten, d.h. jene die durch ihre zur Arbeit geeigneten Hosen als jene zu erkennen waren, die von körperlicher Arbeit lebten, hatte sich kaum etwas geändert 1917 wurden keine allgemeinen Menschenrechte, sondern die Rechte des werktätigen und ausgebeuteten Volkes deklariert.

Was ist in Frankreich falsch gelaufen?

Kropotkin hielt fest, was nach 1790 auf dem Lande ‚Gesetz’ war und blieb: „… wenn der Grundherr ein Recht vierzig Jahre lang besessen hat – gleichviel, was unter dem Ancien régime sein Ursprung war –, dann ist dieses Recht durch das Gesetz vom 15. März ein gesetzliches geworden. Der Besitz genügt. Es kommt wenig in Betracht, daß der Zinspflichtige die Rechtmäßigkeit gerade dieses Besitzes bestreitet; er muß trotzdem zahlen. Und wenn die aufständischen Bauern im August 1789 den Grundherrn gezwungen haben, auf gewisse Rechte zu verzichten, oder wenn sie seine Urkunden verbrannt haben, so genügt es jetzt, daß er den Beweis erbringt, daß er seit dreißig Jahren im Besitz der Rechte war, und diese Rechte werden wiederhergestellt.“12 Für die Bourgeoisie brachen goldene Zeiten an, für das arbeitende Volk trat die Lohnsklaverei an die Stelle der Leibeigenschaft…

…und nach der französischen Revolution

Dabei darf auch nicht ‚vergessen’ werden, was im Schlagschatten der per Dekret beendeten Revolution mit den Napoleonischen Kriegen in vielen europäischen Ländern Einzug hielt: Nicht nur Forderungen nach konstitutioneller Einschränkung der Macht der Alleinherrscher, nach Verfassungen und parlamentarischer Vertretung erhielten Auftrieb. Von französischen Truppen wurde der Code Civil als ‚Rheinisches Recht’ und Grundmuster des Bürgerlichen Gesetzbuches nach Deutschland hineingetragen. Damit wurden die Gewebefreiheit, die Abschaffung des Zunftzwanges, der Schutz des Privateigentums und das Erbrecht geregelt. Und da waren die noch viel wichtigeren technischen Umwälzungen auf dem Wege vom Handwerk zur Manufaktur und zur Fabrik, der Handel und eine ganze Welt neuer Möglichkeiten zur Bereicherung der Besitzenden.

Oktoberrevolution – eine radikale Änderung

Erst so wird verständlich, warum der Jahrestag des 7. November ein um historische Größenordnungen radikalerer Eingriff in die wirtschaftlichen und politischen Grundlagen der gesellschaftlichen Lebensverhältnisse war. Erst so beginnt man zu verstehen, was 1917 für die eben noch triumphierende Bourgeoise auf dem Spiel stand. Mit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution wurde ein Prozeß ausgelost, der weit über die von der russischen Bourgeoisie bei der Beseitigung der zaristischen Alleinherrschaft verfolgten egoistischen Absichten, Vorstellungen und Klasseninteressen hinaus führte.

Der unendliche Haß der Verlierer

Folgerichtig konzentrierte sich der Haß und die Macht all derer, die diese Revolution als Angriff auf ihre Interessen verstanden, gegen die neue Macht, gegen jene, die den Boden, Fabriken, Banken unter die Kontrolle des arbeitenden Volkes gebracht hatten und die in Jahrhunderten gewachsenen Privilegien liquidierten. Auf drei Jahre Weltkrieg folgten vier Jahre Bürgerkrieg und immer neue Interventionskriege. Aber es gelang nicht, das sozialistische Rußland wie die Pariser Kommune noch in den ersten Monaten seiner Existenz zu zerschlagen. daß dieses Ansinnen scheiterte, war Ergebnis des erbitterten Kampfes der Arbeiter und Bauern gegen den weisen Terror, gegen deutsche, polnische, britische, französische, amerikanische und japanische Intervenienten und die Mordbanden zentralasiatischer Despoten.

Sozialismus: neue gesellschaftliche Perspektiven

Wer sich vor diesem Hintergrund vor Augen fuhrt, was in diesem rückständigen, von Kriegen, bürger- und Interventionskriegen zerrütteten Rußland, was in der Sowjetunion in der Auseinandersetzung mit inneren und äußeren Feinden in den ersten Jahrzehnten geschaffen wurde, gewinnt eine Ahnung von den Dimensionen der mit dieser ersten erfolgreichen sozialistischen Revolution geschaffenen Perspektiven. Da war die Bildung für alle und die Beseitigung des Bildungsmonopols der Reichen, die Überwindung des Analphabetismus, der Bau neuer Hochschulen und Universitäten, der Aufbau eines allen zugänglichen Gesundheitswesens. Zeitgleich zur Weltwirtschaftskrise wurden die Vorbereitungen zur sozialistischen Industrialisierung auf den Weg gebracht. Mit der Elektrifizierung des Landes und durch die Fortschritte bei der Erschließung der riesigen produktiven Potenzen wurde der 1931 mit einem halben Jahrhundert kalkulierte Rückstand zu den führenden Industriestaaten aufgeholt.13 In allen Landesteilen entstanden industrielle Ballungszentren. Auch dieser Fortschritt stieß auf Unverständnis, Ablehnung, erbitterten Widerstand, Sabotage und Spionage.

Vergebliche Hoffnungen, drohende Gefahren

Die Hoffnung der Bolschewiki, daß die sozialistische Revolution in Rußland in Deutschland, Frankreich und anderen weiter entwickelten Industriestaaten revolutionäre Veränderungen auslosen wurde, hatte sich nicht bestätigt. Die UdSSR blieb in imperialistischer Umkreisung. Zeitgleich zur Vorbereitung immer neuer britischer und französischer Aggressionsplane breitete sich in Italien, Deutschland, Spanien und anderen Ländern die imperialistische Pest der reaktionärsten Kräfte des Rassismus, Chauvinismus, Nationalismus und Faschismus aus. Die auch nach den Interventionskriegen fortbestehende Gefahr eines Überfalls auf die junge Sowjetmacht hatte es notwendig gemacht, zeitgleich mit der Industrialisierung, zum Aufbau neuer Städte, Schulen, Universitäten und des Gesundheitswesens alle verfügbaren Kräfte zur Landesverteidigung zu mobilisieren.

Historische Überlegenheit des Sozialismus

Aus heutiger Sicht ist kaum nachvollziehbar, mit welcher Erbitterung, mit bürokratischer Blindheit und üblen Intrigen diese Auseinandersetzungen im Schlagschatten der faschistischen Gefahr ausgefochten wurden. Wie ernst dieser Streit war, wurde nicht erst nach dem Überfall Hitlerdeutschlands deutlich. Aber dabei erwies es sich, daß die sozialistische Sowjetunion im Unterschied zu den kapitalistischen Ländern Europas als einzige in der Lage war, dem Angriff der damals bestgerüsteten imperialistischen Armeen trotz großer Verluste nicht nur Stand zu halten. Es war, ist und bleibt das historische Verdienst der Volker der Sowjetunion, daß es ihnen gelang, die faschistischen Aggressoren durch äußerste Anstrengung aller Kräfte zu zerschlagen und so die faschistische Versklavung der Volker Europas zu beenden.

DDR: Demokratie im wahrsten Sinne…

Nicht weniger groß sind die Beitrage, die die UdSSR durch die Unterstützung einer demokratischen Nachkriegsentwicklung in den von ihr befreiten Ländern einbrachte. Mit der Enteignung der Kriegsverbrecher und Naziaktivisten wurden auch in der sowjetischen Besatzungszone demokratische Grundlagen für die Entstehung des Volkseigentums gelegt. Was auf der Grundlage des Volksentscheids über die Übergabe von Betrieben von Kriegs- und Naziverbrechern in das Eigentum des Volkes am 30. Juni 1946 durchgesetzt wurde, war Demokratie im wahrsten Sinne des Wortes.

Westen verhindert demokratische Entwicklung

Im Unterschied dazu fanden im Resultat solcher Volksabstimmungen in Hessen und anderen Ländern der westlichen Besatzungszonen getroffenen Entscheidungen zwar Eingang in die Landesverfassungen. Aber die Durchführung der in Artikel 40 der Landesverfassung Hessens festgeschriebenen Überführung von „Bergbau (Kohle, Kali, Erze), der Betriebe der Eisen- und Stahlerzeugung, der Betriebe der Energiewirtschaft und des an Schienen und Oberleitungen gebundene Verkehrswesen … (in Gemeineigentum …)“ wurde damals auf Befehl der westlichen Besatzungsbehörden verboten und steht bis heute nur auf dem Papier.

Sozialismus und Beginn des Kalten Krieges

In den Ländern Osteuropas und in der DDR wurden die politischen und wirtschaftlichen Interessen des werktätigen Volkes zur Rechtsgrundlage. Schon dieser Vorgriff auf eine von Ausbeutung und Unterdrückung freie Zukunft der Menschheit lies erahnen, welche Möglichkeiten damit erschlossen wurden.

Nachdem das noch vor dem Zusammenbruch des Hitlerregimes im Auftrag der britischen Regierung geplantem Abenteuer der Fortsetzung des zweiten Weltkrieges mit einem Angriff auf die UdSSR scheitern mußte, wurde der Kalte Krieg ausgelost. Zerrissen zwischen den Drohungen mit atomarem Terror, der dadurch aufgezwungenen Notwendigkeit, in kürzester Zeit einen eigenen militärisch-industriellen Komplex aus dem Boden zu stampfen, den übermenschlichen Anstrengungen beim Wiederaufbau des zerstörten Landes und der sich dabei einschleichenden Verselbständigung und Vernachlässigung von Gruppen- und Sonderinteressen erschöpfte die damit erneut eingeforderte äußerste Anstrengung aller Kräfte auch die letzten Reserven.

Ursachen für den Niedergang des Sozialismus

Aber hinter revolutionärem Pathos hatten sich Ende der fünfziger Jahre mit Erscheinungen der Arroganz eines sich verselbständigenden Partei- und Staatsapparates, mit politischer Blindheit und nachlassender Aufmerksamkeit für die Arbeits- und Lebensbedingungen der Werktätigen revisionistische Positionen in die sowjetische Führungsspitze eingeschlichen. Damit wurden der gewaltige Einfluß des durch die UdSSR, die Volksrepublik China und die sozialistische Staatengemeinschaft gebildeten sozialistischen Lagers und die damit verbundenen Erwartungen der ehemaligen Kolonialstaaten nachhaltig geschädigt. Fortlaufend unverhältnismäßig hohe Aufwendungen für die Landesverteidigung, fehlende Mittel und Möglichkeiten zur Entwicklung der Landwirtschaft, der Leichtindustrie und zur Versorgung der Bevölkerung und das Verschweigen und Vertuschen solcher Defizite lösten einen immer größer werdenden Rückstau von Problemen aus.

Privilegien, Überheblichkeiten und Fehler

Mit den ersten Privilegien für leitende Kader, der Bürokratisierung des Partei- und Sowjetapparates, dem Ausbau des Zentralismus und dem Abbau der demokratischen Kontrolle verfiel die Bindung der Partei- und Staatsführung mit den werktätigen Massen. Erscheinungen von Überheblichkeit und Selbstbeweihräucherung bereiteten den Boden für Kapitulanten und Verräter. Angesichts sich häufender Fehlentscheidungen, bei Katastrophen zutage tretender Unfähigkeit, angemessen zu handeln und immer offensichtlicher werdenden Versorgungsproblemen kam es zu Unruhen, die den Verfallsprozeß einleitenden.

Die kritischen Warnungen Rosa Luxemburgs

Rosa Luxemburg kam in ihrer Würdigung der russischen Revolution zu der ernüchternden Feststellung, daß versucht wurde, „die Verantwortlichkeit des internationalen, in erster Linie des deutschen Proletariats für die Geschicke der russischen Revolution abzuwälzen, die internationalen Zusammenhänge dieser Revolution zu leugnen. Nicht Rußlands Unreife, sondern die Unreife des deutschen Proletariats zur Erfüllung der historischen Aufgaben hat der Verlauf des Krieges erwiesen, und dies mit aller Deutlichkeit hervorzukehren ist die erste Aufgabe einer kritischen Betrachtung der russischen Revolution.“14 Auch und gerade angesichts der strategischen Niederlage, die der Sache des Sozialismus mit der schrittweisen Demontage des sozialistischen Lagers zugefügt wurde, dieser Satz hat nichts an Bedeutung verloren.

…und ihre heutigen Verleumder

In der Kritik und in der Verleumdung des realen Sozialismus wurde und wird ein Teilsatz der Rosa Luxemburg zitiert. Aber ihre Worte zur ‚Freiheit der Andersdenkenden’ wird nur teilweise zitiert und falsch interpretiert. Im Original einer Bemerkung, die sie nie veröffentlicht hat, steht dort: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für die Mitglieder der Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ‚Gerechtigkeit’, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ‚Freiheit’ ein Privileg wird.“15 Bei Engels ist nachlesbar, daß es „das letzte Ziel“ einer Partei ist, die sich die Interessen des Proletariats zu Eigen macht, „die Eroberung der politischen Herrschaft der Arbeiterklasse proklamieren, zum Zwecke der unmittelbaren Aneignung sämtlicher Produktionsmittel.“16

„Jawohl: Diktatur…“

Die Position der Rosa Luxemburg wird erst dann klar, wenn man liest, was im gleichen Artikel in der Auseinandersetzung mit der von ihr als „Grundfehler der Lenin-Trotzkischen Theorie“ angesehenen Gegenüberstellung von Diktatur und Demokratie zur Diktatur des Proletariats zur sozialistischen Diktatur steht: „Jawohl: Diktatur! Aber diese Diktatur besteht in der Art der Verwendung der Demokratie, nicht in ihrer Abschaffung, in energischen, entschlossenen Eingriffen in die wohlerworbenen Rechte und wirtschaftlichen Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft, ohne welche sich die sozialistische Umwälzung nicht verwirklichen läßt. Aber diese Diktatur muß das Werk der Klasse und nicht einer kleinen, führenden Minderheit im Namen der Klasse sein, d.h., sie muß auf Schritt und Tritt aus der aktiven Teilnahme der Massen hervorgehen, unter ihrer unmittelbaren Beeinflussung stehen, der Kontrolle der gesamten Öffentlichkeit unterstehen, aus der wachsenden politischen Schulung der Volksmassen hervorgehen.“17

Unermeßliche Leiden, unzählige Irrtümer

Auch und gerade angesichts der Erfahrungen mit dem Zerfall des sozialistischen Lagers und der konterrevolutionären Demontage des realen Sozialismus waren und sind auch diese Hinweise mit allem gebotenen Ernst zu durchdenken. Das trifft auch die von ihr unter dem Pseudonym ‚Junius’ veröffentlichten Broschüre zur ‚Krise der Sozialdemokratie’. Mit „rücksichtslose(r), grausame(r), bis auf den Grund der Dinge gehende(r) Selbstkritik“ stellte sie klar, daß das Proletariat nach der Kapitulation der internationalen Sozialdemokratie die geschichtliche Erfahrung machen muß, daß „sein Dornenweg der Selbstbefreiung .. nicht bloß mit unermeßlichen Leiden, sondern auch mit unzähligen Irrtümern gepflastert (ist).“18 Mit Bezug auf die Marxsche Analyse des Klassenkampfes in Frankreich erkannte sie in der „Heftigkeit der Auseinandersetzungen im Schose der Gesellschaft … die Größe der Aufgaben, die vor dem sozialistischen Proletariat“19 stehen. Schon damals erkannte sie in der Alternative zwischen dem „Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei“ ein „Dilemma der bürgerlichen Gesellschaft“, das zugleich das „Dilemma der Weltgeschichte“ ist.20

Verteilungskämpfe – Klassenkämpfe

Siebzig Jahre später wurden diese Gedanken von Hermann Kant fast wörtlich aufgegriffen. Auf die Frage: „Was wurde der Sieg des Kapitalismus über den Sozialismus der Welt kosten?“ verwies er zunächst auf die Verteilungskampfe, die dann drohten: „Wir haben uns den anderen weggenommen, sie wollen uns wiederhaben.. – Gälte ‚Proletarier aller Länder, vereinigt euch!’ nicht, träte ‚Kapitalier aller Länder, bereichert euch!’ in Geltung und alle bisherige Geschichte von Klassenkämpfen wäre vergleichsweise besonnte Vergangenheit.“21 In dem seither vergangenen viertel Jahrhundert haben sich diese Sorgen bestätigt: Im Zuge ihrer Umverteilungs- und Machtkämpfe haben die USA und ihre NATO-Partner die Welt mit Waffenexporten und immer neuen Kriegen überzogen.

Verselbständigung des Finanzkapitals

Heute stehen die Milliarden der von lohnabhängiger Arbeit abhängigen Menschen vor noch viel weiter reichenden Herausforderungen. Im Fabrikkapitalismus der freien Konkurrenz war die Ausbeutung der lebendigen Arbeit die entscheidende Quelle aller Profite. Mit dem Übergang zur industriellen Großproduktion gewann die allgemeine wissenschaftliche Arbeit mit der Entwicklung immer raffinierterer technischer Mittel und technologischen Verfahren immer größeren Einfluß auf die Effektivität der Produktion. Mit der spekulativen Vermehrung des Börsenkapitals ausgelöst, begann ein von immer neuen Krisen charakterisierter Verselbständigungsprozeß des Finanzkapitals.

Kapitalismus und immerwährende Krisen

Mittlerweile sind Krisen zur Daseinsweise des Kapitals geworden. Im Vergleich des in den hochentwickelten Industriestaaten in der Landwirtschaft, in Industrie und Handwerk und im Dienstleistungswesen tätigen Anteils der arbeitsfähigen Bevölkerung wird sichtbar, daß mit immer geringerem Anteil an lebendiger Arbeit ein immer größerer Reichtum produziert wird. Nicht nur umweltschädigende sondern auch Fertigungsverfahren, die immer noch mit einem vergleichsweise hohen Aufwand an lebendiger Arbeit verbunden sind, werden in Billigstlohnländer ausgelagert. Derzeit sind weltweit mehr Menschen lohnabhängig, als je zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Arbeitsfähigkeit wird Eigentum der Bourgeoisie

Aber es gibt nicht nur den dramatischen Differenzierungsprozeß zwischen Hightech-Staaten, Schwellenländern und aussichtslos abgedrängten Völkern der dritten Welt. Parallel dazu wurde und wird mit der Entwicklung und dem Einsatz von Robotersystemen, Mikroprozessoren mit Intelligenz, Nano-, Bio-, Chemoinformatik und -technologie und den damit eingeleiteten Umwälzungen in allen bestehenden und mit der Erschließung neuer Anwendungsbereiche ein Prozeß eingeleitet, in dem nicht mehr ‚nur’ die Produktionsmittel und die Resultate der Arbeit, sondern nun auch die Arbeitsfähigkeit Eigentum der Eigentümer wird.

Reichtum, Vergeudung und bitterste Armut

Die geradezu unvorstellbaren Dimensionen dieses produktiven Reichtums waren die materiell-technische Grundlage eines menschenwürdigen Lebens für alle heute und künftig lebenden Generationen. Aber schon mit der Verwertung der ersten Anfange dieser Entwicklung wurden sozialökonomische Umverteilungsprozesse auf den Weg gebracht, die die Grenzen aller bisherigen Vorstellungen sprengen.

Doch im selben Maße, in dem weltweit eine immer größere Zahl von Menschen um ihre Existenzgrundlagen gebracht, in immer ärmere Verhältnisse abgedrängt, aus der sich mit beschleunigender Dynamik drehenden Spirale des Verwertungsprozesses herausgeschleudert werden, in dem eine immer kleiner werdende Gruppe superreicher Multimilliardäre immer größere Reichtümer zusammenrafft, gewinnt auch die Frage nach der Gerechtigkeit dieses Systems zunehmend an Bedeutung. Vorerst entlädt sich die wachsende Empörung über die Vergeudung des heute verfügbaren Potentials im egoistischen Interesse einer kleinen Schicht Superreicher wie in einem Zerrspiegel der Ängste und Sorgen.

Die Bourgeoisie produziert ihre eigenen Totengräber

Marx und Engels hatten unter den Bedingungen des damaligen Fabrikkapitalismus im ‚Manifest der Kommunistischen Partei’ erkannt: „Mit der Entwicklung der großen Industrie wird also unter den Füßen der Bourgeoisie die Grundlage selbst hinweggezogen, worauf sie produziert und die Produkte sich aneignet. Sie produziert vor allem ihren eigenen Totengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.“22 Mit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution wurde diese Ankündigung erstmals in der Geschichte der Menschheit verwirklicht. Diese historische Erfahrung wird auch in den kommenden Kämpfen um die Interessen und Rechte all derer unentbehrlich sein, die ihr Leben durch und mit ihrer Arbeit erwerben. Die Bedingungen werden andere sein. Die Formen dieser Kampfe mögen sich unterscheiden. die Konfrontation zwischen denen, die den von der ganzen bisherigen Menschheit erarbeiteten Reichtum an sich gerissen haben, und denen, deren erarbeitete Rechte unterdrückt wurden und werden, ist so alt wie die Geschichte der Klassenkämpfe. Aber dieses Ende ist absehbar.

Klaus Hesse

Anmerkungen:

1‚ Große Sozialistische Oktoberrevolution …’ „Diese Seite ist blockiert. Ihre IP-Adresse wurde an den Föderalen Sicherheitsdienst übergeben wegen des Besuchs extremistischer Seiten.“

2 Rede von Winston Churchill in Fulton/USA, 5. März 1946, unter: http://www.chronik-der-mauer.de/180128/rede-von-winston-churchill-in-fulton-usa-5-maerz-1946

3 P. A. Kropotkin: Die Große Französische Revolution 1789-1793 – Band 1, unter: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-grosse-franzosische-revolution-1789-1793-band-i-2977/20

4 Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, unter: http://www.verfassungen.eu/f/ferklaerung89.htm

5 ebenda

6 F. Engels: Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, MEW Bd. 1, S. 500

7 U. Wesel: Frühformen des Rechts in vorstaatlichen Gesellschaften, Frankfurt a.M. 1985, S. 95 (unterstrichen K.H.)

8 ebenda S. 96

9 ebenda S. 97

10 А. Брусилов: Царская Россия в цифрах (A. Brusilow: Das zaristische Rußland in Zahlen), unter: http://www.rusproject.org/node/25

11 W.I. Lenin: Deklaration der Rechte des werktätigen und ausgebeuteten Volkes, LW Bd. 26, Berlin 1961, S. 422ff.

12 P. A. Kropotkin: Die Große Französische Revolution 1789-1793 – Band 1, unter: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-grosse-franzosische-revolution-1789-1793-band-i-2977/20

13 Am 4.2.1931 hatte Stalin in seiner Rede auf der ersten Allunionskonferenz der Arbeiter der sozialistischen Industrie festgestellt: „Wir sind hinter den führenden Ländern 50 bis 100 Jahre zurückgeblieben. Wir müssen diesen Rückstand in zehn Jahren überwinden. Entweder wir schaffen das oder man wird uns zerschmettern.“ И.В. Сталин: О задачах хозяйственников (I.W. Stalin: Uber die Aufgaben der Wirtschaftler), unter: http://www.hrono.info/libris/stalin/13-18.php

14 R. Luxemburg: Zur russischen Revolution, in: R. Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd. 4, August 1914 bis Januar 1915, Berlin 1990, S. 333f.

15 ebenda S. 359, Fußnote 3 – Bemerkung am linken Rand ohne Einordnungshinweis

16 F. Engels: Lage der arbeitenden Klasse – Vorrede zur amerikanischen Ausgabe 1887, MEW Bd. 2, Berlin 1962, S. 632

17 R. Luxemburg: Zur russischen Revolution, in: R. Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd. 4, August 1914 bis Januar 1915, a.a.O., S. 363f

18 dieselbe: Die Krise der Sozialdemokratie Anhang: Leitsatze über die Aufgaben der internationalen Sozialdemokratie, RLGW Bd. 4, Berlin 1990, S. 53

19 Ebenda S. 56f.

20 Ebenda S. 62

21 H. Kant: Es käme die Barbarei, in: Die Zeit – Nr. 39 v. 22.9.1989

22 K. Marx, F. Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, MEW Bd. 4, Berlin 1959, S. 474

 

Acrobat Reader  Klaus Hesse Zum hundertsten Jahrestag

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12 Antworten zu Klaus Hesse: Gedanken zum 100. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution

  1. Vorfinder schreibt:

    Danke an Klaus Hesse für diesen würdigen Artikel! Und Danke an Sascha für das einstellen hier! Es ist betrüblich, wie insgesamt mager in unseren Reihen diese große weltverändernde, lichte Revolution geehrt wird. Diese oder jene Konferenzen, bei der ohnehin immer dieselben zusammenkommen, sind nicht geeignet, den Menschen von den Antworten zu erzählen, die unsere Sache, die Sache der Menschheit hat. Kaum ein junger Mensch weiß heute, welcher Neubeginn die Oktoberrevolution für die Menschheit war – und im Wiedererstrahlen sein kann. Wenn die K-Parteien und Mitglieder sich untereinander beglückwünschen, ist dies leider kein Ansprechen der Jugend. Und in welcher Familie ist der Rote Oktober heute ein Ereignis.

    Ich werde den Link zu dem Artikel weiterleiten. Wenn wir über unsere Sache in Ehre und Stolz und in Zuversicht nicht reden, worüber dann. Der tägliche politische Aktionismus hat unsere Reihen nicht von der Stelle gebracht. Aus der Oktoberrevolution gibt es viel zu lernen. Insbesondere nicht zu vergessen, dass der Sieg errungen werden KANN. Wir dürfen nur nicht der Barbarei das Handeln überlassen.

  2. Politnick schreibt:

    Unter Anmerkungen:
    1) Große Sozialistische Oktoberrevolution „Diese Seite ist blockiert. Ihre IP-Adresse wurde an den Föderalen Sicherheitsdienst übergeben wegen des Besuchs extremistischer Seiten.“
    Was ist das denn für ein Quatsch?
    Freundschaft 😉

    • sascha313 schreibt:

      Ist schon geklärt. Ich denke, es war eine mit einem Virus infizierte Seite und der Text nicht mehr als ein übler Scherz. Es gibt überdies Dutzende ernstzunehmender Seiten zum Thema Oktoberrevolution.

  3. Politnick schreibt:

    Ja lieber Sascha, das da „Es gibt überdies Dutzende ernstzunehmender Seiten zum Thema Oktoberrevolution. “ freut mich außerordentlich und auch ich trage zur Verbreitung des ML bei und habe dazu u.a. Deinen Feed neben dem Schrammejournal und Kommitter auf meine Seite gebracht. Vielleicht sollten wir noch ein richtiges Forum aufstellen? Die Software habe ich fertig 😉

    Freundschaft 😉

  4. Pingback: Klaus Hesse: 100. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution — Sascha’s Welt | Schramme Journal

  5. Rolf schreibt:

    Also ich bleibe hier, bei Sascha!
    Rolf

    • Politnick schreibt:

      Schlecht ist hier, daß Dialoge nur eine begrenzte Tiefe haben, so daß man nicht immer antworten kann. Ein offenes Forum hat diesen Mangel nicht.

      Freundschaft 😉

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