Ein bißchen Kybernetik…

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Begründer der Kybernetik: Norbert Wiener

Die Kybernetik als Wissenschaft von der Übertragung, Wandlung, Speicherung und Steuerung von Infomationen hat ja in den 1960er bis siebziger Jahren eine große Rolle gespielt. Doch als klar wurde, daß diese Wissenschaft nicht nur für technische Belange von Nutzen sein kann, sondern auch für die menschliche Gesellschaft – und zwar im Interesse des gesellschaftlichen Fortschritts – verschwand sie allmählich wieder von der Bildfläche, und sie führt heute kaum mehr als ein Nischendasein. Doch es gelang einigen Wissenschaftlern durchaus, einige Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung zu bestätigen, die Karl Marx und Friedrich Engels lange zuvor schon entdeckt hatten. Daß das natürlich nicht im Sinne des sich weiterentwickelnden Imperialismus war, kann man sich denken. Worin besteht nun das Wesen dieser Entdeckungen?

Kybernetik – Die Kunst der Staatenlenkung?!

Im Jahre 1969 schrieb man im „Wörterbuch der Kybernetik“:

Das Wort „Kybernetik“ ist von dem griechischen κυβερνητική abgeleitet und bezeichnete ursprünglich die Kunst, Schiffe zu steuern. Es wurde bereits von Plato in verallgemeinertem Sinne zur Bezeichnung der Kunst der Staatenlenkung benutzt. Von großer Bedeutung für die Entwicklung und Präzisierung des Kategoriengefüges der Kybernetik sowie ihrer Forschungsmethoden war das 1956 erschienene Buch von W. R. Ashby „An Introduction to Cybernetics“ (Eine Einführung in die Kybernetik). Die weitere Entwicklung ist längst nicht mehr das Werk einiger weniger Spezialisten verschiedener Länder. Davon zeugt eine Reihe nationaler und internationaler Kongresse der letzten Jahre, die dem Gesamtkomplex der Kybernetik oder den Problemen einzelner ihrer Anwendungsgebiete gewidmet waren. [1]

Über Störungen, Reparaturen und die parasitäre Lebensweise

Unter anderem gab es da eine Reihe sowjetischer Wissenschaftler, die dazu einige interessante Forschungsergebnisse beisteuern konnten. So schrieb z.B. der sowjetische Kybernetiker A.D. Ursul,

daß die Steuerung im System gewöhnlich nur in bezug auf bestimmte Störungen verwirklicht wird und andere Störungen nicht überwunden werden. Ungeachtet des Vorhandenseins der Steuerung kann sich der allgemeine Informationsinhalt eines Systems natürlich verringern. So sind die heutigen kybernetischen Anlagen, deren Steuerung auf dem Rückkopplungsprinzip beruht, nur auf bestimmte Störungen „eingestellt“, während viele andere Störungen sie außer Betrieb setzen und sich der Mensch mit ihrer Reparatur beschäftigt. Analoge Beispiele kann man aus dem Gebiet der belebten Natur anführen: Die Anpassung an eine parasitäre Lebensweise führt zu einer allgemeinen Verringerung des Informationsinhaltes eines Organismus, obgleich er in vieler Hinsicht normal funktioniert. Somit ist die Steuerung nur auf bestimmte Weise mit der Erhaltung oder der Erhöhung der Informationsmenge verbunden. Damit ein System seinen Informationsinhalt in bezug auf eine immer größere Anzahl von Störungen erhöht oder erhält, ist eine immer größere Zahl von Steuersystemen erforderlich. Ein Anwachsen der Zahl der Steuersysteme im kybernetischen System führt zur Erhöhung der Strukturinformation, aber das verlangt den Einsatz neuer Steuersysteme usw. Das ist der Ablauf der Evolution von solchen kybernetischen Systemen, wie es die lebenden Organismen sind.[2]

Was damit gemeint ist, dürfte klar sein, wenn man sich die Manipulierung des Bewußtseins im heutigen staatsmonopolistischen Kapitalismus ansieht. Je mehr das „System“ versucht, die auftretenden „Störungen“ zu beseitigen, die durch eine dialektisch-materialistische Denkweise entstehen, um so weniger ist es in der Lage andere Störungen zu beseitigen, die durch Falschmeldungen und Irrtümer verbreitet werden. Durch eine „parasitäre Lebensweise“ nimmt der Informationsgehalt ab und die Steuerung wird erschwert durch zahllose Reparaturen, die erforderlich sind, um das „System“ als solches am Leben zu erhalten. Folglich ist eine neue Struktur erforderlich und ein „neues Steuersystem“. (Selbstverständlich könnte der Autor damit auch die Sowjetunion unter dem Regime des sowjetischen Revisionismus nach dem XX.Parteitag der KPdSU gemeint haben, womit dann auch die „Sklavensprache“ erklärlich ist, in der dieser Text gehalten ist.)

Die Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung ist aber auch durch zeitweilige Rückschläge nicht aufzuhalten. Darüber schreibt Georg Klaus:

Zuverlässigkeit und Sicherheit der Erkenntnis

Die traditionelle materialistische Erkenntnistheorie hat die Zuverlässigkeit der Erkenntnis im wesentlichen als gesichert angesehen. Es wurden zwar bestimmte Erscheinungen, wie Sinnestäuschungen, logische Schlußfehler usw., analysiert, aber ein besonderes Problem machte man aus ihnen nicht, da man – mit einem gewissen Recht – auf die praktischen Erfolge verweisen konnte, die ein ausreichender Beweis dafür sind, daß die menschliche Erkenntnis die objektive Realität im wesentlichen tatsächlich richtig abbildet.

Richtige Widerspiegelung ist keine Selbstverständlichkeit

Unter den Gesichtspunkten der modernen Kybernetik zeigt sich nun aber, daß die richtige Widerspiegelung keineswegs ohne weiteres selbstverständlich ist und daß ein tieferes Verstehen des Abbildprozesses ohne die neuesten Einsichten der Neurophysiologie, der Kybernetik und insbesondere der Informationstheorie nicht möglich ist. Das allgemeine Schema der materialistischen Erkenntnistheorie:

objektiv-real existierender Gegenstand ⇒ Wirkungen, die von diesem Gegenstand ausgehen ⇒ Erfassung dieser Wirkungen durch die menschlichen Sinnesorgane ⇒ Umwandlung des physischen Reizes in eine Bewußtseinstatsache ⇒ geistige Verarbeitung dieser Bewußtseinstatsachen ⇒ Einwirkung des Menschen auf seine Umwelt auf der Grundlage dieser Bewußtseinstatsachen und ⇒Überprüfung der Richtigkeit der geistigen Abbilder der objektiv-real existierenden Dinge

behält zwar auch angesichts der neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft seine volle Gültigkeit, es zeigt sich aber, daß der Informationsfluß und die Art und Weise der Informationsverarbeitung, die wir bereits charakterisiert haben, viel komplizierter sind, als man dies bisher annahm. Diese Problematik umfaßt mehrere Aspekte. Zunächst ist da das Phänomen der Störung dieser Prozesse.

Die Störungen des Erkenntnisprozesses

Störungen des Erkenntnisprozesses sind nicht etwa eine Erscheinung, die man als – im Sinne der wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten – zufällig-nebensächlich vernachlässigen dürfte. Das Begriffspaar Störung – Information ist also ein Spezialfall des Begriffspaares Zufall – Gesetz und das Problem muß deshalb lauten: Wie ist angesichts der Unvermeidlichkeit solcher Störungen Erkenntnis und vor allem richtige Erkenntnis möglich?

Ist wissenschaftliche Voraussicht überhaupt möglich?

Ein weiteres Problem, das sich hier ergibt, ist das Problem der Voraussicht. Eine mechanisch-materialistische Betrachtungsweise sieht hier keine prinzipielle Schwierigkeit. Für sie ist im Sinne des Laplaceschen Dämons* der Zustand der gegenwärtigen Weltvöllig und in allen Einzelheiten durch die Naturgesetze streng determiniert. … Wie also und in welchem Umfangist Voraussicht in einer welt möglich, in der die Informationen prinzipiell Störungen unterliegen, in der die Zukunft, die wir vorausberechnen wollen, eine Zukunft ist, die durch Störungen und Zufall beeinflußt werden kann? [3]

Quelle:
[1] Wörterbuch der Kybernetik. Dietz Verlag Berlin, 1969, S.329.
[2] A.D. Ursul: Information. Eine philosophische Studie. Dietz verlag berlin, 1970, S.95.
[3] Georg Klaus: Kybernetik und Erkenntnistheorie. VEB Verlag Deutscher Wissenschaften, Berlin, 1972, S.71f.

*Unter einem Laplaceschen Dämon wird hier verstanden, daß es mittels eines mathematischen Weltgleichungssystems möglich sei, unter der Kenntnis sämtlicher Naturgesetze und aller Initialbedingungen wie Lage, Position und Geschwindigkeit aller im Kosmos vorhandenen physikalischen Teilchen, jeden vergangenen und jeden zukünftigen Zustand zu berechnen und zu determinieren. Nach dieser Aussage wäre es theoretisch möglich, eine Weltformel aufzustellen, was natürlich unsinnig ist.

(Hervorhebungen und Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

Nachtrag:
Nachdem Stalin auf Anregung des Akademiemitglieds M.A. Lawrentjew im Juni 1948 die Gründung eines Instituts für exakte Mechanik und Rechentechnik veranlaßt hatte, wurde bereits kurz darauf in der UdSSR die erste elektronische Rechenmaschine patentiert. Doch als im April 1952 in der „Literaturnaja Gaseta“ ein Schmähartikel gegen die Kybernetik (als obskurante Pseudowissenschaft) erschienen war, schien die sowjetische Forschung auf diesem Gebiet zu stagnieren. Ungeachtet dessen entwickelte sich die Rechentechnik weiter. 1955 wendete sich das Blatt erneut und die bisherigen Forschungen auf dem Gebiet der Kybernetik fanden auch in der DDR ihren Widerhall. Die Idee des sowjetischen „Vaters der Kybernetik“ A.I. Kitow (1959) zur Schaffung eines sowjetischen Internets wurde jedoch von Chruschtschow verhindert und Kitow aus allen Funktionen entfernt. 1970 hatte man dann in Chile unter Allende versucht, die Volkswirtschaft nach kybernetischen Prinzipien aufzubauen, was jedoch nach dem Putsch 1973 abrupt beendete wurde und zur Zerstörung aller bisherigen Ergebnisse führte.
Prof.Georg Klaus, der 1975 (neben Manfred Buhr) auch für die Herausgabe des Philosoph.Wörterbuchs der DDR verantwortlich zeichnete, hat sich nachdrücklich für die Kybernetik eingesetzt; er sah sie schon als integrierende Wissenschaft auf fast allen Gebieten. Diese überschwengliche, ja fast euphorische Sicht ist sicher auch auf eine gewisse Skepsis zurückzuführen, die man bis dahin (und nicht ohne Grund) gegenüber bürgerlichen Wissenschaftlern hegte.

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8 Antworten zu Ein bißchen Kybernetik…

  1. Hat dies auf Muss MANN wissen rebloggt und kommentierte:
    DANKE dir

    für deine wichtige Einleitung!

  2. Nadja Norden schreibt:

    Hallo Genosse Norbert,
    Ich gebe zu bedenken und möchte darauf aufmerksam machen, daß die Kybernetik aus ideologischen Gründen Anfang der 1950er Jahre als „reaktionäre Pseudowissenschaft“ gedeutet wurde (Philosophisches Handwörterbuch Moskau 1954). Nach dem XX. Parteitag der KPdSU trat in dieser Hinsicht eine Wende ins andere Extrem ein. Es kann durchaus sein, daß es richtig war, Kalte-Kriegs-Reflexe in der Wissenschaftsrezeption zu überwinden, aber auch bei uns geriet die Kybernetik – aus ideologischen Gründen – Ende der siebziger Jahre im Hintergrund. Wir haben ähnliches erlebt mit der „Prognose“. Ich bin keine Expertin, bin aber skeptisch. Freundschaft, Nadja

    • sascha313 schreibt:

      Danke, Nadja. So genau habe ich das noch nicht untersucht. Aber Du hast recht – aus rein ideologischen Gründen eine Theorie (und sei sie auf den ersten Blick noch so abwegig) einfach so zu verwerfen, ist zumindest unklug.

    • Harry 56 schreibt:

      Hallo Nadja, auch in der Genetik gab es da einige – teilweise – auch ideologische Reflexe! Aber auch die bürgerliche Wissenschaft glaubte ja so um die Jahrhundertwende von 19. zum 20.Jahrhundert, die Physik wäre beinahe „abgeschlossen“….., noch vor allem „Marxismus“ ..- 🙂 Bürgerliche Ideologie sogar in der „Königin der Wissenschaften“, der Physik! Nun, wat sagste nun ?

  3. Politnick schreibt:

    Ein schönes Beispiel für Erkenntnistheorie: http://rolfrost.de/sozial.html

    Ansonsten sehe ich Kybernetik als die Wissenschaft der Querdenker. Als z.B. der sowjetische Schriftsteller Kasanzew die Explosion in der Tunguskaregion von 1908 untersuchte, stellte er erstaunliche Ähnlichkeiten mit der Explosion der Hiroschimabombe fest. Kulik hingegen war Geologe, er hatte beim Erforschen der Katastrophe nicht den geringsten Erfolg, denn er suchte einen Krater den es nicht gibt weil die Explosion in 10 km Höhe stattfand. Solotov hingegen war Physiker der sämtliche Parameter dieser Explosion berechnen konnte, weil er eben Physiker ist.

    Mehr dazu: http://rolfrost.de/tunguska

    Ein Rätsel was sensationshungrige Wissenschaftsjournalisten NIE lösen werden. Ich habe noch einen dicken Ordner mit Augenzeugenberichten die ich demnächst mal durchackern werde. Sämtliche „Forscher“ der westlichen Welt ignorieren diese Berichte bis heute. Von daher ist das auch nur Käse was die schreiben.

    Freundschaft 😉

    • sascha313 schreibt:

      Mmmh – makaberer Versuch… und über die Tunguska Explosion gibt es mindestens ein halbes Dutzend Hypothesen… mir ging es hier aber hauptsächlich um die Frage, wie sich „Störungen“ auf ein System auswirken können. Und solche „Störungen“ sind ja heute schon exakte wissenschaftliche Erkenntnisse über das Wesen der menschlichen Gesellschaft, da sie bürgerliche Hirngespinste und die soziologische Mystik zerreißen

      • Politnick schreibt:

        Genau! Und die einzig akzeptable Erklärung der Explosion in der Taiga würde die gesamte bisher in der westlichen Welt verbreitete Geschichte der Menschheit zum Einsturz bringen. Möglicherweise hat das Leonid Kulik ja schon in den 20ern geahnt und musste deswegen im KZ der Nazis sterben.

        Unbefangen ist nur, wer marxistisch dialektisch an diese Sache herangeht. Und da nämlich sind hunderte Hypothesen mit einem Schlag wie weggefegt. Danke Felix Siegel und ungezählten Forschern der Sowjetunion!

        Freundschaft 😉

  4. Politnick schreibt:

    Und noch etwas zum Thema Regelung: Eine Regelung muss die Störgrößen nicht kennen, genau das ist der Grund warum Regelungen gebaut werden. Egal also, ob jemand das Fenster aufmacht oder ob der Heizwert des Öls schwankt, die Regelung sorgt stets für eine konstante Temperatur.

    Steuerungen hingegen zielen auf eine ganz konkrete Störgrößen ab. Steuerungen die in Regelkreise eingebaut sind, werden als Störgrößenaufschaltungen bezeichnet. Wenn z.B. die Heizleistung abhängig von der Außentemperatur geschaltet wird, ist das eine Störgrößenaufschaltung die sich konkret gegen die Außentemperatur als Störung richtet.

    Freundschaft 😉

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