Sprachheilschulen in der DDR

artikulWie war das in der DDR? Die Pädagogische Enzyklopädie gibt uns Auskunft darüber, wie rührend und liebevoll sich der Staat um die Kinder mit Sprachstörungen gekümmert hat. Da brauchten sich die Eltern keine Sorgen zu machen – es gab Sprachheilkindergärten, -schulen und sogar -kinderkurheime, in denen alles nur Mögliche getan wurde, um den betroffenen Kindern den Weg in ihr künftiges Leben zu erleichtern.

Sprachheilschulen sind Sonderschulen für Kinder und Jugendliche mit schweren Sprachstörungen, die ambulant nicht erfolgreich behandelt werden können.

Was sind Sprachstörungen?

Schwere Sprachstörungen in diesem Sinne sind alle Abweichungen von der Norm der mündlichen Umgangssprache oder der Schriftsprache, sofern dadurch gesellschaftlicher Verkehr, individuelle Entwicklungs- und Leistungsmöglichkeiten und Ansehen einer Person erheblich beeinträchtigt werden. Hauptsächliche Sprachstörungen im Kindes- und Jugendalter sind: Stummheit, verzögerte Sprachentwicklung, Laut-, Wort- und Satzstammeln. Stottern, Lese- und Rechtschreibschwäche (Störungen der Schriftsprache).

Welche Ursachen gibt es?

Ursachen für Sprachstörungen können anatomische oder funktionelle Mängel im rezeptiven oder produktiven, im peripheren oder zentralen Bereich der Sprachorgane sein. Oft spielen Umwelteinflüsse als auslösende Faktoren eine entscheidende Rolle, Sprachstörungen entstehen zum überwiegenden Teil im Vorschulalter.

Wieviele Kinder sind davon betroffen?

Die Verbreitung behandlungsbedürftiger Sprachstörungen im Vorschulalter wird von R. Becker mit etwa 11 Prozent angegeben, im Schulalter von P. Voigt mit 1,00 Prozent. P. Voigt rechnet mit 0,15 Prozent Schülern, die einer Aufnahme in die Sprachheilschule bedürfen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gab es?

Die Diagnostizierung von Sprachstörungen ist Aufgabe des Sprachheilpädagogen (Logopäden), der Fachärzte (Neurologe und Psychiater, Otorhinolaryngologe, Stomatologe und Pädiater) und des Psychologen. Dieser große personelle Aufwand ist nötig, da Sprachstörungen oft Teilsymptome verschiedenartiger Erkrankungen sind und weil eine Sprachstörung ihrerseits wieder zu schweren Verhaltensstörungen führen kann. Jede Sprachtherapie setzt voraus, daß die Sprachstörung gewissenhaft durch Symptomatologie und Ätiologie aufgeklärt wird. Vor allen Dingen ist festzustellen, ob die Sprachstörung eine Folge schlechten Gehörs oder Schwachsinns ist, wie es häufig vorkommt.

Wer wurde in eine Sprachheilschule aufgenommen?

In Sprachheilschulen sollten nur solche Kinder und Jugendliche eingewiesen und aufgenommen werden, deren Sprachstörung sich hemmend auf den Erziehungs- und Bildungsgang auswirkt und ambulant nicht zu beseitigen ist. Es handelt sich meist um Kinder, die aus ungünstigen Umweltverhältnissen kommen, Lernschwierigkeiten haben und unter organisch bedingten Sprachstörungen oder Sprachneurosen leiden. Kinder und Jugendliche, deren Sprachstörung auf eine Hörstörung oder auf Schwachsinn zurückzuführen ist, werden nicht in Sprachheil-, sondern in Gehörlosen- oder Schwerhörigen- oder Hilfsschulen eingewiesen.

Welche Bildungsmöglichkeiten gab es?

Sprachheilschulen gliedern sich in Vorschulteil und in allgemeinbildenden zehnklassigen polytechnischen Oberschulteil. Meist sind Horte, in einigen Fällen Internate angeschlossen. Eine Klasse umfaßt durchschnittlich 15 Schüler.

Der Sprachheilkindergarten

Im Vorschulteil (Sprachheilkindergarten) besteht das Ziel darin, die Sprachstörungen der Kinder bis zum schulpflichtigen Alter zu beseitigen und die Einschulung in die Normalschule zu ermöglichen. Daraus ergibt sich die Aufgabe des Sprachheilkindergartens, sprachgestörte Kinder so früh wie möglich zu erfassen und allgemein erzieherische Ma.fJnahmen mit therapeutischen zu vereinen.

Die Sprachheiloberschule

Im Oberschulteil ist es das Ziel, sprachgestörte Schüler wie in der Normalschule zu erziehen und zu bilden und gleichzeitig von ihrer Sprachstörung zu befreien. Daraus erwächst die Aufgabe, die sozialistische Erziehung und Bildung und die Therapie zu einem einheitlichen heilpädagogischen Prozeß zu verschmelzen. Nach der Heilung tritt der Schüler wieder in die Normalschule über. Lehrplan und Stundentafel entsprechen im wesentlichen denen der Normalschule. Geringfügige Abweichungen ergeben sich durch eine Erweiterung der Stundentafel um „Spezielle Sprachtherapie“ und „Logopädische Rhythmik“.

Die Lehrmittelausstattung

Lehr- und Lernmittel gehen über die der Normalschule weit hinaus, sofern es sich um Hilfsmittel für die Sprachtherapie handelt. Hierzu zählen Mittel und Geräte zur Registrierung der Sprachstörung und des Behandlungsverlaufs und vielseitiges Übungsmaterial.


1.Die Therapie

Die pädagogisch-medizinische Zusammenarbeit darf sich nicht nur auf die Diagnostizierung der Sprachstörungen erstrecken, sondern muß ständiges Arbeitsprinzip sein. Geht der Logopäde die Sprachstörungen von der sozialen Seite her an, so der Facharzt von der biologischen. Von der Art der Zusammenarbeit hängt der Behandlungserfolg entscheidend mit ab.

2.Geschichtliche Entwicklung

Sprachheilschulen in Deutschland haben sich Anfang dieses Jahrhunderts entwickelt. Die unbefriedigenden Ergebnisse der sogenannten Stotterheilkurse waren Anlaß, Sprachheilklassen zu gründen, die die Mängel der Kurse überwinden sollten. Der I. Internationale Kongreß für Logopädie und Phoniatrie empfahl 1924 den „Schulbehörden und Schulerhaltern das System der Sonderschulen als das geeignetste zur Bekämpfung der Sprachstörungen im Kindesalter“. 1927 bestanden in vier Orten Sprachheilschulen. in vierzehn Orten Sprachheilklassen und in 95 Orten Kurse. Die vielversprechende Entwicklung kam seit 1933 ins Stocken, das Erreichte wurde durch den II. Weltkrieg fast völlig zerstört.

3.Das Sprachheilwesens in der DDR

Durch die antifaschistisch-demokratische Ordnung im Gebiet der damaligen sowjetischen Besatzungszone wurden die Voraussetzungen für einen umfassenden Neuaufbau des Sprachheilwesens geschaffen. Zwanzig Sprachheilkindergärten und siebzehn Sprachheilschulen wurden neu eingerichtet. Jetzt bestehen zwanzig Sprachheilschulen. sieben davon haben ein Internat. In der Perspektive soll jeder Bezirk unserer Republik eine Sprachheilschule mit Internat besitzen.

4.Das Sprachheilwesen in Westdeutschland

In Westdeutschland besteht kein vergleichbarer Plan zum Aufbau des Sprachheilwesens. Au.fler Hamburg, das traditionsgemä.fl zu den Zentren gehört, an denen die Sprachheilpädagogik die beste Pflege erfährt, steht der Aufbau neuer Sprachheilschulen in keinem Verhältnis zu dem der DDR. Die Frühbehandlung sprachgestörter Vorschulkinder steckt noch ·in den ersten Anfängen. Folgender Vergleich macht das deutlich:

Sprachheilschulen

KLAUS-PETER BECKER

Literatur
Becker, K. P., Zur Entwicklung unseres Sprachheilwesens. In: Die Sonderschule. Jg. 1956, H.2, S.98 / Becker. K. P.: Das Verhältnis von Heilpädagogik und Medizin in der Sprach- und Stimmheilkunde. In: Die Sonderschule, Jg. 5, 1960, H. 1, S. 32 / Becker, K., Zur Problematik der Frühbehandlung sprachgestörter Kinder unter besonderer Berücksichtigung der Motorik. Inauguraldissertation, Berlin 1957 / Hansen, K.: Die Problematik der Sprachheilschule in ihrer geschichtlichen Entwicklung. Carl Marhold Verlagsbuchhandlung, Halle (Saale), 1929 / Voigt, P., Beitrag zur Häufigkeit von Sprachleiden bei Grundschulkindern. In: Das deutsche Gesundheitswesen. Jg. 9, 1954. H. 22, S. 687 / Voigt, P., Beitrag zur geschichtlichen Entwicklung der Sprachheilschulen in Deutschland. VEB Carl Marbold Verlag, Halle (Saale).

Quelle:
Heinz Frankiewicz et al. (Hrsg.): Pädagogische Enzyklopädie (2 Bd.), Bd.2, S.908-911. (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

pdfimage Sprachheilschulen in der DDR

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15 Antworten zu Sprachheilschulen in der DDR

  1. Weber schreibt:

    Am 3. Januar 1952 stand in der Ost-CDU-Zeitung „Neue Zeit“ dieser wunderbarer Bericht über die Sprachheilschule Zellestraße:

    „Hu, das summt ja ordentlich in der Nase…“
    Ein Besuch in der Sprachheilschule Zellestraße — Sprachscheue und -kranke Kinder werden für das Leben tauglich gemacht

    Unweit der S-Bahn Zentralviehhof, in der Zellestraße, fügt sich ein großes dunkelgraues Gebäude in die Häuserfront ein. „Sprachheilschule" lesen wir auf dem weißen Holzschild. Kinder mit ihren Essentöpfchen, den Ranzen auf dem Rücken, ziehen an uns vorbei durch den Hausflur. Lachen und Fußtrappeln schallt die Flure entlang. Leider sind diese recht dunkel. Es wäre schön, wenn gerade in diesem Schulgebäude helle, lichte Räume waren.

    Sprachkranke Kinder, Kinder die stottern, stammeln oder zu schnell sprechen, Kinder mit Gaumenspalt und Hasenscharten besuchen diese Schule. Die Klassenfrequenz ist sehr gering. 10 — 12 Kinder pro Klasse werden durch in der Sprachtherapie besonders ausgebildete Pädagogen unterrichtet, die ihre Ausbildung durch ein spezielles Studium an der Universität (Institut für Sonderschulwesen) erhielten. Jeder Lehrer arbeitet nach der Methode, von der er glaubt, gute Erfolge zu erzielen. In Köpenick besteht eine Filiale dieser Schule. In Magdeburg befindet sich eine große Sprachheilschule, in der gleichzeitig klinische Behandlungsräume untergebracht sind.

    Die Kinder in der Zellestraße werden regelmäßig von einem Facharzt betreut, Schulleiter B. betonte ernst, daß es dringend notwendig sei, wenn die Eltern ihre sprachkranken Kinder so früh wie nur irgend möglich in die Sprachheilschule schicken. Schon aus rein psychologischen Gründen ist es für die Kleinen, die ja ein ganz anderes Gefühlsleben haben, also weit sensibler als alle anderen Kinder sind, sehr schwer, an dem Unterricht einer Normalgrundschule teilzunehmen. Geplant sind auch Kindergärten für vorschulpflichtige sprachkranke Kinder und Kurse für schulentlassene jugendliche Sprachkranke.

    Liebevoll und mit außerordentlicher Geduld gestaltet die Klassenleiterin, Frau Schi., ihre Stunde. Es ist ein regentrüber Tag. Da hat sie es besonders schwer. Gerade dieses Wetter wirkt sich auf diese Kinder sehr ungünstig aus. An diesen Tagen sind sie besonders nervös und unruhig. Mit großer Ruhe gelingt es Frau Schi., die Kleinen zur aufmerksamen Beteiligung an dem Unterricht einzuziehen. Immer wieder übt sie mit ihnen, indem sie abwechselnd auf große gedruckte Buchstaben zeigt, die Is, Os, Es usw. Ingrid, mach den Mund mehr auf." „Klaus, nicht so hastig, immer hübsch langsam sprechen." Und als Peter das L nachsprechen soll, meint er, „Hu, daß summt richtig in der Nase.

    Jedes Kind muß einzeln zeigen, was es kann. Liebevoll streicht die Lehrerin immer wieder einem kleinen dunkelhaarigen Buben über den Kopf, der absolut nicht sprechen will — ein völlig „sprachscheues" Kind, wie uns Frau Schi, bedeutet. Endlich gelingt es ihr, daß er ganz leise ihre Worte nachspricht. Dann ist dort noch Monika, ein reizendes blondes Mädelchen. Durch Zangengeburt war dem Kind ein bestimmter Nervenstrang im Köpfchen beschädigt worden, und es traten Lähmungserscheinungen beim Sprechen auf. Mit großer Mühe wiederholte es die Sätze, die ihr vorgesprochen wurden.

    Durch den individuellen und systematischen Sprachunterricht in diesen Sprachheilschulen wird es möglich, die Kinder für das spätere Leben sprachtauglich zu machen oder sie gar völlig zu heilen.

  2. Politnick schreibt:

    Inklusion bedeutet Abschaffung der Sonderschulen. Bürgerliche Mißgeburten haben im Gegensatz zum Pöbel Privatschulen und ihre eigenen Einrichtungen.
    Freundschaft 😉

  3. dorothee schreibt:

    Hi,
    Die Kinder der Sprachheilschule sind auch für 3 Monate zur Sprachheilkur nach Thalheim gefahren. Diese Einrichtung gibt’s heute noch. Sie beantworten gern Fragen

    • Heike B. schreibt:

      Zunächst wurden hauptsächlich Kinder mit schwerer Stottersymptomatik behandelt, derzeitig können Kinder mit verschiedenste Sprachstörungen dort im Rahmen einer Kur therapiert werden. Dort wird eine sehr gute Arbeit geleistet, damit Kinder schnell wieder an einer grundständigen Schule lernen können.

      • sascha313 schreibt:

        Danke, Dorothee und Heike B. für Ihren Kommentar! Man kann es gar nicht oft genug wiederholen, welche hervorragende Arbeit die Pädagogen und Sprecherzieher der DDR dort leisteten!

  4. Heike B. schreibt:

    Leider werden auch die heutigen Schulen/Förderzentren mit Förderstatus Sprache oft als Sonderschule abgestempelt und Menschen mit Störungen der Sprache oft auch als kognitiv beeinträchtigte Menschen herabgewürdigt werden. Das trifft von den Konzeptionen und Umsetzungen her überhaupt nicht zu, da die Kinder bei weitestgehender Rehabilitierung an der Regelschule weiter lernen.

  5. S. Erfurt schreibt:

    Danke Sascha!!! Ich habe Dich eine ganze Woche lang vermisst! Meine Sprachheilschule war in Weimar, ob es sie noch gibt, weiß ich nicht. Letzte Woche war ich mal wieder in Weimar, die Leute die dort rumlaufen sprechen allesamt meine Sprache nicht.

    Unser Kulturzentrum steht noch, Schubertstraße 10, Klubhaus Erich Wendt. Er war ein Weggefährte und Feund von Lotte Ulbricht. Das Klubhaus heißt heute nicht mehr so, wie viele Straßen auch nicht mehr so heißen. Die Dimitroff-Straße wurde erst kürzlich umbenannt in Kaufstraße. Das einfach nur amseelig aber die meisten Touristen können das vielleicht besser aussprechen ohne Spucken!.

    Viele Grüße!

    PS: Auch im Fernsehen begegen wir Leuten mit Sprachfehlern. Da heißt es laufend „Eiksfeld“ statt Eichsfeld und dann ist noch der mit seinen „ich habs jahrelang mit mit rumgechleppt“. Ich denke auch, man sollte seine Sprachfehler nicht jahrelang mit sich rumchleppen sondern sich fachgerecht behandeln lassen 😉

  6. Eckerhard Sommer schreibt:

    Guten Tag, ich sehe den Umstand das die Kinder in den 3 Monaten!! Sprachheilkur mit Medikamenten ruhiggestellt wurden mehr als kritisch.
    Empfehlenswert ist ein Besuch der ehemaligen Kureinrichtung. Damit möchte heute keiner mehr in Verbindung gebracht werden. So schön wie beschrieben ist meine Erinnerung an Thalheim bedauerlicherweise nicht.
    E.Sommer

  7. Lotte Dorn schreibt:

    Hallo zusammen. Ich war 2 Jahre auf der Sprachheilschule in Berlin, Zellestraße.
    Kann ich nur bestätigen. Die DDR-Sprachheilschule war anderen Ländern weit voraus.

    • sascha313 schreibt:

      Liebe Lotte Dorn, danke für Deinen Kommentar! Auch wenn ich es selbst nicht erlebt habe… ich finde diese Lügengeschichten, die heute von irgendwelchen Leute aus Gründen guter Bezahlung verbreitet werden, abscheulich!

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