Was ist eigentlich Oblomowtum? Und wie kann man es überwinden?

Oblomow1Wer schon mal was von Lenin gelesen hat, dem wird sicher hin und wieder dieser Begriff „Oblomowtum“ aufgefallen sein: Es ist eine Erscheinung die überaus weit verbreitet ist – und es gab sie nicht nur zu Lenins Zeiten. Gemeint sind jene Leute, die zu faul und zu träge sind, sich einer Sache gänzlich anzunehmen, sich zu engagieren. Es sind diejenigen, die lieber den bequemeren Weg bevorzugen, denen die Sache zu anstrengend ist und die ganz gern auf Kosten anderer leben. Es sind schwankende Gestalten – mit einem Wort: träge, unzuverlässige Leute. Woher kommt eigentlich dieses „Oblomowtum“ und was kann man dagegen tun?

Zunächst sehen wir hier eine allgemeine Erklärung:

Oblomowtum: Begriff, der geistige Trägheit, patriarchalische Rückständigkeit sowie sozialen Parasitismus kennzeichnet; von dem Namen des Helden aus dem Roman «Oblomow» (1859, dt.) von I.A. Gontscharow abgeleitet. Die gesellschaftliche Bedeutung des Oblomowtums wurde von N.A. Dobroljubow in dem Aufsatz «Was ist Oblomowtum?» (1859, dt.) dargelegt; der Terminus Oblomowtum wurde häufig von W.L Lenin gebraucht.
(Quelle: BI Universal-Lexikon (5 Bde.), VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1987, Bd.4, S.98.)

Doch woher kommt der Begriff?  1859 beschrieb N.A. Dobroljubow in einem ausführlichen Aufsatz für die russische Zeitschrift „Otetschestwennyje Sapiski“ über dieses Phönomen. Daraus nun folgender kurzer Auszug:

Ein sinnloses, nutzloses Leben…

Alle diese Leute haben das Gemeinsame, daß sie im Leben keine Sache finden, die für sie eine Lebensnotwendigkeit, eine heilige Herzensangelegenheit, eine Religion wäre, die organisch mit ihnen so verwüchse, daß sie zugrunde gehen müßten, wenn man sie ihnen nähme. Alles an ihnen ist äußerlich, nichts ist in ihrer Natur verwurzelt, Sie tun gewiß auch einmal etwas – wenn sie die äußeren Umstände dazu zwingen…

Faulenzerei und Schlendrian…

Das Oblomowtum bewirkt, daß kein Beamter vom Oblomowtyp ins Amt gehen wird, wenn man ihm ohne Arbeitsleistung sein Gehalt auszahlt und ihn befördert. Als Soldat wird er schwören, nie wieder eine Waffe anzurühren, wenn man ihm die gleichen Bedingungen bietet und ihm dazu noch erlaubt, die hübsche Uniform weiterzutragen, die in gewissen Fällen sehr nützlich ist. Als Professor wird er aufhören, Vorlesungen zu halten, als Student das Studium aufgeben, als Schriftsteller zu schreiben aufhören, als Schauspieler sich nicht mehr auf der Bühne zeigen, als Künstler wird er (wie man im hochtrabenden Stil zu sagen pflegt) Meißel und Palette zerbrechen, wenn er eine Möglichkeit findet, umsonst zu bekommen, was er jetzt durch Arbeit erwirbt.

Dummes Gerede, aber keine Taten!

Sie reden nur vom höheren Streben, vom Bewußtsein moralischer Pflichten, von der Durchdrungenheit mit den Interessen der Allgemeinheit, aber wenn man nachprüft, stellt sich heraus, daß das alles nur Worte und nichts als Worte sind.

Ihr aufrichtiges Streben, das wirklich von Herzen kommt, ist das Streben nach Ruhe, nach dem Schlafrock, und ihre ganze Tätigkeit ist nichts anderes als ein Ehrenschlafrock (der Ausdruck stammt nicht von uns), mit dem sie ihre eigene Leere und Apathie bemänteln. Selbst die gebildetsten Menschen, und dabei Menschen mit lebhaftem Naturell, mit warmem Herzen, geben im praktischen Leben außerordentlich leichtere Ideen und Pläne auf und finden sich außerordentlich schnell mit der sie umgebenden Wirklichkeit ab, die sie jedoch in Worten weiter als vulgär und widerlich bezeichnen.

…arbeitsscheu und schmarotzerhaft

Das bedeutet, daß alles, wovon sie reden und träumen, für sie etwas Fremdes, von außen Zugetragenes ist. In der Tiefe ihrer Seele wurzelt dagegen nur ein Traum, ein Ideal: eine möglichst ungestörte Ruhe, Quietismus, Oblomowtum. Viele gehen sogar so weit, sich nicht vorstellen zu können, daß der Mensch aus Lust, aus Vergnügen arbeiten kann.

Oh, welche grausigen Folgen der Umverteilung!

Man lese einmal im „Ekonomitscheskij ukasatel“ («Wirtschaftsanzeiger«) die Auslassungen darüber, daß alle Menschen vor lauter Müßiggang Hungers sterben müßten, wenn den Privatpersonen durch eine gleichmäßige Verteilung der Güter der Anreiz zur Anhäufung von Kapital genommen würde … [59]

Gibt es denn nicht ein Recht auf Faulheit?

Ja, alle diese Oblomows haben die Prinzipien, die man ihnen eingeprägt hat, nie in Fleisch und Blut aufgenommen, sie haben sie nie bis in die letzten Konsequenzen durchgeführt, sie sind nicht bis zu der Grenze gegangen, wo das Wort zur Tat wird, wo das Prinzip mit dem innersten Bedürfnis der Seele verschmilzt, sich in ihm auflöst und zur einzigen Kraft wird, die den Menschen vorwärtstreibt.

Kühne Reden – magere oder gar keine Taten

Darum lügen diese Menschen auch beständig, darum versagen sie in jedem besonderen Fall ihrer Tätigkeit. Darum hängen sie auch mehr an abstrakten Ansichten als an lebendigen Tatsachen; allgemeine Prinzipien sind ihnen wichtiger als die einfache Lebenswahrheit. Sie lesen nützliche Bücher, um zu wissen, was man schreibt; sie schreiben hochsinnige Artikel, um sich an dem logischen Aufbau ihres Gedankenflusses zu begeistern; sie sagen kühne Dinge, um dem Wohllaut ihrer Phrasen zu lauschen und die Hörer zum Lob zu veranlassen.

Wie man die Massen hinter’s Licht führt…

Aber was weiter kommt, welches Ziel all dieses Gelese, Geschreibe, Gerede hat – das wollen sie entweder überhaupt nicht wissen, oder es macht ihnen nicht gar zuviel Sorge. Sie sagen einem ständig: das ist das, was wir wissen, das ist unsere Meinung, im übrigen aber – macht, was ihr wollt, uns geht das nichts an… Solange noch keine Arbeit in Sicht war, konnte man das Publikum damit über den Löffel barbieren, konnte man sich damit brüsten, nicht wahr; wir geben uns doch Mühe, wir gehen herum, wir reden, wir erzählen. Darauf beruhte auch der gesellschaftliche Erfolg solcher Leute wie Rudin. Ja, mehr noch: man konnte sich mit Zechgelagen, kleinen Intrigen, Kalauern, Theatergesten abgeben und behaupten, man gebe sich mit diesen Kleinigkeiten ab, weil man keine Gelegenheit zu freiem, großangelegtem Wirken habe.

(Quelle: N.A. Dobroljubow, Ausgewählte philosophische Schriften, Verlag für fremdsprachisge Literatur, Moskau 1949, S.259f.)

So wie Dobroljubow es charakterisiert: Solche Leute sind nichtsnutzig und unzuverlässig, vielleicht sogar noch „herzensgut“. Doch mit ihnen kann man keinen Staat machen, und erst recht keine Revolution. Sie werden im entscheidenden Moment versagen, den Schwanz einziehen und wieder zurück in ihr Bett kriechen, solange es noch warm ist. Und was sagte Lenin dazu?

„Es hat einen solchen Typus des russischen Lebens gegeben — Oblomow. Er pflegte immerzu auf dem Bett zu liegen und Pläne zu schmieden. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Rußland hat drei Revolutionen durchgemacht, aber die Oblomows sind immer noch da, denn in Oblomow verkörperte sich nicht nur der Gutsbesitzer, sondern auch der Bauer, und nicht nur der Bauer, sondern auch der Intellektuelle, und nicht nur der Intellektuelle, sondern auch der Arbeiter und Kommunist.“

(Quelle: W.I. Lenin, Über die internationale und die innere Lage der Sowjetrepublik. In: W.I. Lenin, Dietz Verlag Berlin, 1977, Bd.33, S.209.)

Was sagen andere darüber?

Das ist nun allerdings bei weitem keine „nur“ ausgesprochen russische Erscheinung. Lenin war schon klar, was Peter Hacks später so formulierte:

„Jede kommunistische Bewegung zu jeder Zeit seit 1848 ist zu einem etwa konstanten Anteil mit Kräften durchsetzt, denen die ganze Sache zu anstrengend ist und die potentiell bereit sind, die Friedensangebote, die die Bourgeoisie ihnen macht, wohlwollend zu prüfen.“

(Quelle: Peter Hacks „Am Ende verstehen sie es“, Eulenspiegel Verlag Berlin, 2005, S.112.)

Wer ist eigentlich dieser Oblomow?

Der Autor des Romans I.A. Gontscharow läßt seinen Titelhelden sagen:

Gontscharow

Oblomow spricht die volle Wahrheit. Die ganze Geschichte seiner Erziehung bestätigt seine Worte. Von klein auf ist er daran gewöhnt ein Faulenzerleben zu führen, weil er Leute genuig hat, die ihm aufwarten und für ihn arbeiten.

(Quelle: zitiert nach Dobroljubow, a.a.O. S.235.)

Die Überwindung des Oblomowtums

Alles klar, wer dieser Oblomow ist? Tja, und wie kann man das Oblomowtum nun überwinden? Ganz einfach: Indem man den Kapitalismus überwindet, der solche Verhaltensweisen hervorbringt. Indem man auch dann noch Schritt für Schritt Charakterzüge und Wesensmerkmale überwindet, die der Kapitalismus herangezüchtet hat: Egoismus und Verantwortungslosigkeit, Schlampigkeit und Faulenzerei, Unverschämtheit und Hochmut, aber auch Unterwürfigkeit und Kriecherei, Hinterhältigkeit und Denunziantentum. Lenin schrieb:

…je mehr sich die Aufklärung im Volke verbreitet, je mehr die religiösen Vorurteile durch das sozialistische Bewußtsein verdrängt werden, um so näher rückt der Tag des Sieges des Proletariats, der alle geknechteten Klassen aus ihrer Versklavung in der gegenwärtigen Gesellschaft erlöst.

(Quelle: W.I. Lenin, Politische Agitation und „Klassenstandpunkt“. In: W.I. Lenin, Dietz Verlag Berlin, 1955, Bd.5, S.346.)

Acrobat Reader  Oblomowtum

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Arbeiterklasse, marxistisch-leninistische Philosophie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Was ist eigentlich Oblomowtum? Und wie kann man es überwinden?

  1. roprin schreibt:

    Ach, waren das noch Zeiten… Können wir die Uhr nicht ganz weit zurückdrehen? (lach)

  2. Harry 56 schreibt:

    Dieser Beitrag zum Oblomowtum, sehr interessant, sehr lehrreich! Was meine „Begeisterung“ aber sofort zügelt, ist die Tatsache, dass dieses Oblomowtum auch heute noch, gerade heute wieder, eine Massenerscheinung geworden ist. Wir begegnen diesen „Oblomows“ praktisch auf Schritt und Tritt überall! Fast keine Gesellschaftsschicht ist davon ausgenommen. Besonders traurig, nachdenklich ist aber, dass auch viele junge Menschen, Menschen, deren Zukunft noch vor ihnen liegt, sich so eine Haltung sehr schnell aneignen, mit oder ohne Dauerbetrieb von Smart Phone, „Party abfeiern“ etc..! 😦

    • sascha313 schreibt:

      Ja, Harry, diesen Eindruck hatte ich beim Lesen auch, deshalb hab‘ ich das auch ausgewählt! Schon komisch… woher kommt das nur?

      • Harry 56 schreibt:

        Hier, in diesem Blog, unter uns, ganz einfach die Antwort, der heutige Kapitalismus, im alten Russland des Iwan Gotscharow im 19.Jahrhundert der schon faulige Feudalismus! Also immer Ausbeutergesellschaften. Aber im realen Leben können wir uns nicht so kurz fassen, man versteht uns dann oft nicht. Wir müssen dann oft viel weiter ausholen, anschauliche Beispiele für solche Oblomows zeigen, ob in den Parteien, Verbänden, den Ämtern und Behörden, Universitäten, Schulen…, selbst in den Nachwuchsorganisationen der bürgerlichen Staatsparteien…. Sie leben behaglich und oft selbstherrlich dahin, preisen sich oft als herzensgute Menschen, wollen die ganze Menschheit „retten“, nur der Obdachlose jeden Morgen auf dem Weg ins „Büro“, der „Hartzer“ im Nachbarhaus, den kennen und sehen diese heutigen Oblomos nicht…., trotz aller „Pläne“ zur „Armutsbekämpfunf“…… 😦

        Freundschaft!

      • sascha313 schreibt:

        Leider hast Du so recht! Solche „herzensguten“ Oblomows gibt es in fast jeder Verwaltung – nur manchmal wird da auch bißchen gemobbt, weil der eine Oblomow dem anderen sein Pöstchen nicht gönnt…

  3. Harry 56 schreibt:

    sascha313 schreibt:
    13. November 2017 um 18:11
    „Warum traurig? Zurückdrehen ist Quatsch, aber möchtest Du wirklich schon zum „alten Eisen “ gezählt werden???“ NEE, nee, nee, ein paar Jährchen will ich mir auch noch gönnen, versuchen ein wenig Licht in unsere heutige zunehmende Düsterheit zu bringen! 🙂

    Beste soz. Grüße an alle hier! „Köppe“ hoch, Leute!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s