Lex Aarons: Die Sache mit Sylvi und mir

BärlinaNein – ich lebe nicht in der Vergangenheit, betont der Autor Lex Aarons in seinem Buch „3 Anschluß Trennungs und Nichtzusammen Wachs Geschichten“: „So wenig, ich in der Vergangenheit lebe, so wenig ich in ihr leben möchte, so wenig möchte ich die Erinnerung an das Vergangene verleugnen, oder, vom Ende her betrachtet, dunkel streichen.“ (S.41) Auch wenn der etwas sperrige Titel ein wenig abschrecken sollte, seine satirisch-melancholischen Geschichten sind durchaus leicht zu lesen. Und sie machen nachdenklich. Man begreift, wie einem DDR-Bürger zumute war, so einige Jahre  nach der verharmlosend „Wende“ genannten Konterrevolution in unserem Land.  Hier nun ein Auszug aus dem genannten Buch:

Die Sache mit Sylvi und mir

Nach 17 Strichen auf dem Bierdeckel…

Die D-Mark

Ich merkte immer mehr, wie sehr unsere neue Art zu leben mir nicht gemäß war. Wie sehr die Demark immer tiefer auch in mein privatestes, biologisches Leben eingriff und einfachstes, normalstes, menschliches Dasein verhinderte. Alles verkomplizierte sich zusehends. Unsichtbare und sichtbare Schranken schoben sich immer unüberwindlicher zwischen mir und Menschen, die mir jahrelang lieb und teuer waren. Die neuen sozialen Unterschiede säten Mißtrauen, Unsicherheit, Überlegenheits- und Minderwertigkeitsgefühle.

Die Menschen

Die Sorgen und Probleme stahlen mir und den Menschen um mich die Zeit, einander zu sehen, zuzuhören und zu verstehen. Die Zuordnungen zu dieser oder jener Partei zwangen uns die tradierten und neuen Streits des westlichen Politikspiels auf, verformten die Wörter, die gestern noch allgemeinverständlich waren, zu phraseologischen Gemeinplätzen, die jeder immer wieder anders verstehen kann. Wo gestern noch das politische oder auch privateste Gespräch in einer Geborgenheit des einander Kennens ein Gefühl von menschlicher Nähe und Zusammengehörigkeit vermittelte, stand der oder die einzelne plötzlich in einem offenen, freien Raum, umgeben von Verdächten und Konkurrenz, mit jedem Wort um die Existenz fürchtend.

Erfahrungen

Die Bänder zwischen den Menschen, auch zwischen Frauen und Männer, auch zwischen Sylvi und mir, die in ihrer bisherigen Lebenszeit geknüpft waren und wesentlich aus den gemeinsam gemachten Erfahrungen bestanden, zerrissen und wurden zerrissen, indem die Vergangenheit dem Zugriff und der Interpretation derer entzogen wurde, die sie ge- und erlebt haben. Sie kam unter staatliche Verwaltung, wurde ein Objekt auflagensteigernder Ausschlachtung und ein Instrument der Ausschaltung mißliebiger Konkurrenten; das private Erinnern wurde immer schwieriger und vielen bald unmöglich.

Hoffnungen

Auch Sylvi und ich erinnerten uns zunehmend anders. Sie träumte nun von einem 18-Tausend-Mark-Job und redete immer öfter so, als hätte sie ihn schon. Sie hatte noch in der Endphase des Wahlkampfes einen Spitzenplatz für ein Bundestagsmandat ihres Verbands angetragen bekommen und selbstverständlich zugegriffen. Sie übte Tag und Nacht, weil die traumwandlerische Beherrschung der repräsentativdemokratischen Vokabeln zu den Grundregeln im Wirtschaftszweig Parlamentarismus gehört.

Karriere?

Wie man und frau in jedem anderen Dienstleistungsbereich den Grunderfordernissen entsprechen muß, um überhaupt eine Chance zu haben, so eben auch hier. An ihrem Aussehen gab es zwar schon das eine oder an­dere auszusetzen – der Streß und die Verbissenheit waren ihr frisch ins Gesicht geschrieben. Andererseits durften die auch äußerlichen Merkmale ihrer Mutationen zur Karrieristin sie auf eine Karriere hoffen lassen.

Quelle:
Ischbin-Ain Bärlina: 3 Anschluß Trennung Nichtzusammen Wachs Geschichten, Edition Flaschenpost, 2009/2015, S.34f. (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

Erhältlich bei Amazon: https://www.amazon.com/Anschluss-Trennungs-Nichtzusammen-Geschichten-German/dp/1519695276


Und damit das alles nicht so aussieht wie eine typische Ossi-Jammerei hier noch ein Nachsatz. In einem längeren Essay beschreibt der Autor, wie diese Veränderungen vom Sozialismus zum Kapitalismus vor sich gehen – unmerklich und unaufhaltsam:

Was bei all der Verwältigung der DDR und im Rahmen der – derzeitigen! – Endsieg-Abrechnung und der tagtäglichen GEZ-kostenintensiven wie judas- und idiotenprofitablen Widerlegung der DDR und ihrer Verteidiger unter den berühmten Tisch fällt und, sofort unter den Teppich gekehrt, aus den Rechnungen und TV-Programmen herausgestrichen ist, weil es genau das soll: Wie das über die DDR-Bürger seit 1990 hergefallene Regime und seine Büttel die Wahrheiten der SED-Funktionäre, der Staatsbürgerkundelehrer, Karl-Eduards und Walters, Erichs, Marxens und Lenins, und, ja auch seine: Stalins tagtäglich bestätigt. Was nur merken kann, der deren Wahrheit und Wahrheiten noch kennt. Im Original oder wenigstens in der Überlieferung ihrer Parteigänger. Die eben deshalb totaler vergessen gemacht werden, als sie jemals unter ihrem Gröfaz Adolf gewesen sein konnten. Nach damals nur 12 Jahren und nur 130.000 bis 250.000 toten kommunistischen Funktionären. Die ebenfalls in keiner Dritte-Reichs-Rechnung und nirgends sonst mehr vorkommen. Und wer in der Lage ist, Vergleiche zu ziehen. Und genau deshalb muß den Volkern beides ausgetrieben werden: Wissen + Können. Und nach 25 Jahren und Millionen toter DDR-Bürger muß das Vergessen viel totaler sein als jemals unter dem totalen Adolf und dem totalen Joseph G. und mittels totalem Krieg.

Das mit dem Vergessen geht umso einfacher, als kaum mehr diejenigen, die die DDR noch bewußt selbst erlebten und nicht nur bis in die Mitte oder ans Ende ihrer Kindheit, sondern auch tief bis ins Erwachsenenalter hinein, noch wissen, wie es war und wer damals was gesagt hat. Der freiprogrammierbare Mensch, also der Untertan, der sich nicht nur völlig widersinnig einreden läßt, wie er ihm nicht direkt, nur massenmedial bekannte Realitäten oder Personen zu sehen habe, mal Rußland, mal DDR, mal Jude, mal Stalin, mal Putin, sondern auch das ihm selbst Bekannte, sein eigenes Erlebtes. Nichts ist heute weniger vorstell-, erinner- und also denkbar, als was nicht in bewegten, bunten Bildern gezeigt wird. Oder wo nicht zum Überredungs-Text bewegte, immer buntere und schnellere Bilder gezeigt werden. Oder wo Diskussion und also auch die Argumentatisten dadurch wichtig erscheinen, daß sie im TV zu sehen und zu hören sind. Wer im TV nichts zu sagen hat und nicht dasselbe wie im TV, der hat überhaupt nichts mehr zu sagen. Das war auch in der Bumsreplik einmal anders. Big Brother lebt im Superlativ, unter dem maximal Möglichen läßt er es nicht gut sein. Und das Maximum ist heute ein sehr anderes als zu Zeiten, da es noch einen realen Sozialismus gab von mächtigeren Ausmaßen.

Die antiaufklärerischen Propagandaheinis haben in den 1930ern mit den Schwarz-weiß-Wochenschauen angefangen und potenzierten ihre Wirkung seither mittels Farbe, Digitalität und Verhundertfachung der Kanäle. EItern und Großeltern in der DDR, die die Kinder liebten und von ihren Kindern geliebt wurden, konnten noch ein bescheidenes Korrektiv sein. Seit 1990 aber kommen EItern und Großeltern, Lehrer und andere, in ihrem Sinne Wohlmeinende letztlich kaum mehr gegen die Macht der antiaufklärerischen Medien an.

Jahrtausendelang waren das Volk, das Milieu und die Fa­milie, in die man hineingeboren wurde, vorbestimmend für die Weitsicht des späteren Erwachsenen. Jene steckten die mindestens zu überschauenden Horizonte genauso ab wie deren lebenslange Begrenzung oder auch – für eine kleine Minderheit der Herrschenden – die Entgrenzung. Mit der Erfindung des Buchdrucks und In-Umlauf-Bringung des Weltwunders gedrucktes Buch erweiterte sich der Horizont für die, die lesen lernten, also zunächst für eine winzige Minderheit der Weltbevölkerung, wurde es mit ihm eher möglich, Milieu, Klassenschranken und auch Ländergrenzen zu überschreiten. Mit den elektronischen Medien schließlich hat die Herrschaft ein Instrument, das die Herkunft der Untertanen scheinbar einigermaßen beliebig macht, jedenfalls nach den bis dahin tradierten Regeln, ihr aber gleichzeitig den totalen Zu­griff auf die Formung der Weltbilder und den Gebrauch des Massenartikels Mensch sichert. Indem der Mensch, der diese Medien handhabt, immer weniger direkt mit anderen Menschen kommuniziert, sondern mit dem Gerät und über es, hat die Herrschaft nach ihrem Belieben den Zugriff auf jeden, kann sie sich in jeden Informationsfluß hacken; der Tag hat 24 Stunden, und der Mensch kann jede Sekunde nur einmal verwenden. Entweder – oder: die Zeit, in der der Mensch einen Gedanken denkt, kann er keinen zweiten, anderen denken. Jede Information, jede Interpretation, die er aus dem Netz zieht, macht, daß er sich nicht von einem anderen Menschen hat erzählen lassen, was dieser gesehen und erlebt und gedacht hat, und er selbst keinen anderen Gedanken dachte. Oder er etwas aus einem Buch aus Papier lernte. Die Herrschaft ist also bestrebt, die Untertanen-Menschen maximal an die Geräte und Netze zu binden bei gleichzeitiger Ausgabe der Ideologie, das sei die Freiheit: Genau und nur das zu denken, womit die Herrschaft die Netze und die Kanäle vollstopft. Zwischen den hunderten Kommerzkanälen wählen zu dürfen wie zwischen den 2…3 Kandidaten, die ihnen Big Brother zu jeder Wahl bereitstellt… (Auszug ebd. S.101-104) 


Screenshot der Rückseite des Einbands:

Rückseite

 

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3 Antworten zu Lex Aarons: Die Sache mit Sylvi und mir

  1. Hanna Fleiss schreibt:

    Sascha, aus politischer Sicht ist das schon treffend. Aber eine Behauptung neben der anderen, unbewiesen. Ein Westdeutscher wird das unter Ossi-Jammern abbuchen. Die Faustregel „Nicht behaupten – zeigen!“ wird nicht beachtet, dadurch schleicht sich etwas Ermüdung ein statt Mitgehen, Mitlachen oder Mitempören. Nimm es mir nicht übel, amüsant finde ich diesen Auszug nicht. Wenn er zum Beispiel sein Befremden über seine Sylvi in einer Szene „gezeigt“, also bewiesen hätte, würde man ihm die Behauptungen ohne weiteres abnehmen können, eben weil sie in ihrer Aussage ja stimmen, der Leser wird seine eigenen Erfahrungen beim Lesen einbringen können. Er hat ja recht, mir ging es doch genauso mit Freunden, die es nicht mehr sind. Ich habe wie er meine Mitwelt beobachtet und die Veränderungen in ihrem Denken und Verhalten registriert und kann seine Beobachtungen nur bejahen. Aber ich will nicht beckmessern, ich finde es nur schade, weil der Verfasser mehr daraus hätte machen können. Literarisches wird gebraucht, Sachbücher haben wir, würde man sie übereinanderstapeln, schon bis zum Mond.

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