BRD: Fast eine halbe Million Obdachlose

Obdachlose 2016
Ein kleiner, unbedeutender Zeitungsausschnitt – sollte man meinen. Und noch dazu in einer russischen Zeitung. In der Bundesrepublik Deutschland gibt es aktuell fast eine halbe Million Obdachlose. Dazu fällt mir folgende Geschichte ein: Gestern traf ich auf dem Weihnachtsmarkt am Glühweinstand einen Rentner. Er lief schon etwas krumm. Wir kamen ins Gespräch. Er sei jetzt 68 Jahre alt und, so erklärte er mir, man könne in Deutschland ja eigentlich ganz gut leben. So, so.

Seine Rente (mit Intelligenzrente) betrage 1.200 Euro – was will man mehr. Und so plauderten wir noch eine Weile über dieses und jenes. Und nach dem dritten Glas Glühwein gab er mir recht: Sowas hätte es in der DDR nicht gegeben! Ja, Ja – wir seien ja nun die ältere Generation, die beide Systeme kennengelernt hat…

Und die Jugend? bemerkte ich. Die kriegen von alledem nichts mit. Wirklich nicht? Wenn ein Bürgermeister einer Kleinstadt von 14.000 Einwohnern mit allen seinen Nebenjobs in irgendwelchen Aufsichtsräten ein monatliches Einkommen von gut und gerne 8.000 Euro hat, dann will ich das gerne glauben. Aber wenn Jugendliche sich kaum ein Paar neue Schuhe für 39,90 Euro leisten können, weil den Eltern das Geld dazu fehlt, dann kriegen sie das sehr wohl mit. Freilich liegen die Obdachlosen nicht irgendwo auf einem Haufen auf der Straße herum (man verzeihe diese impertinente Wortwahl!) – aber sie sind vorhanden, sind menschlicher Schrott, unverwertbar für die kapitalistische Gesellschaft. Ein Verbrecherstaat, meinte er zum Schluß – das kannste laut sagen! Es stinkt zum Himmel…

Hier nun die Übersetzung (danke Alisa!):

In der BRD wächst die Zahl der Obdachlosen

In Deutschland vergrößerte sich die Anzahl der Obdachlosen. Nach Einschätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) hatten im Jahre 2016 etwa 422.000 Menschen keine Wohnung.  In dieser Zahl sind die 436.000 anerkannten Flüchtlinge, die in Unterkünften von 10 und mehr Personen leben, nicht inbegriffen. Im Jahr zuvor war die Anzahl der obdachlosen Einwohner Deutschlands um 55.000 niedriger. Sie betrug 367.000 Menschen.
(Quelle: Русский Берлин, 20.11.2017|27.11.2017, Seite 1)
Dieser Beitrag wurde unter Arbeitslosigkeit, Armut und Reichtum, Kapitalistische Wirklichkeit, Verbrechen des Kapitalismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

20 Antworten zu BRD: Fast eine halbe Million Obdachlose

  1. giskoe schreibt:

    Hat dies auf giskoes gedanken rebloggt.

  2. Hanna Fleiss schreibt:

    Es ist bedrückend, wenn man am Bahnhof Frankfurter Allee die schlafenden Obdachlosen unter der S-Bahnbrücke sieht. Soweit ich mitgekriegt habe, handelt es sich um Polen. Von Zeit zu Zeit werden sie vertrieben, aber sie kommen immer wieder. Es sind schon ältere Leute (wobei man sich bei Obdachlosen sehr irren kann). Jeder geht vorbei, sie stellen auch keine Bettelbecher auf, wahrscheinlich haben sie gelernt, dass sie sowieso kein Kleingeld von den Leuten kriegen. Aber ich habe auch schon einen jüngeren Obdachlosen im Vorraum einer Bank in der Frankfurter Allee schlafend auf dem nackten Fußboden gesehen, dort stank es wie die Pest nach Urin. Seit kurzem ist der Vorraum nachts verschlossen, wie ich festgestellt habe. Ich glaube, auch die U-Bahn-Eingänge werden nachts verschlossen. Es ist das blanke Elend, die Bundesregierung interessiert das aber anscheinend nicht, denn „Deutschland geht es gut“. Welch ein Zynismus! Es ist bezeichnend, dass ein russisches Medium diese Zustände anprangert. Manchmal liest man von „Erfolgen“: Da wird wieder ein Obdachlosenasyl eröffnet! Ein toller Erfolg! Ich frage mich beinahe jeden Tag, in was für eine Welt wir gestoßen wurden.

  3. Hanna Fleiss schreibt:

    Sicher, ich habe auch eine dezidierte Meinung zu Putin – ich trenne Außen- und Innenpolitik sehr genau. Er regiert ein Land, das im Weltkapitalismus zu den Großen gehören will, sie also keinesfalls bekämpfen will. Er streut der russischen Bevölkerung Sand in die Augen, wenn er zum Beispiel den Jahrestages des Sieges über den Faschismus aufzieht, indem er geschickt sowjetisches Brauchtum vermischt mit russischen Großmachtansprüchen. Was er will, ist nicht rätselhaft: Er will die russische Bevölkerung über den kapitalistischen Charakter des heutigen Russland täuschen. Und trotzdem muss man seine Außenpolitik unterstützen, denn Russland unter Putin ist der einzige Staat der Welt, der einen Krieg noch verhindern kann. Seine Motive muss man nicht unterstützen. Aber was hat das mit den Obdachlosen in der BRD zu tun?

    • sascha313 schreibt:

      Das hat soviel mit den Obdachlosen in der BRD zu tun, daß man den Russen sagen kann: Seht mal – das reiche Deutschland! Denen geht es auch nicht viel besser. Erklärungen? Keine.

      • roprin schreibt:

        Wieviele Obdachlose gibt es in Rußland? Ich denke, dort sieht es ähnlich aus. Zu DDR – Zeiten betreute ich bei Robotron für einen Tag einen indischen Lehrgangsteilnehmer, fuhr mit von Leipzig ihm nach Berlin. Bei einem Spaziergang uber den Alex sagte er dann, er habe schon einige Länder kennengelernt, aber was ihm auffiele sei, daß es in der DDR keine Bettler, keine Obdachlosen gibt und das beeindrucke ihn am meisten.

      • sascha313 schreibt:

        Количество бедных граждан в России по официальным данным составляет примерно 23 миллиона человек…
        Источник: jusnaturale.ru/bezdomnye-v-rossii/

        Soviel ich verstehe, gibt es in Rußland nach offiziellen Angaben aktuell 23 Millionen (!!!) Menschen, die in Armut leben (bei 146 Millionen Einwohnern). Über Obdachlose gibt es keine Zahlen. Man rechnet aber mit 3-5 Millionen.

        Zum Vergleich: USA – 325 Millionen Einwohner / 2,5-3,5 Millionen Obdachlose. Bei einem Rating über Obdachlosigkeit in der Welt befanden sich an 1. Stelle: Manila (70.000), 2. Stelle: New York (60.250), 3. Stelle: Los Angeles (57.000), 4. Stelle: Moskau, 5. Stelle: Mexico (30.000) – 15. Stelle: Athen (20.000)
        (Vor 1990: UdSSR – Null Obdachlose, USA – 3,5 Millionen)

  4. Hanna Fleiss schreibt:

    Ach, so meinst du das, Sascha. Sicher, es wird von der russischen Presse angeprangert, um den Russen klarzumachen, Kapitalismus ohne Obdachlose gibt es nicht, Obdachlosigkeit als eine „normale“ Erscheinung, für die jeder selbst verantwortlich ist. Ziel ist natürlich, den Menschen jeden Vergleich mit der Sowjetunion auszutreiben, wo es eben keine Obdachlosen gab. Mich würde interessieren, wie die Bevölkerung darauf reagiert – mit Gleichgültigkeit wie hierzulande? Oder gibt es in Russland paternalistische Organisationen, die zu „helfen“ versuchen? Vom Staat kommt da ja wohl nichts.

    • sascha313 schreibt:

      Vor sieben Jahren schrieb ich über den traurigen 12. Dezember 1941 in Leningrad und fast 70 Jahre später in St.Peterburg…

    • … und WANN nehmen WIR die Waffen in die Hand — die vom System VERBOTEN sind —
      WIE lange MACHEN wir uns von der LEGALITÄT des Kapitalismus in unseren manipulierten Vorstellungen ABHÄNGIG???
      *** Kommunisten *** bewahrt Ruhe!!!
      Hapanna!!! Wir müssen uns bewaffnen und gegen die Widerlichkeit des Systems wehren!! In unserem Land WEHREN sich viele Millionen von Menschen GEGEN das System — Niemand ORGANISIERT dies! Das heißt also: Es gibt … nicht mehr … wir sind wehrlos ausgeliefert … ODER WAS??? !!!

      • roprin schreibt:

        Diese Frage bewegt mich schon seit 1990. Zu den Parteien in der BRD: es dürfen zu Wahlen nur Parteien antreten, die das Grund-gesetz akzeptieren; das heißt, die dieses System bewahren wollen. Parteien, die sich öffentlich gegen dieses menschenfeindliche System stellen und es abschaffen wollen, verstoßen gegen das Grundgesetz und werden von Wahlen ausgeschlossen. Was also ist die Schlußfolgerung? -> Das Proletariat muß sich bewaffnen und mit Gewalt das Land reinigen um es danach komplett umzu-gestalten. Jawoll! Ich wäre gern von Anfang an dabei!

  5. Hanna Fleiss schreibt:

    Nein, das habe ich nicht gelesen, Sascha. Aber das ist natürlich klar, dass es im Krieg sehr viele Obdachlose gab, und dass in den faschistisch besetzten Gebieten nichts dagegen getan wurde, versteht sich. Für die Sowjetunion ging die Landesverteidigung zu diesem Zeitpunkt vor, so dass es sicher auch in den nichtbesetzten Gebieten viele Menschen ohne Wohnung gab.

    Mich allerdings bringt hoch, dass das Problem der Obdachlosen in der BRD im Grunde jedem bekannt ist und von der Bundesregierung nicht der kleinste Finger gerührt wird. Manchmal gibt es „mitfühlende“ kurze Artikel in den Zeitungen, das ist aber für die Verantwortlichen kein Anlass, gegen die Obdachlosigkeit etwas zu tun. Manchmal beobachte ich die Leute, die an den schlafenden Obdachlosen vorübergehen, und mir fällt diese Abgestumpftheit, dieses Nichtsehenwollen auf.

    Straßenpassanten

    Man geht vorüber, man hat seine Sorgen.
    Dein Blick streift einen, der da sitzt und schweigt.
    Sofort steht fest, du weißt: Der kennt kein Morgen,
    für den hat sich, was Zukunft heißt, vergeigt.

    Mitunter klirrt es auf dem Bettelteller,
    doch keiner fragt, wie es dem Manne geht.
    Man ist beschäftigt, geht ein bisschen schneller,
    ist indigniert, als Mensch ist man Ästhet.

    Du denkst, der hat schon gestern dagesessen,
    der trägt sein Elend doch mit viel Geschick.
    Nach ein paar Schritten hast du ihn vergessen.
    Und keiner, keiner blickt noch mal zurück.

    27.11.13

    • sascha313 schreibt:

      Danke, liebe Hanna, für das Gedicht… wer so weit unten ist (und das sind unübersehbar viele), der wehrt sich nicht mehr, der duldet, solange man ihn noch duldet und nicht verjagt oder, wie einen heimatlosen Hund zum Freßnapf, mit Almosen in eine Suppenküche lockt…

    • roprin schreibt:

      Ich habe oft mit mir begegneten Obdachlosen ein Gespräch gesucht, manche reden offen darüber. Das Erschreckende war für mich: oft sind es intelligente Menschen, die aus irgendeinem Anlaß auf einmal ihre Arbeit verloren und zu Hause im Streit lebten. Der Griff zum Alkohol immer öfter, Abhängigkeit, Straße. Und dann einfach keine Kraft einen Weg zurück zu finden.
      Als ich 2010 in Halle in einem Krankenhaus lag erfuhr ich, daß dieses Krankenhaus täglich Essen an Obdachlose ausgibt, Unter den Obdachlosen seien auch ehemalige Ärzte, die nach der Wende „entsorgt“ wurden, zum Alkohol griffen und letztlich zur Tafel kommen, um ein Mittagessen zu haben.
      Das erschüttert mich sehr.

  6. Politnick schreibt:

    Die aktuellen Zahlen dürfen nach oben hin korrigiert werden. Ich habe dieser Tage irgendwo gelesen daß ca. 860.000 keine Wohnung haben, also obdachlos sind.

    http://rolfrost.de/feedforum.html?show=2286;fid=2

    • sascha313 schreibt:

      Ja, das wäre nicht verwunderlich. Es ist traurig! … und beängstigend ist: die Gleichgültigkeit der Vorübergehenden! Das Elend ist schon lange bei uns angekommen…

    • Hoffmann schreibt:

      Für 2018 sind 1,2 Mio Wohnungs- und Obdachlose prognostiziert.
      Die Obdachlosen dürften weniger als 100.000 Personen sein. Die anderen haben keine eigene Wohnung sondern wohnen in vom Staat/Gemeinden gestellten Wohnungen, auch in Mehrbettzimmern. Aber das ist schlimm genug.

  7. Rolf schreibt:

    Richtig Sascha!
    Wir sollen uns daran gewöhnen – an Armut.
    Wie wir uns auch an Krieg und andere gesellschaftsbedingte Dinge gewöhnen sollen.

    Rolf

    • Hanna Fleiss schreibt:

      Und wir haben uns schon daran gewöhnt, Rolf. Wer tritt für Obdachlose, Armutsrentner, Behinderte mit ihren Hungerrenten ein? Wir alle wissen es, sind froh, dass es uns selbst nicht betrifft, aber melden wir uns zu Wort? Nein, Rolf, so weit haben sie uns schon: Wir wollen davon gar nichts mehr wissen. Haben wir schon zuviel gesehen? Nein, noch lange nicht! Wir erleben es an uns selbst, wie wir ethisch von Stufe zu Stufe hinuntersteigen.

      Zu dem Gedicht hatte sich ein Kritiker geäußert: Primitive Betroffenheitslyrik. Der Mann war schon ganz zu, konnte nichts Inhaltliches sagen, nur abwerten, einfach nur schimpfen, das „Edle der Kunst“, GoetheSchiller, Sophokles und Homer usw. Für mich war das ein Zeichen, dass die Verrohung und Infantilisierung der Gesellschaft bei den Intellektuellen angekommen ist, die ja sonst so stolz auf ihre Empfindsamkeit, ihre auserwählte Gedankenwelt und pipapo sind.

  8. Pingback: BRD: Fast eine halbe Million Obdachlose — Sascha’s Welt | Schramme Journal

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