Fortschrittliche Pädagogen: K.F.W. Wander (1803-1879)

Wander,_Karl_Friedrich_Wilhelm_(1803-1879)In einem längeren Aufsatz wendet sich der deutsche Pädagoge Karl Friedrich Wilhelm Wander gegen die zunehmende Verblödung der Jugend und die allgemeinen Mißstände in der Volksbildung. Es ist, als wäre das erst heute geschrieben. Man sieht, bei welchen Niveau wir derzeit gelandet sind. Die Konterrevolution 1990 hat fast alle Erfolge des hervorragenden Volksbildungssystems der DDR zunichte gemacht. Allerdings wird es ohne die Abschaffung des menschenverachtenden Kapitalismus auch keine fortschrittliche, den heutigen gesellschaftlichen Anforderungen entsprechende Volksbildung geben. Hier nun ein kleiner Ausschnitt.

Volksbildung anstatt Volksverdummung!

Die Volkserziehung ist allgemeine Volkssache. Sie kann nicht gedeihen ohne tüchtige Lehrer, und diese verlangen eine angemessene Stellung. Fordert demnach, Vertreter des Volks, daß angemessene Summen von den bisher unnütz oder zur Unterstützung und Verdummung des Volks verwandten Millionen für die Volkserziehung bestimmt werden. Jede Gemeinde organisiere ihr Schulwesen nach den für den ganzen Staat angenommenen allgemeinen Grundlinien und erhalte, einen tüchtigen Lehrer, der von seinem anstrengenden, in der Folge noch weit umfangreicheren Berufe zu leben imstande ist.

Fähige Lehrer einsetzen!

Wo die Gemeindemittel aufhören, da trete sofort der Staat ein. Es darf nicht fürder vorkommen, daß die Bildung einer kleinen Gemeinde bloß deshalb vernachlässigt werde, weil sie eine kleine ist; es darf nicht ferner vorkommen, daß unfähigen Lehrern, sie mögen dies nun sein in betreff ihrer sittlichen Haltung oder ihrer geistigen oder körperlichen Schwäche, länger die Bildung des Volkes anvertraut bleibe. Man sorge so rasch als möglich für frische Lehrkräfte und setze dann, ohne die Tausende, die dazu erforderlich sind, zu beklagen und zu verweigern, in Ruhestand, was entweder stets im Ruhestande gewesen ist oder darin zu sein längst verdient hätte.

Mehr Geld für die Volksbildung!

Man höre auf, ferner die Taler höher anzuschlagen als die Seelen. Es hat zwar das bisherige System, jetzt auch auf eine Ausmerzung im Lehrstande hingearbeitet; aber es galt nur den Männern, welche dies System bekämpfen oder ihm nicht in die Hände arbeiten. Es wurde die politische Gesinnung verfolgt, während man die Gesinnungslosigkeit dekorierte. Jetzt gelte es, den Boden der Volksbildung von dem Unkraut des alten Systems zu reinigen. Aber wie nicht das Lehramt von Untüchtigen ausgeübt werden darf, 50 kann auch die Schulverwaltung nicht länger den Männern anvertraut bleiben, die sich als die treuesten Anhänger des Metternichschen Systems, das unsere Volksbildung daniedergehalten, auf unser Schulwesen wie vergiftender Mehltau gelagert haben.

Kirche raus aus der Schule!

Ebenso muß die spezielle Aufsicht über die Schulen eine Umgestaltung im Sinne des Fortschritts, entsprechend den großen Anforderungen der neueren Zeit, erfahren. Männer, denen die Volksbildung auf der breitesten Basis am Herzen liegt, nicht bloß am Herzen liegt, sondern ins Herz gewachsen ist, müssen sich Schulwesens annehmen; es darf die Aufsicht nicht ferner ein Privilegium der Kirche sein, welche die Schule als ihre Dienstmagd betrachtet und für ihre zuweilen von dem Wohle des Volkes sehr unterschiedenen Zwecke ausbeutet … .

Gegen die Knechtung des Geistes!

Wir erklären uns entschieden gegen das Pfaffentum, wie wir uns ebenso entschieden gegen das alte engherzige Schulmeistertum erklären. Aber uns steckt der Pfaffe nicht im Talar, sondern in der Gesinnung. Das Pfaffentum hat es mit der Knechtung des Geistes zu tun, und das ganze Metternichsche System, in dessen Händen das bisherige Schulwesen lag, war nichts als Pfaffentum. Geistliche aber, welche sich zu der Theorie bekennen, daß der Mensch von Grund aus verderbt sei, sind von vornherein unfähig, auf dem Boden der neuen Volksschule zu wirken.

Erziehung im fortschrittlichen Sinne!

Hier gilt es, Menschen zu bilden. Wer aber Menschen bilden will und soll, der muß an die Güte der Menschennatur glauben; er muß auf der Erde leben und nicht mit den Engeln des Himmels verkehren; er muß für diese Welt erziehen; er muß nicht den Himmel in ein unbekanntes Jenseits verlegen, er muß. denselben hienieden auf der Erde bauen lehren!

Volk, setze deine Forderungen durch!

Vertreter des deutschen Volks, ich komme nicht als ein Bettler zu Euch! Ich flehe im Namen des ungebildeten, des von den höchsten Gütern des Lebens ausgeschlossenen Volkes, wirkt mit der ganzen Macht Eures Einflusses darauf hin, daß dem Volke bis in die niedrigste Hütte sein Anteil an den geistigen Errungenschaften des Jahrhunderte; werde. Ihr wollt seine materielle Lage verbessern, was stürmisch gefordert wird, vergeßt nicht, seine geistigen Zustände gleichmäßig zu verbessern, damit ein wahrer Segen daraus entspringe.

Weg mit Ausbeutung und Unterdrückung!

Das Volk ruft um Abnahme der mittelalterlichen Feudallasten. Eilt, sie ihm abzunehmen; aber vergeßt nicht, ihm auch die viel ärgeren, wenn auch weniger empfundenen Feudallasten des Geistes, Unwissenheit, Knechtssinn, Roheit und wie die traurigen Früchte des früheren Systems heißen mögen, ebenfalls abzunehmen …

Für eine gerechte Verteilung der Mittel!

Vertreter des Volks; während der Herrschaft des alten Systems kam auf den Landtagen die Schule mit ihren Wünschen stets zuletzt, und es war dies ganz angemessen; denn während der Herrschaft eines Verdummungs- und Knechtungssystems konnte es nichts Überflüssigeres als ein Volksbildungsinstitut geben. Ihm fehlte es für die bescheidensten Ansprüche an Mitteln zur Gewährung; es war alles schon verausgabt für Pensionen zum Teil sehr überflüssiger Beamter, für Zensur, geheime Polizei, künstlich gemachte und künstlich mit vielen Kosten durchgeführte Verschwörungen, für Spione, rechtlichen Menschen aufzulauern; und dergleichen volkswohltätige Zwecke. . .

Für eine bessere Zukunft!

Aber eine neue Zeit ist angebrochen! Väter des Volks, Väter unserer Jugend, Gründer einer besseren Zukunft, Ihr werdet die Volksbildung obenan stellen mit ihren Forderungen und sie so befriedigen, daß ein wirkliches Gedeihen möglich ist. Ihr wollt keine Bettler, wollt auch keinen bettelnden Lehrer. Jeder Arbeiter soll sein Brot essen, gebt es auch den Bildnern Eurer Jugend! Dann fordert und fordert streng. Und Ihr alle, Lehrer, Eltem und Freunde der Volksschule, erhebt Eure Stimme zu Euern Vertretern und unterstützt mein schwaches Wort!

Was soll das Ziel der Bildung sein?

Was will ich? Eine mit durchgebildeten, würdig gestellten und besoldeten Lehrern besetzte, von sachkundigen Männern in lebendigem Verkehr beaufsichtigte, von einem volksfreundlichen Unterrichts- oder „Volksbildungsminister“ geleitete, Menschen für die Erde bildende, von allen pietistischen, volksverdummenden und fortschrittfeindlichen Elementen gereinigte Volksschule in Verbindung mit allen darauf vorbereitenden wie darauf fortbauenden und die Bildung durch das ganze Leben fördernden Anstalten.

Vertreter der deutschen Nation, erwirkt dem Vaterlande eine solche Volksschule, und das Volk wird Euch segnen! Ihr werdet es! Am wenigsten werdet Ihr Euer Ohr deshalb diesem Worte verschließen, weil es ein Mann gesprochen, der an der Volksschule selbst wirkt.

Gekürzter Abdruck nach: K.F.W. Wander, 1803 bis 1879, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin 1954, 5, 83-95. (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

Siehe auch:
Das beste Bildungssystem der Welt
Volksbildung in der DDR
Verblödung in der BRD

 

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3 Antworten zu Fortschrittliche Pädagogen: K.F.W. Wander (1803-1879)

  1. roprin schreibt:

    „Fähige Lehrer einsetzen!“ ??? – Vorher sollten erst einmal fähige Lehrer ausgebildet werden. Da aber die Ausbildung (incl. Studium) auch im Niveau generell stark nachgelassen hat, können die Lehrer nicht besser sein. Hinzu kommt, daß der Lehrer sich nicht mehr gegen seine Schüler durchsetzen kann; er stellt keine Autorität dar. Wenn das Kind reicher Eltern schlechte Noten hat, kommt Papa in die Schule, dann wird vom Direktor anordnet die Noten aufzupolieren. Uns siehe, schon schafft das Kind Wohlhabender das Klassenziel. Handelt es sich um Kinder von Hartz-IV Eltern, sieht es eher trübe aus mit der Unterstützung vom Direktor.

    (Diese Aussage habe ich von einer Lehrerin in Nordrhein-Westfalen, die schon häufig gezwungen wurde, Zensuren zu korrigieren oder auch Tadel zurückzunehmen, weil ein reicher Papa es so wollte…)

  2. Vorfinder schreibt:

    Danke für den Artikel! Volksbildung liegt nicht im Interesse der Bourgeoisie. In den kapitalistischen Staaten Europas fällt, seit Anfang der 90er Jahre, der Bildungsstandard stetig ab. PISA sagt nur was es sagen soll. Ein Gesellschaftssystem welches „Verbraucher“ in den Mittepunkt setzt, braucht halt keine Volksbildung.

    Mit der Gründung der BRD und darauf folgernd der Gründung der DDR gingen auch die Sprachentwicklungen in beiden Staaten auseinander. In der DDR wurde eine hochkomplexe und hochkultivierte, komplex-aufklärerische Staats- und also Gesellschaftssprache entwickelt. In der BRD hingegen dominierte die Kriegs-Endsiegs-Sprache, die ohne Volksverblödung eben nicht auskommt. So bleiben einheimische Rüstungsindustrie und Angriffskriege, wieder von deutschen Boden aus, vom Volk weitgehend unbehelligt

    In der heutigen BRD werden allerlei Lehrer als Seiteneinsteiger eingestellt. Christliches Weltbild ist nach wie vor hilfreich, um auf Schüler losgelassen zu werden. Und so finden solche Lehrer dann auch ganz toll, wenn von den Kindern in der Schule solch Kartenspiele wie Yu-Gi-Oh gespielt werden. Die „Pädagogen“ beteiligen sich an diesem Kartenspiel und unterstützen dies (ach) Interesse der Kinder. Wer, wie unser Sohn, das blöde findet und die aggressiven Motive der Karten widerlich findet, wird gemobbt und bekommt Zeitgeist abgesprochen.

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